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Theorie & Praxis

Shakespeares Tyrannen sind wieder im Amt

Stephen Greenblatt: «Der Tyrann»

Es klingt wie ein Kommentar zu Trump und anderen Mächtigen: In seinem neuen Buch liest der US-amerikanische Theoretiker des New Historicism Shakespeares Dramen durch die Gegenwartsbrille.

Von Sieglinde Geisel, 16.01.2019

In Amerika ist die politische Normalität aus dem Gleichgewicht geraten. Der Begriff des Tyrannen kehrt in den Diskurs zurück: Nachdem es für Donald Trump und seine Wähler normal geworden ist, Presse und Wissenschaft pauschal zu diskreditieren, wenden sich nun Wissenschaftler gegen seine Demagogie. Mit der Streitschrift «Über Tyrannei» hat der Historiker Timothy Snyder im vergangenen Jahr einen Bestseller gelandet. «Der Tyrann» heisst das neuste Buch des Shakespeare-Forschers Stephen Greenblatt, gemäss dem deutschen Untertitel «Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert».

In der Danksagung am Schluss des Buchs erzählt Greenblatt, wie es zu dem Buch kam: Nach der Wahl von Trump habe er am Esstisch ständig laut gegrübelt «über Shakespeares unheimliche Relevanz für die politische Welt, in der wir uns nun befinden», bis seine Frau und sein Sohn ihn schliesslich dazu gedrängt hätten, das Thema anzupacken.

Stephen Greenblatt ist kein Schnellschreiber. Normalerweise braucht er sieben Jahre für ein Buch, doch «Der Tyrann» war nach einem Jahr fertig. «Daran sehen Sie, wie sehr es mich gedrängt hat», sagt der 75-jährige Literaturwissenschaftler im Gespräch. «In meiner Lebenszeit hatten wir noch nie einen Präsidenten, der die Presse als enemy of the people bezeichnete oder der gar dazu aufrief, politische Gegner einzusperren.» Greenblatt versucht gar nicht erst, seine Fassungslosigkeit zu verbergen. «Wir haben einen Präsidenten, der sich mit spastischen Bewegungen über Behinderte lustig macht. Es gibt kein Gesetz, das das verbietet – man macht es einfach nicht! Es ist nicht normal, dass ein amerikanischer Präsident sich so benimmt!»

Der mediale Lärm als Zensur

Obwohl sich «Der Tyrann» gegen Trump richtet, kommt der Name Trump im Buch nicht vor. Eine bewusste Entscheidung des Autors, denn die direkte politische Kritik habe in der heutigen Gesellschaft keine Wirkung mehr. In Anspielung auf den Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi sagt Greenblatt mit abgründiger Ironie: «Regierungen, die sich auf der Höhe der Zeit befinden, haben begriffen, dass man Dissidenten heute nicht mehr ins Konsulat locken und mit der Knochensäge zerlegen muss.» Damit habe Saudiarabien nur seine Rückständigkeit bewiesen.

Regierungen auf der Höhe der Zeit – sophisticated regimes – erzeugten mit der nie nachlassenden Flut von erregten Tweets und Skandalen einen Lärm, der wirksamer sei als jede Zensur. «Ich kann noch so laut schreien gegen Trump, Putin, Salvini, Erdogan und wen auch immer – damit trage ich nur zum allgemeinen Lärm bei.» Deshalb zieht Greenblatt es vor, die Stimme zu senken und mit einer verschobenen Perspektive auf die Gegenwart zu blicken, indem er einem Autor zuhört, der vor vierhundert Jahren geschrieben hat. «Wäre ich Primatenforscher, würde ich jetzt wohl über Schimpansen schreiben, um mich zur gegenwärtigen Situation zu äussern. Da ich mein Leben lang das Werk von William Shakespeare erforscht habe, schreibe ich eben über Shakespeare.»

