Im Zürcher Kreis 4 so daheim wie auf der grossen politischen Bühne: unterwegs mit Alfred Heer.

Libero

«Hardliner», «Polteri», «Unmensch». «Ehrlich», «reflektiert», «blitzgescheit». Man liebt Alfred Heer, man hasst ihn. Oder beides. Auf Beizentour mit dem Enfant terrible der SVP.

Ein Porträt von Anja Conzett (Text) und Helmut Wachter (Fotos), 06.03.2019

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Ein dröger Dienstagabend im Kreis 4: Die Beizen mit halber Belegschaft vor leeren Tresen, die Frauen der Nacht lehnen gelangweilt an den Wänden und beschäftigen sich mit ihren Smartphones, bis der nächste Kunde kommt, falls einer kommt; die Burschen in Lederjacken haben sich in die Kioske verzogen, und an der Ecke gähnt ein Polizist, während der Kollege kontrolliert.

Kein guter Abend für eine Beizentour, sagt Alfred Heer, als er das Treffen zwischen Kommissionssitzungen und einem Termin mit dem Innenminister des Kosovo quetscht. Heer weiss, wie dieses Viertel atmet. Hier ist er aufgewachsen: zwischen Milieu, Handwerksbetrieben und Arbeiter­unterkünften. Hier hat seine politische Karriere begonnen, vor einem Vierteljahrhundert, als Gemeinderat gegen jede Wahrscheinlichkeit.

Unterdessen sitzt Alfred Heer im Nationalrat, ist Teil der schweizerischen Europaratsdelegation und kandidiert für den Ständerat. Die Kandidatur ist ein kleines Spektakel. Obwohl die Chance mager ist, einen der beiden Bisherigen von FDP und SP aus ihren Sitzen zu stossen, wollen gleich zwei SVP-Grössen von ihrer Partei nominiert werden. Es ist ein Kampf von zwei Chefs. Und zwei Konzepten. Auf der einen Seite Alfred Heer, der erfahrene Chrampfer, der die politische Ochsentour durchgemacht hat; städtisch, kantonal, national, der sieben Jahre Präsident der wichtigsten Kantonal­partei war und der immer mal wieder ausschert. Auf der anderen Seite Quereinsteiger Roger Köppel, der in Schlagzeilen reden kann, der bei den letzten Nationalratswahlen das Rekordergebnis erzielte; das Lieblingskind der offiziellen und inoffiziellen SVP-Führung, einer, der die Linie nicht befolgen muss, weil er sie ziehen kann.

Am 2. April wird die SVP Zürich entscheiden, welchen ihrer Kandidaten sie nominiert oder ob gleich beide.

Kein Zweifel, ist der Zweikampf um einen fast unerreichbaren Sitz am Ende wenig mehr als raffinierte Inszenierung. Und ebenso das Symptom eines Richtungsstreits innerhalb der SVP.

Wie zerstritten sind die Lager Köppel und Heer?

Alfred Heer macht, noch bevor er die Speisekarte beiseitegelegt hat, unmissverständlich klar, dass er auf diese Frage keine wirkliche Antwort geben wird. Stattdessen knurrt er eine Floskel: irgendetwas wie «nicht gegen, sondern mit». Es wird das einzige Blabla des Abends sein.

Dann legt er auch gleich los mit der Sorte Spitzen, die ihn berüchtigt gemacht haben. Das Rahmenabkommen? «Reine Unterwerfung.» Doris Leuthard bei Coop? «Doris, die Blumenverkäuferin! Im Ernst: Dass Bundesräte so mir nichts, dir nichts in die Privatwirtschaft wechseln … stinkt einfach.»

Was wettsch?

In der «Accademia del Gusto» gleich um die Ecke des Helvetiaplatzes gibt es gute Ossibuchi und immer einen freien Tisch für Alfred Heer. Seine Tochter Julia serviert hier, jeder begrüsst ihn mit Handschlag. Heer, der in diesen Gassen nur Fredi heisst, grüsst zurück mit markigen Sprüchen, in unverkennbarer Zürischnorre. Kein Zweifel: Es ist immer noch sein Revier, seine Meute, auch wenn er längst nicht mehr im Chreis Cheib wohnt.

1993 ist Fredi Heer 32 Jahre alt, frisch verheiratet, eben Vater geworden, Chef seiner eigenen kleinen Computerfirma und hat nicht wirklich vor, Politiker zu werden. Trotzdem kandidiert er für den Gemeinderat, dem Vater zuliebe, wie er heute sagt. Seit Jahrzehnten sei im Kreis 4 kein Rechter mehr gewählt worden. Dann kommt Heer und siegt. Zu seiner eigenen Überraschung.

