Bergs Nerds

Nerds retten die Welt

Folge 11: Gespräch mit Valerie M. Hudson, Professorin für Politikwissenschaft an der Bush School of Government and Public Service der Texas A&M University.

Von Sibylle Berg, 18.12.2018

Unabhängiger Journalismus kostet. Die Republik ist werbefrei und wird finanziert von ihren Leserinnen. Trotzdem können Sie diesen Beitrag lesen.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

Die Feministin Valerie M. Hudson forscht zu nationaler Sicherheit, sozialer Wissenschaftsmethodik und zu den Auswirkungen des gezielten Frauenmords (Femizid) auf die Gesellschaften.

Guten Morgen, Frau Professor Hudson. Haben Sie sich heute schon um den Zustand der Welt gesorgt?

In der Tat sind meine Nebennieren von den nationalen und internationalen Turbulenzen der letzten Jahre ziemlich geschafft, und so ist letztlich auch mal die Sicherung in meinem Besorgnisschaltkreis durchgebrannt. Sagen wir einfach, ich bin jeden Tag sehr besorgt!

Ja, nicht wahr? Das Aussterben der Menschheit ist ja auch kein Spektakel, dem man öfter beiwohnt. Bis es so weit ist – können Sie Ihre Tätigkeit in drei Sätzen beschreiben?

Ich bin Politikwissenschaftlerin und habe einen Stiftungslehrstuhl an der Bush School of Government and Public Service an der Texas A&M University. Meine beiden Forschungsschwerpunkte sind die aussenpolitische Entscheidungsfindung und WPS – women, peace, and security, also Frauen, Frieden und Sicherheit. Was Letzteres betrifft, so interessiere ich mich dafür, wie sich die Situation, der Status und die Sicherheit von Frauen auf die Sicherheit, Stabilität und Widerstandsfähigkeit der Nationen, in denen sie leben, auswirken.

Ha, Sie haben es wirklich in drei Sätzen geschafft. Hut ab. Mich interessiert heute hauptsächlich Ihre Forschung zu den Folgen des Geschlechter-Ungleichgewichts. Erinnern Sie sich, wie Sie zu diesem speziellen Gebiet fanden?

Als ich während der letzten Jahre des Kalten Krieges meinen Doktor in Sicherheitspolitik machte, hätten Sie alle Kurse des Programms besuchen können und dabei nicht einmal mitbekommen, dass es Frauen auf dem Planeten Erde gab. Das war eine völlig frauenlose Welt, in die ich da eingetaucht war. Auf meinem Lebensweg als Frau wurde mir klar, dass es sich hierbei um eine Karikatur handelte. Und ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass sich viele der Wurzeln dessen, was wir schätzen – Frieden, Freiheit, Demokratie –, aus der grundlegenden politischen Ordnung zwischen Männern und Frauen in der Gesellschaft ergeben. Man kann keinen Frieden auf der Welt haben, wenn es keinen Frieden zwischen Männern und Frauen gibt. Freiheit und Demokratie gibt es nicht, wenn Frauen unfrei sind und kein Mitspracherecht bei der Entscheidung über ihre eigenen Lebensräume haben.

Unser Leben als Karikatur. Ein schöner Satz. Wenn man Frauen wenigstens als Spassnasen betrachten würde. Aber nix da, gehasst muss werden, was anders scheint.

Es gibt verschiedene Theorien zu den Ursachen von Misogynie. Manche besagen, sie begann mit dem Entstehen der monotheistischen Religionen. Dem gegenüber stehen jedoch die Initiationsriten junger Männer, die sich vom Weiblichen reinigen, um ein Mann zu werden. Wissen Sie mehr?

Aus meiner Sicht ist es eine Verknüpfung aus Evolution und Gesellschaftsentscheidung. Religionen und Bräuche ergeben sich direkt aus dieser Verknüpfung. Unser evolutionäres Erbe hat Männern einen Körper vermacht, der im Schnitt deutlich grösser und deutlich stärker ist als jener der durchschnittlichen Frau. Darüber hinaus hat es die Evolution Männern ermöglicht, sich ausserhalb ihres Körpers fortzupflanzen, während Frauen sich unter hohen körperlichen Belastungen in ihrem eigenen Körper fortpflanzen. Und schliesslich hat es die Evolution Männern ermöglicht, Frauen gewaltsam zu befruchten.

