Das, was sie ist: Tamy Glauser, Model, Lesbe, Aktivistin, Veganerin – und bald auch Politikerin?

Anders anders

Sie wollte als Model in die Männermode, einfach, weil sie glaubte, sich da wohlzufühlen. Sie rasierte sich eine Glatze, als sie fand, das passe zu ihr. Jetzt will Tamy Glauser für die Grünen in die Politik. Vielleicht.

Ein Porträt von Ursula von Arx (Text) und Joan Minder (Bilder), 22.03.2019

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Wie so manche Guerillera im Kampf zwischen den Geschlechtern scheint Tamy Glauser schon früh mit einem Gespür dafür ausgerüstet gewesen zu sein, wer sie ist. Und mit der ziemlich deutlichen Gewissheit, dass sie diese Person würde verteidigen müssen.

Tamy Glauser wusste zum Beispiel recht bald, dass sie keine «Tamara» ist, sie mochte diesen Namen nie, der in ihrem Pass steht, er war ihr «viel zu weiblich». Auch ihre bubenhafte Art, sich zu kleiden und zu bewegen, liess ihre Untauglichkeit wachsen, Mitläuferin einer Gruppe zu sein. Sie wurde von ihren Mitschülern verspottet und auf dem Pausen­platz verprügelt. «Du bist eben anders», versuchte ihre Pflege­mutter sie zu trösten.

Forever vegan

Tamy Glauser lacht und zeigt dabei sehr weisse Zähne, die in einer nicht ganz perfekten Reihe stehen. Es ist einer der ersten Frühlingstage, an denen man draussen sitzen kann im Zürcher Grand Café Lochergut, und Tamy Glauser streckt ihre ganzen 1,81 Meter der Sonne entgegen und wirkt dabei sehr zufrieden, aber auf eine offene Art, nicht auf eine selbstgerechte, satte.

Sie erzählt, dass sie «ein Megatierfreund» sei, dass sie seit August 2018 vegan lebe, dass «es davon kein Zurück mehr gebe», wegen des Klimas, wegen ihrer Tierliebe und auch wegen des Wohlbefindens, sie habe schönere Haut seither, bessere Konzentration und brauche weniger Schlaf. Sie hat Ähnliches schon mehrmals erzählt, in der «Schweizer Illustrierten», im «Blick», in ihrer Autobiografie*, macht nichts, sie erzählt es geduldig wieder und wie zum ersten Mal.

Sie streichelt dabei ihrem schwarzen Hund über den Rücken und sagt, dass der Hund eine Hündin sei und aus einem New Yorker Tierheim stamme und dass sie sie Yumi getauft habe, was japanisch sei und so viel wie «die Schönheit» bedeute, und dass der Name trotz Yumis Übergebiss zu Yumi passe, denn sie, also Yumi, sei ja so süss.

Tamy Glausers Stimme klingt erstaunlich tief, das Berndeutsche tut zusätzlich seine beruhigende Wirkung, und so gerät man unweigerlich in einen Entschleunigungs­sog. In Tamy Glausers Gegenwart erscheint alles wundersam geerdet, allem voran sie selbst, Tamy Glauser.

In die buchhalterische Nervosität der Tagespolitik, in diese Welt der allzu scharfen Behauptungen, der Verdrehungen und versteckten Hiebe, scheint sie nicht zu passen.

Arm in Arm im Bundeshaus

Es war ja auch nicht ihre Idee, das mit dem Nationalrat. Die Idee ist an sie herangetragen worden. Sie sass bei der Verleihung des Swiss Diversity Awards am selben Tisch wie die Basler Nationalrätin Sibel Arslan von den Grünen. Man unterhielt sich und verstand sich, erzählt die Politikerin, weil ähnliche Anliegen, also Klima, Gleichstellungsfragen und so. Sibel Arslan meinte dann zu Tamy: «Du musst in die Politik», und lud Tamy und ihre Partnerin Dominique Rinderknecht, die Miss Schweiz von 2013, zum Schnuppern ins Bundeshaus ein.

Androgynität als Label: Tamy Glauser hat mit 27 mit dem Modeln angefangen, in einem Alter, in dem andere aufhören.

