Theorie & Praxis

Gegen die Kolonie im Kopf

Felwine Sarr: «Afrotopia», Bartholomäus Grill: «Wir Herrenmenschen»

Wie gewinnen die Länder Afrikas die Deutungs­hoheit über ihre Geschichte – und eine selbstbestimmte Zukunft? Zwei aktuelle Bücher nähern sich dieser Frage aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln.

Von Sieglinde Geisel, 13.05.2019

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Weisse Idylle mit Hausangestellter. Nahe der deutschen Kolonie Eirup, Namibia, 1939. Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo/Keystone

Mit «Afrotopia» entwirft der Senegalese Felwine Sarr eine selbstbestimmte Zukunfts­vision von Afrika. In «Wir Herren­menschen» wiederum macht sich der langjährige Afrika-Korrespondent Bartholomäus Grill auf die Spuren der deutschen Kolonial­herrscher. Wortschöpfungen wie «Afropolitans» oder «Afrolution» (so hiess im vergangenen Jahr ein Festival in Berlin) zeigen, dass der afrikanische Kontinent in Bewegung ist. Nun klingt in «Afrotopia» nicht zufällig «Utopie» an. In seinem Buch widerspricht Felwine Sarr der im Westen allgegenwärtigen «afropessimistischen» Erzählung, die Afrika «stets als Beispiel des Scheiterns, des Mangels, des Handicaps» betrachtet.

Diesem Zerrbild stellt der Ökonom Sarr die Utopie einer «poetischen Zivilisation» entgegen. Im Zentrum einer «afrotopischen» Gesellschaft stünde nicht das Zähl- und Messbare, sondern der Mensch mit seinen Bedürfnissen und seiner Würde. Sarr verweist in diesem Zusammen­hang auf den Begriff ubuntu, ein Xhosa-Wort, das durch Nelson Mandela auch im Westen bekannt geworden ist. Sarr übersetzt es mit «Ich bin, weil wir sind», ein Gegen­modell zum westlichen Individualismus. Wenn Sarrs «Afrotopia»-Konzept sich auch nicht von der Kritik an einem Kapitalismus lösen lässt, in dem die Wirtschaft als Selbst­zweck betrieben wird, ohne Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse, so erschöpft es sich doch nicht darin: Felwine Sarr sieht in Afrika auch ein spirituelles Zentrum für die Zukunft. Denn anders als der säkularisierte Westen sei der afrikanische Kontinent nicht «entzaubert».

«Guter-Schüler-Komplex»

Sei es das Wirtschafts­system, sei es die Sprache, die Bildung bis hin zur Religion: Die Kolonisatoren hatten den afrikanischen Gesellschaften Werte übergestülpt, die diesen völlig fremd waren. Durch den Sklaven­handel und die Kolonisierung erlitt der afrikanische Kontinent den Raub von Wohlstand und Menschen, die Schändung seiner Kulturen, sozialen Zerfall und institutionale Verwerfungen – die Liste, die Sarr in seinem Buch aufzählt, ist lang, und die Folgen sind bis heute zu spüren. Kein Wunder, dass der afrikanische Mensch der Gegenwart hin- und hergerissen ist «zwischen einer Tradition, mit der er nicht mehr vertraut ist, und einer Moderne, die ihn von aussen befallen hat wie eine zerstörerische, entmenschlichende Gewalt».

Sarr spricht von «Mythemen des Westens», die bis heute überdauerten, denn nach der Unabhängigkeit sei die Vorstellung einer «zivilisierenden Mission» lediglich von der Idee der wirtschaftlichen «Entwicklung» abgelöst worden. Afrika leidet unter dem «Guter-Schüler-Komplex», den Sarr so beschreibt: Weisse Experten zeigen, wie man es richtig macht, und die Afrikaner versuchen es ihnen gleichzutun – das Resultat ist eine schlechte Kopie des Westens. Demgegenüber ist der Autor überzeugt, dass die afrikanischen Ökonomien «ihren Take-off erleben» würden, wenn sie endlich ihren eigenen Triebkräften gehorchten.

