Poesie & Prosa

Poesie der Unerbittlichkeit

Natascha Wodin: «Irgendwo in diesem Dunkel»

Wie lässt sich Unbeschreibliches beschreiben? Im Buch, das sie ihrem Vater widmet, blickt die deutsche Schriftstellerin auf eine Kindheit voller Gewalt zurück.

Von Sieglinde Geisel, 28.01.2019

Unabhängiger Journalismus kostet. Die Republik ist werbefrei und wird finanziert von ihren Leserinnen. Trotzdem können Sie diesen Beitrag lesen.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

Während des National­sozialismus wurden 20 Millionen Menschen in Deutschland versklavt, und doch gibt es, im Gegensatz zum Holocaust, keine literarische Auseinandersetzung, die sich mit dem Schicksal der Zwangs­arbeiter befasst. Neben Kriegs­gefangenen und KZ-Häftlingen fanden sich in den 30’000 Zwangsarbeiter­lagern etwa auch Sowjet­bürger, die aus den besetzten Gebieten angeworben oder verschleppt worden waren. Zu den 2,75 Millionen «Ostarbeitern» aus der heutigen Ukraine und dem Baltikum gehörten die Eltern der 1945 in Fürth geborenen Autorin Natascha Wodin.

Schweigen und verschwiegen werden

In ihren teilweise stark autobiografisch geprägten Romanen – im Schlüssel­roman «Nachtgeschwister» (2009) etwa verarbeitet sie ihre Beziehung mit dem Dichter Wolfgang Hilbig – geht es oft um Fremdheit und Isolation. Nachdem Natascha Wodin 1989 mit «Einmal lebt ich» bereits einen ersten Versuch unternommen hatte, ihre eigene Kindheit zu erzählen, hat sie nun zwei Bücher über ihre Eltern geschrieben. Zwangs­arbeiter seien «Menschen, die verschwiegen werden und die selbst schweigen», heisst es in «Irgendwo in diesem Dunkel», dem Buch über ihren Vater. Zuvor hatte Wodin bereits die Suche nach den Spuren des Lebens ihrer Mutter veröffentlicht: «Sie kam aus Mariupol» wurde 2017 mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse.

Die beiden Bücher überschneiden sich passagenweise, und doch erzählen sie zwei verschiedene Geschichten. Vor allem unterscheiden sie sich in der Stimmung. Natascha Wodins Buch über ihre Mutter, die sich 1956 in einem Fluss ertränkte, ist getragen von Wärme und Mitgefühl, bei aller Tragik hat es auch etwas Lichtes. Mit dem Vaterbuch dagegen betreten wir eine Zone der Kälte. «Als Kind und als Jugendliche hatte ich meinem Vater inbrünstig den Tod gewünscht», heisst es bereits auf den ersten Seiten.

Wodin erzählt uns eine Kindheit voll von Ungeheuerlichkeiten. Anders als die Mutter ist der Vater nicht nur ein Opfer der Geschichte, sondern innerhalb der Familie auch ein Täter. Die ersten fünf Jahre hauste die kleine Familie als displaced persons in der Scheune eines Bauern, dann kam sie in die «Häuser», eine Baracken­siedlung für ehemalige Zwangs­arbeiter.

Vom Waisenhaus ins Mädchenheim

Als die Mutter sich das Leben nimmt, ist Natascha zehn Jahre alt, ihre Schwester vier. «Er hatte im Treppenhaus nicht auf mich gewartet, sondern auf den Schlüssel», heisst es lapidar, als der Vater zwei Wochen später endlich von einer Tournee mit dem Kosaken­chor nach Hause kommt. Da er sich ausserstande sieht, für seine Töchter zu sorgen, übergibt er Natascha einer hart­herzigen Kriegs­witwe zur Pflege. Es folgen ein Waisenhaus und fünf Jahre in einem katholischen Mädchen­heim, bevor Natascha zu ihrem gewalt­tätigen, trinkenden, schweigenden Vater zurückkehrt. Dabei hatte sie schon fast vergessen, dass sie «irgendwo draussen in der Welt noch einen Vater hatte».