«Wir haben die Gewalt gegen Frauen so normalisiert, dass es fast unmöglich ist, zu erkennen, dass es sich schlicht und ergreifend um Terrorismus handelt.»
Valerie M. Hudson

Keine dieser drei Tatsachen legt eine Ungleichstellung zwischen Männern und Frauen fest. Man könnte sich eine Gesellschaft vorstellen, die in diesem evolutionär bedingten Kontext lebt und dabei die Gleichstellung von Männern und Frauen anerkennt und sogar institutionalisiert. Doch wie wir sehen, herrschen in den meisten Gesellschaften der Welt Männer aufgrund dieses Sachverhalts über Frauen, und zwar ganz einfach, weil sie es können.

Grossartig. Die Erklärung für fast alles, was an Schwachsinn auf der Welt passiert. Weil sie es können. Frauen können eben oft leider nicht. Wenn sie schreien, klingt es schrill, wenn sie sich wehren, brauchen sie Waffen oder jahrelanges Kampftraining.

Ja. Für Männer sind andere Männer die wirkliche Bedrohung, nicht Frauen. Ein einzelner Mann in einer Welt von Männern, die bereit sind, Gewalt und Zwang anzuwenden, um das zu bekommen, was sie wollen (weil sie diese Fähigkeiten durch die Dominanz über Frauen gelernt haben), wird de facto ein sehr unsicherer Mann sein.

Die Lösung für diese Art von männlicher Unsicherheit ist die Bruderschaft. Männer fühlen den Drang, zu irgendeiner Art von Bruderschaft zu gehören, und historisch gesehen wurde dies durch die männliche Familienlinie geschaffen. So stellen wir in den meisten Gesellschaften eine Betonung der Patrilinearität und der patrilokalen Ehe sowie der männerzentrierten Erb- und Eigentumsrechte fest. Diese sozialen Mechanismen bilden und stärken die Bruderschaft. Menschengruppen haben sich auf männlich geprägte, erweiterte Verwandtschaftsnetzwerke gestützt, um eine grundlegende physische Absicherung gegen andere Netzwerke zu gewährleisten – denken Sie an Clans, Stämme usw.

Um die Bruderschaft aufzubauen, müssen sie ihr jedoch die Interessen aller Frauen unterordnen. Fraternität ist auf dem Rücken unterworfener Frauen aufgebaut. Und so umfassen die gesellschaftlichen Normen, die Patrilinearität, Patrilokalität, männerkontrolliertes Eigentum mit sich bringen, die Präferenz des Sohnes, das niedrige Heiratsalter für Mädchen, Brautpreis, Mitgift, Verwandtschaftsheirat, Polygamie, Frauen-Infantizid, diskriminierendes Familienrecht und andere Praktiken, die Frauen entwerten und sie den Männern unterstellt halten.

Es ist alles ein grosses Ganzes – entscheidet man sich für die Fraternität als Sicherheitsmechanismus in der Gesellschaft, so werden sich all diese anderen Dinge einstellen, die Frauen unterordnen.

Wenn man sich die Zahl der Vergewaltigungen und Morde, der Gewalt und der religiös begründeten Diskriminierung von Frauen weltweit ansieht, kann man von einem Krieg gegen Frauen sprechen.

Der Krieg gegen Frauen ist ein Nebenprodukt der gesellschaftlichen Entscheidung, die Fraternität gegenüber allen anderen Beziehungen zu begünstigen. In vielen solchen Gesellschaften ist beispielsweise die eheliche Bindung im Vergleich zur «Bruder»-Bindung recht schwach.

Darüber hinaus arbeiten Frauen häufig den Interessen der Bruderschaft zu, nur um zu überleben; so ist beispielsweise die Feindseligkeit, die eine Schwiegermutter in solchen Gesellschaften gegenüber einer Schwiegertochter empfindet, geradezu mythisch.