Während im Nationalratssaal eine CVP- und eine FDP-Bundesrätin gewählt wurden, schritten «Tamynique» Arm in Arm durch die Gänge. Arslan ist «immer noch erstaunt, wie gross die Aufregung um das Promi-Paar» gewesen war. Nicht nur bei den Medien, sondern auch unter den Nationalräten, die sich darum drängten, mit ihnen fotografiert zu werden. Ein Chat hier, ein Selfie da, und ganz viele Interviews. Es war ein grosser Coup: für die Sache der Frau, der Lesben und der Grünen Partei.

Sibel Arslan, so erzählt es Sibel Arslan, sei dann von einer Journalistin gefragt worden, ob sie sich freuen würde, wenn Tamy Glauser für den Nationalrat kandidieren würde, und sie habe bejaht. So sei die Idee geboren worden. Verbreitet hat sie sich im Nu.

Sibel Arslan ist der Ansicht, dass es bei den Grünen «Raum haben muss für einen so tollen Menschen wie Tamy Glauser». Sie lobt «ihre Bescheidenheit», «ihren grünen Touch», «ihre schnelle Auffassungsgabe» und «ihre Fähigkeit, komplexe Themen einfach dazustellen». Die habe sie in der Arena unter Beweis gestellt, wo sie für die rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen gekämpft habe.

Wider die Rollenbilder

Auf die Bitte, sich selber zu beschreiben, fällt Tamy Glauser «cool» ein, als zweites «easy», dann «entspannt» und vielleicht auch, sie zögert, «liebenswürdig». Tatsächlich wirkt sie frei von Dünkel. Selten erlebt man jemanden, der sich so ungezwungen bewegt und so wenig auf äussere Wirkung zu zielen scheint wie sie. Das Wissen, dass diese Person aus dem Showbusiness kommt, strapaziert das Vorstellungsvermögen doch sehr. Ihre Pflegemutter hatte recht, Tamy Glauser ist «eben anders».

Und anders anders als man erwartet hätte.

Dass aus der früher wegen ihres Aussehens gehänselten Tamy Glauser ein Topmodel wurde, abgelichtet von den grössten Fotografen der Welt, zu Hause auf den Laufstegen von London, Paris, New York, über die sie sowohl in Männer- als auch in Frauenkleidern schreitet, dass sie also ihr Anderssein unter dem Label «Androgynität» so erfolgreich zu Markte tragen kann, ist erfreulich, aber nicht unbedingt erstaunlich. Gehört es doch zum schöpferischen Selbstbild und Motor der Modewelt, immer mal wieder eine Abweichung herauszustellen und als neues, kühnes Ideal zu propagieren. Tamy Glauser sieht das positiv: «Die Mode kann gesellschaftliche Rollenbilder hinterfragen», sagt sie.

Verliebt und sehr glücklich: «Heute ist die beste Phase meines bisherigen Lebens.»

Auch dass Tamy Glauser für die Ehe für alle kämpft, dass sie kein Auto besitzt und sagt, dass sie ihre Kleider im Secondhand und ihre Möbel im Brockenhaus kaufe und dass sie sich überlege, als Grüne in die Politik zu gehen –, all das könnte verwirren angesichts der Tatsache, dass sie als Model Mitspielerin und Repräsentantin einer der schnelllebigsten, ausbeuterischsten, umweltschädlichsten, verschwenderischsten, illusions-, prestige- und luxusverliebtesten Branchen ist, einer Branche auch, die für das Setzen von krank machenden Schönheits- und Schlankheitsnormen kritisiert wird und für die Objektivierung und Sexualisierung von Frauenkörpern.

Der Widerstand sucht sie

Es könnte verwirren, aber es muss nicht. Im Gegenteil. Die Mode vermag viele verschiedene Ansichten einzugemeinden, geschmeidig und ohne mit der Wimper zu zucken, selbst wenn sie im schreienden Widerspruch zu ihrem täglichen Sosein stehen mögen: Der Kampf für Frauen, Schwarze, das Klima oder auch für Tiere scheint der akut hipste Trend der Modewelt zu sein. In neufeministisch-protestfreudigen Zeiten wie den unseren generiert politisches Engagement auf Instagram, Twitter und Facebook viele Follower, und viele Follower können Modelkarrieren beflügeln, wie die Beispiele von Adwoa Aboah oder Leomie Anderson zeigen.

