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«Diese kleine innere Stimme, die dir sagt, was du tun sollst»

Ronan Farrow hat den Weinstein-Skandal aufgedeckt. Der Preis dafür war hoch. Davon erzählt er in seiner Dankesrede zum Deutschen Reporterpreis.

Von Ronan Farrow, 18.12.2018

«Die freie Presse ist ein Privileg, das wir schützen und verteidigen müssen»: Ronan Farrow während seiner Dankesrede bei der Verleihung des Deutschen Reporterpreises. Daniel Wolcke

Vorab eine kurze Einführung, um die Rede besser zu verstehen. Nur wenige Artikel haben jemals eine Wucht und eine Wirkung entfaltet wie dieser von Ronan Farrow. Am 10. Oktober 2017 veröffentlicht er das Stück «From Aggressive Overtures to Sexual Assault: Harvey Weinstein’s Accusers Tell Their Stories» (aggressive Avancen und sexuelle Übergriffe: Harvey Weinsteins Ankläger erzählen ihre Geschichten) auf der Website des «New Yorker».

Fünf Tage später ruft die amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano Frauen in aller Welt auf: «Wenn du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, schreibe ‹Me too› als Antwort auf diesen Tweet.»

Und da gibt es so einige Frauen. Allein in den ersten 24 Stunden wird der Hashtag #MeToo auf Facebook mehr als 12 Millionen Mal verwendet, in 85 Ländern wird der Begriff in den sozialen Netzwerken zum Trend. Hunderte Männer, der sexuellen Belästigung beschuldigt, müssen in den Wochen darauf ihre Ämter niederlegen oder sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Binnen Monaten ist die Welt eine andere.

Die sexuellen Übergriffe, mit denen Filmmogul Harvey Weinstein über Jahrzehnte Schauspielerinnen und Angestellte terrorisiert haben soll, sind ein offenes Geheimnis in Hollywood. Immer wieder haben Journalisten versucht, die Übergriffe öffentlich zu machen. Und immer wieder sind sie gescheitert: an den Drohungen von Weinstein und dessen Anwälten, an der Beisshemmung und der Feigheit von Chefredaktoren und Verlegern, an der Angst der Opfer, die entweder mit viel Geld zum Schweigen gebracht wurden oder so eingeschüchtert waren, dass sie sich nicht trauten, öffentlich auszusagen.

Doch dann dreht der Wind. Am 5. Oktober 2017 berichten Jodi Kantor und Megan Twohey in der «New York Times» erstmals über Weinsteins mutmassliche Übergriffe. Doch erst Farrows Stück im «New Yorker», fünf Tage später, das ungleich detaillierter die Not der Frauen und die Systematik des Schweigekartells beschreibt, bringt den Filmmogul endgültig zu Fall und tritt die weltweite #MeToo-Bewegung los.

Und auch Ronan Farrow wäre auf den letzten Metern beinahe gescheitert.

Er ist der Sohn von Mia Farrow und Woody Allen. Seine Schwester Dylan Farrow wurde – die Beweislage ist erdrückend – im Alter von sieben Jahren von ihrem berühmten Vater missbraucht. Und trotzdem gelang es Woody Allen über Jahrzehnte, mithilfe seiner Verbindungen, Anwälte, Pressesprecher, die «unbestreitbaren Tatsachen» stets als einen unbewiesenen Verdacht hinzustellen. Ronan Farrow hat sich seit langem von Woody Allen losgesagt, er schrieb über den Missbrauch in seiner Familie Ende 2016 im «Hollywood Reporter». Und erlebte daraufhin, wie das «System der mächtigen Männer» ihn ins Visier nahm.

Wenig später beginnt er mit den Recherchen zum Fall Weinstein. Damals ist Farrow als investigativer Reporter beim TV-Sender NBC angestellt. Das Unmögliche gelingt: Seines Namens, seiner Verbindungen und seiner Familiengeschichte wegen, aber auch dank seiner Energie, Verlässlichkeit und Unerschütterlichkeit überzeugt er eine Frau nach der anderen, gegen Weinstein auszusagen.

Wieder kriegt Weinstein Wind von der Sache, wieder versucht er, die Berichterstattung zu verhindern: Anwälte und Agenten bedrohen Farrow, während Weinstein und seine mächtigen buddies Druck auf die Führungsetage von NBC ausüben.

Und die Bosse geben, so unglaublich das heute klingt, ein weiteres Mal nach. Im Sommer 2017 muss Farrow die Recherche einstellen. Sein Vertrag wird nicht verlängert.

