Ein Paar hat sich mit anderen Trauernden in Danzig versammelt und verfolgt die Beisetzung des ermordeten Stadtpräsidenten Paweł Adamowicz auf einer Leinwand. Omar Marques/SOPA Images/LightRocket via Getty Images

Gdańsk, Sound of Violence

Das tödliche Attentat auf Paweł Adamowicz, den liberalen Stadtpräsidenten von Danzig, wird zum Symbol eines hasserfüllten Kulturkampfes. Polen ist gespalten, Politik und Medien schüren die Feindseligkeit.

Von Emilia Smechowski, 25.01.2019

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Die Sterbeurkunde trägt den polnischen Adler, sie ist mit «Republik Polen» überschrieben, am oberen rechten Rand haben sie sein Foto eingefügt. «Name: Paweł. Nachname: Adamowicz. Öffentliche Funktion: Stadt­präsident Danzigs. Todesursache: Liberalismus, Multi­kulturalismus, Dummheit.»

Dieses Schriftstück ist nicht echt, es wurde bereits eineinhalb Jahre vor dem Tod des Danziger Bürger­meisters angefertigt. Verfasst hat es die sogenannte Allpolnische Jugend, eine rechtsextreme Organisation. Die Staats­anwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen sie ein, das Schriftstück, hiess es, sei nicht als Drohung zu verstehen, lediglich als «Ausdruck von Unzufriedenheit». Damit ist schon viel gesagt über die Situation des Landes, in dem die öffentliche Sprache immer brutaler geworden ist. Und es sagt auch etwas aus über den Mord an Paweł Adamowicz.

Am 13. Januar stand der Stadtpräsident bei der grössten Benefiz­veranstaltung des Landes auf einer Bühne in der Danziger Altstadt, es war kurz vor 20 Uhr, er zählte einen Countdown runter, gleich sollte ein Feuerwerk losgehen. Da rannte ein junger Mann auf die Bühne und stach Paweł Adamowicz mit einem Messer nieder. Adamowicz wurde sofort reanimiert und dann ins Krankenhaus gebracht, die anschliessende Operation dauerte fünf Stunden, 41 Blutkonserven sollen verbraucht worden sein. Am folgenden Tag um 14.03 Uhr verstarb Paweł Adamowicz. Die Wunden am Herzen und an anderen Organen waren zu schwer, die Messer­klinge soll laut Staats­anwaltschaft fast 15 Zentimeter lang gewesen sein.

Wichtiger Hafen an der Ostsee

Die ehemalige Hansestadt Danzig (polnisch: Gdańsk) ist mit rund 460’000 Einwohnern die sechst­grösste Stadt Polens, im gesamten Ballungs­raum leben etwa 1,2 Millionen Menschen. 1980 war die Danziger Werft Zentrum der grossen und letztlich landesweiten oppositionellen Streik­bewegung der Gewerkschaft Solidarność.

Der Täter Stefan W., ein 27 Jahre alter Mann, ein verurteilter Bankräuber, war Anfang Dezember erst aus dem Gefängnis entlassen worden. Nach den Messer­stichen hatte er auf der Bühne sogar noch Gelegenheit, für wenige Sekunden das Mikro zu ergreifen, bevor er von Sicherheits­leuten überwältigt wurde. «Ich habe unschuldig im Gefängnis gesessen», schrie er, «in der Regierungszeit der Bürger­plattform. Deshalb musste Adamowicz sterben.» Paweł Adamowicz war bis 2015 Mitglied der Partei Bürger­plattform (PO) gewesen. Das Video von der Tat verbreitete sich schnell im Internet.

Seitdem diskutieren die Polen, wie es so weit kommen konnte, dass ausgerechnet in ihrem Land ein Politiker auf offener Bühne ermordet wird. Und ob und inwiefern die Tat politisch motiviert war.

Was dabei zur Sprache kommt, reicht weit hinter den 13. Januar 2019 zurück.