«Aber bei mir», sagt Tamy Glauser, «bei mir spielen Follower keine Rolle.» Die seien eher ein Thema bei den Models, von deren Typ es viele gebe. Bei denen könne die Zahl der Follower ausschlaggebend sein, ob sie gebucht würden oder eben nicht. Bei ihr hingegen sei das kein Punkt, ihr Instagram-Account werde von keiner Agentur kontrolliert, wie das bei anderen der Fall sei.

Schon klar, Tamy Glauser rennt keinen Trends nach, eher schafft sie selber welche.

Sie hat mit 27 mit dem Modeln angefangen, in einem Alter, in dem andere aufhören. Sie wollte als Frau in die Männermode, einfach weil sie glaubte, sich da «wohlzufühlen, wohler als in Frauenkleidern». Viele schüttelten den Kopf, sie gab nicht nach und setzte sich durch. Sie rasierte sich eine Glatze, als sie fand, das passe zu ihr. Die Glatze wurde zu ihrem Markenzeichen. Als sie fand, die Glatze passe nicht mehr zu ihr, liess sie die Haare wieder wachsen. Ihre Agentur fragte, ob sie «verrückt geworden» sei, sie scherte sich nicht darum. Sie tat einfach, was sie glaubte tun zu müssen. Freundlich und ohne Aggression.

Sie ist nicht jemand, der den Widerstand sucht, weil sie glaubt, an ihm zu wachsen. Eher ist es so, dass der Widerstand sie sucht und sie sich ihm stellt, in aller Offenheit, bis zum heutigen Tag.

«Ein Megatierfreund»: Tamy Glauser ist gegen Massentierhaltung und lebt vegan.

Noch heute kann es ihr passieren, dass sie wegen ihres Aussehens angefeindet wird, auf Frauen­toiletten zum Beispiel, sie solle verschwinden, sie gehöre nicht hierher. Tamy Glauser antwortet jeweils gelassen, jedoch nicht überrascht. Sie kennt diese Art von Reaktion seit Kinder­tagen. Sie sei dreckig, sie solle sich waschen, hiess es damals, in Anspielung auf ihren vom weissen Durchschnitt abweichenden Hautton.

Blühende Blümchen

Tamy Glauser mag ein gehänseltes Kind gewesen sein, aber «ein trauriges war ich nicht», sagt sie. Als Hinterlassenschaft einer Pariser Nacht zwischen einem sehr jungen Mann (einem Sohn des Historikers und ehemaligen SVP-Nationalrats Walther Hofer) und einer sehr jungen Frau, die es in die weite Welt zog, wuchs Tamy Glauser im bernischen Stettlen bei Pflege­eltern auf, bei Charlotte und Heinz Winzenried, von denen sie sich sehr geliebt und unterstützt und verstanden fühlte.

Ausserdem konnte Tamy Glauser gut Zeit mit sich alleine verbringen. Nach der Schule zog sie durch die Wiesen und freute sich über das Zwitschern der Vögel und das Blühen der Blümchen und liess sich vom Wohllaut des säuselnden Hains erziehen. Sie wehrte sich gegen die Zumutungen der Norm, so gut sie konnte, und wich ihnen aus, wo es ging. Sobald sie aus dem Schussfeld ihrer Schikanierer war, ging es ihr gut.

So hielt sie durch. Sie begriff – nach einer Phase der Anpassung, in der sie wie alle anderen Mädchen mit Miss-Sixty-Jeans und weiblich langen Haaren herumlief, und nach einer lesbischen Liebes­beziehung voller Gewalt und Gängelei –, dass Selbstachtung nichts mit dem Zuspruch anderer zu tun hat, die sich ja leicht genug täuschen lassen, sondern mit dem Mut, sich selber zu mögen. Sie begriff, dass Leute mit Selbstachtung eine gewisse Strenge an den Tag legen, dass sie das Unvermögen kultivieren, sich zu verdrehen und verbeugen: «Heute», sagt Tamy Glauser, «ist die beste Phase meines bisherigen Lebens.»

Nicht nur, weil es «gut läuft im Job», sondern auch, weil sie seit Herbst 2016 «sehr glücklich verliebt» ist.

Mackermässige Trophäenjagd

Vorher hatte Tamy Glauser in Beziehungen oft dasselbe Muster reproduziert – entweder kurze, gefahrlose Affären oder sie verliebte sich in Frauen, die dann doch nicht zu ihr standen. Als sie dieses Muster endlich erkannte, war sie bereit, sich auf ein selbstbewusstes Single­leben einzustellen. Und genau in dem Moment traf sie Dominique Rinderknecht. Und alles wurde anders. Dominique Rinderknecht bekannte sich zu Tamy Glauser, von allem Anfang an und in aller Öffentlichkeit: «Sie hat mich nie versteckt.»