Nichts in diesem Buch ist erfunden, und doch ist es keine blosse Auto­biografie, sondern ein auto­biografischer Essay, der sich ästhetisch klar auf dem Feld der Literatur bewegt. Literarisch ist zum einen die Sprache, mit der Natascha Wodin das Erlebte, Erinnerte und Recherchierte erzählt; es ist eine Sprache, die nichts beschönigt und die gerade daraus eine Poesie der Unerbittlichkeit gewinnt. Literarisch ist auch die Verflechtung der drei Erzähl­ebenen, aus denen dieses Buch besteht, denn zur Ebene der Kindheit sowie zur Recherche nach der Geschichte des Vaters kommt eine – erinnerte – erzählerische Gegenwart.

Wir sehen die Ich-Erzählerin im Jahr 1989 am Sterbebett (später dann neben dem Sarg) des im Jahr 1900 geborenen Vaters stehen. «Beinahe ein ganzes Jahrhundert drängte sich zusammen in seiner winzig gewordenen Gestalt, in seinem verdorrten, erstarrten Körper, den das Leben so hart gemacht hatte, dass er nicht sterben konnte.» Natascha Wodin nimmt keine Zuflucht zur Psychologie, sie erzählt von dem, was man nicht erklären, sondern nur aushalten kann. «Früher hatte er mich mit seiner Gewalt an sich gefesselt, jetzt tat er es mit seinem Leiden und seiner Hilflosigkeit.»

Übergriffe

Neben dem sterbenden Vater erinnert sie sich an die Schrecken ihrer Kindheit. «Mit einer Hand hielt er mich fest, während die zweite auf mich niederging, als wäre ich ein besonders hartes Stück Holz.» Je ungeheuerlicher die Vorgänge, desto kühler ist dabei der Ton. Als die Tochter in die Pubertät kommt, beginnt sich der Vater für ihre schmutzige Unter­wäsche zu interessieren, er kommt zu ihr ins Bett, beinahe vergewaltigt er sie. Später sperrt er sie in ihrem Zimmer ein und nagelt das Fenster zu; hätte ihre Schwester ihr nicht durch ein Loch in der zerbrochenen Fenster­scheibe heimlich Brot und Wasser gereicht, wäre sie wohl verdurstet. Die sechzehn­jährige Natascha reisst aus, der unbekannte Mann, dem sie sich in ihrer Naivität in der Stadt anvertraut, vergewaltigt sie. Sie ist schwanger und treibt sich das Kind selbst ab, nachdem ein Besuch beim Frauen­arzt sich als nutzlos erwiesen hatte. «Niemand hätte mir geglaubt, dass ich vergewaltigt worden war, aber es gab auch niemanden, dem ich es hätte sagen können.» Eine Ungeheuerlichkeit folgt der anderen.

Das Schweigen ist ein Leitmotiv ihrer Nachforschungen: «Weil das Eigentliche unaussprechlich war, war bei uns immer alles unaussprechlich gewesen, schon die simpelste, belangloseste Wahrheit war so etwas wie Gift, das auf keinen Fall in den Mund genommen werden durfte.» Der Titel «Irgendwo in diesem Dunkel» meint das Leben des Vaters, es bleibt, trotz aller Recherchen der Autorin, buchstäblich im Dunkeln. Von der Kindheit ihres Vaters weiss Wodin nur, dass seine Eltern beide an Typhus starben, als er zwölf war, und dass er dann für die drei jüngeren Brüder sorgen musste; das Häuschen der Eltern habe er in der Not «für einen Sack Mehl» verkauft, so heisst es. Über die nächsten drei Jahrzehnte seines Lebens kann die Tochter kaum etwas herausfinden.