«Ich hatte keine Ahnung vom Politbetrieb, bis ich zum ersten Mal im Rat sass. Es war, als müsste ich eine neue Sprache lernen.» Er ist schockiert vom gnadenlosen Ton, der den Neulingen der SVP entgegenschlägt. Aber der junge Heer hat ein Ohr für Slang. Und schon bald ist er es, der die Angriffe fährt. Mit Erfolg. Ein Jahr später zieht er in den Kantonsrat ein, ein Frontkämpfer der aufsteigenden Zürcher SVP.

«Julia, chunnt dä Wii bald?» Die Tochter schenkt den Roten ein und verdreht die Augen, wenn der Vater einen seiner Sprüche reisst. Was hält sie von seiner Politik? «Ich finde sicher nicht alles gut, was er macht, aber welche Tochter findet das schon von ihrem Vater?» Heer zuckt mit den Schultern, «Was wettsch? Ich habe sie dazu erzogen, selber zu denken.»

Dass Fredi Heer am liebsten selber denkt, merkt er früh. Zum Beispiel anfangs der 80er-Jahre bei den Zürcher Jugendunruhen. Während viele seiner Kollegen auf die Strasse gehen, sieht Heer erst mal zu. Er sieht das Unverständnis bei den Passanten und fragt sich: Warum Dinge zusammenschlagen, um ein Anliegen durchzubringen? Fredi macht nicht mit.

An diesem Kurs hält er fest. Wenn ihm etwas nicht passt, dann sagt er das. Auch wenn der Rest seiner Partei das anders sieht. Minderjährige in Ausschaffungshaft? «Masslos.» Der Vorstoss eines Nationalrats, in der Fahrende als Zigeuner bezeichnet werden? «Krank.» Ausländerfixierung der SVP während Wahlkampagnen? «Plump.»

Herr Heer, hat die SVP ein Rassismusproblem?

«Nö. Sind ja alle mit Ausländerinnen verheiratet.»

Heer selbst war bis 2003 mit einer Italienerin verheiratet. Der Heirat verdankt er die schweizerisch-italienische Doppelbürgerschaft. 2012 gerät er trotzdem unter Rassismusverdacht. Auf «SonnTalk» von TeleZüri sagte er: «Gerade die jungen Nordafrikaner aus Tunesien kommen schon als Asylbewerber mit der Absicht, kriminell zu werden.» Wenige Augenblicke später korrigiert er seine Aussage – sinngemäss: Jene, die hier kriminell werden, hatten gar nie etwas anderes im Sinn. Zu spät: Die Staatsanwaltschaft zeigt ihn wegen Diskriminierung an. Das Verfahren wird eingestellt, Heers Immunität als Nationalrat wird nicht aufgehoben.

Die Kränkung über die Anzeige ist ihm noch heute anzumerken. «Man kann mir vieles nachsagen, aber Rassismus – Blödsinn.»

Herr Heer, wie stehen Sie zum Begriff Eidgenosse?

«Finde ich härzig.»

Gibt es verschiedene Klassen von Schweizern?

«Laut Gesetz bist du Schweizer, sobald du einen Schweizer Pass hast. Und ob du ein guter Bürger oder ein schlechter Bürger bist, hat nichts damit zu tun, ob du deinen Stammbaum bis aufs Rütli nachweisen kannst. Aber wenn ein Ausländer kriminell wird, hat er sein Bleiberecht verwirkt. Punkt.»

Im Nationalrat will Fredi Heer gerade eine Motion durchbringen, die es ausgeschafften Ausländern verbietet, wieder in die Schweiz einzureisen – egal ob für Beerdigungen, Kindsbesuche … «oder Postüberfälle». Unmenschlich, tönt es von links. Nur vernünftig, findet Heer.

Die Tochter bringt die Rechnung. Heer händigt ihr den Schlüssel für seinen Mercedes aus – nochmals wird er sich nicht angetrunken am Steuer erwischen lassen.

Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner

Wer mit Fredi Heer im Kreis 4 unterwegs ist, muss mit Unterbrüchen rechnen. Hier ein Schwatz, da ein alter Schulkollege, ein Auto hupt und hält zum Gruss. Gutbürgerlich trifft an diesem Abend auf die wenigsten von Heers Bekannten zu.

Heer hat gegenüber der Halbwelt keine Berührungsängste. Er ist auch kein Law-and-Order-Politiker.