Mit seiner Shakespeare-Biografie «Will in the World» (2004) hat Stephen Greenblatt ein Standardwerk geschaffen. Sein Interesse an Shakespeare und der Literatur der Renaissance ist nicht nur akademisch: Mit der Über­zeugung, ein historisches Werk müsse immer wieder neu interpretiert werden, ist er in den 1980er-Jahren als Begründer des New Historicism bekannt geworden. Shakespeare hat ihn nie nur aus historischen Gründen interessiert: «Ich bin davon überzeugt, dass sich die Vergangenheit in einer tiefen Gesprächsbeziehung mit der Gegenwart befindet.»

In seinem neuen Buch unternimmt Greenblatt eine Gratwanderung. Einerseits geht es ihm um Shakespeare und seine Deutung des Tyrannen in der Politik. Anderseits liest er Shakespeare konsequent mit Blick auf die Gegenwart. Eine der Fragen, die Shakespeare sich durch sein ganzes Werk hindurch gestellt hat, stellen wir uns heute ebenfalls: «Unter welchen Umständen wirken Zeichen von Verlogenheit, Rohheit oder Grausamkeit nicht abstossend, sondern attraktiv, ja erregen sogar glühende Bewunderung?» So führt uns Greenblatt auf den ersten Seiten von «Der Tyrann» an sein Thema heran.

Politiker und Heuchler

Detailliert und anschaulich schildert Greenblatt das Umfeld, in dem Shakespeare seine Stücke schrieb. Wenige Jahrzehnte nach der Reformation hatte Königin Elisabeth I. allen Grund, das zu fürchten, was Greenblatt in Anspielung auf die Gegenwart den «römisch-katholischen Terrorismus» nennt. Angesichts der Zensur lebten Dramatiker gefährlich: Den Tod des Königs zu thematisieren, galt zu Shakespeares Zeit als Hochverrat. «Und doch hat Shakespeare seine ganze Karriere damit zugebracht, den Tod des Königs in Szene zu setzen», sagt Greenblatt mit leisem Triumph.

Shakespeare war ein Meister der Verschiebung und der Umwege. Bekanntlich schrieb er nie über seine eigene Zeit, sondern verlegte den Schauplatz seiner Stücke in die Vergangenheit oder eine mythische Märchenzeit. Möglicherweise sprechen seine Stücke gerade deshalb immer noch zu uns: Sie zeigen Paradigmen auf, losgelöst von einer bestimmten historischen Situation. Shakespeares politische Haltung lasse sich aus seinem Werk kaum ergründen, sagt Greenblatt. «Aber sicher war er kein Ideologe.» Und genauso sicher darf man annehmen, dass er nicht ans Gute in der Politik glaubte. Laut Greenblatt war für Shakespeare «Politiker» praktisch ein Synonym für «Heuchler».

Ist Donald Trump für Stephen Greenblatt ein Tyrann? «Mir geht es nicht darum, den gewählten Präsidenten meines Landes als Tyrannen zu bezeichnen», sagt er und winkt ab. «Shakespeare benutzt das Wort Tyrann für einen Herrscher, der nicht im Interesse seines Volks regiert, sondern in seinem eigenen.» Liest man «Der Tyrann», staunt man, wie verschieden Shakespeares Tyrannen sind, keiner von ihnen lässt sich eins zu eins mit Donald Trump vergleichen.

Der verkrüppelte Richard III. etwa kompensiert mit seiner Brutalität die mannigfaltigen Kränkungen, die er in seiner Kindheit erfahren hat. Macbeth mordet sich, angestachelt von seiner Frau, an die Macht, doch ihn quälen Gewissensbisse. König Lear wiederum wird durch Demenz zum Tyrannen, und in «Wintermärchen» verfällt König Leontes der Paranoia der Eifersucht und verliert damit jede politische Urteilskraft. Coriolan schliesslich, in Shakespeares letzter Tragödie, ist ein grosses Kind, seine Unberechenbarkeit macht ihn zu einer Gefahr für alle, über die er Macht hat.

