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Das alte Leben hinter sich lassen, um als Hebamme auf der Balkanroute zu helfen?

Eliane Reust erlebte auf dramatische Art, wie schlecht es Schutz suchenden Müttern und ihren Neugeborenen in Serbien geht. Sie konnte diese Bilder nicht mehr vergessen.

Von Adelina Gashi (Text) und Till Lauer (Illustration), 28.12.2018

Der Moment

Preševo, südliches Serbien. Es ist kalt, es nieselt, der Himmel ist grau. Vor einem hohen Metalltor stehen Polizisten und kontrollieren all jene, die das Industriegelände am Stadtrand betreten wollen. Dort, in einer ehemaligen Tabakfabrik, sind Hunderte Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan untergebracht, Schutzsuchende auf dem Weg nach Europa, hier notdürftig versorgt. Im Hof stehen weisse Zelte mit der Aufschrift UNHCR, dazwischen, im Schlamm, spielen Kinder. Manche sind barfuss.

An diesem Tag, im Februar 2016, betritt Eliane Reust zum ersten Mal das Lager. Sie muss ihren Ausweis vorzeigen, dann darf sie zusammen mit den anderen Volontären aufs Gelände. Eigentlich arbeitet sie in Zürich im Spital als Hebamme, aber als sie im Fernsehen sieht, wie schlecht die Lage der Geflüchteten auf dem Balkan ist, meldet sie sich als Freiwillige. Nun soll sie den Menschen hier drei Monate lang Englisch beibringen.

Sie geht über den Hof, vorbei an den weissen Zelten, und betritt die riesige Halle. Es ist ein Schock: das ohren­betäubende Stimmen­gewirr, der Geruch nach Küche und Umkleide­kabine, der verdreckte Boden. Jede Familie hat vier Quadratmeter Privatsphäre, zwischen aufgehängten Tüchern, die an Wäscheleinen hängen. Eliane Reust beginnt mit ihrer Arbeit.

Nicht lange, da freundet sie sich mit einer kurdischen Familie an. Die Mutter ist hoch­schwanger, Eliane Reust betreut sie, so gut sie kann, erst recht, als sie mit dem Neugeborenen auf dem Arm nach zwei Tagen in der Klinik zurück im Camp ist. Und ihr Wochenbett inmitten des Lärms, der Kochdünste, des Schlamms verbringen muss. Nach kurzer Zeit hat das Baby Läuse. Und so geht es vielen Babys, manche bekommen sogar die Krätze.

Reust ist erstaunt, wie viele schwangere Frauen auf der Flucht sind, wie viele Babys es in dem Lager gibt. Und darüber, dass sich eigentlich niemand um sie kümmert. Diesen Job übernimmt nun immer mehr sie. Mehrere Stunden pro Tag geht sie umher, besucht die Schwangeren und die frischgebackenen Mütter, versorgt sie mit Stilleinlagen und Windeln, weiss Rat, wenn es mit dem Stillen nicht klappt.

Und weiss mit jedem Tag mehr, dass sie hier gebraucht wird, viel mehr als in Zürich. Eines Abends erzählt sie einem Kollegen von einem Einfall: Was er davon halte, wenn sie mit ihrem Hebammen­koffer wiederkomme und von Camp zu Camp fahre? Aus dieser Idee erwächst eine zweite: eine eigene Hilfsorganisation gründen – und eine mobile Hebammen­station aufbauen.

Was soll ich tun?

Es gibt Momente, da haben wir die Wahl: Sollen wir weitermachen wie bisher oder einen unbekannten Weg einschlagen, mit vollem Risiko? Wir haben fünf Menschen besucht, die genau diesen Moment erlebt haben, die vor dieser Frage standen und nun darüber erzählen. Lassen Sie sich inspirieren.

Wie alles begann

Schon immer, solange sie denken kann, hat Eliane Reust helfen wollen. Als Schülerin sind ihre Helden die Ärztinnen und Pfleger von Médecins sans Frontières. Nach der Schule macht sie eine Lehre als Kauffrau, merkt aber schnell, dass das nicht das Richtige ist. Einmal geht sie für einige Monate mit einer Hilfs­organisation nach Indien, um in einem Slum zu unterrichten, später wird sie Hebamme und arbeitet im Zürcher Spital Triemli. Doch auch das genügt ihr nicht. Sie will dahin, wo sie wirklich gebraucht wird. Wo Mütter in Not sind.