Seit 1989 geht ein Riss durchs Land, der in den vergangenen Jahren immer tiefer wurde. Zwei Lager, die vor über dreissig Jahren noch in der Solidarność für die Freiheit Polens gekämpft hatten, zerstritten sich über der Frage, wie diese Freiheit erkämpft worden war. Die Seite, auf der unter anderem Jarosław Kaczyński und sein Zwillings­bruder standen, war der Meinung, es seien zu viele Kompromisse mit der kommunistischen Regierung gemacht worden; die andere Seite, unter anderem vertreten durch Lech Wałęsa, hielt dagegen, nur deshalb sei die Revolution unblutig verlaufen.

Die politische Spaltung des Landes setzte sich in der Gesellschaft fort. Die einen Polen sahen sich als Gewinner, die anderen als Verlierer des System­wechsels. Die einen blühten förmlich auf in der frisch eingeführten Markt­wirtschaft, die anderen verloren Jobs und Anschluss, fühlten sich abgehängt. So richtig versteht kaum jemand in Polen, wie dieser anfangs feine Riss durch die Gesellschaft sich so sehr vertiefen konnte, dass er heute auch durch Freundschaften geht, durch Familien und Ehen.

Die Gewerkschaft Solidarność war eine wichtige Inspiration für Paweł Adamowicz: Streikende Arbeiter der Lenin-Werft im August 1980. Vesa Klemetti/Lehtikuva Oy/Keystone

Mittlerweile wird weniger um die Vergangenheit gestritten als vielmehr um Gegenwart und Zukunft: Soll Polen ein freies Land sein, offen gegenüber Europa und dem Westen? Oder soll es sich verschliessen, sich um das Eigene, das «Polnische» kümmern, wie es nicht nur der Allpolnischen Jugend vorschwebt?

Seit 2015 geht die rechtskonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) den zweiten Weg. Sie setzt willfährige Richter ein, kämpft für ein Abtreibungs­verbot, ändert die Lehrpläne an Schulen und hetzt gegen Minderheiten und Flüchtlinge, manchmal schlicht auch gegen Vegetarier und Radfahrer – als Sinnbilder für den verhassten Westen. Die Menschen, die sie wählen, wohnen hauptsächlich im Osten und auf dem Land, während die Grossstädte eher liberal eingestellt sind. Auch auf kommunaler Ebene. Paweł Adamowicz regierte in Danzig über zwanzig Jahre, bei seiner letzten Wahl war er als parteiloser Kandidat angetreten.

An diesem Wahlsonntag im vergangenen Oktober sah es zunächst gar nicht so gut aus für ihn. Ein anderer Kandidat, ebenfalls aus dem liberalen Lager, lag in den Umfragen knapp vor ihm. Und so war ich erstaunt, wie ruhig Paweł Adamowicz wirkte, als ich ihn an diesem Tag zufällig in einem Fischlokal an der Danziger Bucht traf. Er war mit seinen Eltern dort, es war ein sonniger Mittag, das Lokal ist ein beliebtes Ziel auf der Insel Sobieszewo, wo die Danziger am Meer spazieren oder Vögel beobachten können. Ich weiss nicht, wie oft Paweł Adamowicz dort zu Gast war. Aber die Selbst­verständlichkeit, mit der die Gäste den Bürger­meister einfach seinen Fisch essen liessen, hatte etwas Liebevolles.

Ein strenggläubiger, weltoffener Katholik

Wenn man Danziger heute zu Paweł Adamowicz befragt, hat fast jeder und jede eine eigene Anekdote zu ihm parat. Ich habe ihm mal die Hand geschüttelt, wir haben mal über dies und das geredet – solche Sätze hört man ständig. Die Menschen sagen, es fühle sich für sie an, als hätten sie einen Vater verloren. Er war keine Berühmtheit in dem Sinne, er gehörte einfach dazu. In dem Fischlokal war ich die Einzige, die ständig den Kopf nach ihm drehte.

