Sehfeld

Das Grauen im grellen Licht

Zwischen Bildern, Gewaltakten und Machtstrategien besteht eine fatale Komplizenschaft – wie jetzt das Attentat von Christchurch zeigt.

Von Urs Stahel, 26.03.2019

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Nicht viel länger als 17 Minuten hat es gedauert. Dann waren 49 Menschen tot. 41 wurden in der Al-Nur-Moschee von Christchurch hingerichtet, 7 im Islam-Zentrum Linwood. Eine Person starb im Spital. Inzwischen ist eine weitere Person gestorben. Damit wird dieses Ereignis als schrecklichste Terror­attacke in die Geschichte Neuseelands eingehen, in einem Land, das bisher weitgehend von solchen Angriffen verschont geblieben ist. Die neuseeländische Regierung beschäftigt sich nun mit der Frage, ob die Waffen­gesetze endlich verschärft werden sollten.

Dem Thema «Terror und Waffen» kann man nach dieser Tat auch das Begriffs­paar «Gewalt und Bilder» zur Seite stellen, denn der mutmassliche Täter streamte seine Attacke live auf Facebook. Er nahm mit einer Helm­kamera ein 17-minütiges Video auf, das die grausame Tat in beiden Moscheen bis zu seiner Flucht zeigt. Auch das Begriffs­paar «Macht und Bilder» wird virulent, denn der türkische Präsident Erdoğan zeigte keinerlei Scham, als er kurz nach der Tat wiederholt Auszüge aus diesem Video bei Kund­gebungen auf Gross­leinwänden vorführte, um visuell seine Behauptung bekräftigen zu können, der Westen leide an Islamophobie. «You will not turn Istanbul into Constantinople», soll Erdoğan gemäss dem «Guardian» gerufen und die Attacke als eine Art von Test der westlichen Rechts­extremen gegen den Islam bezeichnet haben.

In der 17-minütigen Live­übertragung war zu sehen, wie der Attentäter mit Waffen zu den Moscheen fährt, eindringt und Dutzende von Menschen erschiesst. Das Live­streaming auf Facebook wurde von 200 Personen in Echtzeit verfolgt, und keiner dieser Zuschauer soll sich bei Facebook gemeldet und darüber beschwert haben. «Der erste Nutzer­bericht über das Original­video kam 29 Minuten nach Beginn des Videos und 12 Minuten nach Ende der Live­übertragung», zitiert «Der Spiegel» das Schaltwerk Facebook (erste User widersprechen dieser Darstellung mittlerweile). Auch die automatischen Erkennungs­systeme des sozialen Netz­werks schlugen offenbar nicht an. 4000-mal ist der originale Live­stream angeschaut worden, bevor er, aber weiterhin nicht vollständig, aus dem Netz entfernt worden ist.

Bilder-Gewalt und Macht-Bilder sind ein altes Thema der Menschheit. Gewalt sucht Bilder, scheint Bilder zu brauchen, Gewalt scheint unsere Bild­fantasien zu nähren. Und umgekehrt ziehen Bilder selbst Gewalt an. Die Bilder­welt des Abend­landes ist voller Gewalt­darstellungen, wilder, vagabundierender und kriegerischer Gewalt ebenso wie ordnender staatlicher Gewalt. In einer merkwürdigen Verkehrung schlossen die Gesellschaften in der Vergangenheit Bilder von lebensbejahender, lebens­vermehrender Sexualität fast immer weg und belegten sie mit dem Bann der Dunkelheit, des Abseitigen, während Bilder dunkler, exzessiver Gewalt bis heute ins grelle Licht gerückt werden.

Die Gründe dafür sind vielschichtig: Auf der einen Seite wirken solche Bilder für viele, an denen das Grauen unbeteiligt vorbeigezogen ist, offenbar aufputschend und elektrisierend. Auf der anderen Seite werden sie wie Mahnmale, wie visuelle Gesetzes­tafeln gelesen, die durch das Benennen und Darstellen trösten, ja sogar läutern. Sie wollen aufklärerische, anklagende Manifeste, moralische und judikative Anklagen sein, dem abgebildeten Grauen in Zukunft endlich ein Ende setzen.

Es kommt jedoch noch ein weiteres Element hinzu: Bilder des Grauens, Schreckens, Mordens und Brennens sind in der Regel auflagesteigernd. Schockierende Fotografien faszinieren, weil sie es möglich machen, aus der Sicherheit und der Wohl­geordnetheit des zivilisierten häuslichen Lebens ins Dunkle des Lebens zu schauen. Es ist ein Teil­haben, ohne wirklich teilzunehmen – ein Voyeurismus der Gewalt und der Gewalt­darstellung, der seit einer Weile aus den klassischen Print­medien in die sozialen Netzwerke und vom stehenden zum bewegten Bild übergesprungen ist und, oft aus gekränktem Narzissmus, die Welt direkt am Gewalt­akt teilhaben lässt.

