Artistik als Überlebenskunst

Ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh der rumänische Jude Siehe Lupovici in die Schweiz. Und machte gegen alle Widrigkeiten als Jongleur beim Circus Knie Karriere. Seine Geschichte ist Teil eines soeben erschienenen Buchs.

Von Gabriel Heim, 23.03.2019

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Der Basler Historiker, Journalist und Dokumentar­filmproduzent Gabriel Heim hat das Archiv der Basler Fremden­polizei ausgewertet – und die darin verborgenen Geschichten in gelebte Wirklichkeit rückübersetzt. Herausgekommen ist ein Kaleidoskop menschlicher Schicksale in Form eines Buchs, das dieser Tage unter dem Titel «Diesseits der Grenze» erscheint. Wir publizieren, mit minimalen Kürzungen, ein Kapitel daraus.

Aus dem Programmheft der Circus-Knie-Tournee von 1942. Gebrüder Knie, Schweizer National-Circus AG

Am 8. Oktober 1938 überqueren Richard Lupovici und sein Sohn Siehe die Schweizer Grenze nicht weit vom Schlipf, etwa dort, wo heute das Naturbad der Gemeinde Riehen liegt. Der 58-jährige Vater und sein 19-jähriger Sohn sind schon seit vielen Monaten unterwegs. Wo der Rest ihrer Familie ist, die Mutter Ilona und die drei Geschwister Sprinza, Havid und Bela, wissen sie nicht. Vielleicht haben sich die Lupovici getrennt, um sich jeweils zu zweit durchzuschlagen; so versuchten damals viele aus Österreich fliehende Juden die Schweizer Grenze zu erreichen. Für Vater und Sohn ist die Schweiz im Oktober 1938 ein unbekanntes Land. Vor vier Monaten noch waren sie in Brüssel aufgetreten, danach in Frankreich. Dort waren sie wegen ihrer ungültigen rumänischen Pässe verhaftet worden. Nach zwei Monaten im Gefängnis wurden sie von der Gendarmerie an die Grenze gestellt. Nun betreten sie die Schweiz. Sie sind brotlos – bis auf ihre Kunst.

Die Lupovici entstammen einer Artisten­familie. Reisen gehört zum Metier, die Sorgen auch. Richard hat in jungen Jahren mit dem weltbesten Jongleur Enrico Rastelli gearbeitet, Siehe balanciert von Kindes­beinen an mit Bällen und Ringen auf dem Schlapp­seil. Rastelli wird sein Vorbild. Da sie ihr Leben schon seit jeher von Ort zu Ort führt, sind die Lupovici auch auf dem Weg nach Basel zuversichtlich. Irgendwie geht es immer weiter, ist es immer weitergegangen. Das Leben ist ein Balanceakt. Bestimmt wird Siehe auch jetzt eine Chance bekommen, seine waghalsige Jonglage zu zeigen. Nun also Basel.

Am nächsten Morgen fragen sich Vater und Sohn zum «Clara Variété» durch und verlangen dort den Herrn Direktor Thöny zu sprechen. Siehe zeigt ihm auf der Bühne, was er kann, und man kommt miteinander ins Gespräch. Thöny, der immer auf der Suche nach neuen Attraktionen für sein Publikum ist, vermittelt zunächst einen Auftritt im «Gambrinus». Danach will er den jungen Jongleur in sein November­programm aufnehmen. Am nächsten Tag begleitet Direktor Thöny die beiden Lupovici zur polizeilichen Anmeldung und logiert sie danach in der Hebelstrasse 41 ein. Es scheint alles gut zu gehen, die Lupovici sind ihre ersten Sorgen los. Der Beamte notiert am unteren Rand des Meldebogens:

Etwas Verdächtiges konnte nicht vermutet werden, weil als Konfession des Sohnes römisch-katholisch angegeben wurde.

Anfang November müssen Vater und Sohn in eine Pension an der Mostacker­strasse umziehen. Der Inhaber schickt Richard zur Einwohner­kontrolle, um den Wohnungs­wechsel zu melden. Dort vermutet der Schalter­beamte, wohl zu Recht, dass sich der Aufenthalt der beiden Artisten in Basel noch hinziehen werde, da Herr Lupovici zwischenzeitlich die Pässe zur Verlängerung an die rumänische Botschaft in Bern eingeschickt habe. Doch in Wahrheit, gibt Richard zu, sind wir staatenlos, unsere Pässe sind wegen einer längst abgelaufenen Frist wertlos. Der Beamte notiert:

Der Schleier lüftet sich, die beiden sind ausgebürgert und reisen schon seit Juni 1937 mit abgelaufenen Reise­pässen umher. Es handelt sich also um illegal eingereiste Emigranten. Wäre dies bekannt gewesen, hätte man dem Auftritts­gesuch des Jungen keinesfalls stattgegeben.

Damit nicht genug: «Unter einem Seufzer» gesteht Richard, dass sie leider Juden sind. Dies genügt der Fremden­polizei, um die beiden Lupovici nun zu «unerwünschten Ausländern» zu stempeln. Siehe darf sein Engagement im «Clara» noch erfüllen, danach – so wird entschieden – haben Vater und Sohn die Schweiz innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Doch in kluger Voraus­schau hat sich Richard in der Hoffnung auf eine Unterstützung bei der Israelitischen Fürsorge angemeldet. Ihr Präsident, Alfred Goetschel, der amteshalber gute Beziehungen zur Basler Regierung pflegt, übernimmt es, ein günstiges Wort für die Lupovici einzulegen. Er schreibt an den Chef der Fremdenpolizei:

Unser Rechtsanwalt hat sämtliche Papiere, auch die Pässe der Obengenannten, nach Rumänien eingeschickt. Wir wären Ihnen zu grossem Dank verpflichtet, wenn Sie bis zum Abschluss der Recherchen den Aufenthalt hier gewähren, denn ohne Papiere können wir die Leute nicht weiterschicken.

