Film

Man möchte diese Bilder trinken

«Roma» von Alfonso Cuarón

Die aufregendste Filmpremiere des Jahres fand an der Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica in Venedig statt. Nun wird der Film in ausgewählten Kinos gezeigt.

Von Alfred Schlienger, 05.12.2018

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Glück fürs Auge: Filmstill aus «Roma». Carlos Somonte

Dringender Ratschlag: Sichern Sie sich, bevor Sie diesen Text zu Ende lesen, schnellstens ein Ticket für den Film «Roma» in einem der ganz wenigen Schweizer Kinos, in denen ab morgen der Venedig-Sieger 2018 zu sehen ist. Versprochen: Der Film ist grossartig. Komplex, aber zugänglich. Kunstvoll, aber nicht gekünstelt. Und gehen Sie möglichst vor dem 14. Dezember ins Kino, bevor Ihnen alle Netflixer den Kopf vollschwatzen werden, obwohl sie den Film nur auf ihren Handys gesehen haben. Denn, mit Verlaub, das geht gar nicht. Die werden das, was diesen Film ausmacht, nicht gesehen haben.

Vielleicht wird «Roma» aber auch zu einem Signal für die weitere Entwicklung des weltweiten Filmmarkts. Ob positiv oder negativ, wird sich zeigen. Davon später. Als sicher kann gelten: «Roma» ist die aufregendste Filmpremiere des Jahres. Das hat vielerlei Gründe. Die drei wichtigsten:

1. «Roma» ist hinreissend gefilmt, berührend erzählt, eine ästhetisch-menschliche Kinowucht von grandioser, kunstvoller Authentizität.

2. Der mexikanische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Alfonso Cuarón hat schon einige Kostproben seines Könnens geliefert. Keine gleicht der andern. Jedem Genre, das er bespielt, verleiht er seine ganz eigene Handschrift. So sieht cineastische Vielseitigkeit gepaart mit Eigenständigkeit aus.

3. «Roma» – und das ist eine der Überraschungen – wird produziert vom Streamingdienst Netflix, dem «Totengräber» des Kinos. Das wird noch zu reden geben. Aber, wie oben angedeutet: Diesen Film sollte man sich unbedingt im Kino anschauen.

Doch der Reihe nach.

Das emotionale Zentrum

Je weniger man über die reine Handlung des Filmes weiss, desto autonomer wird man in den Sog von «Roma» hineingezogen. So viel muss genügen: Cuarón zeigt den Zerfall einer begüterten Arztfamilie, die in den 70er-Jahren mit ihren vier Kindern im Stadtteil Roma von Mexiko-Stadt lebt. Das emotionale Zentrum des Films bildet die indigene Hausangestellte Cleo (Yalitza Aparicio), die mit ihrer schlichten Präsenz und Zuwendung die Auflösung abfedert. Sie singt die Schlaflieder, weckt die Kinder liebevoll, bringt sie zur Schule, macht den Haushalt, lacht mit ihnen und tröstet sie.

Intimität in Nahaufnahme: Die Hausangestellte Cleo (Yalitza Aparicio) mit Sofi (Daniela Demesa) und Pepe (Marco Graf). Alfonso Cuarón
Der Regisseur filmte mit der eigenen Kindheit vor Augen: Links Pepe und Cleo, rechts Pepes Eltern (Fernando Gradiaga und Marina de Tavira). Carlos Somonte

Das hat einen autobiografischen Hintergrund: Cuarón widmet seinen Film explizit der eigenen Kinderfrau Libo, die für ihn und seine Geschwister sorgte seit seinem neunten Lebensmonat – und auch Ankerpunkt blieb in seinem Leben, als der Vater die Familie verliess, als er selber erst neun Jahre alt war.

Brüche und Risse

Bei aller Emotionalität ist «Roma» nie in Gefahr, in Gefühligkeit oder Familienkitsch abzugleiten. Das liegt zum einen an der organischen Mehrschichtigkeit, mit der hier die Grundthematik der Brüche und Risse auf verschiedenen Ebenen entfaltet und gebündelt wird: zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Geschlechtern, der Klassenfrage von oben und unten, den zeitgenössischen gesellschaftlichen Verwerfungen.

Den äusseren dramatischen Höhepunkt liefert dabei das historisch reale Fronleichnams-Massaker, bei dem am 10. Juni 1971 in Mexiko-Stadt weit über hundert demonstrierende Studenten von paramilitärischen Einheiten getötet wurden. Die Verantwortlichen sind bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen worden.

Schwarz-Weiss in 1001 Schattierungen

Vor allem aber liegt es an der Machart. Das Wie ist ja letztlich – wie immer in Kunstdingen – noch wichtiger als das Was. Man möchte diese «Roma»-Bilder trinken. Allein schon die 1001 Schattierungen des Schwarz-Weiss, die der Regisseur (der auch die Kamera führt) dem Filmmaterial abgewinnt, sind ein Glück fürs Auge. Zudem dreht Cuarón im 65-Millimeter-Format, was den Bildausschnitten eine stupende Schärfe bis in die äussersten Winkel verleiht.

Die vier Kinder, die Mutter und die Kinderfrau, das Licht und das Meer. Carlos Somonte

Das Entscheidende aber ist die sublime Arbeit mit der Kamera. Die Kamera ist starr, wenn sie starr sein muss wie das Feld, das sie bespielt. Sie dreht sich, schwebt und fliegt, wenn die Herzen fliegen – und manchmal auch gerade umgekehrt. Lange Plansequenzen, die das ganze Panorama einfangen, wechseln zu intimen Nahaufnahmen, in denen man Puls und Atem der Menschen spürt. Das ergibt einen hinreissend lebensechten Rhythmus, dem man sich nicht entziehen kann.