Abgehängte als Anhänger

Obwohl Greenblatt behauptet, Trump sei kein Tyrann, spricht er über die Tyrannen bei Shakespeare in Worten, die unübersehbar auf Trump gemünzt sind. So weist zwar Richard III. mit seinen körperlichen Handicaps kaum äusserliche Ähnlichkeiten auf mit Trump. Doch was Greenblatt über ihn schreibt, trifft auch auf den amerikanischen Präsidenten zu: «Das Gemein­wohl ist etwas, von dem nur Verlierer reden. Er redet lieber vom Gewinnen.» «Er war immer von Reichtum umgeben, er wurde in ihn hineingeboren und macht ausgiebig von seinem Vermögen Gebrauch.» «Zum Besitz von Macht gehört die Beherrschung von Frauen, aber er verachtet sie weit mehr, als dass er sie begehrt.»

Über König Lear, der in der Raserei seine Lieblingstochter Cordelia verstösst, schreibt Greenblatt: «Es ist extrem gefährlich, wenn ein Staat von einer Person regiert wird, die rein impulsiv handelt.» In «Wintermärchen» setzt König Leontes seine Untergebenen unter Druck, was Greenblatt wiederum mit den Worten kommentiert: «Wenn ein paranoider, narzisstischer Autokrat einen Beamten um seine Loyalität bittet, ist der Staat in höchster Gefahr.» Wer würde hier nicht an den ehemaligen FBI-Direktor James Comey denken, den Trump wegen Loyalitätsverweigerung entliess?

Auch im zweiten Teil des dreiteiligen Historiendramas «König Heinrich VI.» liegen die Parallelen zutage, Greenblatt braucht nur den Scheinwerfer darauf zu richten. Im angelsächsischen Raum kenne man daraus vor allem den Satz «The first thing we do, let’s kill all the lawyers», erklärt er. «Doch als ich das Stück jetzt wieder las, fiel mir eine andere Zeile auf. Im Stück behauptet der Rebell Jack Cade, der den König stürzen will, gegenüber einem Beamten, er sei ‹der neue Besen, der den Hof freifegt›. Er hätte auch sagen können, er wolle ‹den Sumpf trockenlegen› – und schon haben wir eins von Trumps endlos wiederholten Wahlversprechen.»

Jack Cade ist, mit seiner Grosssprecherei, eine Witzfigur. Das Publikum lacht über sein Gebaren. In Greenblatts Lesart erscheint er auf einmal als Eliten­basher und Rechtspopulist. So verspricht er seinen Anhängern, «England wieder gross zu machen». Seine Anhänger wiederum beschreibt Greenblatt in Worten, in denen wir die «Abgehängten» von heute erkennen: «Die Armen, deren Leidenschaften Cade anfacht, fühlen sich ausgeschlossen, verachtet und empfinden so etwas wie Scham.»

Die Ermöglicher

Der Figur des Tyrannen verdankt das Buch zwar seinen Titel, doch über­raschender­weise ist es nicht der Tyrann, der für Greenblatt im Mittelpunkt steht. «Warum geben sich Menschen freiwillig in die Hand eines Herrschers, der nicht ihre Interessen vertritt? Shakespeare hat darüber in seinem Werk unablässig nachgedacht.»

Eine Schlüsselszene dazu findet Greenblatt in «König Richard III.»: Der Schreckensherrscher kommt durch eine Wahl an die Macht. «Shakespeare Explains the 2016 Election» – unter diesem Titel hatte Greenblatt einen Kommentar zur Wahl geschrieben, der im Oktober 2016 in der «New York Times» erschien. Hätte er noch einen Beweis für die Aktualität von Shakespeare gebraucht, hätte er ihn nun gehabt, denn zu seiner eigenen Überraschung ging der Artikel viral: Mehr als eine halbe Million Mal wurde er innerhalb der nächsten Stunden in den sozialen Medien geteilt.