Zwei Tage vor dem angeordneten «Abschub» wendet sich der Anwalt der Israelitischen Gemeinde, Jules Goetschel, an den für die Polizei zuständigen Regierungsrat Fritz Brechbühl:

Die Lupovici sind Staatenlose. Werden sie nach Frankreich abgeschoben, so erwartet sie dort das Gefängnis und ein erneuter Abschub in die Schweiz. Ein Abschub nach Deutschland wird wohl sicherlich durch die hiesige Fremden­polizei nicht erfolgen, da die Lupovici dadurch in eine ganz furchtbare Situation geraten werden.

Mein Bruder, Präsident der Israelitischen Gemeinde, hat mir heute erklärt, dass die Gemeinde sich verpflichten würde, für den Weitertransport der Lupovici besorgt zu sein. In der Tat dürfte es der junge Lupovici nicht schwer haben z.B. in Südamerika sein Auskommen zu finden, da er ein sehr guter Jongleur sein soll. Die Ausübung dieses Berufs ist ihm aber nur möglich, wenn er irgendeinen gültigen Ausweis hat.

Ich bitte Sie nun, sehr geehrter Herr Regierungsrat, diese unglücklichen Menschen nicht in ein ungewisses Schicksal verstossen zu lassen. Ich bitte Sie höflich, den Abschub zu suspendieren und dazu beizutragen, dass zwei Menschen weniger dem Los der von Land zu Land gehetzten Staatenlosen verfallen.

Aus dem Dossier der Fremdenpolizei über Richard und Siehe Lupovici für die Jahre 1938 bis 1949. Staatsarchiv Basel-Stadt, PD-REG 3a 46351

Siehe und sein Vater haben Glück. Ihr Aufenthalt in Basel wird um drei Monate verlängert. Ob sich Fritz Brechbühl durch die ungewöhnliche Fähigkeit des jungen Artisten amüsieren liess oder ob er noch unter dem unmittelbaren Eindruck des Pogroms vom 9. November 1938 stand, als in Deutschland die Synagogen brannten? Es gibt keinen Hinweis auf sein Einlenken ausser der Tatsache, dass Richard und sein Sohn und Schüler auf Zusehen hin in Basel bleiben dürfen – unter der Bedingung, dass sie ihre Weiterreise vorbereiten.

Die beiden Männer werden im Sommer­casino interniert, wo im Winter 1938/39 ein Grossteil des jüdischen «Flüchtlings­bestands» von Basel, etwa fünfhundert bis sechshundert Personen, seine Tage zu verbringen hat und etwa hundertfünfzig Männer auch die Nächte. Für sie ist es eine Zeit des Nichtstuns, denn jegliche Arbeits­aufnahme ist untersagt. Gut möglich, dass Siehe dort das staunende Publikum der jüdischen Flickstuben­frauen und ihrer kartoffel­schälenden Männer ab und zu mit seinen Jonglier­bällen belustigt hat.

Anfang 1939 gelingt es Richard, mit dem belgischen Zirkus­unternehmen Libot-Grammont in Kontakt zu treten. Er verhandelt erfolgreich, Siehe hat ein Engagement für die Saison in Aussicht. Damit die Reise geplant werden kann, beantragt die Israelitische Fürsorge, unter deren Obhut die Lupovici stehen, Mitte Februar 1939 Reise­dokumente bei der Fremden­polizei. Staatenlose konnten für die Aus- und Weiterreise sogenannte Nansenpässe erhalten. Doch die Ausfertigung der Dokumente verzögert sich und der Vertrag mit Brüssel platzt. «Herr Lupovici werde sich um andere Engagements bemühen», schreibt die Fürsorge, bis dahin möge man die Herren in Basel dulden. Auch wenn sich Vater Lupovici sehr anstrengt: Im Sommer 1939 ist die Zeit nicht günstig, für einen arbeitslosen, staatenlosen und zudem jüdischen Jongleur eine Manege zu finden.

Nach Ausbruch des Krieges gibt es für die Lupovici, wie für beinahe alle anderen jüdischen Emigranten, kein Weiter­kommen mehr. Die aus Osteuropa stammenden Lupovici sitzen in der Schweiz fest, und nachdem die Fremden­polizei ihre Ausweisung aufgeschoben hat, wird ihre Anwesenheit nun mit der jeweils auf drei Monate befristeten Toleranz­bewilligung für Emigranten geregelt. Diese mit Arbeits­verbot und Internierungs­zwang ausgestattete Duldung verpflichtet zur Weiterreise – doch wohin?

Der sechzigjährige Richard darf in der Rebgasse bei der verwitweten Hausiererin Giuseppa Clerici ein kleines Zimmer mieten, muss sich jedoch tagsüber im Sommer­casino aufhalten. Ob er Lebens­zeichen von seiner Frau Ilona und den anderen Kindern erhält, wissen wir nicht, es gibt keine Hinweise. Zwei Spuren lassen sich finden. Im Herbst 1938 treten laut einem Inserat die Akrobatinnen «Sisters Lupescu» im Prager «Etablissement Cascade» auf und im Februar 1939 stellt das Schweizer Kinder­hilfswerk für das jüngste der Lupovici-Kinder, die dreizehnjährige Bela, ein Gesuch auf Einreise und Aufenthalts­bewilligung in der Schweiz. Da der Vater als Emigrant in Basel lebe, solle die Tochter bei ihm Zuflucht finden, schreibt das Hilfswerk nach Bern. Als Wohn­adresse von Mutter und Tochter wird Wien, Odeonsgasse 10 angegeben. Der Antrag wird mit der damals üblichen Begründung: «Die Weiterreise ist nicht gesichert: Überfremdung» abgelehnt. Offenbar sind der eidgenössischen Fremden­polizei zwei staaten- und mittellose Lupovici schon mehr als genug. Danach verlieren sich alle Spuren.

