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Preis der Republik

Langweilig – wie spannend!

Der Journalist Armin Wolf hat mehr Preise bekommen, als einem Menschen guttun. Jetzt erhält er noch einen. Langweilig? Hoffentlich!

Von der Republik-Jury, 02.05.2019

Sehr geehrter Preisträger

Sehr geehrte Verlegerinnen und Verleger

Sehr geehrte Damen und Herren

Sie seien undiplomatisch, sagten Sie, Herr Wolf, in der Late-Night-Show «Willkommen Österreich» kürzlich über sich selber. Sie werden uns unsere Direktheit also verzeihen: Im Grunde halten wir Sie für einen Langweiler.

Seit siebzehn Jahren interviewen Sie in der Haupt­nachrichten­sendung des ORF mächtige Leute. Mit Ihrer Professionalität haben Sie sich Feinde in allen Parteien geschaffen und unzählige österreichische und deutsche Preise geholt. Weil Sie Höflichkeit mit Hartnäckigkeit verbinden und in jedem Gespräch die immer gleiche Mischung aus Leidenschaft für die Sache und kritischer Distanz zur Person zeigen.

Sie kommen immer sofort zur Sache, ohne Umwege und Überraschungen. Tiefen­bohrungen in die Psyche Ihrer Gesprächs­partnerinnen interessieren Sie nicht. Sie messen Ihr Gegenüber am Amt, das es innehat. Mit diesem Massstab in der Hand fragen Sie, was am Tag des Interviews gefragt werden muss. Nicht mehr, nicht weniger.

Als letzte Woche FPÖ-General­sekretär Harald Vilimsky bei Ihnen war, musste wieder einmal nach den rechts­extremen Verstrickungen seiner Partei gefragt werden. Ein FPÖ-Lokal­politiker hatte von sich reden gemacht, weil er in einem satirischen Gedicht Migranten mit Ratten verglich.

Sie fragten Vilimsky, warum es in der FPÖ immer wieder zu solchen angeblichen Einzel­fällen komme, und zeigten ihm daraufhin ein aktuelles, offensichtlich rassistisches Inserat einer Jugend­sektion seiner Partei. Als Vilimsky das Inserat für unproblematisch erklärte, stellten Sie eine antisemitische Karikatur aus der national­sozialistischen Zeitung «Der Stürmer» daneben und fragten Ihren Gast, was die beiden Darstellungen unterscheide.

So weit, so klar. Sie sprachen die Schwierigkeiten der FPÖ mit der Abgrenzung vom Rechts­extremismus an und zeigten, woher die Methoden stammen, deren sich diese Partei bedient: Beide Plakate zeichnen die bösen Fremden mit dem gleichen Strich – grosse Nase, grosse Hände, gieriger Blick.

Nur boten Sie Vilimsky damit auch die Gelegenheit zum Gegenangriff. Und der nutzte sie. Allerletzte Schublade sei diese Gegenüber­stellung. Und Vilimsky drohte: Dass Sie auf diese Weise den Eindruck erweckten, die FPÖ sei in der Nähe der National­sozialisten, werde Folgen haben.

Seither fordern FPÖ-Politiker Ihre Absetzung. Dazu wird es nicht kommen. Doch die FPÖ erhöht den Druck auf den ORF, Ihr Haus, das im Vergleich zu öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland, Gross­britannien oder der Schweiz schon heute unter starkem Einfluss der politischen Parteien leidet. Es steht also einiges auf dem Spiel.

Und Sie, der wichtigste Journalist im Macht­kampf zwischen Medien und Politik, stehen im Verdacht, den Kritikern des ORF unnötig in die Hand gespielt zu haben. Die NZZ zum Beispiel wirft Ihnen vor, Sie hätten allzu leichtfertig einen Nazi­vergleich gezogen und damit letztlich die Banalisierung des Holocaust befördert.

Die Nazikeule trifft bekanntlich immer den, der sie schwingt.

Aber was tun, wenn die FPÖ einen Vizekanzler stellt, der während Jahren in der Neonazi-Szene verkehrte? Und wenn diese Partei am Tag des Interviews in den Schlag­zeilen ist wegen eines Vergleichs von Migranten mit Ratten?

