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Verbindet leisen Humor mit blutigem Realismus: Der Spätwestern «The Sisters Brothers» mit Joaquin Phoenix (links) und John C. Reilly. Magali Bragard

Film

Dem Western entkommen

In seinem ersten englischsprachigen Film knöpft sich der Franzose Jacques Audiard das amerikanischste aller Filmgenres vor.

Von Simon Spiegel, 22.03.2019

Die Sisters sind ein ungleiches Brüder­paar, das gemeinsam den Wilden Westen unsicher macht; Charlie (Joaquin Phoenix) ist ein Heiss­sporn und Trunken­bold, der nicht ans Morgen denkt, Eli (John C. Reilly) ein in sich gekehrter Melancholiker, der davon träumt, Laden­besitzer zu werden, eine Lehrerin zu ehelichen und mit ihr eine Familie zu gründen. Die beiden Brüder sind Auftrags­killer und arbeiten für den Commodore, eine finstere Figur im Hinter­grund, die das Publikum nie zu Gesicht kriegt und deren Umrisse nur kurz im Fenster sichtbar werden.

Jacques Audiards erster englischsprachiger Film «The Sisters Brothers» wirkt in mancher Hinsicht wie das Gegenstück zu «Un prophète», dem Film, mit dem der Regisseur 2009 unter anderem den Grossen Preis der Jury am Film­festival von Cannes gewann. In dessen Zentrum stand ein Klein­krimineller, der im Mikro­kosmos eines Gefängnisses zum Mafia­boss aufstieg. Erzählte «Un prophète» von der Geburt eines gewissenlosen Gangsters, stellt «The Sisters Brothers», für den Audiard in Cannes erneut ausgezeichnet wurde, die Gegen­frage: Was folgt auf ein Leben als Verbrecher? Gibt es einen Ausweg aus dem Kreislauf der Gewalt?

Das Ende des Westernhelden

Im Grunde haben wir diese Geschichte schon oft gesehen. Wir wissen von Anfang an, dass es Eli zusehends schwerer fallen wird, seinen ungestümen Bruder im Zaum zu halten, und dass sein Traum von einem anderen Leben aussichtslos sein dürfte. Die Figur des Desperados, dessen Zeit abgelaufen ist, dem es für einen Moment vielleicht sogar gelingt, sein sündhaftes Leben hinter sich zu lassen, und der am Ende dennoch scheitert, scheitern muss, ist im Kino oft anzutreffen. Im Spätwestern – und letztlich sind alle nach Sergio Leones «Once upon a Time in the West» gedrehten Vertreter des Genres Spätwestern – begegnet man ihr besonders häufig. Hier, im ältesten aller Filmgenres, muss es noch nicht einmal der Gangster sein, der abtritt. Vielmehr ist es der Cowboy selbst, der in der modernen Welt nicht mehr gefragt ist.

Der raubeinige, wettergegerbte Kerl, der mit seinem Sechs­schüsser für Ordnung sorgt und eisern an einem überkommenen Ehren­kodex festhält, kann nur an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis bestehen. Hat der Fortschritt einmal Einzug gehalten, muss der loner in die Weiten der Prärie entschwinden. Und wenn der Westen erst einmal ganz erschlossen ist, bleibt nichts mehr anderes übrig, als in einem letzten grossen Aufbäumen das Zeitliche zu segnen. Ein Muster, das bei Leone ebenso zu finden ist wie in den späten Filmen John Fords, bei Sam Peckinpah oder in Clint Eastwoods «Unforgiven».

Ein Auftragskiller wechselt die Seiten: John Morris (Jake Gyllenhaal). Shanna Besson

Auch in «The Sisters Brothers» macht sich der Fortschritt überall bemerkbar. So entdeckt Eli in einem Kram­laden eine Zahn­bürste und lässt sich insbesondere vom Versprechen überzeugen, dass diese zuverlässig Mund­geruch beseitigen soll. In der Folge sehen wir, wie er sorgfältig die Gebrauchs­anweisung studiert und fortan jeden Morgen brav die Zähne putzt. Und als die Brüder den äussersten Westen erreichen, finden sie dort nicht etwa das letzte Stück Wildnis, sondern die Grossstadt San Francisco, deren Hotels mit Wasser­klosetts aufwarten. Wenn Cowboys beginnen, auf körperliche Hygiene zu achten, ist das Ende nah.

Eine Western-Utopie

Der Spielraum wird also immer kleiner für Eli und Charlie, doch wie es die Genre­konvention will, leuchtet am Horizont auch die Hoffnung auf einen Ausweg auf. Anders als in den meisten anderen Western liegt die Verheissung für einmal aber weder in der Eingliederung in das bürgerliche Leben noch in der erlösenden Macht der Liebe. Denn der Mann, den Eli und Charlie im Auftrag des Commodore umlegen sollen, ein feingliedriger und einfühlsamer Chemiker namens Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed), hat nicht nur ein Mittel entdeckt, das die Gold­suche vereinfacht, er steht für das Versprechen auf ein besseres Leben. Mit dem Vermögen, das ihm die Gold­suche einbringt, will er in Dallas ein phalanstère gründen, eine jener utopischen Siedlungen, die der Franzose Charles Fourier, ein Sozialist und Befürworter der freien Liebe, in seinen Schriften propagierte.