Vermutlich könnte man mit Erziehung und einem Neu-Framing in einer bis zwei Generationen eine wirkliche Gleichberechtigung erreichen, oder?

Ich fürchte, die psychischen Kosten für die Abkehr von der Bruderschaft sind für viele Männer zu hoch. So geben zum Beispiel auch im Silicon Valley Risikokapitalgeber – und das sind fast ausschliesslich Männer – den «Brüdern» Geld, selbst wenn deren Geschäft ein deutlich schlechteres Ergebnis aufweist als das von Frauenunternehmen.

Ist alles wieder einmal ganz einfach und nur durch das Kapital zu ändern. Also – wenn Frauen einen grösseren Anteil am Weltkapital besässen, stellte sich die Frage der Gleichberechtigung nicht mehr?

Ich denke, Sie haben recht, dass dies durchaus als eine Machtfunktion und nicht rein als Funktion des Geschlechts angesehen werden kann. Die Forschung zeigt uns, dass Menschen mit grösserer Macht beispielsweise an Empathie verlieren. Wären Frauen körperlich doppelt so stark wie der Durchschnittsmann, würden sie die Männer unterordnen? Es ist sicherlich wertvoll, darüber nachzudenken.

Frauen, die im Besitz von Macht, und das heisst auch immer Kapital, sind, interessieren sich nur in Ausnahmefällen für feministische Themen.

Wenn die Macht den Menschen die Fähigkeit zur Empathie nimmt, stelle ich mir vor, dass mächtige Frauen sehr leicht das Interesse am Leben der «normalen» Frauen verlieren könnten.

Abrupter Themenwechsel – Sie sind zu den Mormonen konvertiert, einer Glaubensrichtung, über die nicht sehr viel bekannt ist. Wie legen Sie die Inhalte dieser Religion aus, und wie vertragen die sich mit Ihren Überzeugungen als Feministin?

Ich bin Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Es ist die einzige Christianität, die lehrt, dass Gott gleichbedeutend den Himmlischen Vater und die Himmlische Mutter meint, welche miteinander verheiratet sind. Es ist die einzige Glaubensrichtung, die lehrt, dass Mutter Eva im Garten Eden nicht gesündigt hat, sondern dass sie mutig und weise war, als sie sich entschied, an der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse teilzuhaben, und dass Adam dafür zu danken ist, dass er auf sie gehört und ebenfalls mitgemacht hat. Es ist ein Christentum, das lehrt, dass Männer und Frauen voreinander und vor Gott als Gleichgestellte stehen und dass die Ehe eine aufrichtig gleiche Partnerschaft sein soll. Als Feministin in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage setze ich mich dafür ein, dass meine Glaubensgemeinschaft den Privilegien dieser Lehre über die Beziehungen zwischen Mann und Frau gerecht wird, die auf der Erde eingerichtet wurde, damit wir in grösserem Frieden und Glück leben können.

Sehr vereinfacht habe ich Religionen beziehungsweise deren Auslegung durch Männer immer für eine Mitursache für die Diskriminierung und Abwertung von Frauen gehalten. Ist das falsch?

Nein, Sie haben recht: Es ist so. Es ist wirklich seltsam, dass Religionen, die angeblich das Glück der Menschen anstreben, derart grobe Unwahrheiten vermitteln – dass Frauen den Männern unterlegen seien und dass Gott die Unterordnung von Frauen respektiere oder sogar begrüsse –, denn diese Unwahrheit kann nur zu Elend für alle führen, für Männer und Frauen gleichermassen. Es ist wirklich erstaunlich.

Gehen wir weiter zur gezielten Beseitigung weiblicher Babys beziehungsweise Abtreibung weiblicher Föten in Ländern, die oftmals auch als sehr religiös gelten. Ich vermute, die Anleitung zum Femizid steht selten in den alten Schriften. Basierte und basiert dieser Massenmord vornehmlich auf wirtschaftlichen Realitäten? Oder welche Ursachen gab und gibt es dafür?