Noch auf dem Rückweg aus Preševo ist ihr klar, was die nächsten Schritte sind. In Zürich überzeugt sie eine Freundin, auch die ist Hebamme, von ihrer Idee, gemeinsam gründen sie im Herbst 2017 MAMbrella – «Where Mothers Can Be Mothers». Über ein Crowdfunding sammeln sie 30’000 Franken, davon kaufen sie einen Fiat-Bus und bauen ihn in Serbien zu einer mobilen Hebammen­praxis aus. Doch dann stellen sich die serbischen Behörden quer und verweigern ihr die Genehmigung, die Camps zu betreten. Also brechen Eliane Reust und Laura Alemanno schliesslich erst im Juli 2018 zu ihrem Einsatz auf – in Bosnien.

Auch dort sind viele Schutz­suchende auf ihrem Weg nach Europa untergekommen, die Verhältnisse in den Lagern sind unsäglich, schlimmer noch als in Serbien. Aus Müllsäcken werden behelfsmässig Unterkünfte gebaut. Auch in Bosnien werden Babys geboren, müssen die Wöchnerinnen gleich nach der Geburt ihres Babys zurück in die Massenunterkünfte. Reust und Alemanno unterstützen sie, umsorgen sie, massieren sie, verschaffen ihnen ein paar Stunden Ruhe und Geborgenheit fern der dreckigen Camps. Aber viele Frauen und ihre Familien sind nur kurz in den Lagern und machen sich bald wieder auf den Weg, sodass es für Eliane Reust und ihre Kollegin schwierig wird, die Mütter aufzusuchen und zu betreuen. Darum beschliessen sie weiterzuziehen, nach Griechenland.

Und jetzt?

Ein Café in Zürich, unweit der Langstrasse, Eliane Reust dreht sich eine Zigarette. Ihre dunklen, langen Haare hat sie zu einem Knoten zurückgebunden, sie trägt ein buntes Sommerkleid und erzählt so offen und leidenschaftlich, dass man schon bald das Gefühl hat, eine alte Freundin vor sich zu haben. Sie ist erst seit wenigen Stunden in der Schweiz, um ihre Eltern zu besuchen, bald geht es zurück nach Serbien und von dort weiter in ein Frauenhaus nach Griechenland. In Griechenland ist die öffentliche Gesundheits­versorgung in weiten Teilen zusammen­gebrochen, Reust ahnt, wie dringend sie und ihre Kollegin auch dort gebraucht werden.

«Ich bin jetzt genau an jenem Punkt, an dem ich sein will», sagt sie. Noch nie in ihrem Leben habe sie sich so energiegeladen und lebendig gefühlt. Sie riskiert viel: Die laufenden Kosten ihres Projektes finanziert sie aus Spenden, das Geld reicht noch bis Ende Jahr. Aber da sie sich keinen Lohn auszahlt, lebt sie von den eigenen Ersparnissen und hat keine Ahnung, wie lange sie mit dem Geld noch auskommt.

Aber sie weiss, dass sie handelt, und das macht sie glücklich. Als sie 2016 die Bilder aus Serbien sah, fühlte sie sich elend, ohnmächtig und hilflos. Sie war nicht bereit, das hinzunehmen, und machte sich daran, sich aus ihrer Ohnmacht zu befreien. Zu handeln, auch wenn die Welt dadurch vielleicht nur ein winziges bisschen besser werde, das sei ihr das Wichtigste. Wichtiger, als an ihre eigene Zukunft zu denken und nun mit Anfang dreissig ihr Nest zu bauen, hinzusteuern auf ein sicheres, vorhersehbares Leben.

Mitte Dezember meldet sich Eliane Reust erneut. In Griechenland haben sie und ihre Kollegin sich einer NGO angeschlossen, die sich ebenfalls um Mütter und Schwangere kümmert. Sie ist nun aber auf dem Rückweg. Gerade steckt sie in Montenegro fest, weil ihr Auto eine Panne hatte. Die kommenden Monate wird sie in der Schweiz verbringen, um zu arbeiten. Wie befürchtet, waren die eigenen Ersparnisse irgendwann erschöpft.

Als Eliane Reust die Fernsehbilder sah, als sie das erste Mal ein Flüchtlingslager betrat, als sie die wunden, dreckigen Füsse sah, als sie die Läuse der Neugeborenen sah, fühlte sie sich unsicher und überfordert. Das ist nun nicht mehr so. Heute weiss sie, was sie zu tun hat. Spätestens im Mai will sie wieder nach Griechenland fahren.

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