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Preis der Republik

Preiswürdig cool

Wir leben in Zeiten der «Klimahysterie», aber es gibt verdiente Stimmen, die sich nicht beirren lassen. Eine Laudatio auf Claudia Wirz, Hans Rentsch und Roger Köppel.

Von der Republik-Jury, 21.03.2019

Sehr geehrte Frau Preisträgerin, sehr geehrte Herren Preisträger

Geschätzte Verlegerinnen und Verleger

Liebes Publikum

«Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation.» Diese Aussage, meine Damen und Herren, soll von Aristoteles stammen, aus dem vierten Jahrhundert vor Christus.

Sie ist nicht die erste Kritik an der Jugend. Die wohl früheste derartige Schelte wird einer sumerischen Tontafel zugeschrieben, entstanden um die 3000 Jahre vor Christi Geburt. Sie lautet: «Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lern­bereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.»

5000 Jahre später, geschätzter Preis­träger Hans Rentsch, wandeln Sie in der «NZZ am Sonntag» auf den Spuren der Sumerer. Doch Sie reden mit einer Güte, einer Abgeklärtheit, einer olympisch-altväterischen – ja beinahe gottväterlichen – Überlegenheit, dass man nur noch devot die Hände falten kann. Sind es die Jahr­tausende, die Ihnen in den Knochen stecken? Oder handelt es sich um den Segen einer angeborenen und desto authentischeren Arroganz? «Liebe Klimajugend! Demonstrieren macht mehr Spass, wenn man weiss, worum es wirklich geht», lautet Ihre Botschaft. Ja, wenn man nur weiss, worum es wirklich geht, dann ist doch alles gleich viel freudiger. Zum Beispiel die öffentliche Debatte! Zum Beispiel die gütige Zurechtweisung!

Nicht weniger umsichtige Güte lassen auch Sie, verehrte Claudia Wirz, der verwirrten Jugend angedeihen. Auch Ihre pädagogischen Verdienste dürfen keinesfalls von unserer Ehrung ausgeschlossen werden. «Die jugendlichen Demonstranten sind nicht nur gut im Verdrängen ihrer eigenen Schuldigkeit, sondern auch im Delegieren von Verantwortung. Ihre Parolen stehen verräterisch oft im Imperativ. Und sie stellen Forderungen grundsätzlich an die anderen. An die Erwachsenen und an die Politik und an die Konzerne», so schreiben Sie in der NZZ.

Man stelle sich einmal vor! Die Jugend stellt Forderungen an die Wirtschaft? An die Politik? An die Verantwortungs­träger? Sie begnügt sich nicht damit, selber nicht zu fliegen? Sie stellt Forderungen im Imperativ? Angesichts so flagranter Unreife könnte man glatt den Gleichmut verlieren. Es geht um die Zukunft des Planeten, und juvenile Radau­macher haben nicht einmal das Meilen­konto im Griff? Gott sei Dank erheben sich Stimmen wie die Ihre, Claudia Wirz, und liefern ein strahlendes Exempel der Techniken gekonnten Abwiegelns: Thema­wechsel, Angriff, Herablassung. Es gibt trotz allem noch Hoffnung. Mit solchen publizistischen Fürsprechern wird sich die Schweizer Klima­politik auf Jahr­tausende hinaus um kein Jota ändern müssen.

Die Latte liegt hoch, doch wir kommen nicht umhin, noch einen weiteren Preis­träger auszuzeichnen. Natürlich, Sie ahnen es, die Ehre gebührt niemand anderem als Roger Köppel, dem unbestrittenen Gold­­­standard des rechtsbürgerlichen Amoks. Schon seit geraumer Zeit lässt sich beim Journalisten und Politiker ja ein Syndrom beobachten, das auch für den prominentesten seiner Brüder im Geiste so bestimmend ist: Twitter als Haupt-, Lieblings- und Exklusiv­medium. «Klima: Wenn ‹Skeptiker› zum Schimpf­wort wird, wissen wir, dass wir das Feld der Wissenschaft verlassen und die Kampf­zone der Politik betreten haben», hat Köppel kürzlich gezwitschert. Ja, selbstverständlich: Skepsis ist immer tugendhaft, im Namen des kritischen Geistes, im Namen der Aufklärung! Klima-Skepsis? Fakten-Skepsis? Holocaust-Skepsis? Ein kleines Postfixum eröffnet schwindel­erregende Möglichkeiten. Bleiben Sie dran an Rogers Twitter-Feed!

Und was macht derweil die Wissenschaft? Als ob es nicht reichen würde, dass sie ihrem Geschäft nachgeht, Forschungen anstellt und den überwältigenden Konsens, dass der Klima­wandel menschengemacht ist und die Politik nun schnell und entschieden handeln muss, immer noch besser absichert. Jetzt will sie sich auch noch solidarisieren! Mit Kindern! Mit Greta! Mit dem Protest!

Über 20’000 Wissenschaftler allein aus dem deutsch­sprachigen Europa haben nun eine Petition unterzeichnet zur Unterstützung der schwänzenden Jugend. Hier droht in der Tat eine wahre Katastrophe: Wie soll der demokratische Prozess weiterhin reibungslos funktionieren, wenn sich nun auch noch die Sach­kompetenz zu Wort meldet? Wenn die Energie­lobby und andere Interessen­gruppen die Agenda nicht mehr diskret diktieren können? Wenn statt sogenannter Experten aus wirtschaftsnahen Thinktanks jetzt plötzlich dahergelaufene Klimatologen von der ETH Diskurs­hoheit erringen? Wenn das journalistische Halbwissen sich nicht mehr mit launiger Verächtlichmachung begnügen darf, sondern unser aller Zukunft plötzlich ganz im Ernst verhandelt werden soll? Nicht auszudenken! Es herrscht Alarm­stufe Rot. Jetzt gilt es die Nerven zu behalten.

Und genau dies, verehrte Preis­trägerin, verehrte Preisträger, gelingt Ihnen in so bewunderns­würdigem Masse! Diese Unerschütterlichkeit, diese souveräne Herablassung, diese entspannte Ignoranz. Da kann die Wissenschaft noch lange schwatzen, da kann die Jugend noch lange schwänzen. Wir gratulieren zum hochverdienten Preis der Republik! Solange wir auf eine Publizistik von Ihrem Schrot und Korn bauen können, darf die Eidgenossenschaft selbstzufrieden und selbstbewusst in die Zukunft blicken. Das ist, was zählt – gerade für den Fall, dass die Zukunft, die uns bleibt, so lange nicht mehr dauern wird.

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen – und so lange man noch kann. Verehrte Claudia Wirz, verehrter Hans Rentsch, verehrter Roger Köppel, wir erheben das Glas!

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… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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