Den Ermöglichern des Tyrannen widmet Greenblatt das spannendste Kapitel. «Es gibt jene, die das Anormale instinktiv normalisieren, und jene, die Angst haben und sich terrorisieren lassen», erklärt er seine Typologie. «Es gibt Leute, die gerne Befehle ausführen, und Leute, die einfach nur dumm sind.» Er macht eine Pause. «Und dann gibt es Leute wie Sie und mich: die Urlaub machen wollen vom Anstand, die den Regelbruch, den Aggressions­ausbruch geniessen.»

Wie hiess es doch in seinem Artikel vor den Wahlen? «Something in us enjoys every minute of his horrible ascent to power.» Diese Zeile gilt für den Aufstieg von Richard III. genauso wie für die Wahl von Trump.

Shakespeare als Therapie?

Setzt man die Gegenwartsbrille auf, liest sich Shakespeare wie ein Kommentar zu dem, was uns in unserer Zeit umtreibt. Das hat bisweilen durchaus etwas Penetrantes. Im Gespräch allerdings verwahrt sich Greenblatt dagegen, Shakespeare nur als Folie für die Gegenwart zu verwenden. Der Dialog mit der Vergangenheit gehe in beide Richtungen.

«Ich habe in Shakespeares Stücken Dinge entdeckt, die mir früher nie aufgefallen waren.» Ein Diener in «König Lear» wagt es, dem König, dem er seit Kindertagen dient, zu widersprechen. «Dieser namenlose Diener erscheint nur für einen kurzen Moment auf der Bühne. Bisher hatte ich ihn kaum wahrgenommen, doch jetzt ist er für mich der Held des ganzen Stücks!» Der Diener bezahlt für seinen Widerspruch mit dem Leben.

Ein politisches Konzept für den Widerstand gegen den Tyrannen hat Greenblatt nicht bei Shakespeare gefunden, sondern bei dem dreissig Jahre früher geborenen Etienne de La Boétie, dem früh verstorbenen Freund von Michel de Montaigne: «Seid entschlossen, nicht mehr zu dienen, und ihr seid frei», empfiehlt er in seiner «Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft» (1550). Für Greenblatt liegt hier die einfachste und wirksamste Lösung des Tyrannenproblems. «Wenn die Leute diszipliniert sind im Verweigern von Befehlen, kann der Tyrann nichts ausrichten. Man muss ihn gar nicht umlegen, es reicht schon, wenn man ihm seinen Kaffee nicht mehr bringt.»

Tröstlich immerhin, dass Shakespeares Tyrannen sich nicht lange an der Macht halten können: «Sie haben keine Vision für die Zukunft – diesen Fehler hat schon Shakespeare gesehen.» Shakespeare bietet uns keine Lösungen an. Trotzdem sei es «in einem spirituellen, intellektuellen, politischen und therapeutischen Sinn» wichtig, sich mit seinen Stücken auseinanderzusetzen.

Shakespeare als Therapie? «Shakespeare war einer der gedankenreichsten und tiefsten Menschen, von deren Denken wir Kunde haben. Er hat vieles von dem bereits gesehen, was wir nun durchleben. Zu merken, dass wir damit nicht allein sind, hat durchaus etwas Therapeutisches.»

Zur Autorin

Sieglinde Geisel, 1965 in Rüti ZH geboren, Kulturjournalistin und Buchautorin in Berlin, ist die Gründerin von «tell» – Onlinemagazin für Literatur und Zeitgenossenschaft. Im Zürcher Kampa Verlag ist letzten Herbst das lange Gespräch zwischen ihr und Peter Bichsel erschienen: «Was wäre, wenn?» Für die Republik schrieb Sieglinde Geisel zuletzt über ihr Leben als Gutmensch und über das neue Buch von Michael Ondaatje.

Der Link zum Buch

Stephen Greenblatt: «Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert», Siedler Verlag, München 2018, 224 S., ca. 30 Franken. Hier gehts zur Leseprobe.

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