Richard, der die kleine Bela bestimmt gerne bei sich gehabt hätte, weiss sehr wohl, dass er sein Überleben in der Schweiz einzig seinem aussergewöhnlich talentierten und auch charakterlich gut ausbalancierten Sohn verdankt. Er nennt ihn «meine Lebens­versicherung». In der Tat hat Siehe die seltene Gabe, die Menschen mit seiner Kunst dem Alltag zu entreissen und für eine kleine Ewigkeit in ungläubiges Staunen zu versetzen: Jonglieren als Überlebens­kunst. Wie alle Artisten muss auch ein Jongleur täglich viele Stunden trainieren, um beweglich zu bleiben und seine Fertigkeiten weiterzuentwickeln. Siehe wirft schon sechs Bälle gleichzeitig, es sollen virtuose sieben werden. Eine Leistung, mit der er nach der hohen Kunst des früh verstorbenen Enrico Rastelli greifen will – und mehr noch: Siehe wechselt vom Parkett auf das Schlappseil mit dem Ziel, auf einem Bein zu balancieren und um das andere Bein drei Ringe kreisen zu lassen.

Doch im täglich überfüllten, von nervösen Menschen bevölkerten und lauten Sommer­casino findet seine anstrengende Arbeit kaum Platz. Direktor Thöny, mehr denn je vom jungen Lupovici angetan, sucht in der Stadt nach einem geeigneten Probenraum für seinen Schützling. Es dauert nicht lange, und Siehe darf sein Schlappseil am Vormittag auf der Bühne des Volkshauses beim Claraplatz aufbauen. Von nun an sind Vater und Sohn beinahe jeden Tag an der Arbeit. Das spricht sich schnell herum; immer öfter setzen sich zirkusbegeisterte Basler in den dunklen Zuschauer­raum, um den beiden Emigranten eine Weile andächtig zuzuschauen.

Anfang 1940 bittet der Verwalter des Sommer­casinos Siehe, beim jährlichen Gesellschafts­abend der Emigranten aufzutreten. Es ist eine bunte Veranstaltung nach Wiener Gusto in Vorbereitung, die von den nun staatenlosen Emigranten mit eigenen Darbietungen gestaltet wird. Schon kurz nach ihrer Ankunft im Sommer­casino hatten sich die «theaternarrischen» Wiener eine Beschäftigung damit gemacht, Schmonzetten und Einakter jüdischer Autoren aufzuführen. An den langen Winter­abenden nähen sie Kostüme und entwerfen Bühnen­prospekte. Ein Chor und ein kleines Orchester finden zusammen. Theatertruppe, Musiker und Sänger, sie alle brennen darauf, einmal im Jahr auf einer richtigen Bühne vor vollem Haus aufzutreten.

Für die Conférence gibt es keinen Besseren als den ehemaligen Vertreter für Kohle und Heizöle Maximilian Unger. Auch ihn hat die «Wiener Judenhatz» 1938 in die Schweiz fliehen lassen. Unger, zum Müssig­gang im Sommer­casino verurteilt, bringt sich zum Zeitvertreib die Zauberei bei, und zwar so gut, dass er damit schon nach wenigen Monaten der beste Allein­unterhalter im Emigranten­lager wird. Seit er in Basel Zuflucht gefunden hat, trägt er jeden Franken in das «Zauberlädeli» an der Spalenvorstadt. Auch er macht eine aus der Not geborene Leidenschaft zur Überlebenskunst. Nach mühevollen Auseinander­setzungen mit dem Arbeitsamt werden ihm ab 1943 erste Auftritte bei Vereinsfeiern und in Basler Variété­theatern genehmigt. An Ungers Künstlernamen «Mac Jen» mag sich noch mancher erinnern.

Dass dies trotz einem rigorosen Arbeitsverbot für Emigranten gelingen kann, liegt an der kriegsbedingten Misere der einheimischen Unterhaltungs­branche. So lautet die Begründung seiner Arbeits­erlaubnis folgerichtig:

Wir wissen, mit welchen Schwierigkeiten die Inhaber der Unterhaltungs­stätten zu kämpfen haben, um dem vergnügungs­suchenden Publikum in der heutigen Zeit nur einigermassen zufriedenstellende Programme bieten zu können. Zudem kann neue gute Artistenarbeit auch der einheimischen Berufs­konkurrenz wieder mehr Anreiz zu neuem Schaffen geben. Man gibt diesen Emigranten damit gleichzeitig die Möglichkeit, ihre Existenz und Auswanderungs­möglichkeiten zu verbessern.

Die Gala der Emigranten nimmt Gestalt an. Organisiert wird sie vom Jüdischen Geselligkeits­verein, der den Theatersaal des «Sanssouci» an der Stadtgrenze zu Allschwil mietet, eine professionelle Bühne mit genügend Luftraum für Siehes hochfliegende Keulen, Bälle und Ringe. Das Programm und seine Protagonisten müssen der Fremden­polizei zur Genehmigung vorgelegt werden. Die Erlaubnis für die Veranstaltung wird nur unter der Bedingung erteilt, «dass politische Äusserungen jeglicher Art zu unterbleiben haben».

