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Musizieren mit radikaler Leidenschaft

International ist seine Reputation – als Oboist, als Komponist, als Dirigent. Kurz: als Musiker. An der Schweiz schätzt der in Langenthal geborene Heinz Holliger das Widersprüchliche. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Ein Porträt.

Von Peter Hagmann, 21.05.2019

In seinem Element: Heinz Holliger leitet im August 1995 ein Konzert im Kunsthaus Luzern. Peter Fischli/Keystone

Er spricht jenes weich fliessende Berndeutsch, das die Herzen öffnet. Auch wenn er sich des Hochdeutschen bedient, schimmert der Dialekt durch. Heinz Holliger ist Schweizer, ganz einfach.

Allerdings nicht einer aus dem Holz jener Partei, die das Schweizerische allein zu verkörpern glaubt. Der Musiker – und wer wäre mehr Musiker als der Oboist, Pianist, Komponist und Dirigent Heinz Holliger – ist ein Liebender, vielleicht sogar einer, der «Heimat» zu sagen wagt. In Verdacht gerät er darob nicht. Denn Holliger steht freimütig dazu, an der Schweiz gerade nicht die trutzige Burg zu schätzen, sondern vielmehr das Widersprüchliche, auch das Verrückte. Auf die Frage, was für ihn «schweizerisch» sei, antwortete er Ende 2008 der NZZ mit einer Reihe unbequemer Gegenfragen. Zum Beispiel mit der, ob es schweizerisch sei, dass Paul Klee, als Sohn einer Schweizerin geboren und aufgewachsen in Bern, den Schweizer Pass erst zwei Tage nach seinem Tod Mitte 1940 erhalten hat. Heinz Holliger bringt es gern auf den Punkt. Vielleicht ist er gerade darum in seinem Land auch ein wenig fremd geblieben.

Ein Hochbegabter

In seiner Weise erzählt davon ein reizendes Buch der Musik­wissenschaftlerin Brigitte Bachmann-Geiser, das 2009 zum siebzigsten Geburtstag des Künstlers erschienen ist. Es erinnert an die gemeinsam verbrachte Jugendzeit in Langenthal, wo Heinz Holliger am 21. Mai 1939 als viertes von vier Kindern in einen gutbürgerlichen Arzt­haushalt geboren wurde. Seine Kindheit sei sehr normal gewesen, schrieb Holliger der Autorin.

Ein erheiterndes Understatement, denn ein Sohn, der als Vierjähriger Block­flöte spielen will, der sich als Zehnjähriger brennend für die Oboe interessiert und auf diesem Instrument wie auf dem Klavier sogleich sagenhafte Fortschritte macht, der als Vierzehn­jähriger eine Fantasie für Oboe und Klavier komponiert, der als Sechzehn­jähriger sowohl das Gymnasium in Burgdorf als auch das Konservatorium in Bern besucht und 1958 neben der Maturität das Lehr­diplom für Oboe erwirbt – das ist alles andere als alltäglich. Es steht für eine Jugend als Hoch­begabter. Hoch­begabt ist Heinz Holliger, und das auf den verschiedensten Lebens­ebenen.

Indes, auch Hoch­begabte müssen lernen. Holliger tat es bei Emile Cassagnaud (Oboe), Sava Savoff (Klavier) und Sándor Veress (Komposition) – keine schlechten Adressen. Nach den Abschlüssen im Gymnasium und am Konservatorium ging er nach Paris, wo er sich bei Pierre Pierlot an der Oboe und bei Yvonne Lefébure am Klavier weiterbildete; etwas später kam Pierre Boulez dazu, von dem er sich in Komposition unterweisen liess. Im Alter von zwanzig Jahren gewann er den Genfer Wettbewerb, zwei Jahre später den ARD-Wettbewerb in München – und dann standen ihm die Tore offen für eine, und das ist wörtlich zu nehmen, Welt­karriere als Oboist.

Ausweitung der Spielwiese

Nun ist freilich die Oboe nicht das prädestinierte Instrument für eine Lauf­bahn als Solist, zu klein ist die Auswahl an attraktiven Werken. Deshalb hat Holliger zunächst eine Position als Solo-Oboist bei der Basler Orchester-Gesellschaft angenommen. Das war wichtiger, als es den Anschein hat. Zum einen hat er in den vier Jahren ab 1959 das Orchester von innen kennengelernt. Und zum anderen begegnete er dort dem begüterten Basler Mäzen und Dirigenten Paul Sacher, der als Anreger zahlreicher Auftrags­kompositionen die Musik­geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt hat.

Permanent das Klangspektrum der Oboe erweitern: Heinz Holliger im Jahr 1959. Photopress-Archiv/Keystone

Als Mentor und Freund steht Sacher an einer wichtigen Stelle in Holligers Biografie. Nicht etwa, weil es Holliger auf der Oboe langweilig geworden wäre – im Gegenteil: Mit jener Leiden­schaft, die ihm eigen ist, pflegt er den Umgang mit dem Instrument bis heute, davon zeugt eine demnächst beim Label ECM erscheinende CD, auf der sich Holliger mit seinem ihm in vieler Hinsicht nahestehenden Kollegen György Kurtág trifft.

