Welt in Serie

Tod des Tyrannen

Unterdrückung geschieht meist im Verborgenen. Befreiung hingegen erfordert einen Gewaltakt – der seinerseits zum Geheimnis werden muss.

Von Elisabeth Bronfen, 05.02.2019

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Es ist ein tradiertes Motiv des amerikanischen Westerns: Der tyrannische Schurke, der die Bewohner eines Ortes bedrängt, muss ausgeschaltet werden. Sein Tod ist die Bedingung für die Gründung der Gemeinde. Es braucht einen Bösewicht, gegen den man genötigt ist, gemeinsame Sache zu machen, können doch nur mit diesem Ziel vor Augen alle anderen internen Konflikte überwunden werden.

Die kollektiv verübte Gewalt schmiedet aber besonders dann einen affektiven Zusammenhalt, wenn das Verbrechen im Geheimen vollzogen wird. Das Bündnis zwischen den Schuldigen wird gestärkt durch das Geheimnis, das sie miteinander teilen. Es schliesst all jene aus, die an diesem klandestinen Wissen nicht teilhaben. Zugleich stiftet der Gründungsakt ein Narrativ, das einer seriellen Logik gehorcht. Das Verbrechen kann zwar verheimlicht werden, aber für die Eingeweihten darf es nicht in Vergessenheit geraten. Immer wieder in Erinnerung gerufen, erweist sich die wahre Geschichte, die nur sie kennen, als ebenso Gemeinsamkeit stiftend wie der gewaltsame Akt selber.

Eine zeitgemässe Neugestaltung erfährt dieses mythische Gründungs­narrativ, wenn es sich um die Gegenwehr von fünf Müttern in einer wohlhabenden Gemeinde in Kalifornien handelt; und wenn der Schurke ein erfolgreicher Geschäfts­mann ist, dessen charismatische Erscheinung eine obszöne Gewaltlust verdeckt. Die 2017 ausgestrahlte HBO-Serie «Big Little Lies» umkreist einen Todesfall, der sich während eines Kostümfests ereignet hat. Unterbrochen wird die Erzählung der Vorgeschichte durch die Untersuchung, die im Polizei­präsidium stattfindet. Es werden Zeugen befragt, die sowohl scharfe Beobachtungen wie auch bösartige Gerüchte preisgeben. Schnell entsteht ein Bild von Monterey als einer Gemeinde, die durch eine Vielzahl kleine Lügen, Selbst­täuschungen und Verleugnungen zusammen­gehalten wird.

Die Alpha-Mutter Madeline (Reese Witherspoon) stiftet fröhlich Rivalität unter den anderen Frauen, hat selber aber nicht nur mit ihrer pubertierenden Tochter Schwierigkeiten, sondern auch mit ihrem Eheglück. Es wird von ihrer Affäre mit einem Theater­regisseur getrübt, die sie ihrem Gatten nicht beichten kann. Die alleinstehende Mutter Jane (Shailene Woodley) wiederum behält für sich, dass ihr Sohn Ziggy (Iain Armitage) aus einer Vergewaltigung stammt. Die Beschuldigung, er hätte eines der Mädchen in seiner Schul­klasse gebissen, weist Jane kategorisch zurück. Sicher aber kann sie sich nicht sein, ob ihm nicht doch der Aggressions­trieb seines Vaters vererbt worden ist. Die kleine Amabella (Ivy George) schliesslich verschweigt, wer sie in der Schule quält.

Am grausamsten jedoch erweist sich die Selbst­lüge, mit der die ehemalige Rechts­anwältin Celeste (Nicole Kidman) nach aussen am Bild des trauten Heims festhält, obgleich sie den Gatten (Alexander Skarsgård), der sie wiederholt brutal verprügelt, verlassen will. Dass sich das Netz an kleinen Lügen an einem Kostüm­fest zu einer grossen Katastrophe zusammenzieht und der Feierlaune ein abruptes Ende bereitet, hat seine Logik. Die Heldinnen müssen plötzlich die Maske ablegen, hinter der sie sich bislang in ihrem Alltag voreinander versteckt haben.