Konkrete Reform­vorschläge unterbreitet Sarr allerdings keine. In seinem Essay geht es nicht so sehr um politische Handlungs­anweisungen, im Zentrum steht die Frage nach der Deutungs­hoheit. Im Westen werden Texte von Afrikanern über Afrika immer noch kaum wahrgenommen (mit Ausnahme der Studien des kamerunischen Starsoziologen Achille Mbembe). Die Tatsache, dass etwa Ngugi wa Thiong’os Schlüsseltext «Die Dekolonisierung des Denkens» von 1986 erst vor zwei Jahren auf Deutsch übersetzt wurde, ist dafür symptomatisch. Darin vergleicht Ngugi wa Thiong’o die Kolonisierung mit einem kulturellen Bombardement: «Die Wirkung einer kulturellen Bombe besteht darin, den Glauben eines Volkes an seine Namen, seine Sprachen, seine Umwelt, an das Erbe seines Kampfes, an seine Einheit, an seine Fähigkeiten und schliesslich an sich selbst auszulöschen. Sie bewirkt, dass es seine Vergangenheit als Wüstenei des Versagens sieht und sich von dieser Wüstenei distanzieren will.»

Im Khangebirge, 1905: Nach der Niederschlagung des Aufstandes werden gefangene Herero in ein Lager zur Küste transportiert. Ullstein/Getty Images
Erinnerung an Massaker: Herero in traditioneller Uniform gedenken der Kämpfe mit deutschen Truppen in den Jahren 1904 bis 1907. Anders Pettersson/Getty Images

Die Worte von Ngugi wa Thiong’o finden in «Afrotopia» ein vielfältiges Echo. So verweist Felwine Sarr darauf, dass «postkolonial» nicht gleich­bedeutend sei mit «dekolonisiert»: Die «Jahre der Entfremdung und Knechtung haben in der afrikanischen Psyche Spuren hinterlassen». Sarr konstatiert ein kollektives afrikanisches Minderwertigkeits­gefühl, und er fordert demgemäss «einen Wieder­aufbau der eigenen psychischen Infra­struktur, eine Wieder­herstellung des eigenen Spiegelbilds».

Deutsche Fremdherrschaft

Bartholomäus Grill sieht das in seiner reportagehaft geschriebenen Kolonialismus­geschichte genauso, wenn er sagt: «Das Denken, der Glaube, die Sinne und Wünsche der Menschen wurden kolonisiert.» Grill bezeichnet die Missionierung als «eine Art Gehirnwäsche», die den Afrikanern ihre Identität raubte. Auf seiner Reise durch die ehemaligen deutschen Kolonien versucht er in «Wir Herren­menschen» zu ermessen, was die Plünderungen, die Menschen­verachtung und der ungesühnte Massen­mord für die afrikanischen Gesellschaften bedeuteten.

An sichtbaren Spuren haben die Deutschen in Togo, Kamerun, Namibia, Tansania, Ruanda und Burundi vor allem Gebäude, Namen und Verkehrs­wege hinterlassen, nur in Namibia gibt es noch eine Community von 40’000 deutsch­sprachigen Nachfahren der Kolonisatoren. Günter Nooke, der Afrika-Beauftragte von Angela Merkel, hatte im vergangenen Jahr mit der Bemerkung für Kopf­schütteln gesorgt, dass die Kolonisierung dazu beigetragen habe, «den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen». In seinem Buch macht Bartholomäus Grill klar, dass von Infra­struktur dabei keine Rede sein kann: Die (weitgehend in Zwangs­arbeit gebauten) Strassen der Kolonisatoren führen vom Landes­inneren an die Küste und bieten keine Quer­verbindungen. Sie dienten nicht der Erschliessung des Landes, sondern nur dem Transport der «Kolonial­waren» nach Europa.

Bartholomäus Grill zitiert ausgiebig aus dem Schrift­verkehr der deutschen Kolonien. Rassismus beginnt mit Worten: Carl Peters, einer der brutalsten Kolonial­verwalter, nannte die Einheimischen «Viecher», anderswo begegnet man Begriffen wie «neger­erhaltende Politik» – eine menschen­verachtende Sprache, die in den heutigen Migrations­debatten wiederkehrt. Grill schildert die Gewalt, die die Afrikaner von ihren «Zivilisatoren» erlitten: Dem Vernichtungs­befehl des General­leutnants Lothar von Trotha fielen in Deutsch-Südwestafrika über 60’000 Herero zum Opfer. Weniger bekannt ist der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika von 1905 bis 1907. Ein Heiler hatte verkündet, die magischen Kräfte des heiligen Wassers liessen die Gewehr­kugeln wie Regen­tropfen am Körper abperlen. Gegen die Maschinen­gewehre hatten die Aufständischen keine Chance: Bei der Nieder­schlagung der Rebellion starben 200’000 bis 300’000 Afrikaner, jedoch nur 15 Weisse sowie 389 afrikanische Hilfskräfte.