Am Abend, als die ersten Wahlstimmen ausgezählt waren, wurde klar: Paweł Adamowicz war in seinem Amt ein fünftes Mal bestätigt worden.

Paweł Adamowicz war ein strenggläubiger Katholik. Und doch einer, der sich umso mehr anderen Lebens­welten gegenüber geöffnet hat, je älter er wurde. Das erzählen Lokal­politiker, die mit ihm zu tun hatten, man hört es aus Bürger­initiativen und schwul-lesbischen Gruppen der Stadt: Die Gesellschaft in Polen driftete nach rechts, Adamowicz in Danzig hingegen sprach sich für Menschen jeder Nationalität, jeden Glaubens und jeder sexuellen Orientierung aus. 2017 lief er erstmals bei der Schwulen­parade mit, für einen polnischen Bürger­meister ist das keine Selbstverständlichkeit.

In den 1980er-Jahren stand Adamowicz in der ersten Reihe der Solidarność, er organisierte den Streik an der Danziger Uni, es gibt ein Video von ihm, wie er – ein grosser Mann mit grosser Brille – durch die Strassen Danzigs läuft und «so-li-darność!» skandiert, beide Hände zu Peace-Zeichen geformt. Er hat Jura studiert, im Untergrund Zeitungen heraus­gegeben, war Katholik und Lokalpatriot. Bei fast jeder Rede erwähnte er, wie sehr er Danzig liebe, aber er war auch ein überzeugter Europäer, einer, der wusste, dass Nationen heutzutage keine Zukunft haben, wenn sie sich isolieren. Als am vergangenen Dienstag Angela Merkel und Emmanuel Macron einen neuen Freundschafts­vertrag zwischen Deutschland und Frankreich unter­zeichneten, erwähnte der EU-Ratspräsident Donald Tusk in seiner Rede seinen Freund Paweł Adamowicz, «einen Europäer mit Leib und Seele». Donald Tusk wurde in Danzig geboren.

In den Stunden nach Paweł Adamowiczs Tod wirkt es zunächst, als gehe das Leben in Danzig normal weiter. Zeitungen auf der ganzen Welt schreiben, das Land stehe still, es sei erstarrt, Polen weine. Aber an diesem Montag­nachmittag fahren die Trams weiter, die Jogger joggen, das Nagelstudio der Ukrainerinnen ist voll wie immer. Ein Mann steht vor einer Mall und erörtert am Telefon die Motive des Täters, um gleich danach die Einkaufs­liste für den Abend durchzugehen.

Als ich meine Tochter von der Kita abhole, sehe ich eine Mutter mit verweinten Augen, die ihrem Kind den Schnee­anzug überzieht. Ich frage die Erzieherin, ob den Kindern erzählt wurde, was passiert sei. Sie scheint zunächst nicht zu wissen, wovon ich spreche, dann sagt sie: «Ach so, das, nein, dafür sind die Kinder ja zu klein.» Mord kann man Vier- und Fünfjährigen schwer erklären.

Meine Tochter aber ist vom Tod gerade sehr fasziniert, deshalb hat sie nichts dagegen, als ich ihr mitteile, dass wir nun in die Altstadt fahren werden, weil heute ein wichtiger Politiker der Stadt gestorben sei und sich die Danziger am Neptun­brunnen träfen, um gemeinsam traurig zu sein und Kerzen anzuzünden. «Wie war es in der Kita?», frage ich. «Gut», sagt sie. «Aber Religion fiel aus. Der Priester musste irgendwo anders sein, ich weiss nicht, wo.»

Und wenn der Täter Ausländer gewesen wäre?