Umgekehrt ziehen Bilder selbst Gewalt an. Bildern entspringt Kraft, und sie üben dadurch selbst Gewalt aus. Sie repräsentieren nicht nur die Welt, sondern sie greifen ins Geschehen ein.

Leonardo da Vinci hat bereits festgehalten, dass das Gemälde zwar «in sich nicht lebendig», aber dennoch «Ausdruck­geberin lebender Dinge» sei. Gerhard Paul schreibt in seinem Buch «BilderMacht», nur wenn man anerkenne, dass Bilder Produzenten solcher «lebender Dinge» sein können und einen Eigensinn besitzen, wird es möglich, ihre wahre potentia, ihre Kraft, zu begreifen und zu spüren. Der Bild­wissenschaftler Horst Bredekamp betont mit dem Begriff des Bild­aktes diese Kraft, diese Potenz ausdrücklich, die Realität sogar ersetzen, substituieren könne. Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy wiederum beschreibt das Bild als monstrativ: «Jedes Bild ist eine Monstranz. Das Bild ist monströs, (…) monstrum steht für ein Wunder­zeichen (…), das vor einer göttlichen Bedrohung warnt. (…) Das Bild ist die wundersame Zeichen-Kraft einer unwahrscheinlichen, aus einer nicht konstruierbaren Unruhe hervorgegangenen Präsenz. Diese Zeichen-Kraft gehört der Einheit an, ohne die es kein Ding, keine Präsenz, kein Subjekt gäbe.» Diese Einheit des Dings, der Präsenz und des Subjekts selbst sei gewaltsam, weil sie alles andere ausschliessen muss, weil sie eine schonungslose Vereinfachung vornimmt.

Die Macht des Auswählens und Ausschliessens beim Fotografieren, des Highlightens beim Printen und Veröffentlichen, paart sich mit der Gewalt des Eingreifens ins Geschehen. Der Akt des Fotografierens ist nicht nur ein reines Dokumentieren, er ist immer auch ein Eingriff ins Geschehen. Kinder lachen, Frauen weinen – weil sie fotografiert werden. Bestimmte kriegerische Akte geschehen nur, weil eine Kamera zugegen ist. Schliesslich ist die unglaubliche Macht, die publizierte Fotografie auf unser Gedächtnis ausübt, beizufügen. Seit 200 Jahren dominiert im Wesentlichen das, was fotografiert und gefilmt wurde, unser individuelles und kollektives Gedächtnis.

Wir lesen «Vietnamkrieg» und sehen sofort das nackte Mädchen verzweifelt der Kamera entgegenrennen. «Abu Ghraib» – und augenblicklich taucht der Kapuzen­mann als Stellvertreter des Folter­skandals vor dem inneren Auge auf. «9/11» und wir sehen die beiden hohen Türme mit dem einschiessenden und explodierenden Flugzeug. Die Kraft und Macht des Bildes besetzt unser Vorstellungs­vermögen und vereinfacht damit das Geschehen. Die Gewalt der Bilder kann aber auch direkt töten, je vernetzter wir sind, desto unerbittlicher. Beschämende, demütigende Bilder kursieren als eine Form «sozialer Hinrichtung» (Gerhard Paul) im weltweiten Netz, mit bisweilen schrecklichen realen Folgen.

Hier in Christchurch nun erfährt das Thema «Gewalt und Bild / Bild und Gewalt» eine besondere Spitze. Wir sahen die Bilder nicht nach der Tat, after the fact, sondern live. Der Täter beabsichtigte wohl, die Zuschauenden entweder zu Mitläufern, zu Mittätern oder selbst zu Opfern zu machen, indem er sein schreckliches Morden mit einer Live­kamera filmte und in Echtzeit weltweit teilte. In jedem Fall wollte er sich für 17 Minuten ins Zentrum der Welt stellen und sich tief in unser Gedächtnis brennen. Auf Kosten von 50 Menschenleben.

Illustration: Michela Buttignol

Zum Autor

Urs Stahel, 1953 in Zürich geboren, ist international anerkannt als einer der führenden Fotografieexperten. Er war Mitgründer und von 1993 bis 2013 Direktor des Fotomuseums Winterthur. Heute ist er Kurator der Fondazione MAST in Bologna. Stahel ist Kurator zahlreicher Ausstellungen und Herausgeber sowie Autor verschiedenster Publikationen im Feld der Fotografie.

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