Für Siehe kommt endlich wieder ein Tag, an dem er sein Können einem anspruchsvollen Publikum beweisen kann. Die bunten Abende, zu denen auch viele Menschen aus anderen, weit verstreuten Internierungs­lagern anreisen, sind der gesellschaftliche Höhepunkt einer kleinen Schicksals­gemeinschaft, deren Alltag von Ungewissheit und schlechten Nachrichten bestimmt ist. Wenn die Lichter im Saal langsam verlöschen, verblasst die Welt für ein paar Stunden und die Zuschauer tauchen ein in die Leichtigkeit und unbeschwerte Freude früherer Tage: Überlebenskunst.

Gegen Ende des zweiten Kriegsjahres lassen sich in der Schweiz kaum noch erstklassige Artisten finden. Das nach wie vor «vergnügungs­süchtige» Publikum darbt. Die Herkunfts­länder ihrer Lieblinge, der Clowns, Equilibristen und Trapezturner, stehen im Krieg gegeneinander, Tourneen sind längst abgesagt. Selbst der mächtige Zirkus Knie hat Mühe, ein attraktives Programm auf die Beine zu stellen. Viele Traditions­vereine suchen landauf, landab händeringend nach Zugnummern für ihre Silvester­galas und Jubiläums­feiern, denn die Schweizer wollen trotz Aktivdienst, Isolierung und Rationierung auch weiterhin unterhalten werden.

Die Nachfrage ist gross, das Angebot nicht – hätten da nicht ein paar begabte Emigranten im «überfüllten Boot» Platz gefunden. Als Erster schreibt der Präsident der Jodler-Gruppe-Basel am 25. November 1940 an Regierungsrat Fritz Brechbühl:

Die Jodler-Gruppe Basel ersucht ergebenst die Herren Lupovici Vater u. Sohn, z.Z. Emigranten im Sommer­casino, die Erlaubnis zur Mitwirkung an unserm Sylvester­anlass im Volkshaus zu erteilen.

Weil die Jodler genau wissen, dass einheimische Künstler gegenüber Ausländern Vorrang haben und die Emigranten zudem einem strengen Arbeits­verbot unterstehen, unterstreicht der Präsident:

Es sei aber gleichzeitig festgestellt, dass die Jodler-Gruppe Basel auch den einheimischen Artisten Rechnung zu tragen weis[s ...] Die Jodler-Gruppe Basel darf sich rühmen, unser ideales Volkstum weit über die Grenzen unseres Landes getragen zu haben [...] und wir sind uns deshalb bewusst dazu beigetragen zu haben, dass unsere Heimat allerorts grosse Sympathien geniesst. Ueberall durften wir grossen Dank und Anerkennung unserem lieben Schweizer­land gegenüber mit nach Hause nehmen.

Der Antrag der Jodler geht in die Vernehmlassung. Die Fremden­polizei schickt ihn zur Bewertung an das kantonale Arbeitsamt. Dieses reicht den Vorgang weiter an das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit. Dort wird geprüft, ob Siehe Lupovici möglicherweise eine Bevorzugung geniesst, durch die einheimische Jongleure benachteiligt würden, weshalb Erkundigungen beim Schweizerischen Bühnen­künstler­verband eingezogen werden. Da dieser kaum Jongleure vertritt, entfällt der obligate Einspruch. Mit diesem Votum versehen, kann nun auch das Basler Arbeitsamt guten Gewissens seine Zustimmung erteilen. Die wohlwollende Prüfung durch die kantonale Fremden­polizei ist nach allen Seiten abgesichert, und mit diesem Vermerk geht die Anfrage zur letzt­instanzlichen Genehmigung an das Emigranten­büro der Eidgenössischen Polizei­abteilung. Dort: Stempel, Akteneintrag, Ablage.

Vermutlich war der Auftritt bei den Jodlern ein voller Erfolg, denn von jetzt an hagelt es Engagements für Siehe, der – im Rampen­licht angekommen – sich den Künstler­namen Jacky Lupescu zulegt. Das klingt viel besser! Jacky Lupescu verursacht bei der Basler Fremden­polizei viel Post. Künstler­agenturen, Variété­theater, Kursaal­direktoren und unzählige ehrgeizige Vereins­präsidenten wollen ihn engagieren. Es schreiben: der Circus Bauer, die Artisten­gruppe Grämiger, die Gruppe Original Malisons!, die Künstler­agentur Harry Weinberg, der Ballsport­club Basel, der Genfer Impresario Verlaye, der Sportclub Olympia Basel, das Genfer Cabaret Moulin-Rouge, der Zürcher Artistenball «Sicher wie Jold», die Kursaal­direktoren von Lugano, Luzern, Bern, und viele mehr.

Jacky besorgt sich einen robusten Koffer, um seine Kostüme, Keulen, Bälle und Ringe in den Bahn­wagons der dritten Klasse von Auftritt zu Auftritt und von Erfolg zu Erfolg zu tragen. Dabei wird er oft von seinem Vater begleitet. Die beiden Herren Lupescu geben eine vornehme Erscheinung ab. In ihren Herzen waren sie nie Emigranten, sondern international gefeierte Artisten auf Tournee. Das Leben meint es gut mit ihnen, denn sie haben wieder «alle Hände voll zu tun». Natürlich will auch Direktor Thöny vom «Clara» seinen Jacky wieder auf die Bühne holen. Sein Antrag liest sich wie eine Hommage:

Für die kommenden Mustermesse-Programme ist es sehr schwer, gute Artisten zu bekommen, da fast alle sich in der Schweiz befindlichen Nummern unzählige Male schon da waren und das Publikum nicht mehr gross interessieren. Ich gehe in meinen Behauptungen nicht zu weit, wenn ich betone, dass Jacky Lupescu einer der besten Jongleure Europas ist. Bitte erteilen Sie einem Schweizer Geschäftsmann, der Hunderten zu verdienen gibt, diese Bewilligung. In meinen Programmen fehlt noch die grosse Attraktion: Lupescu, das Weltwunder.