Holligers Ton zeichnete sich schon immer durch eine geradezu fleischige Kraft aus, sein Atem ist von unerhörter Weite, seine Geläufigkeit sucht ihresgleichen. Doch die Spiel­wiese, auf der er sich tummelt, ist beengt. Mit aller Entschieden­heit suchte er sie zu erweitern; er begann in Archiven zu stöbern und stiess in den 1970er-Jahren auf den Böhmen Jan Dismas Zelenka, einen Zeit­genossen Johann Sebastian Bachs, an dem sich seine Spiellust entzündete. In der Folge kam es zu einer eigentlichen Zelenka-Renaissance; sie war im Wesentlichen Holligers Verdienst.

Doch auch am anderen Ende des Repertoires, beim ganz Neuen, sorgte er für Anregung – Sacher, mit dem Holliger schon als Student in Kontakt getreten war, stand ihm da tatkräftig zur Seite. Zahlreiche Stücke, manche horribel schwer, sind für den Oboisten mit den einzigartigen Fähigkeiten geschrieben worden, viele von ihnen im Auftrag Sachers. Am berühmtesten geworden ist wohl das Doppel­konzert für Oboe, Harfe, Streicher und zwei Schlag­zeuger von Witold Lutosławski, das 1980 abgeschlossen und von Holliger zusammen mit seiner Gattin, der Harfenistin Ursula Holliger, sowie dem Collegium Musicum Zürich unter der Leitung Sachers in Luzern erstmals vorgestellt worden ist. Viele grosse Komponisten des 20. Jahrhunderts, unter ihnen Luciano Berio, Elliott Carter, Hans Werner Henze, György Ligeti, Krzysztof Penderecki oder Karlheinz Stockhausen, schufen Werke für Holliger.

Atemnot und Zirkuläratmung

Auch er selbst schrieb für sein Instrument. «Cardiophonie» etwa, ein Werk von 1971 für Oboe solo. Für mich eines der ersten Stücke, in denen ich den Komponisten als Interpreten seiner selbst kennengelernt habe. Das Stück hat mich regelrecht erschreckt. Es geht da um den Oboisten und seinen Herz­schlag, um Atem und Atemnot, schliesslich den Kollaps. Vom Körper des Instrumentalisten abgenommen und über Laut­sprecher in den Raum projiziert, ist der Puls des Musikers deutlich hörbar. In der Erregung des Spiels wird er immer schneller, und in gleichem Mass schneller wird das an die Puls­frequenz gekoppelte Tempo des Stücks. Immer kürzer werden die Pausen zum Atem­holen, immer schriller die Klänge – bis hin zur Implosion.

Holliger begegnet dem Stück heute distanziert. Eine Art musikalisches Körper­theater im Geiste Antonin Artauds sei es und ein wenig brutal. So ist er nun einmal: radikal in seinen Ideen, schonungslos in der Konsequenz ihrer Ausführung, erfindungs­reich im Einbeziehen des Geräusch­haften.

Heinz Holliger, etwa im Jahr 1970. Erich Auerbach/Hulton Archive/Getty Images

Tatsächlich hat er durch sein Komponieren wie durch sein Spielen das Klang­spektrum der Oboe erheblich erweitert; er brachte die Zirkulär­atmung und damit das potenziell unendliche Halten des Tons ohne Atempause ein, aber auch die Multi­phonics, das gleichzeitige Erzeugen mehrerer Töne auf der im Prinzip einstimmigen Oboe. Mit solchen Mitteln können Grenzen der Existenz zum Ausdruck gebracht werden.

Walser, Lenau, Hölderlin

Holliger hat aber auch ganz andere Seiten, wie seine 1998 in Zürich uraufgeführte Oper «Schnee­wittchen» hören lässt. Eine Schönheit eigener Art lebt in diesem Stück avancierten Musik­theaters. Es ist die gläserne Schönheit des Sargs, in dem das junge Mädchen liegt; erzeugt wird sie von der Glas­harmonika, der Celesta, der Harfe, den Glöckchen und Klang­stäben in der reich besetzten Schlagzeug­gruppe. Und eine Ruhe sonder­gleichen herrscht in diesem wunderbaren Werk, doch unter der Ober­fläche brodelt es. Fragen werden gestellt, die Antworten bleiben mehrdeutig – so, wie es im der Oper zugrunde liegenden Dramolett von Robert Walser angelegt ist. Grimms Märchen wird dort nicht erzählt, es wird in einer Rückblende fantasievoll gedreht und gewendet. Wie es nach dem Tod Schnee­wittchens weitergegangen sein könnte, darüber spekuliert Walser. In Heinz Holliger hat er einen Seelen­verwandten gefunden.