Die unmittelbaren Ursachen sind natürlich wirtschaftlicher Natur, aber diese unmittelbaren Ursachen wurzeln in dem, worüber wir bereits gesprochen haben – dem Fokus auf die Bildung von Bruderschaften als Instrument zur Gewährleistung der Sicherheit für die Gruppe. Haben Sie Patrilinearität, patrilokale Ehe und männlich orientierte Eigentumsrechte eingeführt, folgt umgehend die Abwertung der Töchter. Darüber hinaus wird die gesellschaftliche Norm angesichts der patrilinearen, patrilokalen, männlichen Kontrolle der Ressourcen-Situation zwangsläufig darin bestehen, dass es Söhne sind, die für die Betreuung ihrer Eltern im Alter verantwortlich sind. Sehen Sie, wie das alles auf ganz natürliche Weise zusammenhängt?

Ja, ich muss gestehen, dass ich auf diese zwingende Erklärung noch nie gekommen bin. Da sehen Sie mal, wozu so eine wissenschaftliche Karriere gut ist.

Richtig.

Und anzumerken wäre noch: Warum sollte eine wirtschaftlich rationale Familie in einem solchen Kontext den Töchtern einen Wert beimessen? Selbst in Brautpreis-Gesellschaften haben Frauen nur einen instrumentellen Wert – ihnen wird nicht per se ein Wert zugeschrieben, sondern allein der Brautpreis, den sie beisteuern können.

In welchen Ländern ist der Mangel an Frauen besonders dramatisch, und wo wird weiterhin Femizid betrieben?

2015 fanden meine Co-Autorin Andrea Den Boer und ich 19 Nationen mit abnormalen Geschlechterverhältnissen im Kindesalter.

[Eine Liste der Länder mit einer markant hohen Rate an männlichen Jugendlichen, 1995 und 2015, finden Sie hier.]

Der Mangel an Frauen führt zum Beispiel in vielen ländlichen Gebieten Deutschlands, aus denen Frauen mangels Perspektiven weggezogen sind, zu einem drastischen Zuwachs an rechtsradikalem Gedankengut. Vermutlich ist das – wie so oft bei Rechtsradikalismus – der verzweifelten Suche nach männlicher Selbstbehauptung und dem homoerotischen Aspekt von Männerverbünden geschuldet.

Welche Folgen können Sie aus anderen Ländern belegen?

Die Schlussfolgerung, die ich ziehe, ist, dass Nationen stabiler sind, wenn es ein ungefähr gleiches Verhältnis zwischen den Geschlechtern gibt. Sowohl Gesellschaften, in denen Frauen die Männerzahl deutlich übertreffen (z. B. Russland), als auch solche, in denen Männer die Frauenzahl deutlich übertreffen (z. B. China), leiden unter Instabilität. Die Anthropologin Barbara D. Miller hat vorgeschlagen, dass ein normales Geschlechterverhältnis zum Gemeinwohl zählt, das von der Regierung geschützt werden sollte, und ich stimme ihrer Einschätzung zu.

Deshalb war auch die grosse Zahl an Migranten 2015 unbeabsichtigt schädlich für Frauen, denn das waren überwiegend Männer und männliche Jugendliche, und das veränderte das Geschlechterverhältnis in einigen europäischen Ländern, beispielsweise in Schweden. Ausgerechnet Schweden hätte auf diesen möglichen Eingriff in die Durchsetzung der Gleichstellung von Männern und Frauen in seiner Gesellschaft aufmerksam werden müssen.

Ein hochaufgeladenes Thema im Moment. Nicht nur in Schweden. Um das faktische Zahlenverhältnis von männlicher und weiblicher Population der Länder des Westens aufzuzählen, die in den letzten Jahren eine starke Zuwanderung von Geflüchteten erfahren haben, fehlt hier der Platz. Ich glaube, hier muss man aber auch noch die kulturellen Unterschiede, das Alter der vornehmlich männlichen Geflüchteten und ihren Sozialstatus miteinbeziehen. Eine Lösung ist das allerdings auch nicht.