Ab 1941 werden Lupescus Arbeitgeber durch das Basler Arbeitsamt dazu gezwungen, die Hälfte von Jackys Gage auf ein Sperrkonto zu überweisen. Mit diesem Geld soll er nach Ende des Krieges seine «Weiter­wanderung» finanzieren, denn auch für den jungen Meister­jongleur soll die Schweiz nur ein Transitland sein: Festsetzung unerwünscht. Sein Können mag die Fremden­polizisten in Erstaunen versetzen, doch bei aller Bewunderung vergessen sie nicht, dass Jacky ein staatenloser, wenn auch nicht mehr ganz mittelloser Emigrant ist.

Nach Monaten vieler Engagements und überschwänglicher Ovationen erhält Siehe Lupovici am 22. Juli 1941 Post aus Bern: die Einweisung in ein Arbeitslager für Emigranten. Alles Zureden, dass er in einem Arbeitslager seine Hände verbrauche, keine Gelegenheit zum Training habe, feste Engagements absagen müsse, nutzt nichts. Er untersteht dem Regime für Emigranten, auch wenn die «Basler Nachrichten» ihn als würdigen Nachfolger des weltberühmten Rastelli bezeichnen, der in Einzelnem den Meister sogar übertreffe.

Jacky muss seinen Tournee­koffer in Basel stehen lassen und stattdessen den Rucksack packen. In Locarno wird er diesmal nicht vom Direktor des Kursaals, sondern vom Lager­kommandanten erwartet. Doch es kommt weniger schlimm als befürchtet: Gemüseanbau im Maggiatal und Erntehilfe in der Magadino­ebene. Der Sold von 85 Rappen pro Tag wird angespart. Kaum ist der Sommer auf den Feldern vorbei, wird Jacky in den Städten vermisst. Seine Agenten haben Anfragen, sie machen Druck. Papa Lupovici packt die Koffer. Vom 1. bis 17. Oktober ein Gastspiel in Genf und kurz darauf ein Gala-Auftritt bei der Feier des Bank-, Speditions- und Versicherungs­personals in Basel. November wieder im Lager Locarno mit anschliessender Verlegung nach Schinznach-Bad. Dort ist es ungemütlich in schlecht geheizten Baracken und im Dauernebel. Doch das Ungemach dauert nicht an. Im Dezember steht er bei der Jahrhundert­feier der Basler Knaben­musik wieder auf seinem Schlappseil. Jacky Lupescu ist für den «Unterhaltungsbetrieb Schweiz» – trotz oder wegen – Rationierung, Anbau­schlacht, Aktivdienst und Verdunkelung unverzichtbar. Die Eleganz, mit der er die Schwerkraft überwindet, seine fast beiläufige Balance auf dem schwankenden Seil und sein jugendliches Ungestüm reissen die Menschen von den Sitzen. Der 22-jährige Virtuose begeistert.

Aus dem Dossier der Fremdenpolizei über Richard und Siehe Lupovici für die Jahre 1938 bis 1949. Staatsarchiv Basel, PD-REG 3a 46351

Mittlerweile werden Stimmen hörbar, die fordern, dass so ein «Jahrhundert- Talent» nicht an die Schaufel gehöre und nicht im Stroh der Massenlager versenkt werden dürfe. Die Männer der Eidgenössischen Polizei­abteilung werden mürbegemacht. Auch wenn sie jegliche Form der Ausnahme hassen, verfügen sie am 14. Januar 1942: «Zur Fortführung Ihres beruflichen Trainings werden Sie von der Teilnahme an einem Arbeitslager für Emigranten dispensiert.»

Auch für den «National-Circus der Gebrüder Knie» kündigt sich 1942 als schwieriges Jahr an. Seit der Rückkehr in das Winter­quartier brütet General­direktor Eugen im Familien­kreis darüber, wie die kommende Saison gestaltet werden kann. Der Krieg hat den internationalen Artisten­betrieb völlig lahmgelegt. Auch die Stall- und Zeltarbeiter, meist Tschechen, die viele Jahre mitgereist sind, mussten schon mühsam genug durch Schweizer ersetzt werden. Sechzig Mann anzulernen, viele davon immer wieder im Militär­dienst, ist zeit- und kräfteraubend. Und schlimmer noch, zwei Monate vor der Premiere des neuen Programms ist keine artistische Zug­nummer in Sicht. Was früher leicht zu finden war, italienische Boden­akrobaten, Franzosen auf dem hohen Seil oder Menschen­pyramiden aus Nordafrika, ist nun unerreichbar. Damit nicht genug, in ganz Europa sehen sich die Dompteure gezwungen, ihre Raubkatzen nach und nach abzutun, da die Lebensmittel­rationierung kein Fleisch für diese Tiere vorsieht. «Nur schade, dass der Bund nicht ein bisschen Herrgott spielen will und unsere vielen Tiere ernährt», spotten die Knies, denn sie müssen täglich eine Tonne Heu und 160 Kilo Pferdefleisch verfüttern.