Über diesen tiefsten Punkt in seinem Leben erzählt er – in seiner Mut machenden Dankesrede anlässlich der Verleihung des Deutschen Reporterpreises:

«Ich bin Teil einer Bewegung. Einer weltweiten Bewegung von Journalisten, die investigativ recherchieren, kontrovers berichten und so die Verhältnisse in Bewegung versetzen. Von Reportern, die mit dem Kopf durch die Wand wollen und die harten Nüsse knacken; die lang gehegte Geheimnisse über Machtmissbrauch aufdecken und an den Rand gedrängten Stimmen Gehör verschaffen. Darunter all jenen, die einen sexuellen Missbrauch überlebten.

All diese Reporter haben mich inspiriert. Wir kämpfen gegen das kollektive Versagen, Männer und Frauen gleich und mit Würde und Respekt zu behandeln. Endlich kommt ans Licht, wie mächtige Männer so lange Zeit unbehelligt blieben – Männer, die sich verabscheuungswürdiger Taten schuldig gemacht haben.

Nun ist es immer leicht, auf einer Bühne zu stehen und Lob einzuheimsen. Wenn die Arbeit getan ist, wirkt immer alles einfach und glatt. Als sei die Story ordentlich verpackt und mit einer Schleife verziert dahergekommen. Aber so ist es nicht. Darüber möchte ich an diesem Abend sprechen: Wie es ist, wenn man mittendrin steckt. Wenn sich das von mächtigen Männern befehligte System auf dich stürzt. Wenn sich Leute, denen du vertraut hast, gegen dich wenden. Wenn mächtige Medien zu Instrumenten der Unterdrückung werden.

Ja, wir werden untersuchen müssen, wie diese Machtsysteme funktionieren, die sich verschworen haben, die Berichterstattung über sexuelle Übergriffe zu unterdrücken. Ein anderes Mal.

Als ich mit der Recherche begann, hat mich niemand gefeiert. Und plötzlich stand alles infrage. Meine gesamte Karriere drohte in die Brüche zu gehen. So kompromisslos ich diese Recherche angegangen war, so vollständig fiel irgendwann alles auseinander. Es gab den einen Moment, in dem ich komplett allein dastand. Ich hatte mich geweigert, die Arbeit an dieser Story einzustellen. Mein Vertrag lief aus. Sogar mein Buchverleger liess mich fallen und weigerte sich, auch nur eine einzelne Seite von einem Manuskript anzusehen, an dem ich jahrelang gearbeitet hatte.

Ich hörte, dass ein grosses Medium drauf und dran war, mich bei der Weinstein-Story zu scoopen. Ich wusste nicht, ob ich jemals in der Lage sein würde, diese Story zu schreiben, oder ob ein Jahr Arbeit umsonst war. Ich wusste nicht, ob ich die Frauen, die sich mir anvertraut hatten, enttäuschen würde.

Ich bin aus meiner Wohnung ausgezogen, weil ich beschattet und bedroht wurde. Ich habe mich angelegt mit einem mächtigen, wohlhabenden Mann, der mich wissen liess, er würde die besten Anwälte des Landes auf mich hetzen, um mich auszulöschen und meine Karriere zu zerstören.

Und selbst wenn ich, gegen alle Widerstände, das alles durchgestanden und einen Weg gefunden hätte, diese Geschichte zu veröffentlichen – dann hätte ich nicht gewusst, ob sich irgendwer da draussen dafür interessieren würde. Denn ich habe ein Jahr lang in Konferenzräumen verbracht mit Vorgesetzten, die mir einbläuten: ‹Das ist doch keine Geschichte.›

Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht wusste, ob ich jemals wieder einen Job im Journalismus bekommen würde.

Sollte über diesen Fall irgendwann einmal ein Film gedreht werden, dann wird an dieser Stelle ein gut aussehender Schauspieler grinsend seine Sonnenbrille abnehmen und sagen: ‹Aufhören zu recherchieren? Nur über meine Leiche.› Doch so war es nicht.

Ich wünschte, ich könnte Ihnen hier zurufen: Ich habe an mich geglaubt. Ich war mir meiner Sache sicher. Ich habe auf die Drohungen und die Widerstände gepfiffen und mir gesagt: zum Teufel damit.

Die Wahrheit ist: Mein Herz war gebrochen, ich hatte Angst, und ich hatte keine Ahnung, ob ich das Richtige tat. Es gab damals so viele Leute, die mir einflüsterten, ich mache einen Fehler. Sie waren keine schlechten Menschen, ich vertraute ihnen, sie blickten ganz einfach nüchtern auf die Welt, wie sie vor einem Jahr war. ‹Das ist es nicht wert», sagten sie. ‹Warum diese eine Geschichte erzählen, wenn du dann vielleicht viele andere nicht mehr erzählen kannst?›

Meine Bosse sagten: ‹Du musst jetzt aufhören. Lass es sein.›

Mein Agent sagte: ‹Wenn dir deine Karriere lieb ist, lass es los.›

Mir liebe Menschen fragten: ‹Ist es das wirklich wert?› Warum seine Karriere riskieren für eine Geschichte, die vielleicht nicht einmal eine Spur hinterlassen wird?