Staaten mit besonders vielen Männern im Vergleich zu Frauen sind viel häufiger autokratische oder despotische Systeme mit besonders steilen Hierarchien.

Wir stellen fest, dass Gesellschaften mit einem grossen Überschuss an Männern im Vergleich zu Frauen oft eine höhere Kriminalitätsrate und eine höhere Rate an Protesten, Aufständen, Bandenaktivitäten usw. aufweisen. Eine solche Instabilität führt in der Regel zu Forderungen nach Wiederherstellung der Ordnung, und ich denke, Europäer wissen sehr wohl, dass das Streben nach «Wiederherstellung der Ordnung» oft zur Förderung von Autokraten führt.

Ebenso haben Regierungen in solchen Gesellschaften oft Schwierigkeiten, den Respekt ihrer männlichen Bürger zu wahren, und ahmen daher häufig stereotypes männliches Verhalten nach, etwa erhöhten Nationalismus, Anfälligkeit für Beleidigungen, strenge Gegenmassnahmen bei vermeintlichen Unrechtmässigkeiten usw. Auch dies nährt autokratische Anwandlungen.

Welche anderen Auswirkungen hat ein Männerüberschuss? Ich stelle mir eine riesengrosse Wohnung voller Männer vor, mir fällt da einiges ein.

Eine ganze Menge – angefangen bei der zunehmenden Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten, dem Handel mit Frauen und Mädchen inner- und ausserhalb der nationalen Grenzen, über erhöhte Kriminalitäts- und Protestraten bis hin zu höheren Depressionsraten bei Männern usw. Auch das regierungsseitige Verhalten ist zu beachten, wozu Autokratie, Förderung der Auswanderung von Männern, grosse öffentliche Bauvorhaben und sogar ein verändertes Kalkül bei der Abschreckung gerechnet werden können, das heisst, dass Nationen weniger abgeneigt sein können, Zermürbungskriege zu führen.

Aus China ist bekannt, dass teilweise ein staatlich geleitetes Umdenken erfolgt. Eine Art Werbekampagne für das Leben von Frauen. Zeigen sich Erfolge? Welche Massnahmen kann man noch ergreifen, um die Abwertung und Zerstörung weiblichen Lebens zu beenden?

Ja, das gab es – es hiess «Care for Girls». Neben Methoden zur Bewusstseinsbildung gab es wirtschaftliche Anreize für Familien mit Töchtern – um der Zurückhaltung entgegenzuwirken, Töchter zu bekommen. So zum Beispiel der Erlass des Schulgeldes für solche Familien, die Option einer kleinen Elternrente, die bevorzugte Zulassung zu besseren Universitäten für Frauen aus Familien mit nur einer Tochter usw. Bekanntlich hat sich China 2015 für eine Zwei-Kinder-Politik entschieden, die auch dem sozialen Druck, einen Sohn zu bekommen, ein wenig entgegenwirkt. Ich sage «ein wenig», denn wenn Ihr erstes Kind ein Mädchen ist, werden Sie mit ziemlicher Sicherheit wollen, dass Ihr zweites Kind ein Junge ist, und so wird es in diesen Fällen immer noch eine gewisse Manipulation des Geschlechterverhältnisses geben.

Aber das Entscheidende sind immer noch die Renten für ältere Menschen. Chinesische Eltern wissen, dass sich Töchter besser um sie kümmern werden als Söhne, aber die Norm ist, dass Söhne die erforderliche «Rente» erbringen. Wenn China seinen Senioren eine lebenswerte Rente gewährt, könnte es meiner Meinung nach den Rückgang ihrer Geschlechterverteilung auf ein normales Niveau beschleunigen. Wir haben das zum Beispiel in Südkorea gesehen.

Männer, die nicht von Frauen reguliert werden, neigen noch mehr als sonst zu Gewalttaten. Gibt es dafür eine biologische Erklärung, oder ist das eher ein soziales Phänomen?