Im Januar 1942 zieht Eugen Knie die magere Bilanz der neuen Saisonverträge: die spanische Trapez­artistin Miss Tirana, die Fratellini-Truppe, französische Parterre-Akrobaten im Matrosenlook und die vier Therons auf ihren Fahrrädern. Dazu wie gewohnt die Clowns Cavallini und Andreff, die Liliputaner und die Komiker. Mehr ist nicht zu kriegen. Wären da nicht die prächtigen Pferde­dressuren von Eliane und Fredy und die Elefanten – krisenfeste Vegetarier – von Rolf, der Zirkus brauchte gar nicht erst auf Tournee zu gehen. Doch dieser Gedanke verbietet sich, das hat es seit Bestehen noch nie gegeben. Den Knies ist klar, ihnen fehlt eine Zug­nummer, ein Publikums­magnet, ein Stern am Zirkushimmel.

Wer – und warum so kurzfristig – darauf gekommen ist, den jungen Meister­jongleur Jacky Lupescu für die Saison 1942 (sie steht unter dem Motto «No glänzender, no luschtiger») zu engagieren, bleibt unklar. Im Familien­kreis könnte die Personalie Lupescu umstritten gewesen sein, denn bei der Reichskultur­kammer in Berlin haben die Knies noch eine Gastspiel­verpflichtung zu begleichen, die erst 1943 mit einer waghalsigen Reise von Fredy und Rolf mitsamt Pferden und Elefanten in die schon stark zerstörte Reichs­hauptstadt eingelöst wird. Im Gegenzug hatte Knie in den Dreissiger­jahren das Privileg, erstklassige Artisten aus Deutschland zu engagieren. Jetzt einen rumänischen Juden als Haupt­attraktion platzieren? Ist das politisch opportun? Doch die Premiere naht.

Drei Wochen vor dem Tournee­start schickt die Direktion ihren Antrag für Jacky Lupescu nach Basel. Postwendend, am 2. April – vier Tage bis zum ersten Vorhang – erhält die Gebrüder Knie, Schweizer National-Circus AG, die Arbeits­genehmigungen für Vater und Sohn Lupovici.

Wir bringen Ihnen zur Kenntnis, dass wir die nachgesuchte Arbeits­bewilligung erteilen. Die beiden Ausländer können sich somit als Jongleure in Ihrem Zirkus während der Dauer der diesjährigen Saison betätigen.

Auch ihre im August auslaufende Toleranz­bewilligung wird praktischerweise gleich verlängert, ein grosses Entgegen­kommen, denn für das Unternehmen Knie schlagen alle Herzen. Der im ganzen Land geliebte und verehrte Zirkus ist ein sprach- und kultur­überwindendes Bindemittel der geistigen Landes­verteidigung. Doch Jacky interessieren diese politischen Sachen nicht, er will nur eines: unter dem grössten Chapiteau des Landes auftreten! Sein Schweizer Märchen soll weitergehen. Das Programmheft der Saison präsentiert ihn mit gross aufgemachten Fotoseiten: «Jacky Lupescu – Stern der Jongleure».

Jacky Lupescu ist die artistische Hauptattraktion der Knie-Saison 1942 (Bild aus dem Programmheft). Gebrüder Knie, Schweizer National-Circus AG

Er ist der Star der Tournee. Natürlich sitzen auch die Beamten «seiner» Fremdenpolizei mit Freikarten bei der Basler Etappe des Zirkus auf der Estrade. Ihn wollen sie sich nicht entgehen lassen, ist er doch mittlerweile der bekannteste und erfolgreichste Emigrant, und er fällt in ihre Zuständigkeit. Sie könnten ihn nach Bedarf herbeizitieren. Ein wenig stolz auf ihn werden sie schon gewesen sein. Neben all den harten Entscheidungen und den vielen traurigen Schicksalen braucht es auch in ihrer Arbeit ab und zu einen zufriedenen Kunden, ein Erfolgs­erlebnis eben.

Jacky sorgt auch ausserhalb der Manege für Aufsehen. Er verliebt sich in Eliane Knie und sie sich in ihn. Die blendend aussehende Kunstreiterin ist seit Jahren der Liebling des Publikums. Wenn sie einreitet, braust ihr der Applaus entgegen. Sie ist wagemutig, grazil, elegant, und wenn sie hoch zu Ross auf ihren Lipizzanern und Araber­hengsten aus dem Rund galoppiert, folgen ihr tausend Augen. Doch auf der Tournee von 1942 hat sie nur Augen für den vier Jahre jüngeren Jongleur, für seinen Charme, seine Unbeschwertheit, seine hohe Kunst. Schon wenige Wochen nach seinem Debut im Familien­unternehmen werden sie ein Paar.

Für Elianes Mutter, Frau Direktor Helene Knie, ist Jacky hingegen der Inbegriff einer Mesalliance für das einzige Kind. Ein jüngerer Mann mit unklarer Herkunft, ein halber «Zigeuner» mit einem analphabetischen Vater, staatenlos und illegal eingereist; kurzum: begabt, aber dahergelaufen. Wären die Knies nicht Zirkusleute und wäre nicht Krieg, die Mutter hätte ihre Tochter schnurstracks weit weg spediert und den fatalen Liebhaber entlassen. Doch beides ist undenkbar, denn die Zirkusschau muss weitergehen.