Als wir in der Tramlinie 6 sitzen, um kurz vor 18 Uhr voll wie immer, fällt mir eine Frage ein, die mir schon viele Polen gestellt haben, seit wir aus Berlin hierher­gezogen sind: Wie das denn sei in Deutschland, ob man dort überhaupt noch sicher sein könne, «wo doch jetzt so viele Flüchtlinge dort leben». Die Menschen wollen das wirklich wissen, ihre Frage ist nicht rhetorisch oder böse gemeint. Sie kommt aber auch nicht aus dem Nichts. Die Propaganda wird in Polen vor allem über die regierungs­nahen Medien verbreitet: Polen werde nur dann ein sicheres Land bleiben, wenn es keine Flüchtlinge aufnehme. Flüchtlinge nämlich, vor allem muslimische, sorgten für Terror und Angst weltweit. Und wenn ich dann erzähle, dass das nicht der Fall sei und ich mich genauso durch Berlin und Deutschland bewege wie sonst auch, und ich überhaupt finde, dass es unsere Pflicht als Europäer sei, Flüchtlingen zu helfen, ergibt sich fast immer ein interessantes Gespräch. Wer fragt und nicht feststellt, will eben doch etwas wissen.

Nun ist der Stadtpräsident von Danzig von einem Polen angegriffen worden. Und so banal diese Aussage ist: Wäre der Täter ein Ausländer, würde das Land eine komplett andere Diskussion führen. Ein Mord an einem Stadt­präsidenten ist nicht nur eine furchtbare Tragödie, in erster Linie für seine Familie und Freunde. Er wird in diesen Zeiten auch politisch missbraucht. «PiS-Mörder», «Kaczyński und sein Gefolge haben jetzt Blut an den Händen»: Das sind nur zwei der unzähligen Kommentare, die wenige Stunden nach Adamowiczs Tod im Netz auftauchten – unter dem Ausschnitt einer Rede des Präsidenten Andrzej Duda von der PiS, der Ruhe und stille Trauer anmahnte.

Dabei war gerade sie es, die den Hass in der Sprache in den vergangenen Jahren immer wieder befeuert hat. Die sogenannte Hassrede zeigt sich in Polen nicht nur als verletzender, zum Teil gewaltvoller Kommentar im Netz. Jarosław Kaczyński, Chef der PiS und so etwas wie der Schatten­herrscher Polens, sorgte nach den Wahlen dafür, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen komplett umgebaut wurde. Die Sendeanstalt bekam einen neuen Chef und neue Mitarbeiter, die Ansprache, die nun zu den Bürgern drang, änderte sich dramatisch. Opposition und Regierung beschimpften sich gegenseitig: «Verräter», «Kanaillen», «Heuschrecken», Wörter wie diese liefen zum Teil in den Abend­nachrichten. Ein Journalist eines rechten Magazins sagte in einer Sendung, Paweł Adamowicz sei «der Krebs der polnischen Gesellschaft».

Menschen wie der Warschauer Politpsychologe Michał Bilewicz sagen nun, der Mord am Stadt­präsidenten sei sehr wohl ein politischer, denn er sei politisch begründet worden und eine Folge der hasserfüllten Sprache in der Politik.

Ein Zeichen gegen den Rechtsruck und für Toleranz: Paweł Adamowicz (Mitte) nimmt im Mai 2017 an einer Parade der LGBT-Bewegung teil. Michal Fludra/NurPhoto via Getty Images

Man weiss mittlerweile, dass der Mörder psychisch krank ist, er soll unter paranoider Schizophrenie leiden. Im Gefängnis soll er medikamentös behandelt worden sein, kurz vor seiner Entlassung habe er die Tabletten aber abgesetzt, heisst es in polnischen Medien.

Doch auch psychisch kranke Menschen leben ja nicht isoliert auf einer Insel.