Verkehrsbussen? «Reine Geldmache.»

Drogen? «Entkriminalisieren.»

Als es in Zürich darum geht, 570 Millionen Franken für den Bau eines Polizei- und Justizzentrums auf dem ehemaligen Güterbahnhof zu investieren, sprach sich die SVP unter Fredi Heer zusammen mit den Grünen dagegen aus. Nicht an diesem Ort, nicht für so viel Geld.

Seine Haltung bezeichnet Fredi Heer als libertär. Je weniger Staat, desto besser. «Wenn Leute privat handeln, handeln sie meistens vernünftiger.» Er habe seine Kämpfe auch ein Leben lang selbst ausgetragen, von niemandem Hilfe beansprucht, erst recht nicht vom Staat.

Herr Heer, glauben Sie, dass alle so autark sein können wie Sie?

«Nein. Und genau dafür brauchen wir auch einen Sozialstaat und eine Polizei.»

Als Libertärer sind Sie für den Sozialstaat?

«Ja sicher. Ich habe mich 2000 bei einer kantonalen Abstimmung gegen die Kürzung von Ergänzungsleistungen eingesetzt. Es ist blödsinnig, bei denen sparen zu wollen, die ohnehin schon nichts haben.»

Haben Sie der Überwachung von Sozialhilfebezügern zugestimmt?

«Ja. Wenn wir den Sozialstaat aufrechterhalten wollen, müssen wir Missbrauch hart bekämpfen.»

Finden Sie, Steuerdetektive sollten die gleichen Kompetenzen haben wie Sozialdetektive?

«Ja. Obwohl die Steuern grundsätzlich zu hoch sind – aber Gesetz ist Gesetz.»

Sie waren einer der härtesten Verfechter des Bankgeheimnisses, das andere Staaten Milliarden an Steuereinnahmen kostete.

«Solange die USA, Malta und die Niederländischen Antillen noch immer Geld von Ausländern ohne Informationsaustausch bunkern können, bleibe ich dabei, dass es ein Fehler war, das Bankgeheimnis aufzugeben. Gleich lange Spiesse für alle. Alles andere ist ein Witz.»

Vor dem Pakistanikiosk an der Bäckerstrasse steht ein Bub, keine 13, mit Kippa, Gebetslocken und schwarzem Kastenmantel, Kopfhörer im Ohr. Fredi Heer begrüsst ihn auf Hebräisch.

Im Nationalrat wie im Europarat vertritt Heer eine klare Pro-Israel-Politik. Immer wieder reist er nach Israel, seit drei Jahren lernt er Hebräisch. Die Verbundenheit zur jüdischen Gemeinschaft geht weit zurück. Eines seiner erfolgreichsten Postulate im Gemeinderat verhinderte, wie er sagt, die Schliessung der Männer- und der Frauenbadi, die den Sparmassnahmen Mitte der Neunziger zum Opfer hätte fallen sollen. Für die orthodoxe Zürcher Kehillah eine Katastrophe. Wo sonst sollte sie geschlechtergetrennt baden, wie es der Glaube vorschreibt?

Religionen faszinieren ihn, sagt er. Er hat die Bibel studiert und den Talmud. Als religiös bezeichnet er sich nicht. Statt an Gott und Götter glaubt er, dass es Dinge gibt, die grösser, wichtiger sind als er selbst. «In der Politik musst du demütig sein. Leider sind im Moment Politiker im Trend, die keinen Wert ausser sich selbst kennen.»

Im Rahmen der «Inter-Parliamentary Coalition for Global Ethics» engagiert sich Heer ehrenamtlich für interreligiöse Verständigung. Also auch für eines der liebsten Feindbilder seiner Partei: den Islam.

«Man kann das finden, wie man will, aber der Islam gehört in der Schweiz zur Realität. Statt sich einfach darüber aufzuregen, müssen wir uns mit Blick auf die nächsten Jahrzehnte Gedanken machen, wie wir das Zusammenleben der verschiedenen Religionen und Kulturen möglichst gescheit gestalten.»

Als die SVP vor drei Jahren ein Burkaverbot portiert, will Heer nichts davon wissen. Aber wie immer, wenn er es seinen politischen Gegnern gerade leicht machen würde, ihn gut zu finden, kommt so ein Spruch: «Ich bin grundsätzlich gegen ein Burkaverbot. Bei einigen Frauen wäre es sogar nicht schlecht, wenn sie sich verschleiern würden.»