Noch hoffen die standesbewusste Helene Knie und mit ihr der gesamte Clan, dass die längst nicht mehr zu verbergende Affäre ein Ende finden möge und Eliane wieder zur Vernunft kommt. Fredy und Rolf, die nun in ihre Rolle als Direktoren hineinwachsen, gehen auf Distanz zu ihrer Cousine und geben ihr zu verstehen, dass sie als Miterbin des Namens und des Unternehmens Grenzen zu respektieren habe. Von all dem erfährt das Publikum nichts. Eliane und Jacky glänzen Abend für Abend und feiern Triumphe. Die Saison ist ein voller Erfolg! Doch auf dem Platz, in den Zirkuswägen und in der Familie nimmt der Missmut zu. Fehlt nur noch, dass geheiratet werden will.

Im November kehrt der Tross in das Winter­quartier Rapperswil zurück. Jacky und Vater Lupovici packen die Koffer, es geht zurück nach Basel. Sie dürfen nun gemeinsam eine kleine Wohnung an der Glockengasse 4 beziehen. Der Alltag kehrt wieder ein – und die Liebe zwischen Eliane und Jacky währt. Wenn immer möglich trifft sich das Paar für einige Stunden oder gar Tage. 1943 ist ein Arbeitsjahr für Jacky. Er hat gut zu tun, allerdings kaum während der Sommer­monate, denn die damals auch schon beliebten Arena-Veranstaltungen, heute «Open Air» genannt, müssen wegen der Anordnung zur Verdunkelung vielerorts entfallen. Jacky nutzt die Zeit und übt weitere Schwierigkeits­grade ein. Sein Mustermesse-Auftritt im Küchlin-Theater ist wieder «gewohnt erfolgreich». Engagements in Genf, Zürich und Arosa stehen auf seinem Reiseplan, und wo immer möglich Eliane.

Im regelmässigen Abstand von drei Monaten beantragt die Israelitische Fürsorge die Verlängerung seiner Duldung als staatenloser Emigrant, ohne zu vergessen, seine Weiterreise, das Verlassen des Transit­landes Schweiz zu bekräftigen: «Wir haben Herrn Lupovici für einen Transport nach Übersee vorgesehen. Sobald solche Ausreisen wieder möglich sind, werden wir ihn berücksichtigen.»

Eine Hoffnung, die wohl nur noch Mutter Helene Knie insgeheim hegt. Doch darauf mag sie sich offenbar nicht verlassen. Am 18. März 1943 wendet sie sich in ihrer Besorgnis um die andauernde Liaison mit einem Brief an Regierungsrat Fritz Brechbühl, dem die Fremden­polizei untersteht. Jacky war ein paar Tage zuvor in Rapperswil aufgetaucht, und es kam dort wohl zu Auseinander­setzungen zwischen ihm und Elianes Eltern. Es wird befürchtet, Eliane könnte ihre Staats­bürgerschaft – wie damals für alle Schweizer Frauen üblich – durch Heirat mit einem Ausländer verlieren. Was Helene dem Regierungsrat geschrieben hat, ob sie in ihrer Verzweiflung zum Mittel der Denunziation griff, oder welche Beschwerden sie gegen Jacky vorbrachte, ist nicht nachzulesen, denn Frau Direktor Knie hat ihr Schreiben zwei Jahre später zurückerbeten. Sie wird gute Gründe dafür gehabt haben, ihre Intervention bei der Basler Fremden­polizei aus der Welt schaffen zu wollen.

Die Post aus Rapperswil ist jedoch Anlass genug, um Jacky am 8. April 1943 beim Chef der Basler Fremden­polizei, Fritz Jenny, vorzuladen. Es geht ausschliesslich um sein Verhältnis zu Eliane Knie. Die Basler Beamten haben sich wohl nie träumen lassen, dass sie zu Begutachtern einer so prominenten Liebesaffäre werden könnten. Das Protokoll dieses Treffens liest sich wie die Inhalts­angabe eines Kolportage­romans im Zirkusmilieu. Das Leben schreibt die besten Geschichten.

Im Weiteren bekräftige ich, dass ich von diesem Mädchen unter keinen Umständen loslassen werde und alle Folgen auf mich nehme, denn es bestehen enge Bande zwischen mir und Frl. Eliane. Sonst habe ich nichts beizufügen.

Die Vorladung hat keine Folgen für Jacky. Seine «Freunde» bei der Polizei kennen ihn nun schon seit bald fünf Jahren. Sie haben ihn auf Bühnen und im Zirkus arbeiten sehen und er kommt ihren Aufforderungen jeweils pünktlich nach. Er ist integer. Dass sich zwei junge Menschen verlieben und dass die Mutter, die sie sich deswegen grämt, versucht, der Verbindung ein Ende zu setzen, können sie verstehen, doch Anlass zu einer Amts­handlung ist das nicht, denn für die Liebe sind sie nicht zuständig. Die Herren werden sich über diese Abwechslung in ihrem sonst meist monotonen Schrift­verkehr wohl eher amüsiert haben – und bleiben dennoch sachlich:

Ihrer Beschwerde kann keine weitere Folge gegeben werden. Zudem würde Frl. Knie durch eine Heirat mit dem staatenlosen Lupovici nicht ebenfalls staatenlos, sondern könnte ihre Staats­angehörigkeit behalten.

Jahre später lässt Frau Direktor Knie mit dem Hinweis von sich hören, «die Sache habe sich gelegt». Damit gibt sie zu verstehen, dass Jacky und Eliane zwar weiterhin ein Paar sind und Eliane den Marken­namen Knie behalten hat, um ihn später auf ihre Kinder übertragen zu können. Dass sich der Knie-Clan mit dem staatenlosen de facto Schwieger­sohn und Schwager lange schwergetan hat, bezeugt die Familien­chronik «Geschichte einer Circus-Dynastie» aus dem Jahr 1968. Jacky kommt darin nicht vor, selbst im Stammbaum wird er als Vater von Charles Knie unterschlagen.