Ich habe mir das sehr zu Herzen genommen. Ich fragte mich: Was weiss denn ich? Ich war am Ende. Ich konnte nicht mehr.

Im August 2017 sass ich in einem Taxi, auf der Fahrt von einer Quelle zur anderen, und telefonierte mit meinem Partner, der in dieser Zeit viele düstere Anrufe von mir ertragen musste. Ich hatte kaum geschlafen, ich hatte abgenommen, und gerade hatte ich erfahren, dass ich vollständig gescoopt werden könnte – dass alles, was ich recherchiert hatte, bald in einer grossen Zeitung stehen würde. Da bin ich zusammengebrochen.

Ich begann zu schluchzen, versuchte, nicht zu schluchzen, was alles nur noch schlimmer machte, heulte Rotz und Wasser. ‹Ich habe zu hoch gepokert und alles verloren›, jammerte ich, ‹niemand wird je erfahren, dass ich überhaupt dran war an dieser Geschichte.›

Worauf mein Partner seelenruhig antwortete: ‹Entspann dich, wir werden über all das reden, aber erst mal gib dem Taxifahrer Trinkgeld, so richtig viel Trinkgeld.› Das habe ich gemacht. Der Taxifahrer war sehr gütig. Danke, Omar.

Und dann habe ich weitergemacht. Ich wusste: Ich würde mir nie wieder in die Augen schauen können, wenn ich aufhörte zu recherchieren – und die Frauen, die so viel riskiert haben, um diesen Skandal aufzudecken, im Stich liesse. Und – weniger edel – weil es kein Zurück gab. Ich war schon zu weit gegangen. Es gab keinen anderen Weg mehr als mitten hindurch.

lm Nachhinein ist immer klar, welches die richtige Entscheidung ist. Aber wenn du mittendrin steckst, hast du keine Ahnung, wie wichtig eine Story werden wird. Kämpfst du, weil du recht behalten willst, weil dein Ego dein Urteil trübt? Oder weil es wichtig ist?

Du hast vielleicht ein Bauchgefühl. Einen Instinkt. Eine kleine innere Stimme, die dir sagt, was du tun sollst, ganz gleich, ob es strategisch klug ist. Ich bin so dankbar für jede Story von jedem Menschen, der auf diese kleine Stimme gehört hat. Die flüstert: Entscheide dich für das Richtige.

Die Pressefreiheit ist nicht selbstverständlich. Von Pakistan über Weissrussland bis Bahrain sterben jeden Tag Menschen im Kampf für diese Freiheit. Und auch die jüngsten Ereignisse in meinem Land USA – die Attacken gegen die Berichterstattung, die Wiederbelebung des autoritären Mantras der Fake News – zeigen uns, dass die Wahrheit fragil ist. Selbst in Ländern, in denen wir nicht mit Mord oder Gefängnis für unsere Arbeit bestraft werden. Die freie Presse ist ein Privileg, das wir schützen und verteidigen müssen.

In einem fort werden wir Journalisten ermuntert, den einfachen Weg zu gehen, den freundlichen Weg, den Weg des geringsten Widerstandes. Nur wenn wir uns wieder und wieder für den unbequemen Weg, den konfliktreichen Weg entscheiden, stehen wir ein für jenen Journalismus, den die Welt braucht.

Ich bewundere all jene, die aufgestanden sind, sich von ihren Prinzipien haben leiten lassen und die grossen, schweren Themen angegangen sind, im Journalismus und darüber hinaus. Diese Menschen sollten unsere Vorbilder sein. Sie fordern uns heraus. In einer Zeit, in der man uns einflüstert, den einfachen Weg zu gehen. Die Geschichte fallen zu lassen und lieber keine schlafenden Hunde zu wecken. Lieber sicheres Geld zu verdienen statt aufzubegehren. Nicht zu hören auf die kleine Stimme, die uns dazu anhält, das Richtige zu tun.

Liebe Kolleginnen und Kollegen hier im Saal, liebe Managerinnen, Lehrer und Anwälte da draussen – Sie alle werden in Ihrer Karriere Momente erlebt haben, in denen Sie nicht wussten, was Sie tun sollen. Was das Richtige ist für Sie, Ihre Familie, Ihre Gemeinschaft. Heute, mehr denn je, brauchen wir Menschen, die sich von ihren Prinzipien leiten lassen.

Hören Sie auf Ihre Stimme. Kämpfen Sie!

Ich danke Ihnen.»

Übersetzt von Ariel Hauptmeier.

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… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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