Bei Fredi Heer nach klassischen Umgangsformen zu suchen, ist so Erfolg versprechend wie eine Expedition nach Atlantis. Fredi Heers Zoten, seine fadengraden Pöbeleien – sie haben ihm den Sitz im Gemeinderat beschert, sie haben ihn gross gemacht. Und nicht nur ihn: Mit Kandidaten wie Heer gelang es der SVP, der SP die Arbeiterklasse streitig zu machen.

Aber die SVP hat sich verändert, seit Heer für den Gemeinderat kandidierte. Sie ist glatter geworden, geschmeidiger; zumindest im Auftritt. Die Positionen sind zwar unverändert radikal, aber die Hüllen, die sie transportieren, austauschbar wie Haarspängeli.

Während seine Parteikollegen eloquente Sermone wider politische Korrektheit halten, ohne sich je die Blösse zu geben, auch nur ein einziges Schimpfwort entwischen zu lassen, spricht Fredi Heer von Nutten, Drögelern, Jugos. Und klingt dabei weitaus weniger verächtlich als mancher, der über Prostituierte, Abhängige oder Slawen spricht.

Der Eindruck bleibt: Fredi Heer ist milieutauglich, nicht salonfähig. Der Eindruck trügt.

Trottoir und Parkett

In Vasco’s Bar ist Heer Stammgast. Der Champagner – teuer; die Frauen – auffallend schön. Über die Monitore läuft Pop. Nicht Heers Musik. Was hört er? «Mahler. Rachmaninow. Led Zeppelin. Queen.»

Dann stimmt er an: «I want to ride my bicycle …», und singt aus voller Brust.

Wenn man Fredi Heer so sieht, auf einem Hocker in einer schummrigen Bar, vor sich einen Wodkashot, kommt man schnell in Versuchung, ihn zu unterschätzen. Heer tritt zwar gerne so auf, als würde man ihn an einem Donnerstagabend im Puff begegnen können. Wahrscheinlicher ist aber, dass er zu Hause bleibt und liest. Dostojewski. Oder OECD-Berichte. Und auch wenn Fredi Heer poltern kann, dass selbst der griesgrämigste Bergbauer vor Neid erblasst, steckt in ihm auch ein Kosmopolit. Nebst Hebräisch spricht Heer Italienisch, Französisch, Englisch und Spanisch, hat in Genf, New York und Italien gelebt.

Egal, ob Kreis- oder Weltgeschehen: Heer ist bestens informiert, was gerade wo passiert. Geschmeidig wechselt er von lokalen zu globalen Themen. Genauso souverän schaltet er vom Trottoir aufs Parkett.

In Vasco’s Bar ist Fredi Heer Stammgast.

Wer ihn schon im Europarat oder bei informellen Treffen der Zürcher Wirtschaftselite erlebt hat, weiss: Heer ist ein Phänomen. Er spricht mit internationalen Politikern genauso wie mit Toni auf der Gass. Bärbeissig, ruppig, mit einem Vokabular, das jede Zensurbehörde in helle Aufregung versetzen würde. Heer weigert sich, sich für seine bescheidene Herkunft zu schämen. Stattdessen hat er sie zur Waffe gespitzt. Und irgendwie kommt er damit beim Establishment nicht nur durch, sondern auch an. Egal, ob bei Botschaftern, Bankern, CEOs oder bei Royals wie Ian Liddell-Grainger, Vorsitzender der konservativen Fraktion der parlamentarischen Versammlung im Europarat.

Der Nachfahre von Queen Victoria versucht Heer schon seit längerem zu überzeugen, dass die SVP-Delegierten die Fraktion wechseln. Noch sind sie bei den Liberalen, wo Heer als Vizepräsident amtet. Im Gegensatz zu anderen SVPlern tut sich Heer schwer mit den rechten Parteien im restlichen Europa. Die SVP als Teil einer internationalen rechten Bewegung? Nicht, wenn es nach Heer geht. «Wir sind die Schweizerische Volkspartei. Betonung auf Schweizerisch. Und wir sind keine Zeitgeistpartei. Was wollen wir da mit der AfD Händchen halten?» Lieber gründet er mit dem Konsul des Kosovo die schweizerisch-kosovarische Handelskammer, wo er auch im Beirat sitzt.

Aber Herr Heer, gemäss ihrer Partei schlitzen Kosovaren doch Schweizer auf?

«Stellen Sie sich vor, in Thailand würde eine Partei Plakate aufhängen: ‹Schweizer sind Kinderschänder.› Soll jeder Schweizer für sich beantworten, wie er das findet.»