Im Auge des Zyklons

Natürlich möchte man alle diese Bilder evozieren, weitererzählen, festhalten. Man kugelt sich, wenn der kleine, fantasiebegabte Pepe, in dem sich der Regisseur selber zu spiegeln scheint, das Leben quasi rückwärts lebt und verkündet: «Als ich alt war, bin ich ein Pilot gewesen …». Wenn die Mutter sich von hinten an den teilnahmslosen Mann klammert, ist es kalt und bleiern wie in einem Gemälde von Edward Hopper. Schon das Hinschauen tut weh.

Und bei der Notgeburt im Kreisssaal, wo mehrere Mütter in den Wehen liegen, taumeln wir als Zuschauer wie die Ärztin mitten im Auge des Zyklons, um uns herum tobt der akustische Sturm. Gibt es Menschen aus Fleisch und Blut, denen hier nicht die Tränen kommen? – Und doch, «Roma» ist nicht auf Effekt gemacht. Der Film liebt seine Figuren und nimmt uns auf ganz selbstverständliche und unangestrengte Art mit auf diese emotionale Reise.

Zwischen Mainstream und Independent

Alfonso Cuarón ist ein Pendler zwischen Hollywood und dem Programmkino. Den Durchbruch erzielte er mit zwei so unterschiedlichen Werken wie der Charles-Dickens-Verfilmung «Great Expectations» (1998) und dem jugendlich-frechen Roadmovie und Arthouse-Renner «Y Tu Mamá También» (2001). Was beim mexikanischen Film auf den ersten Blick wie eine deftige Teenagerkomödie daherkommt, entwickelt sich zu einer bitterbösen Satire auf den harten Alltag, die Korruption und die Klassengesellschaft.

Regisseur Alfonso Cuarón während der Dreharbeiten. Carlos Somonte

Nach einer «Harry Potter»-Verfilmung (2004), die weltweit über 790 Millionen US-Dollar einspielte, drehte Cuarón mit «Children of Men» (2006) und «Gravity» (2013) zwei dystopische Science-Fiction-Filme und holte mit «Gravity», diesem taumeligen Kammerspiel in den Weiten des Universums, das uns buchstäblich in die existenzielle Haltlosigkeit treibt, sieben Oscars ab, zwei davon für Regie und Schnitt.

Und jetzt also das autobiografische Kunststück «Roma». Cuarón wirkt wie einer, der sich in Hollywood den Ruhm, das Geld und die Freiheit erarbeitet, um zwischendurch jene Filme zu drehen, die ihm wirklich am Herzen liegen.

Was ist die Strategie von Netflix?

Warum aber lässt er sich seinen Herzensfilm ausgerechnet vom Streamingdienst Netflix produzieren, der bis vor kurzem seine Filme gar nicht fürs Kino freigab? In Interviews deutet der Regisseur an, dass er für einen fremdsprachigen Film mit weitgehend unbekannten Schauspielern in den grossen Studios nicht die nötigen Freiheiten bekommen hätte. Nachdem «Roma» in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat, ist nun Netflix auch erstmals bereit, der Kinoauswertung einen kleinen Vorlauf zu gewähren.

Bevor andere Verleiher jeweils die DVD auf den Markt werfen, können die Kinos einen Film normalerweise während neunzig Tagen exklusiv auswerten. Bei «Roma» bekommen nun eine gute Handvoll ausgewählter Kinos einen Vorlauf von gerade mal acht Tagen, bevor der Film ab dem 14. Dezember weltweit gestreamt werden kann.

Ist das eine Strategie der Aufmerksamkeitsgenerierung durch Exklusivität und künstliche Verknappung? Ist für Netflix die Kinoauswertung ökonomisch überhaupt interessant? Oder geht es vielmehr nur darum, im Oscar-Rennen mit dabei zu sein – was ohne eine Kinolaufzeit nicht möglich wäre? Das sind durchaus keine Fragen, die nur die Aktionäre des schnell wachsenden Streaminggiganten interessieren müssen.

Letztlich geht es darum: Wird hier ein Prozess der Abwerbung kreativer Köpfe aus der Kinobranche in Gang gesetzt? Oder wird hier allenfalls doch ein neues Verhalten von Netflix sichtbar, nämlich mit guten Filmen in die anspruchsvolle Kinokunst zu investieren? Oder bleibt es weiterhin sein ausschliessliches Ziel, Abos für den Streamingdienst zu generieren und damit die Kinos zu kannibalisieren? Und: Wird Netflix zu einem Pendant zu dem, was uns China und die Arabischen Emirate mit ihrem Geld im Fussball vorexerzieren? Das sind Fragen, die jeden Kinofreund beschäftigen müssen.

Jetzt aber zuerst: Ab ins Kino!

«Roma» ist ab morgen in der Schweiz exklusiv in den folgenden sechs Kinos zu sehen: Otello (Ascona), kult.kino camera (Basel), Cinerama Empire (Genf), Bourbaki (Luzern), Gotthard (Zug) und Riffraff (Zürich). Ab dem 14. Dezember kann der Film weltweit auf Netflix gestreamt werden.

Zum Autor

Alfred Schlienger, ehemaliger Dozent für Literatur, Philosophie und Medien an der Pädagogischen Hochschule Nordwest­schweiz, ist Theater- und Filmkritiker sowie Mitgründer der Bürger­plattform «Rettet Basel!». Letzte Buch­veröffentlichung: «Forever Young. Junges Theater zwischen Traum und Revolte». Christoph-Merian-Verlag, Basel 2017.

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