Womit wir im Zentrum von Holligers Schaffen als Komponist angelangt wären. Es wird geprägt durch eine Reihe von Leitfiguren, an deren Existenz sich Holligers Kreativität jeweils in unerhörter Intensität entzündet hat. Aussenseiter sind sie alle, Sonderlinge, Rand­ständige – aber Hoch­begabte.

Nicht nur Robert Walser gehört zu ihnen, auch der Romantiker Nikolaus Lenau, dem Holligers jüngste Oper «Lunea» gilt, hat den Komponisten als Figur gepackt. Früher waren es der Westschweizer Maler und Musiker Louis Soutter, dessen Schicksal sich im wild aufwirbelnden Violin­konzert aus den 1990er-Jahren spiegelt, oder Friedrich Hölderlin im Tübinger Turm, auf den der abend­füllende «Scardanelli-Zyklus» mit seiner verdichteten Atmo­sphäre und seinen überraschenden Klang­effekten zurückgeht. Häufig hat sich Holliger die Texte selbst zusammen­gestellt; ein geradezu fanatischer Leser, verfügt er auch über eine hohe Sensibilität der Sprache gegenüber.

Am Dirigentenpult

So fremd sie beim ersten Hören erscheinen mag, erreicht Holligers Musik doch eine spezifische, bisweilen sehr direkte Fasslichkeit – besonders wenn der Komponist als Interpret involviert ist. Am Dirigenten­pult beispielsweise.

Die persönliche Handschrift des Dirigenten Holliger ist immer erkennbar: Bei einer Orchesterprobe 1999 in Basel. Ayse Yavas/Keystone

Tatsächlich ist Heinz Holliger in den 1970er-Jahren auch zum Dirigenten geworden, erst auf Einladung Paul Sachers beim Basler Kammer­orchester, später als Gast­dirigent bei allen Schweizer Orchestern wie bei zahlreichen Klang­körpern im Ausland. Holligers erste Auftritte als Dirigent lösten schockartige Reaktionen aus; seine unkonventionelle, heftig auffahrende Zeichen­gebung war für die Zuhörer ebenso gewöhnungs­bedürftig wie für die Orchester­mitglieder. Inzwischen ist Holligers Handwerk so weit gewachsen, dass seine Kompetenz als ein hoch­musikalischer, eigenwilliger Interpret auch auf dem Dirigenten­podium voll heraustritt.

Ob er Bernd Alois Zimmer­mann dirigiert oder Robert Schumann – beides tat er mit dem WDR-Sinfonie­orchester Köln –, der gespannte Duktus und die klangliche Wärme sind als Zeichen der persönlichen Hand­schrift stets erkennbar. Das gilt auch für die Gesamt­aufnahme der Sinfonien Franz Schuberts, die er derzeit für Sony mit dem Kammer­orchester Basel erarbeitet.

Als Oboist, als Komponist, als Dirigent verfügt Heinz Holliger heute über eine Inter­nationalität der Reputation, wie sie kein anderer Schweizer Musiker unserer Tage für sich in Anspruch nehmen kann. Im Kern seines Daseins ist er jedoch dem Land seiner Herkunft verbunden geblieben (worauf man vielleicht auch einmal etwas stolz sein könnte).

Nicht zuletzt zeugt davon seine «Alb-Cher, eine Geischter- und Älpermüsig», die er 1991 – in jenem Jahr, da ihm mit dem Siemens-Musik­preis eine der höchsten Auszeichnungen aus dem Bereich der Ernsten Musik zugesprochen wurde – im Auftrag von Brigitte Bachmann-Geiser zur Eröffnung des Schweizerischen Zentrums für Volks­kultur im Kornhaus Burgdorf geschrieben hat. Entstanden für das Ensemble der Ober­walliser Spillit, wird hier eine spannende Sage um eine verlorene Kuh erzählt – in Walliser­deutsch. Und in eine Musik gesetzt, die nicht Volks­musik noch Kunst­musik ist. Sondern beides. Nämlich Musik von Heinz Holliger.

Das Werk auf CD

Viele Werke Heinz Holligers, unter anderem der «Scardanelli-Zyklus», die Oper Schneewittchen», der «Alb-Cher» und die «Zwiegespräche» zwischen Holliger und György Kurtág sind auf ECM erhältlich.

Zum Autor

Peter Hagmann, 1950 in Basel geboren, promovierter Musik­wissenschaftler und diplomierter Organist, wirkt seit 1972 als Musik­kritiker, zuletzt für die NZZ. Seit seinem alters­bedingten Rücktritt im Frühjahr 2015 ist er als Musik­kritiker wieder auf freier Wild­bahn unterwegs, unter anderem mit seinem Blog «Mittwochs um zwölf», den er auf www.peterhagmann.com führt. Für die Republik schrieb er zuletzt «Wo Frauen an die Kasse kommen» und «Variationen, Transformationen».

Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen …

… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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