Gehetzt, gefoltert, getötet

Republik ist der One Free Press Coalition beigetreten. Das Medien­netzwerk kämpft weltweit für die Pressefreiheit. Und setzt sich dafür ein, dass Journalistinnen und Journalisten, die wegen ihrer Arbeit in Gefahr sind oder gar ihr Leben verloren haben, nicht in Vergessenheit geraten.

Von Sylke Gruhnwald, 05.04.2019

Die maltesische Reporterin Daphne Caruana Galizia wird am 16. Oktober 2017 mit einer Autobombe ermordet. Der Investigativ­journalist Ján Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová werden am 21. Februar 2018 in ihrem Haus erschossen. Der Kolumnist der «Washington Post» und Regime­kritiker Jamal Khashoggi wird am 2. Oktober 2018 in der saudischen Botschaft in Istanbul umgebracht, seine Leiche zerstückelt und entsorgt.

Mehr als 1330 Morde in 27 Jahren

Gemäss Recherchen der US-amerikanischen Nicht­regierungs­organisation Committee to Protect Journalists wurden seit 1992 1338 Journalistinnen und Journalisten ermordet. Viele Fälle – wie die von Caruana Galizia, Kuciak und Khashoggi – sind bis heute nicht aufgeklärt. Die verfolgten, bedrohten und ermordeten Journalistinnen und Journalisten geraten in Vergessenheit. Solche Angriffe auf die Presse­freiheit machen anderen Schlagzeilen Platz.

Für die Presse­freiheit kämpft die One Free Press Coalition, ein Zusammen­schluss von internationalen Medien, darunter «Forbes», das «Time Magazine», die «Financial Times», Yahoo News, die «Süddeutsche Zeitung», die Nachrichten­agenturen Associated Press und Reuters. In der Schweiz sind «Le Temps» und Republik Partner des Netzwerks.

Gemeinsam stellen die Medien­häuser jeden Monat Journalistinnen und Journalisten vor, die staatliche Repressionen erleiden, weil sie regierungskritisch berichten. Denen Haft droht oder die im Gefängnis sitzen, weil sie Korruption und Macht­missbrauch aufdecken. Die um ihr Leben fürchten müssen, weil sie autoritären Regimes die Stirn bieten. Oder die wegen ihrer journalistischen Arbeit umgebracht wurden.

April 2019

Anna Nimiriano

Lebt unter ständigen Bedrohungen und Einschüchterungsversuchen.

Land: Südsudan
Medium: «Juba Monitor»

Anna Nimiriano ist die erste Chef­redaktorin der Zeitung «Juba Monitor» im Südsudan. Sie wird bedroht und eingeschüchtert. Die Regierung ordnet immer wieder an, die Zeitung zu schliessen. Nimiriano kämpft dagegen an. Sie holt ihre Reporterinnen und Redaktoren aus dem Gefängnis, trotzt der Zensur im Land.


Maria Ressa

Wurde mehrfach verhaftet und juristischem Druck ausgesetzt.

Land: Philippinen
Medium: «Rappler»
Anklage: üble Nachrede im Internet und Steuerhinterziehung

Am 13. Februar 2019 wurde Maria Ressa von Beamten der philippinischen Bundes­polizei in der Redaktion des digitalen Nachrichten­portals «Rappler» verhaftet. Der Chef­redaktorin wird vorgeworfen, einen Geschäfts­mann im Internet verleumdet zu haben. Sie wurde am nächsten Tag freigelassen. «Rappler» wird ausserdem unterstellt, Steuern hinterzogen zu haben. Am 28. März 2019 erliessen Behörden auf den Philippinen Haft­befehle gegen Redaktoren und leitende Angestellte des Nachrichten­portals. Ressa wurde erneut vorübergehend festgenommen. Ressa und «Rappler» berichten kritisch über den Anti-Drogen-Krieg des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte.


Osman Mirghani

Wurde festgenommen.

Land: Sudan
Medium:
«Al-Tayar»

Sudanesische Behörden verhafteten im Februar 2019 den Chef­redaktor der Zeitung «Al-Tayar» Osman Mirghani. Sein Gesundheits­zustand hat sich im Gefängnis verschlechtert. Ende März wurde er freigelassen. Die Behörden gaben bis heute nicht bekannt, welche Anklage gegen ihn erhoben wird. Vor seiner Festnahme hatte Mirghani über Proteste im Sudan berichtet.


Amade Abubacar

Ist seit Januar 2019 ohne ordentliches Gerichts­verfahren inhaftiert.