Was in all diesen Geschichten fehlt, sind die Stimmen der Afrikaner, darauf verweist Bartholomäus Grill ein ums andere Mal. Denn Aufzeichnungen gibt es keine, und die Augenzeugen sind längst tot. Liest man die Bücher von Sarr und Grill parallel, entsteht eine Ahnung eines noch kaum erschlossenen diskursiven Felds. Emmanuel Macron hat für die Kolonisierung erstmals den Begriff «Verbrechen gegen die Menschheit» verwendet, doch haben wir noch kaum verstanden, was dieses Verbrechen für Afrika bis heute bedeutet.

Bartholomäus Grill macht etwa die Plantagen­wirtschaft für die Hungers­nöte verantwortlich, die den Kontinent immer wieder heimsuchen, und er verweist darauf, dass die kolonialen Strukturen wie geschaffen waren für die Diktatoren, die seit der Unabhängigkeit ihre eigenen Länder ebenso unterdrücken wie zuvor die Kolonial­herrscher. 90 Prozent der afrikanischen Kultur­güter befinden sich ausserhalb des Kontinents.

Raubkunst: Werke der Dogon, einer Volksgruppe in Mali, im Musée du quai Branly in Paris. Hubert Fanthomme/Paris Match/Getty Images

Auch Felwine Sarr, der mit Bénédicte Savoy den Restitutions­bericht über die afrikanischen Kultur­güter verfasst hat, sieht in erster Linie den Westen in der historischen Verantwortung für die heutigen politischen Schwierigkeiten Afrikas – ohne allerdings Probleme wie die Korruption zu verschweigen oder die Tatsache, dass viele afrikanische Eliten «dem Traum des Westens verfallen» seien.

Der jüngste Kontinent

Ende des 19. Jahrhunderts hatte Afrika nur noch einen Anteil von 9 Prozent an der Welt­bevölkerung, während sein Anteil im 16. Jahrhundert, bevor Sklaven­handel und Kolonisierung den Kontinent verheerten, 20 Prozent betrug. Rein statistisch hat sich Afrika erholt: Im Jahr 2050 wird der Kontinent mit 2,2 Milliarden Menschen ein Viertel der Weltbevölkerung beherbergen, bei den 15- bis 45-Jährigen wird es gar die Hälfte sein. Im Zug der Demografie verschieben sich die geopolitischen Kräfte: Europa werde sich nicht als Gravitations­zentrum halten können, betont Achille Mbembe seit längerem. Das Französische werde nur dank dem frankofonen Afrika seine Bedeutung als internationale Sprache behalten, prophezeit Sarr.

Die Kolonisierung wurde durch die abwertenden Narrative der Europäer überhaupt erst möglich. Afrika galt als der «dunkle Kontinent», Hegel sprach gar von «Kinderland»: Afrika sei «kein geschichtlicher Weltteil», er habe «keine Bewegung oder Entwicklung vorzuweisen». So wirkmächtig solche Ignoranz einst war – damit ist es längst vorbei. Die intellektuelle Elite der «Afropolitans» (keineswegs ein unumstrittener Begriff) tritt mit einem neuen Selbst­bewusstsein auf die Bühne der intellektuellen Debatten, Binyavanga Wainainas sarkastische Polemik «How to Write About Africa» (2005) hatte dafür den Ton gesetzt. Mit «Afrotopia» schreibt Felwine Sarr das postkoloniale Narrativ weiter, mit dem der Kontinent seine eigene Zukunft entwirft.

Zu den Büchern

Felwine Sarr: «Afrotopia». Aus dem Französischen von Max Henninger. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 176 Seiten, ca. 28 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Bartholomäus Grill: «Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte». Siedler-Verlag, München 2019. 304 Seiten, ca. 31 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Zur Autorin

Sieglinde Geisel, Kulturjournalistin und Buchautorin in Berlin, ist die Gründerin und Leiterin von «tell» – Onlinemagazin für Literatur und Zeitgenossenschaft. Im Zürcher Kampa-Verlag erschien in Buchform das lange Gespräch zwischen ihr und Peter Bichsel: «Was wäre, wenn?». Ein bearbeiteter Auszug aus dem Gesprächsband erschien vorab in der Republik. Zuletzt schrieb Sieglinde Geisel in der Republik über die Poesie der Natascha Wodin und Stephen Greenblatts Shakespeare-Abhandlung.

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