Was, glaubt sie, würde Dominique über sie sagen? «Dass ich ein lieber Mensch sei, der ihr gezeigt hat, mehr zu sich selber zu stehen. Und vielleicht würde sie auch sagen, dass ich aufmerksam bin. Ich achte auf Details. Zum Beispiel, wenn wir essen gehen, dass sie bequem sitzen kann.»

Sie war ein gehänseltes Kind, aber «ein trauriges war ich nicht»: Tamy Glauser wuchs bei Pflegeeltern auf.

Und was hat sie von Dominique Rinderknecht gelernt? «Liebe annehmen zu können. Und was es heisst, eine Beziehung zu führen.» Anscheinend habe sie, sagt Tamy Glauser, eine Neigung, alles zu sabotieren oder sich zurückzuziehen, wenn sie sich von Liebe überfordert fühle. «Dominique lehrt mich, mich mitzuteilen. Sie ist da beeindruckend gut. Ich habe grossen Respekt vor ihr.»

Wovon fühlt sie sich bei einer Frau angezogen? Tamy Glauser überlegt ein bisschen und sagt, dass sie immer fasziniert gewesen sei «von Frauen mit einer Aura von vielen Menschen um sich, also eigentlich von den Beliebten».

Wie erklärt sie sich das? Vielleicht sei der Grund, sagt sie, dass sie glaube, dass die Beliebten ihr «Sicherheit und ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln können, ohne selber zugehörig sein zu müssen».

Tamy Glauser lacht jetzt, weil sie sich erinnert, dass sie sich zuerst nur auf ein Date mit Dominique eingelassen hat, weil sie dachte, eine Miss Schweiz habe sie noch nicht im Repertoire. Sie war auf Trophäenjagd. So richtig mackermässig. «Ja, voll», sagt Tamy Glauser, während sie raucht. Später wird sie ein Bier bestellen. Darf sie das? Als Model? Alkohol macht doch dick. Und Rauchen schadet der Haut.

Ihre Agentur habe ihr noch nie vorgeschrieben, was sie zu tun habe, bei Sanktionen würde sie den Job augenblicklich an den Nagel hängen. Und was das Rauchen betreffe, das nur in Klammern, so werde eher dazu geraten als davon abgeraten. Rauchen als Essensersatz sei im Modemilieu keine unbekannte Methode, sein Gewicht zu kontrollieren, allerdings nicht die ihre, ihr Körper sei, wie er sei. Die Idee einer Kaloriensünde hat ihren Kopf noch nie besetzt. Und sie wiederholt: «Ich mache grundsätzlich, was ich will.»

Resting Bitch Face

Würde man diese Sätze nur lesen und nicht hören, in welch unauf­dring­lichem Tonfall sie geäussert werden, so könnte man der Senderin Kalt­schnäuzigkeit unterstellen. Und man könnte sich Bestätigung holen in den Schwarzweissfotografien von Luc Braquet aus dem Jahr 2012, die ganz am Anfang von Glausers Modelkarriere standen und auf denen sie uns die Verachtung des Resting Bitch Face in Vollendung präsentiert.

Da sehen wir zum Beispiel Tamy Glausers kahl geschorenen Kopf, der sich uns aus dem Dunkeln heraus zuwendet und mimisch ganz auf schlimme Taten ausgerichtet scheint. Oder wir sehen ihren Kopf im Profil, streng geschmückt mit einer nietenbesetzten Dornenkrone. Doch bittet sie keineswegs um Gnade, sie gibt nicht den Märtyrer, sondern die Herrin, die allein mit ihrem streng geraden Blick die plumpen Alltagsmenschen vor sich nach links und rechts zur Seite drücken könnte, um dann überlegen rücksichtslos durch die sich bildende Gasse zu schreiten.

Und sogar wo Glausers Oberkörper von einem schwarzen, käfigartigen Korsett umstellt ist, das bis zum Kinn reicht, wirkt sie weniger gegängelt als aufsässig: Das Ringlein in der Nase, so klein es ist, vermag sich zwinkernd in Szene zu setzen, und der trotzig-gereckte Gesichts­ausdruck sagt allen, die es wissen wollen: Ich traue niemandem. Mir könnt ihr nichts sagen. Ich mach, was ich will.