Es ist wahrscheinlich beides. Ungebundene Männer haben einen signifikant höheren Gehalt an zirkulierendem Testosteron, das stark mit Aggression und Dominanz zusammenhängt. Gleichzeitig gibt es eine soziale Komponente, weil ungebundene Männer normalerweise mit anderen ungebundenen Männern zusammen abhängen, und die subtile One-Upmanship – die Praxis, einen Konkurrenten sukzessive zu übertreffen –, die der Hierarchie in rein männlichen Gruppen zugrunde liegt, beinhaltet in der Regel Anzeichen von Risikobereitschaft, Antisozialität, Dominanz und Gewalt, um Status zu erlangen.

Es wird relativ wenig über Femizid und dessen Auswirkungen berichtet, weil es sich «nur» um Frauen handelt.

Ja, wir haben die Gewalt gegen Frauen so normalisiert, dass es fast unmöglich ist, zu erkennen, dass es sich schlicht und ergreifend um Terrorismus handelt. Wenn wir es Terrorismus nennen – denn das ist es wirklich –, würden die Nationen dem Thema dann mehr Aufmerksamkeit widmen? So zeigen zum Beispiel Studien, dass die grosse Mehrheit der Amokschützen in den USA in der Vergangenheit entweder formelle oder schwere Anschuldigungen wegen häuslicher Gewalt hatte – warum wird das vom FBI nicht als auffällig taxiert? Warum gibt es keine «Überwachungsliste für inländischen Terror», auf der sich auch inländische Missbrauchstäter befinden?

Sind Sie mitunter wütend, wenn Sie an die unglaublichen Gewalttaten denken, die Frauen erfahren, oder schützt Sie Ihr wissenschaftliches Denken vor Gefühlen, die nichts zu einer Veränderung der Welt beitragen?

Oh, als ich anfing, diese Art von Forschung zu betreiben, gab es Zeiten, in denen ich die Tür zu meinem Büro schloss, auf den Boden fiel und einfach weinte. Aber im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass ich mindestens zwei Dinge tun konnte. Erstens konnte ich verewigen, was mit Frauen geschieht, damit alle Welt es sehen und nicht behaupten kann, dass niemand davon Kenntnis hätte. Deshalb haben wir unsere Datenbank, The WomanStats Database, online gestellt und sie komplett kostenlos zugänglich gemacht. Zweitens kann ich diese Datenbank nutzen, um aufwendige Forschung zu ermöglichen, was dazu beitragen kann, «Frauenfragen» auf der Liste der Prioritäten politischer Entscheidungsträger auf nationaler und internationaler Ebene nach oben zu rücken.

Ich kann die Frauen, von denen ich gelesen habe, nicht retten, aber ich kann sicher sein, dass sie nie vergessen werden und dass das, was mit ihnen geschieht, dazu beitragen kann, unser Verständnis darüber zu verändern, warum Nationen instabil sind. Aber es gibt noch genügend Gelegenheit zum Weinen, trotz alledem … Meine wissenschaftlichen Mitarbeiter durchlaufen alle Phasen der Trauer, wenn sie sich WomanStats anschliessen – Trübsal, Zorn, Entschlossenheit. Diese Gefühle sind lebenswichtig und sollten nicht unterdrückt werden.

Ich reiche Ihnen die Hand über den Atlantik. Und danke Ihnen für Ihre Arbeit.

Apropos Liebe: Es ist möglich, Nachkommen komplett ohne Spermien – und also ohne männliche Teilnahme – bei Mäusen zu züchten. Könnte das Wissen, die Ahnung der Männer um ihre Ersetzbarkeit einen Anteil am aktuellen patriarchalen Backlash der Systeme haben?

Na ja, nein, denn es gibt auch Gruppen von überwiegend männlichen Wissenschaftlern, die die Ektogenese perfektionieren wollen – also Empfängnis und Geburt, ohne dass Frauen involviert sind. Sie tun dies, indem sie männliche Stammzellen zwingen, zu pluripotenten Zellen zu werden, die in der Lage sind, Eierstöcke zu werden, und auch durch die Schaffung künstlicher Gebärmütter.