In einem spontanen Akt der Solidarität überwinden sie ihre Eifersüchteleien, um Celeste gegen den lebens­bedrohenden Angriff ihres wutentbrannten Gatten zu verteidigen. Weil sich all die kleinen Kränkungen, die sie von ihrer Umwelt zu erfahren meinen, auf den Schläger projizieren lassen, kommt sein Tod einer Erlösung gleich. Als Stellvertreter aller bösen Mächte stürzt er die Stein­treppe hinter einer Veranda herab und entlastet somit auch die anderen Familien­mitglieder, die von dieser Tat nie erfahren werden.

Ambivalent ist die Botschaft in mehrfacher Hinsicht. Der obszöne Schurke wird nicht vorsätzlich hingerichtet, sein Tod ist vielmehr das Ergebnis einer glücklichen Fügung. Aus dem Widerstand gegen ihn ergibt sich endlich ein heimliches Bündnis zwischen den Frauen, das aber zugleich eine neue Serie von Lügen ins Leben ruft. Die Kommissarin, die die Untersuchung leitet, glaubt ihren Zeugen­aussagen nicht. Sie ist überzeugt, dass es sich nicht um einen Unfall handeln kann, beschreiben die fünf Frauen die Ereignisse der schicksalshaften Nacht doch auf genau dieselbe Weise. Was sie hingegen nicht versteht, ist, warum sie lügen. Sie beschliesst, die Verdächtigen weiterhin zu beobachten.

Die letzte Sequenz der Serie «Big Little Lies» macht jedoch deutlich, warum diese Lüge aus feministischer Sicht unverzichtbar ist. Nach dem Begräbnis gehen die fünf Frauen mit ihren Kindern an den Strand. Ihr gemeinsamer Blick auf den Horizont und die Brandung wird immer wieder unterbrochen durch Rückblenden, die uns erst jetzt – als kollektive Erinnerung – die Tötung des Tyrannen vor Augen führen. Die Naturgewalt des Pazifik und die kollektiv ausgetragene Gewalt im Herzen der Familien werden als Serie von Moment­aufnahmen miteinander verschränkt.

Als eine Gemeinschaft bildende Fantasie entsteht das Lügen­märchen eines absichtlichen Verbrechens. Es muss unaufgeklärt bleiben. Nur so wird es zum Geheimnis, das diese Frauen­truppe in ihrer mütterlichen Macht konsolidiert. Es darf aber auch nicht aus dem Gedächtnis verschwinden, da das Überleben der neugegründeten Gemeinschaft davon abhängig ist, dass alle überzeugt bleiben, dass sie dieses Geheimnis nie preisgeben können.

Die Stars Reese Witherspoon und Nicole Kidman, die diese Serie entwickelt und mitproduziert haben, lassen in der Geschichte auch Parallelen an die kurz darauf entstandene #MeToo-Bewegung erkennen. Auch dort gibt es eine gemeinschafts­stiftende Fantasie: In einem öffentlich ausgetragenen Akt der Solidarität kann man mächtige Figuren des Film­geschäfts zu Fall bringen, die über Jahrzehnte ihr obszönes Begehren anderen gewaltsam aufgedrängt haben. Dafür muss eine Verschwörung des Schweigens, die auf vielen kleinen Verleugnungen basiert, zerschlagen werden.

In «Big Little Lies» wird der Übergriff festgemacht an einem perversen Vater, der seine Gattin selbst am Anfang des 21. Jahrhunderts noch immer als seinen Besitz versteht. Darin spiegelt sich das erstaunlich hartnäckige Nach­leben einer Haltung der Bevormundung gegenüber Frauen – nicht nur in Hollywood –, die nur mit gewaltsamer Gegenwehr durchbrochen werden kann.

Die vielen kleinen Selbstlügen, mit denen eine Kultur der Einschüchterung aufrechterhalten wird, bezeugen aber zugleich, dass Schuld­zuweisungen nicht eindeutig verlaufen. Auf den gewaltsamen Übergriff eines obszönen Tyrannen mit Gegenwehr zu antworten, heisst, den Gegner mit den eigenen Waffen zu schlagen. In der regenerierten Gemeinde des wohlständigen Monterey muss dies jedoch ein Geheimnis bleiben, welches nur wir mit den Schuldigen – dem Peiniger und seinen legitimen Rächerinnen – teilen können.

Das Verdecken ist ebenso nötig wie aporetisch. Wir kommen aus der seriellen Schlaufe einer Eruption basaler Gewalt und deren Verdeckung nicht heraus. Aber wir brauchen die Lüge natürlich auch, damit es mit der Serie weitergehen kann.

Illustration: Michela Buttignol

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