Sie sind Teil unserer Gesellschaft, sie nehmen Stimmungen wahr, sie hören und sehen Nachrichten, sie sind im Internet unterwegs. In polnischen Gefängnissen läuft ausschliesslich öffentlich-rechtliches Fernsehen, Stefan W. sass fünfeinhalb Jahre ab. Wie genau es zu dieser Tat kam, wird ein Gericht klären, die Staats­anwaltschaft ermittelt wegen Mordes. Bewegt man sich aber Tag für Tag im Netz und schaut man regelmässig Abend­nachrichten, wird klar: Die polnische Gesellschaft ist mittlerweile auf Erregung gepolt. Im Alltag, auf der Strasse, ist der Hass kaum spürbar, aber in die sozialen Netzwerke, in die Nachrichten und Feuilletons ist ein derart apokalyptischer und gewaltvoller Ton eingezogen, als würden all die Kommentatoren und sogenannten Journalisten bei ihrer Arbeit die Messer wetzen.

Die üblichen Appelle an die Vernunft

Vereinzelt hörte man schon am Tag, als der Bürger­meister noch schwer verletzt im Krankenhaus lag, nun müsse Schluss sein mit der gewaltvollen Sprache, nun bestehe die einmalige Chance, dass sich das Land wieder vereine. Ein paar Politiker sprachen sich so aus, ein paar Künstler und Priester.

Solche Sätze fallen in Polen immer, wenn sich eine Tragödie ereignet. Der Tod des polnischen Papstes Karol Wojtyła oder der Flugzeug­absturz über dem russischen Smolensk markierten eine ähnliche Zäsur. Auch da hiess es: Wir dürfen den Hass nicht gewinnen lassen. Wir müssen zusammen­stehen. Wir legen die Messer nun nieder.

Nur hielten diese Appelle nie lange an.

Aus der Tragödie in Smolensk im Jahr 2010, bei der Vertreter der Regierung, unter anderem der Zwillings­bruder von Jarosław Kaczyński, ausgerechnet ins russische Katyn unterwegs waren, um der Opfer eines Massakers zu gedenken, wurde nur wenige Tage später eine Verschwörungs­theorie. Obwohl eine unabhängige Kommission zu dem Ergebnis kam, der Absturz sei aufgrund schlechten Wetters und eines technischen Versagens erfolgt, behauptet Jarosław Kaczyński bis heute, es habe sich um ein Attentat der Russen gehandelt, durchgeführt in Zusammen­arbeit mit der polnischen Opposition.

Auch der Mord an Paweł Adamowicz ist so symbolträchtig, dass man es fast nicht glauben kann.

Adamowicz starb in Danzig, der Stadt, die wie keine andere für Freiheit und Solidarität steht. Er starb während einer Charity­veranstaltung, die enorm beliebt ist bei allen Polen. Das «Grosse Orchester der Weihnachts­hilfe» sammelt jedes Jahr Geld für Kinder­kranken­häuser. Es ist eine der wenigen Aktionen, die das Land vereinen, manche Polen sagen, der Tag des Spenden­finales sei ihnen fast so wichtig wie Heiligabend, so eine positive Energie gehe an diesem Tag durchs Land. Kurz vor dem Attentat stand Paweł Adamowicz auf der Bühne und zählte ausgerechnet einen Countdown ab. Einer seiner letzten Sätze war: «Es ist eine grossartige Zeit, um Gutes zu teilen.» Sein Tod, sagen manche, stehe nun für den Tod des vereinten Polens.

Eine nicht enden wollende Schlange der Anteilnahme: Menschen wollen sich im Solidarność-Zentrum in Danzig ins Kondolenzbuch eintragen. Miroslaw Pieslak/Maxppp/Keystone