Das Programmheft der Circus-Knie-Tournee von 1942 präsentiert Jacky Lupescu auf ganzseitigen Bildmontagen. Gebrüder Knie, Schweizer National-Circus AG

Im März und April 1945 tritt Jacky gemeinsam mit Adrien Wettach auf, dem weltberühmten Schweizer Clown Grock, und kaum sind die Grenzen in Europa wieder passierbar, gehen Eliane und Jacky gemeinsam auf Tournee. Nach all den Aufregungen und Turbulenzen laden sie noch 1945 ihren Wohnwagen auf die Bahn und reisen durch das kriegsversehrte Europa. Ihre erste Station ist Prag. Eliane tritt mit ihren «Exoten» (den Papageien) auf, Jacky jongliert. Sie sind jung, erfolgreich und verliebt. Nach der Geburt von Sohn Charles findet die junge Familie 1947 wieder zum Familien­unternehmen Knie zurück, Jacky geht zum zweiten Mal mit dem Zirkus auf Tournee. Das Programm­heft kündigt ihn als «unvergleichlichen, jugendlichen Jongleur» an; sein letztes Tournee-Engagement bei Knie wird er 1957 haben.

Vater Richard erhält das Dauerasyl. Damit darf er bis zu seinem Lebensende in der Schweiz bleiben, auch in der kleinen Wohnung an der Glockengasse, die er so lange mit Jacky geteilt hat. Seine wohl grösste Freude erlebt er, als seine jüngste Tochter Bela 1946 vor der Tür steht. Sie hat Krieg und Verfolgung in Belgien überstanden und will sich nun um ihren Vater kümmern. Richard stirbt 1952 in Basel. Lesen und schreiben hat Vater Lupovici nie können, doch er muss ein weites Herz und einen klugen Verstand gehabt haben. Zum Ende seines rastlosen Lebens findet er sich damit ab, zum ersten Mal sesshaft geworden zu sein – aber nur, weil er mit Bestimmtheit weiss, dass sein Sohn und später auch sein Enkel dem Zirkus und dem nie verblassenden Glanz der Manege treu bleiben werden.

In seiner besten Zeit konnte Jacky sieben Bälle – das kann heute praktisch keiner mehr! Er schätzte den Knie-Zirkus sehr, doch die Kernfamilie war gegen ihn eingestellt. Aber Eliane wollte diesen Mann gegen alle Widerstände, und sie hat sich durchgesetzt. Im Zirkus war sie eine wichtige Figur. Sie hat Seelöwen, Papageien und auch Pferde vorgeführt, und sie war bildschön! Später sind Eliane und Jacky rausgemobbt worden. Sie hat sich auszahlen lassen. Doch Eliane und Jacky waren nie wohlhabend. Als die Streitereien vorbei waren, musste Jacky wieder als Jongleur arbeiten. Seine letzte Tournee hat er mit siebzig gemacht. Für Jacky war Jonglieren immer Überlebenskunst – er war ein Typ, der bis ins hohe Alter dem Publikum gefallen hat. Mit Eliane lebte er bis zu ihrem Tod im Jahr 2000. Sie waren ein wunderbares Paar und durften beinahe sechzig Jahre zusammenbleiben. Danach ist er zu Charles gezogen, der einen Reiterhof in Friesland gekauft hatte. Dort ist Jacky sehr vereinsamt. Auch ich habe ihn nicht mehr besucht. Er wurde 93 Jahre alt – nie hätte er gedacht, dass er so alt werden würde. Ich sehe ihn noch vor mir mit einem Becher heisser «Ovo», er liebte das sehr.

Der Jongleur Christian Elliker im Gespräch mit dem Autor am 28. April 2018.

Geschichten, die das Leben schrieb

«Die wirkliche Demokratisierung bemisst sich stets an diesen Kriterien: an der Partizipation am und dem Zugang zum Archiv und zu seiner Interpretation.» Mit solchen Worten zitiert die baselstädtische Staats­archivarin Esther Baur im Vorwort zu «Diesseits der Grenze» den französischen Philosophen Jacques Derrida. Im Kanton Basel-Stadt ist das Archiv der Fremdenpolizei (einer vom Bund anno 1917 geschaffenen Instanz) seit 1996 öffentlich zugänglich. Die Möglichkeit, in den Akten zu forschen, hat Gabriel Heim genutzt. Seine umsichtig recherchierten, mit Hintergrund­wissen ergänzten und obendrein fesselnd erzählten «Fälle» aus der Schweizer und insbesondere Basler Migrationspolitik vor allem im Umfeld des Zweiten Weltkriegs unterbreitet Heim in seinem grossartigen Buch nun – auch das eine Art demokratischer Geste – dem interessierten Publikum. Unbedingt lesenswert sind diese Geschichten, weil sie das Individuum fassbar machen: den einzelnen Menschen, der sich beim Bemühen, Aufnahme in der Schweiz zu finden, durch die Staats­maschinerie windet, deren Räderwerk wiederum von Einzel­personen betrieben wird. Nicht immer ist der Duktus allerdings so märchenhaft wie im hier präsentierten Beispiel, dessen Protagonisten, professionelle Artisten, ihr abgründiges Schicksal mit equilibristischem Geschick und einer Portion Glück meistern.

Das Buch

Gabriel Heim: «Diesseits der Grenze. Lebensgeschichten aus den Akten der Fremdenpolizei». Christoph-Merian-Verlag, Basel 2019. 264 Seiten, ca. 32 Franken. Der obige Text bildet Kapitel 2 des Buches.

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