Eine Utopie aus dem französischen Früh­sozialismus als Gegen­entwurf zur gnadenlosen Welt des Wilden Westens: Das ist ungewohnt, aber historisch sehr wohl stimmig. Die Vereinigten Staaten waren im 18. und 19. Jahrhundert ein fruchtbarer Boden für utopische Kommunen aller Art – von christlichen Sekten wie den Amischen und den Shakers über die Gefolgs­leute des britischen Früh­sozialisten Robert Owen bis eben zu den Anhängern Fouriers; 1855 wurde bei Dallas tatsächlich eine von Fourier inspirierte Siedlung namens La Réunion gegründet, die allerdings nur kurz Bestand hatte.

Eine neue Zeit steht an, doch welche? Der Chemiker Warm will sich nicht mit der Grausamkeit und dem Chaos zufriedengeben, die ihn umgeben. Besser kann es nur werden, wenn endlich Gleichheit unter den Menschen herrscht. John Morris (Jake Gyllenhaal), der ursprünglich vom Commodore losgeschickt wurde, um Warm aufzuspüren, lässt sich als Erster von dessen Vision überzeugen und wechselt die Fronten. Zwischen den beiden Männern entsteht bald eine grosse Nähe, doch der Film lässt alles in der Schwebe. Die delikate, leicht effeminierte Erscheinung Ahmeds und die Erinnerung an Gyllenhaals Rolle als schwuler Cowboy in «Brokeback Mountain» suggerieren eine Liebes­beziehung, doch ausbuchstabiert wird sie nicht.

Auf der Suche nach Gold und einer utopischen Gemeinschaft: Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Shanna Besson

Sensible Cowboys

Ansonsten wird viel geschrieben und gelesen in diesem Film, und die Figuren bedienen sich eines erstaunlich gewählten Vokabulars. Überhaupt zeigen Eli und Charlie ein ungewohntes Bewusstsein für sprachliche Feinheiten, machen sich über seltsame Formulierungen anderer Figuren lustig und diskutieren abends beim Lagerfeuer, ob es angebracht ist, im Zusammenhang mit dem Commodore das Verb to victimize zu benutzen. Die beiden Brüder sind, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist, sehr moderne, ja postmoderne Figuren, die ihr Verhalten reflektieren und denen beispielsweise klar ist, dass nicht zuletzt die Brutalität ihres Vaters sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Selbst der impulsive Charlie kann sich selber richtig einschätzen, und wenn er sich über den Traum seines Bruders von einem Leben als Krämer und Familien­vater lustig macht, dann vor allem deshalb, weil er weiss, dass ihm dieser Weg verschlossen ist. Dass es für ihn keine Alternative zur Verbrecher­laufbahn geben kann.

Obwohl Audiard mit Stilbrüchen arbeitet, Genre-Stereotype gegen den Strich bürstet und die obligaten majestätischen Landschaften mit einem ganz und gar untypischen, stellenweise fast avantgardistischen Soundtrack von Oscar­preisträger Alexandre Desplat unterlegt, geht es ihm nicht darum, den Western durch den Kakao zu ziehen. Sein Film hat witzige Momente, wird aber nie zur reinen Parodie, sondern bewegt sich irgendwo zwischen leisem Humor, elegischer Trauer und blutigem Realismus. Eine ungewohnte Tonlage, was vielleicht auch erklären mag, warum der Film in den USA an der Kinokasse gefloppt ist.

Zwei postmoderne Desperados: Die Sisters-Brüder Eli (John C. Reilly) und Charlie (Joaquin Phoenix, rechts). Magali Bragard

Wer ist am Ende stärker – die Gesetze des Genres oder Eli und Charlie mit ihrer ungewöhnlichen Gabe zur seelischen Introspektion? Auch wenn schliesslich die Genre-Regeln den Sieg davontragen, endet der Film nicht ganz so klassisch, wie man es vielleicht erwarten würde. Der grosse Showdown mit dem Commodore, der sich lange anbahnt und in einem anderen Film in eine aufwendig choreografierte Gewalt­orgie münden würde, wird unvermittelt abgewürgt.

Dass Warms Vorhaben dennoch kein Erfolg beschert ist, dass die Brüder sich nicht in einer utopischen Kommune niederlassen, um dort ein Leben im Zeichen der Gleichheit und der Liebe zu führen, dürfte niemanden überraschen. Wie und warum die Utopie dann tatsächlich scheitert und wer am Ende mit mehr oder weniger heiler Haut übrig bleibt, kommt allerdings recht unerwartet. Ebenso der Ort, an dem die müden Brüder schliesslich doch noch zur Ruhe kommen. Am Ende schrumpft die Vision einer besseren Welt auf den kleinstmöglichen Kreis zusammen. Doch zumindest für einen kurzen Augenblick scheint ein anderes Leben möglich.

Zum Autor

Simon Spiegel ist Filmwissenschaftler und -kritiker. Er lehrt und forscht an der Universität Zürich; seit 2018 ist er zudem Privat­dozent an der Universität Bayreuth. 2017 wurde er mit dem Prix Pathé der Schweizer Film­publizistik ausgezeichnet. Sein Grundlagen­werk zur Utopie im Dokumentar- und im Propaganda­film erscheint dieses Jahr im Schüren-Verlag.

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