Das kenne sie, sagt Tamy Glauser, das sei «der Klassiker». Auf Bildern komme sie «hart rüber, angsteinflössend». Aber dann, sagt sie, «dann treffen mich die Leute und wundern sich, ich sei ja ganz anders, meine Stimme sei so soft, ich sei so ruhig.»

Role-Model-Lesbe

Wie mühelos Tamy Glauser die Bilder durchquert, die man sich gemacht haben mag, wie leicht sie Vorurteile zum Bumerang werden lässt, ist vielen aufgefallen, die sie zusammen mit Dominique Rinderknecht erlebt haben: Als Tamynique ziehen die beiden durch die auflagenstärksten Blätter und beliebtesten Fernsehsendungen der Schweiz und erfüllen damit eine Mission, ohne missionarisch zu sein: Sie schauen sich tief in die Augen, sie küssen sich und wirken dabei vor grossem Publikum vollkommen selbst­vergessen. Sie sind jung, schön, bezwingend glücklich – und sie sind lesbisch.

Einstieg in die Politik? Bei der Grünen Partei ist man «interessiert an einer Zusammenarbeit», sie selber möchte «etwas bewegen».

Während Schwule gesellschaftlich als relativ präsent wahrgenommen werden, sind Tamynique hierzulande das erste prominente lesbische Paar, das die Öffentlichkeit nicht scheut. Bei der Lesben­organisation Schweiz (LOS) ist man darüber froh: «Es ist wichtig, dass lesbische Paare sichtbar werden.»

Das findet auch Tamy Glauser. Sie sagt, sie glaube, es wäre ihr leichter gefallen, ihre sexuelle Präferenz zu akzeptieren, wenn sie vorgelebt bekommen hätte, dass es eine Möglichkeit und keine Krankheit ist, Frauen zu lieben. Oder dass es okay sein kann, sich nicht zu entscheiden, sich weder vollumfänglich als Frau noch vollumfänglich als Mann zu fühlen, sondern heimisch zu sein in einem changierenden Dazwischen.

Tamy Glauser erhält Dankesbriefe, von einer Frau zum Beispiel, die erzählt, ihre Mutter könne die Homo­sexualität ihrer Enkelin besser ertragen, seit sie erfahren habe, dass auch eine ehemalige Miss Schweiz auf Frauen stehe. Tamy Glauser freut das: «Der Vorteil ist», sagt sie, «dass eine Schönheits­königin das Klischee locker entkräften kann, Lesben seien hässliche, frustrierte Jungfern, die keinen Mann abkriegen.»

Die Frage, wie bewusst Tamynique ihre Öffentlichkeits­arbeit steuerten, beantwortet Tamy Glauser schnell und knapp: «Wir sind halt einfach megaverliebt.»

Katastrophaler ökologischer Fussabdruck

Als Model hat Tamy Glauser die vorgesetzten Ideale von Frauen- und Männer­körpern ins Fliessen gebracht. Als lesbisches Role-Model befreite sie die Köpfe von Amden über Hirzel bis nach Zillis-Reischen von althergebrachten Bildern und machte sie freier für die vielen Spiel­arten von Liebe. Und wenn Tamy Glauser sich jetzt überlegt, in die Politik zu gehen, hängt auch das mit ihrem Wunsch zusammen, «etwas zu bewegen», wie sie sagt. Oder, wie sie auch sagt, «am Schalter zu sein» beziehungsweise «an der Quelle».

Reicht das?

Sie hat ein grosses Herz für Tiere und sorgt sich um die menschgemachte Veränderung des Klimas. Gleichzeitig fliegt sie auch mal für ein paar Wochen nach Bali, um dem europäischen Winter zu entfliehen. Sie jettet für eine Moden­schau nach New York und hin und her zwischen Zürich (Wohnort Dominique) und Paris (Wohnort Tamy), das sowieso. Kurz: Tamy Glausers ökologischer Fussabdruck ist eine Katastrophe.