Fredi Heer blickt aus dem Fenster auf die Strasse und sagt nach einer Weile: «Empathie. Sehen, was der andere sieht, das geht in der Politik immer mehr verloren. Ich rede mir ein, dass ich das kann.»

So einfühlsam klang das nicht immer. Als Präsident der Zürcher SVP titulierte er etwa die Kesb als Stasibehörde. Noch heute gelingt es Heer nicht ganz, seine Freude an der Provokation zu verstecken: «Das war vielleicht etwas überspitzt. Aber es war nötig, um ein Thema, über das vorher niemand sprach, auf den Schirm zu bringen.»

Konkret ging es Heer um den Umgang mit Personen, die durch Unfall oder Krankheit unmündig werden. Vermögen und Liegenschaften werden in diesen Fällen von der Behörde verwaltet, sofern die Angehörigen keinen Vorsorgeauftrag erstellt haben. Das Thema bleibt aktuell. So schreibt die NZZ vor kurzem, dass die Anzahl der Vorsorgeaufträge in den letzten Jahren explodiert sei.

Heer hat ein Gespür für Trends, auch privat. Der Kaufmann hat sein Geld damit gemacht, dass er Apple-Produkte direkt importierte, als die Firma noch eine Nischenmarke war. Wie kommt er in der Politik auf Themen? «Zuhören. Auf der Strasse, am Telefon. Auf die Kesb wurde ich durch Mails von Betroffenen aufmerksam.» Heer vertritt die Interessen aus dem Volk, zweifellos. Nur ist sein Volksbegriff nicht ganz so weit wie der von anderen. Trotz seines Engagements im Europarat ist Heer bei EU- und Migrations­fragen klar auf Parteilinie: harte Grenzen und möglichst wenig Abkommen.

Herr Heer, wie finden Sie es, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken, weil sie nach Europa wollen?

«Grässlich.»

Was gedenken Sie, dagegen zu unternehmen?

«Dass alle hierherkommen, ist keine Lösung. Das Problem ist da unten. Die Lösung ist da unten. Es wäre sinnlos und überheblich, von hier aus einzugreifen.»

Männer wie Heer denken in Handlungskreisen. An erster Stelle das Individuum, dann die Familie, das Quartier, der Kreis, die Stadt, der Kanton, das Land, der Kontinent, die Welt. Je ohnmächtiger er sich fühlt, desto weniger beschäftigt ihn ein Thema. Sieht er aber eine Möglichkeit, etwas zu verändern, greift er mit umso härteren Bandagen an. Und macht sich auch mal unbeliebt.

Die Toleranz der Linken

In Vasco’s Bar löst ein derber Spruch den andern ab, man kennt sich, ist unter sich. «Seine Politik ist haarsträubend, aber Fredi ist irgendwie doch ein Guter», sagt der Herr vom Nebentisch. Ähnlich klingt es auch, wenn man Politiker von der Gegenseite nach Heer fragt: «Eigentlich ein unmöglicher Typ, aber irgendwie verzeiht man es ihm.» Oder: «Nach aussen ein Hardliner, im Gespräch dann wahnsinnig reflektiert.» Oder: «Das netteste Arschloch, das man sich vorstellen kann.»

Einig sind sich auch alle darüber, dass Heer schon schlimmer war, dass er diplomatischer geworden ist. Warum? Vielleicht haben die beiden schweren Krankheiten – ein Herzklappenfehler (operiert) und die Entzündung einer Hirndrüse (geheilt) – ihn besonnener gemacht. Vielleicht weil er im Gegensatz zu andern Politikern fähig ist, sich zu entwickeln. Oder vielleicht ist er auch nur ein guter Schauspieler, der die Rolle des Präsidenten der SVP Zürich genauso beherrscht wie die des Ständeratskandidaten?

Ist Fredi Heer ein Opportunist? Nein. Heer ist gerade wie eine Autobahn. Eine Autobahn mit acht Spuren. Wo andere im Zweifel auf ideologische Reinheit setzen, hält er die Widersprüche einfach aus. Für seine politischen Gegner macht ihn das unberechenbar. Für seine Parteikollegen auch.

Dass Heer und Christoph Blocher das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben, ist ein offenes Geheimnis. Heer zuckt die Schultern. «Ich habe grossen Respekt vor Blochers Lebenswerk.» Ist Blocher für ihn ein Vorbild? «Ich habe keine politischen Vorbilder. Aber Nelson Mandela hat mich tief beeindruckt.»