Meine Tochter und ich laufen den berühmten Langen Markt entlang, auf dem im Sommer die Touristen Bernstein oder Zucker­watte kaufen und die Kinder sich bunte Strähnen in die Haare flechten lassen. Menschen mit Grablichtern laufen in dieselbe Richtung, einige tragen Flaggen mit dem Danziger Wappen. Die Souvenir­läden haben geschlossen, ein Mitarbeiter der Pizzeria Napoli aber versucht wie immer, die Menschen von der Strasse in sein Restaurant zu winken. Der Platz vor dem Rathaus füllt sich, am Ende werden es Tausende sein, und als die Gedenkfeier beginnt, gibt es ein paar kurze Ansprachen. Ein Schauspieler, ein Rabbi, ein Priester, die Stellvertreterin des Bürger­meisters – und wieder Donald Tusk. Sie sprechen angenehm kurz, fast tonlos, und da fällt mir auf, wie selten es doch geworden ist, dass bei solchen Gedenk­feiern in Polen der Tote nicht gleich zum polnischen Helden, zum Märtyrer auserkoren wird.

«Mama, warum weinst du?»

Es folgt eine Minute des Schweigens. Die Menschen haben ihre Mützen und Kapuzen herunter­gezogen und lauschen dem Klang der Stille. Es ist sogar so still, dass man die zwei Kamera­drohnen hören kann, die über der Menge schwirren. Und gerade als ich denke, nun wird es weitergehen, nun wird der Nächste ein paar Worte sagen, ertönt aus den Boxen eine gewaltige Männer­stimme, die singt. «Sound of Silence», die Version der US-amerikanischen Metal-Band «Disturbed», erfüllt den Platz und die Strassen ringsum.

Wir stehen da wie erstarrt, den Menschen um mich herum laufen die Tränen runter. Wie soll ich in diesem Moment Reporterin bleiben, in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, in der meine Oma ebenfalls an der Uni für die Solidarność kämpfte, in der ein Teil meiner Familie immer noch wohnt? Zum ersten Mal in diesem Jahr, in dem ich in Danzig wohne, frage ich mich, wie es weitergehen soll mit diesem Land, mit dem Hass und dem Schweigen auf beiden Seiten. Zum ersten Mal fühle ich mich als Danzigerin. Meine Tochter fragt: «Mama, warum weinst du?»

Ein paar Minuten später, um 19.30 Uhr, beginnen die Abend­nachrichten. Die Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zeigt Regierungs­mitglieder, die zur Ruhe mahnen, und Politiker der Opposition, die «sich leider nicht daran halten». Kurz wird der Wunsch der Familie erwähnt, die Tat politisch nicht zu instrumen­talisieren. Es ist, als sässe man sprichwörtlich im falschen Film.

In den Tagen danach teilt die Kita uns mit, dass die Fasnacht in diesem Jahr verschoben wird. Schwimm­bäder sagen Wettkämpfe ab, viele Cafés entscheiden sich, tagelang keine Musik zu spielen. Die Schlangen der Menschen, die sich im Solidarność-Zentrum der Stadt ins Kondolenz­buch eintragen wollen, werden nicht kürzer. Mein Cousin erzählt, dass seine Frau jeden Abend weine und sein Sohn sich komplett verschlossen habe. Im Parlament verlässt Jarosław Kaczyński vor der angekündigten Schweige­minute für den Danziger Bürgermeister den Saal.

Am Samstag, dem 19. Januar, ist Paweł Adamowicz beigesetzt worden. Er wurde 53 Jahre alt, er hinterlässt eine Frau und zwei Töchter.

Im kommenden Herbst sind Parlaments­wahlen. Laut Umfragen liegt die PiS derzeit bei etwa 45 Prozent, die Opposition ist schwach. Die meisten politischen Kommentatoren glauben an eine Wiederwahl.

Zur Autorin

Emilia Smechowski, Jahrgang 1983, ist freie Autorin und Reporterin und lebt seit März 2018 in Danzig. Ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Reporter­preis. In ihrem Buch «Wir Strebermigranten», das 2017 erschien, erzählt sie von der Flucht ihrer polnischen Familie Ende der Achtziger­jahre, dem Ankommen in Deutschland, von Integration und (Über-)Assimilation. In Kürze zieht sie zusammen mit ihrer Tochter von Danzig zurück nach Berlin, wo sie bereits bis Anfang 2018 gelebt hat.

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