Spätestens dann, wenn eine Partei wie die FPÖ an der Macht ist, wird Ihre langweilige Methode, Herr Wolf, brisant. Weil sie Sie zwingt, die Frage nach den rechts­extremen und national­sozialistischen Verstrickungen immer wieder zu stellen. Statt, wie es manchmal heisst, nach vorne zu schauen und sich irgendwie damit zu arrangieren, dass eine solche Partei Ihr Land derzeit nun einmal regiert. Statt Dinge auszublenden und sich an den stetig steigenden Alltags­rassismus zu gewöhnen.

Die NZZ warf Ihnen auch vor, Sie hätten der FPÖ mit dem Vilimsky-Interview einen Gefallen erwiesen, weil die sich nun einmal mehr als Opfer des medialen Mainstreams darstellen könne. Sie antworteten auf diesen Vorwurf in Ihrem Blog:

«Ich überlege in der Vorbereitung von Interviews grundsätzlich nicht, ob Fragen dem Gast nützen oder schaden. Ich überlege, ob die Fragen – und die Reaktion des Gastes darauf – für das Publikum aufschluss­reich sind. Ob die Zuseher*innen dadurch mehr über den Gast im Studio und seine politischen Positionen erfahren. Ob sie ihn nach dem Interview besser beurteilen können als vorher. Ich denke, das hat das Gespräch mit Herrn Vilimsky geleistet.»

Wir denken das auch. Und wir haben diese Zeilen zitiert, weil sie zeigen, was für ein perfekter Langweiler Sie sind. Sie halten sich stur an die spröden Regeln Ihres Handwerks: ans Publikum denken, sich gut vorbereiten, den Mächtigen die unangenehmen Fragen stellen, ruhig bleiben.

Was Sie von anderen unterscheidet, ist die Akribie, mit der Sie diesen Regeln seit vielen Jahren folgen. Und die Unbeirrbarkeit, die Sie dabei trotz des Aufstiegs der Populisten an den Tag legen. Und zwar da, wo es dazu sehr viel Mut braucht: in einem öffentlich-rechtlichen Medienhaus.

Als Sie vor vier Jahren mit einem anderen Interview einen mittleren Sturm auslösten, stellten Sie klar, dass Sie als Interviewer nicht neutral und objektiv zu sein hätten. Weil die Kontroverse wesentlich zu einem Interview gehöre und der Befragte sogleich dazu Stellung nehmen könne.

Für diese Auffassung setzen Sie sich über Österreichs Grenzen hinaus ein. Als die neue Direktorin des Schweizer Radios und Fernsehens (SRF), Nathalie Wappler, in einem Interview sagte, Journalisten sollten nicht den Eindruck erwecken, sie wüssten es besser als Politiker, widersprachen Sie ihr im «Echo der Zeit»:

«Ich habe diesen Satz gelesen und mich gewundert darüber, weil, ganz ehrlich, ich weiss tatsächlich manchmal mehr als Politiker, die ich interviewe ... Und wenn ein Politiker etwas Falsches sagt, unwissentlich, versehentlich oder auch mit Absicht, dann halte ich es geradezu für die Aufgabe von Journalisten, das richtigzustellen und darauf hinzuweisen ... Ich halte das für den wichtigsten Teil meines Jobs, dass ich so gut vorbereitet bin, dass ich merke, wenn den Zusehern – wie man in Österreich sagt – ein Schmäh erzählt wird.»

Herr Wolf, Sie nehmen es mit den Regeln Ihres Handwerks so genau, dass es spannend wird. Dafür verleihen wir Ihnen den Preis der Republik.

Übrigens: Hier haben wir gelernt, was Ihr Hobby ist: Lesen.

Gähn.

Aber als Sie erzählten, wie Sie mit sieben Jahren «in Karl May reingekippt» sind und seither so viele Bücher angehäuft haben, dass die mehr als die Hälfte Ihres Hausrates ausmachen, kamen wir ins Grübeln. Und lernten: Nichts ist langweilig, auch nicht das Hobby Lesen, wenn man es konsequent macht.

Langeweile liegt nicht in den Dingen. Sie kommt auf, wenn man die Dinge halb macht. Auch für diese Lektion verleihen wir Ihnen unseren Preis.

Illustration: Doug Chayka

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