Nur durch einen Zufall erfährt sie, dass ihr Vater bereits einmal verheiratet gewesen war, bevor er ihre fünfzehn Jahre jüngere Mutter heiratete; und sie erfährt, dass sie nicht sein erstes, sondern sein drittes Kind war. Es gelingt ihr, einen Bruder des Vaters ausfindig zu machen, doch als dem Onkel klar wird, dass sein Bruder die erste Ehe verschwiegen hatte, meint er: «Wenn dein Vater dir nichts erzählt hat, darf ich dir auch nichts erzählen.» Das Schweigen ihres Vaters, so erkennt die Autorin, «breitete sich aus wie Ringe auf dem Wasser».

Hatte sich bei den Nachforschungen zur Herkunft ihrer Mutter in «Sie kam aus Mariupol» eine Tür nach der anderen geöffnet, bis schliesslich das ganze sowjetische Jahrhundert aufgeblättert vor uns liegt (eine ähnliche Lese­erfahrung übrigens wie in Maria Stepanovas «Nach dem Gedächtnis»), kann die Autorin bei den Recherchen zu ihrem Vater immer nur einen kurzen Blick durch den Spalt werfen, bevor die Tür sich wieder schliesst. Unerforschlich bleibt auch, unter welchen Umständen der Vater und seine Frau 1944 aus der Ukraine ins Zwangsarbeiter­lager nach Leipzig kamen.

Deutschland im Koma

Natascha Wodin erzählt nicht nur von einer traumatischen Kindheit, sie erzählt auch von einem traumatisierten Deutschland. «Das herrschende Schweigen war noch ganz ohne Risse und Lücken – ein Land im Koma, aus dem es nicht erwachen konnte nach dem Grauen.» Aus der Perspektive des Zwangsarbeiter­kindes, das sich vorkam wie «irgendein unverständliches, namenloses Abfall­produkt des Krieges», lernen wir ein unbekanntes Nachkriegs­deutschland kennen.

Wer aus den «Häusern» kam, lebte in einer «Welt ausserhalb der Welt». Die deutschen Kinder riefen Natascha «Russki» nach, «Russla», «Russensau», «Russenlusch» – rückblickend erkennt die Autorin in den Kindern die Erfüllungs­gehilfen der Erwachsenen, «Akteure in einem Schatten­spiel, dessen Sujet sie nicht kannten». Der Vater verschliesst sich sowohl der deutschen Sprache als auch dem deutschen Essen. Umso mehr sehnt sich die Tochter nach allem Deutschen: «Ich wollte deutsche Eltern haben, in einem deutschen Haus wohnen, wollte Ursula oder Susanne heissen.»

In diesem Buch gibt es keine Anspielungen auf heute, die Erzählung bleibt ganz in ihren eigenen Zeiträumen. Und doch ist die Lektüre eine Konfrontation mit der Gegenwart. Wie viele Menschen gibt es, die in einer Welt ausserhalb der Welt leben? Wo wird, mitten unter uns, geschwiegen? Wie viele solcher Geschichten werden nicht erzählt?

Der Link zum Buch

Natascha Wodin: «Irgendwo in diesem Dunkel», Rowohlt, Berlin 2018, 224 Seiten, ca. 30 Franken. Hier gehts zur Leseprobe.

Zur Autorin

Sieglinde Geisel, Kulturjournalistin und Buchautorin in Berlin, ist Gründerin und Leiterin von «tell» – Onlinemagazin für Literatur und Zeitgenossenschaft. Ende 2018 erschien im Zürcher Kampa-Verlag in Buchform das lange Gespräch zwischen ihr und Peter Bichsel: «Was wäre, wenn?». Ein bearbeiteter Auszug davon ist in der Republik erschienen. Zuletzt schrieb Sieglinde Geisel in der Republik über Stephen Greenblatts Shakespeare-Abhandlung und über ihr Leben als Gutmensch.

11

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!


seit 2018