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Aus Christine wird Chris – wenn auch noch immer «mit denselben Obsessionen». Suffo Moncloa

Exzellenz hat viele Namen

Héloïse Letissier alias «Christine and the Queens» alias «Chris» mit Ensemble sind der wohl atemberaubendste Live-Act, den die Popmusik derzeit zu bieten hat. Diese Woche waren sie in Genf.

Von Daniel Graf, 14.12.2018

Da steht dieser Körper vor dem aufragenden Wellen-Tableau wie Caspar David Friedrichs Mönch am Meer. Den Rücken zum Publikum, ein Torso, der Kopf vom Dunkel verschluckt. Die Musik schwillt an. Dann lässt der Mönch das Hemd fallen, und zurück bleiben: ein schwarzer BH sowie das Lichterspiel auf Wirbeln und Muskeln, die unter der Haut zucken, als wollten sie schlüpfen.

Vielleicht muss man doch am Ausgangspunkt beginnen, und den Anfang erzählt uns die Bühnenchoreografie zwischen Song 5 und 6.

Auftritt (ex) Christine and the Queens.

Chris and the Gang: Das Tanzensemble (LA)HORDE ist bei dieser Tour ein unverzichtbarer Teil der Bühnenshow. Olivier Lanrivain/MAXPPP/Keystone

Letissier und Band, zusammen mit ihrem grandiosen Tanzensemble, haben die Arena Genf schon mit den Auftaktstücken erobert, da tritt Chris ganz allein auf den Bühnenvorbau und singt «Paradis perdus». Jene Single-Auskopplung von 2015, die damals den gesamten Kosmos von Christine and the Queens verdichtete – ausgerechnet mit dem Cover eines vierzig Jahre alten Chansons. Das allerdings selbst schon die althergebrachten Konventionen des love songs unterlief.

Drei Minuten, in denen schon alles da war: der virtuose Remix; die Subversion der Geschlechterrollen; das Spiel mit den Sprachen und ihrer Verfremdung. Eine französische Ballade, die federnd leicht und doch hartnäckig mit jeder Zeile gegen die Betonungsverhältnisse der französischen Satzmelodie rebellierte:

Dans MA veste de SOIE rose
je DÉambule, MOrose
le CRÉpuscule est GRANdiose!

Kleine Warnung: Dies ist ein YouTube-Video. Wenn Sie das Video abspielen, kann YouTube Sie tracken.
Christine and the Queens - Paradis Perdus (Clip Officiel)

... «et ce CLAvier / comme c’est JOli»: Der Song ist eine einzige Tonbeugung. Im Grunde fast ein bisschen Swiss Style, denn hier fährt man ja auch mit dem VElo in die BOUtique.

Und dann dieser Refrain!

Ist das Englisch? Französisch?

«Are less»? «À l’aise»? – Ach, natürlich: «Heartless»! Aus dem Song von Kanye West. Noch so eine freundliche Übernahme mit Verschiebung der Geschlechterrollen. Nur mit französischem Schweige-H versehen, als gelte es, das Klischee auch gleich over the top zu drehen.

Als «Paradis perdus» nun beim einzigen Schweiz-Konzert dieser Tour erklingt, ist das schon Rückblende, Reminiszenz.

Denn aus dem Alter Ego Christine ist das Alter Ego Chris geworden: betont muskulös und mit maskulinem Haarschnitt. Ein tanzender Gangleader im roten, aufgeknöpften Hemd, der sich – so inszeniert es Letissiers Choreografie – mit seinen Homies Strassenprügeleien liefert.

Auftritt Chris.

Und wie um die Zäsur noch einmal unmissverständlich vor Augen zu führen, wechselt, noch während die Schlusstakte von «Paradis perdus» im Jubel verklingen, effektvoll das Hintergrundplateau. Chris singt: «I’m a man now». Und die Band kehrt aus dem Dunkel zurück, intoniert: «She’s a man now».

Die Pointe dabei: Auch dieser Song, «iT», stammt noch vom alten Album «Chaleur humaine». Als wollte Letissier sagen: Seht her, schon damals!

«Je suis une décision», spricht Chris ins Publikum, wie ein Abschiedswort an die Christine-Zeit. Und dann, in einem mindestens ebenso wichtigen Nachsatz: Aber in mir sind noch immer dieselben Obsessionen.

Man muss beide Teile von Letissiers Botschaft gleich stark betonen: den Wandel wie die Kontinuität. «Se métamorphoser» ist Chris’ Lieblingsverb. Aber Letissiers Freiheitsdrang weiss nur zu genau, dass die Metamorphose zu Ende ist, wenn man sich von einer Fixierung in die andere manövriert. Die Kategorien flüssig halten, variieren: Das ist das Programm. Übergänge und Zwischenräume schaffen. Suche. Entwicklung statt Endpunkt.