In einem dystopischen Albtraum ist unklar, welche Seite die andere zuerst überflüssig macht. Deshalb ist es für Männer und Frauen so wichtig, herauszufinden, wie sie in Gleichheit und Frieden zusammenleben können. Es muss keinen Geschlechterkrieg geben.

Jetzt haben Sie meine Hoffnung zerstört. Ich hatte angenommen, die Fortpflanzung ohne männliche Beteiligung wäre ein angenehmer Ausweg. Wobei – vielleicht gibt es ja ohnehin bald ein erfreuliches Aussterben unserer Spezies. Oder fällt Ihnen noch etwas Positives ein?

Es gibt seit der Jahrhundertwende mehrere wichtige positive Entwicklungen für Frauen zu verzeichnen. Wir haben die Müttersterblichkeit um fast die Hälfte gesenkt (Lob an China, dass es hier die Verantwortung dafür übernommen hat), wir haben weltweit eine praktisch paritätische Einschulungsrate für Jungen und Mädchen, und der Frauenanteil in den nationalen Parlamenten scheint in fast jeder Nation (wenn auch langsam) im Laufe der Zeit zu steigen.

Gleichzeitig ist aber auch deutlich geworden, dass diese Fortschritte nicht ausreichen, um die Geschlechter-Gleichstellung zu erreichen.

Nein, im Gegenteil. Mit jedem kleinen Fortschritt – etwa die von Ihnen angesprochene Beteiligung von Frauen an Regierung und Wirtschaft – folgt, wie es scheint, eine Welle von Rückschlägen. Autokraten, die auch in Europa wieder über Frauenkörper bestimmen, Gewalt gegen Frauen usw.

Glauben Sie, dass es irgendwann eine wirkliche Gleichberechtigung aller Menschen geben wird, oder entspricht das nicht der eingeschriebenen Neigung der Menschen, andere zu beherrschen, sich zu erhöhen, und letztlich auch ihrem Hang zur Brutalität und Grausamkeit?

Ich bin eine ausgelaugte Optimistin. Das heisst, als Gläubige glaube ich, dass es einen Tag geben wird, an dem alle in Frieden leben werden, sogar der Löwe und das Lamm, der Mann und die Frau. Als Ehefrau und Mutter glaube ich, dass mein Zuhause ein Ort ist, an dem die Gleichstellung von Mann und Frau jeden Tag praktiziert wird; deshalb habe ich diese Möglichkeit mit meinen eigenen Augen gesehen.

Und doch sehen wir auf der ganzen Welt Gesellschaften, die von Traditionen und Kulturen durchdrungen sind, die Dominanz und Gewalt rechtfertigen, ja sogar aufwerten – insbesondere jene gegen Frauen. Ich sehe Statistiken, die darauf hindeuten, dass 80 Prozent unserer jungen Männer täglich oder wöchentlich Pornografie konsumieren, und das erschüttert mich. Ich kann nur meinen Kindern und meinen Schülern beibringen, dass der Weg zur nationalen Sicherheit der Weg der Gleichstellung von Männern und Frauen ist. Es gibt keinen anderen Weg.

Haben Sie einen tröstlichen positiven Schlussappell?

Kein männliches Baby wird auf diesem Planeten mit der Veranlagung geboren, Frauen zu verletzen und zu unterwerfen. Es ist tatsächlich eine Frau, die diesen Jungen geboren hat, ihn geliebt und am Leben erhalten hat. Kein weibliches Baby wird auf diesem Planeten mit der Bereitschaft geboren, sich unterzuordnen und Gewalt zu akzeptieren. Unsere Kinder werden frei geboren; wenn wir ihnen beibringen, ohne das Elend und das Leid zu leben, das durch die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen verursacht wird, können sie frei bleiben. Die Zukunft, die stromabwärts liegt, könnte klar und rein verlaufen. Ist das nicht den Preis wert?

Frau Professor, ich danke Ihnen für den Trost und Ihre Zeit.

Dies ist ein Youtube-Video. Wenn Sie das Video abspielen, kann Youtube Sie tracken.
Professor Valerie Hudson

Illustration: Alex Solman

1111

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!


seit 2018