Seiner politischen Karriere haben die vielen Male, in denen er sich gegen Anliegen der Partei stellte, sicher nicht genützt. Sonst wäre er jetzt Fraktionschef. Heer hatte sich ursprünglich für das Amt beworben, sich aber zurückgezogen, «um die Partei nicht unnötig zu entzweien».

Dass Heer Frieden stiftet, kommt eher selten vor. Zu bemerkenswert ist sein Talent, Menschen so richtig hässig zu machen. Das zeigt sich ausgerechnet an der letzten Adresse des Abends. Geplant wäre eine Partie Schach in der Rothaus-Bar – Heer soll ein hervorragender Schachspieler sein. Doch es kommt nicht so weit. Ausgerechnet in der Hausbar der Republik ist Heer nicht willkommen. Der Barkeeper stellt ihn auf die Strasse. Kein Witz, keine Widerrede, Verhandlungen zwecklos. Ein Halbstarker am Tresen ruft noch eine abfällige Bemerkung hinterher – es ist fürchterlich peinlich.

Nach dem Rauswurf, vor der Rothaus-Bar.

Heer ist – kein Wunder – aufgebracht. Einen Moment lang verliert er seine Coolness, einen Moment lang ist er ganz Kreis 4 – die herabhängende Hand ballt sich zur Faust, in den eisblauen Augen blitzt es. Hart wie das Pflaster, auf dem er steht: «Da haben wir sie, die Toleranz der Linken.» Dann hat er sich auch gleich wieder im Griff, macht einen Spruch in Richtung seines SVP-Nationalratskollegen Heinz Brand, der die Republik auch schon vor die Tür setzte: «Das nächste Mal seid ihr wieder dran.»

Ein paar Tage später, beim Wiedergutmachungsessen in «Caduff’s Wine Loft». Fredi Heer ist wieder sein grummlig stoisches Selbst. Nur einmal wird er kurz nachdenklich, die Stimme klarer.

«Ob meine Politik am Ende wirklich besser ist als die der Linken, die der anderen, weiss ich nicht. Was ich weiss: Ich handle aus mir selbst heraus. Und von dort betrachtet, wo ich herkomme, ist das, was ich tue, richtig. Davon bin ich überzeugt.»

Fredi kommt am 12. Oktober 1961 als drittes Kind von Eduard und Nelly Heer zur Welt. Er wächst an der Pflanzschulstrasse auf, vierter Stock, zu fünft in dreieinhalb Zimmern. Die Mutter ist Hausfrau, später Verkäuferin im Coop, zum Mittagessen kocht sie manchmal Hacktätschli. Im katholischen Kindergarten eine Strasse weiter ist Fredi der einzige Reformierte. Die Nonne, die jeden Tag von Einsiedeln kommt, hat keine Uhr. Fredi wird damit beauftragt, die Strasse runterzurennen und die Zeit vom Kirchturm St. Jakob abzulesen. Es gefällt ihm, dass er Verantwortung hat.

Auf dem Schulweg liegen am Morgen die Alkoholiker von der Bäckeranlage. Sie sind harmlos. Einmal wird Fredi von Sechstklässlern verprügelt, da ist er neun. Der Vater sagt: «Lass dir das nicht gefallen.» Der Vater ist Polizist, Mordbüro, seinen drei Söhnen rät er: «Geht nicht zur Polizei. Lernt etwas anderes.» Die beiden Brüder studieren, Fredi macht die Sek, später das KV. Zur Schule geht er mit den Kindern der Saisonniers, mehr als die Hälfte seiner Gspänli sind Italiener. In der Pause und beim Fussball auf der Pflanzschulwiese lernt er von ihnen Italienisch. Vor allem beim Fussball. Er spielt oft, fast jeden Tag.

Position: Libero.

Verteidiger ohne festen Gegenspieler.

Zum Getränk einladen? Gilt nicht

«Euer Geld ist hier nichts wert», bekommt man zu hören, wenn man als Journalistin mit Alfred Heer im Kreis 4 unterwegs ist. Die Versuche der Republik, Essen und Getränke zu übernehmen, blieben erfolglos. Heer bezahlte am Abend alles aus seinem Lederportemonnaie mit den Schwingern drauf. Damit keine Zweifel an der journalistischen Unabhängigkeit aufkommen, spendet die Republik 300 Franken an eine der gemeinnützigen Organisationen, bei denen Alfred Heer sich engagiert – Transparency International, die Korruption in der Schweiz bekämpft.

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