Weswegen sich Bezüge zur weiblichen Erfahrung hier keineswegs erübrigt haben. Weil auch Héloïse, weil auch Christine and the Queens noch präsent sind: als eigene Geschichte. Und weil Letissiers Anliegen über das Persönliche hinaus einem politischen Bewusstsein gilt: für die Erfahrung von Mädchen und Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft ebenso wie für Fremd- und Fehlzuschreibungen in den binären Geschlechterkategorien.

Aufhören, gefallen zu wollen: Das ist die Haltung, die Chris auf der Bühne und in Texten verkündet. Rebellion gegen eine Welt, in der Frauen nach fuckability sortiert werden. Aber auch ein universeller Einspruch gegen essenzialistische Festlegung überhaupt.

«Je suis une décision»: Chris hat aufgehört, gefallen zu wollen. Jedenfalls im Sinne der klassischen Geschlechterrollen. Jamie Morgan

«I’m a man now»: Man muss das Zeitwort schon ernst nehmen, «seit je» und «für immer» hat keiner gesagt. Schon gar nicht, wenns um das Spiel auf der Bühne geht. Und so singt Letissier auch die Hymne «Christine». Und beschliesst den offiziellen Teil des Sets mit dem bekenntnishaften «La marcheuse», samt weiblichem Artikel, von der neuen Platte «Chris».

Dass die Zuhörerinnen Chris da allerdings noch nicht von der Bühne marschieren lassen würden, war ungefähr schon seit dem Opener klar.

Vom ersten Moment an, mit «Comme si on s’aimait» und der folgenden Hitsingle «Damn, dis-moi», agiert das gesamte Ensemble stimmlich, instrumental und tänzerisch auf allerhöchstem Level – und wird davon keine Sekunde mehr abrücken. Mit «Konzert» wäre das, was bei Chris zu sehen und zu hören ist, ohnehin nur sehr ungenau beschrieben. «Musiktheater» träfe es besser, würde das nicht falsche Assoziationen wecken. Aber warum sollte Letissier ausgerechnet beim grossen Ganzen in vorgefertigte Kategorien passen?

Kleine Warnung: Dies ist ein YouTube-Video. Wenn Sie das Video abspielen, kann YouTube Sie tracken.
Christine and the Queens - La marcheuse (Clip officiel)

Das Programm ist ein Gesamtkunstwerk aus Theater, Tanz, Musik und Bühnentechnik. Und so organisch Letissier ein Potpourri wie «Paradis perdus» zu etwas unverkennbar Eigenem verschmilzt, so scheinbar mühelos hält Chris die Fäden der gesamten Bühnenchoreografie zusammen, ohne das Ensemble zu marginalisieren.

Die sechs Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles (LA)HORDE umwirbeln Chris oder fliessen zu einem Puzzle-Tableau zusammen. Sie erstarren im energiegeladenen Freeze. Und sie bekommen, als Einzelne oder im Duett aus dem Kollektiv herausgelöst, alle ihre Spotlight-Momente.

Und doch ist die Bühnendramaturgie konsequent auf die Solo-Highlights von Letissier hin rhythmisiert. So wie bei «Here», wo der französisch-englische code switch in den undefinierten Zwischenbereich des reinen Vokalklangs übergeht. Und dann in eine instrumental-visuelle Coda, jene Szene mit dem Mönch am Meer, der sich verwandelt in einen wiedergeborenen Phönix, bevor er ins Bühnendunkel entschwebt.

Kein gewöhnliches Konzert, das Chris hier gibt. Eher ein «Musiktheater». Olivier Lanrivain/MAXPPP/Keystone

Eines aber bleibt die ganze Zeit über gänzlich unverfremdet: Letissiers Stimme. Keinerlei technische Effekte, die ihren Klang androgynisieren, nichts, was sie ins Maschinelle überspielen würde. Nur die Stimme selbst ist wandlungsfähig in alle Lagen, Schattierungen und dynamischen Nuancen hinein. Und das ist vielleicht das musikalisch Bemerkenswerteste an diesem Abend: dass der Gesang in jedem Augenblick makellos ist, egal wie komplex die Choreografie, egal wie physisch fordernd die Figuren sind, die Chris tanzt.

Und dann, gegen Ende, noch ein Ausgangspunkt. «Nuit 17 à 52» (unbedingt das Video anschauen!), der Song, mit dem alles begann, noch vor «Chaleur humaine». Letissier singt a cappella. Und mündet am Ende in einen Michael-Jackson-Song. Sein Titel: «Man in the Mirror».

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