Land: Moçambique
Medium: Rádio e Televisao Comunitária Nacedje de Macomia und Zitamar News

Der Radio­journalist Amade Abubacar wurde im Januar 2019 festgenommen. Er fotografierte gerade Familien, die vor Angriffen der Miliz im Norden der moçambiquanischen Provinz Cabo Delgado flohen. Er wurde zunächst in ein Militär­gefängnis gebracht, ohne Kontakt zur Aussenwelt. Mittlerweile wurde Abubacar in ein Gefängnis verlegt, weit von seiner Heimat entfernt. Er sitzt ohne Gerichts­verfahren in Haft.


Miguel Mora und Lucía Pineda Ubau

Sind in Haft.

Land: Nicaragua
Medium: 100% Noticias
Anklage: Anstiftung zu Hass und Gewalt

Im Dezember 2018 stürmte die nicaraguanische Polizei den Fernseh­sender 100% Noticias und verhaftete den Senderdirektor Miguel Mora und dessen Nachrichtenchefin Lucía Pineda Ubau. Beide Journalisten wurden wegen Anstiftung zu Hass und Gewalt angeklagt. Ein Anwalt wird ihnen verweigert. Die letzten Einträge auf der Website des Nachrichten­portals stammen vom 23. Dezember 2018. Seitdem darf 100% Noticias nicht mehr senden.


Rana Ayyub

Wird bedroht und eingeschüchtert.

Land: Indien
Medium:
Freischaffende Investigativjournalistin

Die Reporterin Rana Ayyub recherchiert Tabu­themen wie Gewalt gegen Angehörige niedrigerer Kasten und Minder­heiten in Indien. Ayyub wird seit 2018 auf Facebook und Twitter bedroht: Pornografische Videos wurden gestreut, in die ihr Gesicht montiert wurde, es folgten Aufrufe zu Gruppen­vergewaltigungen, ihre Adresse und ihre Telefon­nummer wurden veröffentlicht.


Tran Thi Nga

Wurde zu neun Jahren Gefängnis verurteilt.

Land: Vietnam
Medium: eigener Blog
Anklage: Propaganda

Am 25. Juli 2017 wurde Tran Thi Nga schuldig gesprochen, gegen Paragraf 88 des Straf­gesetz­buches verstossen zu haben. Als Beweis­mittel präsentierten Staats­anwälte 13 Videos. In den Videos wirft Nga dem vietnamesischen Regime vor, gegen die Menschen­rechte verstossen zu haben. Sie habe Propaganda betrieben, urteilt das Gericht. Der Prozess dauerte nur einen Tag.


Miroslava Breach Velducea

Wurde im März 2017 ermordet.

Land: Mexiko
Medium: «La Jornada»

Im März 2017 wurde die «La Jornada»-Korrespondentin Miroslava Breach Velducea in der nordmexikanischen Stadt Chihuahua erschossen. Sie hatte Verbindungen von mexikanischen Politikern zu organisierter Kriminalität und Drogen­kartellen recherchiert. Vor ihrem Tod hatte sie mindestens drei Drohungen wegen ihrer Bericht­erstattung erhalten. Derzeit befindet sich ein Verdächtiger in Haft. Die nächste Anhörung im Fall der ermordeten Journalistin wird voraussichtlich in einigen Monaten stattfinden.


Azimjon Askarov

Wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Land: Kirgistan
Medium: unter anderem die regionalen Nachrichten­portale «Golos Svobody» und «Ferghana News»
Anklage: Beihilfe zum Mord an einem Polizisten und Verbrechen gegen den Staat

Der kirgisische Journalist Azimjon Askarov verbüsst eine lebenslange Haftstrafe im Gefängnis. Er hatte Folter von Polizisten, politische Verfolgungen und Menschen­rechts­verletzungen während des ethnischen Konflikts 2010 im südlichen Kirgistan aufgedeckt. Während seines Verfahrens wurde Askarov gefoltert. Zudem wurden falsche Anschuldigungen gegen ihn vor Gericht eingebracht, und es fehlten Beweise. Seine Verurteilung wird von Menschen­rechts­organisationen und dem Ombuds­mann der kirgisischen Regierung kritisiert.


Claudia Duque

Wird seit 2001 eingeschüchtert, belästigt, bedroht und überwacht.

Land: Kolumbien
Medium: Radio Nizkor

Die erfahrene kolumbianische Reporterin Claudia Duque wurde entführt, überwacht, gefoltert und musste wiederholt das Land verlassen. Drei hochrangige Offiziere der kolumbianischen Sicherheits­behörden wurden vor Gericht für schuldig gesprochen, Duque und ihre Tochter gefoltert zu haben. Im Januar wurden diese freigelassen. Duque ist staatlicher Repression ausgesetzt, seit sie 2001 begann, den Mord an dem Journalisten Jaime Garzón zu recherchieren.

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… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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