Aber vielleicht wäre es billig, Menschen, die bereit sind, das System zu verändern, vorzuwerfen, dass sie die Annehmlichkeiten des aktuellen Systems nutzen. Ebenso billig wäre es wohl, Tamy Glauser nach ihren politischen Visionen zu fragen, denn wer hat die schon. (Ich habe es trotzdem getan: Tamy Glauser ist gegen Massen­tierhaltung, für Lohn­gleichheit und die Stärkung regionaler Märkte, und was das Fliegen betrifft, würde sie in die Forschung investieren, das wäre auch wirtschaftlich interessant, meint sie. Generell findet sie Verbote suboptimal, denn es sei schwierig, Menschen begreiflich zu machen, auf Lieb­gewonnenes verzichten zu müssen.)

Tamy Glauser ist anders. Und sie ist anders anders, als man erwartet hätte.

Die Frage, ob sie sich die Aufgaben als Parlamentarierin zutraue, beantwortet sie so zögernd wie selbstbewusst: «Doch, ich denke, das sollte schon gehen.»

Dabei ist Tamy Glauser klar, dass sie «von den politischen Prozessen keine Ahnung» hat, aber sie weiss, dass sie sich reinknien kann: «Wenn ich etwas mache, dann ganz.» Diese selbstfordernde Haltung hat sie auch während ihres Soziologie­studiums in Luzern an den Tag gelegt – während vier Semestern, dann brach sie ab. Denn Paris rief.

Potenzial für die Partei

Bei der Grünen Partei zeigt man sich «interessiert an einer Zusammenarbeit». Marionna Schlatter-Schmid, die Präsidentin der kantonalzürcher Grünen, auf deren Nationalrats­liste Tamy Glauser käme, würde sie denn kandidieren, war «sehr positiv überrascht» von ihrer Begegnung mit ihr. Sie braucht Worte wie «authentisch», «sehr sensibel», «aufrecht» und «ehrlich», um Glauser zu beschreiben, sie verortet bei ihr «ein ehrliches Interesse an grüner Politik» und sieht sie als «einen Leucht­turm», wenn es «um LGBTQ-Themen geht», also um Fragen der sexuellen Identität.

Unklar sei ihr vorderhand noch, welches Profil Tamy Glauser darüber hinaus abbilden könne. Und Schlatter-Schmid fragt sich, ob Glauser nicht unterschätze, welch kalter Wind einem als Grünen-Politikerin entgegenwehen kann. Sie spricht aber auch vom Potenzial Tamy Glausers für die Partei: Aufgrund ihres beruflichen Hintergrunds könnte sie «dem Klischee von den Grünen als ein Anti-Spass-Club entgegenwirken». Doch muss sie dafür Mitglied werden und sich gar in den Nationalrat wählen lassen?

Wollte sie kandidieren, dann müsste sie sich in den nächsten Monaten parteiintern intensiv vernetzen, sagt die Zürcher Grünen-Präsidentin. Und auch dann sieht sie sie «wohl eher auf einem hinteren Listen­platz als auf einem vorderen». Und: Die Grünen seien eine basisdemokratisch organisierte Partei, der Entscheid liege bei den Mitgliedern und falle allenfalls im Mai.

Auch Tamy Glauser lässt weiterhin offen, ob sie sich auf die Dressurakte einlassen soll, die mit der Eingliederung in eine Partei verbunden wären. Sie weiss, dass der Fashion-, Glamour- und Lesben­bonus für politische Journalisten nur willkommene Attribute sind, um jemanden umso tiefer fallen zu lassen, und sie weiss, dass Partei­freunde gnadenloser sind als ihre Agentur­chefs, die sie machen lassen, solange die Aufträge stimmen. Aber Bammel, sagt sie, Bammel hätte sie «vor den Einschränkungen ihrer Freiheit». Und «gewöhnungsbedürftig» sei die Vorstellung, eine Angestellte des Staates zu sein.

Doch bei aller Sanftheit kennt sie keine Scheu, hinter sich zu lassen, was sie kennt, und dahin zu gehen, wo noch keiner war und keine.

* Tamy Glauser, Simone Kosog: «Tamy – Das, was ich bin, kannte ich nicht». Werd & Weber Verlag, 2018.

Zur Autorin

Die Journalistin Ursula von Arx schreibt über alles Menschenmögliche. Im Verlag Kein & Aber sind von ihr der Anti-Glücks­ratgeber «Ein gutes Leben» und «Liebe, lebenslänglich», eine Sammlung von Familien­geschichten, erschienen. Jeden zweiten Montag schreibt sie eine Kolumne für den «Blick».

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