Didier Ruef/LUZ

Bullshit-Detektor gesucht!

Fake News, Lügen, Desinformation: Die Vertreter der offenen Gesellschaft sind verzweifelt auf der Suche nach einem Gegenmittel. Doch die Phase der Ratlosigkeit scheint vorbei.

Ein Essay von Daniel Graf, 01.12.2018

«Was ist Aufklärung?» Mit drei vermeintlich naiven Wörtern in einer Fussnote hat einst ein Berliner Pfarrer zwei der klügsten Köpfe seiner Zeit zu gedanklichen Höhenflügen provoziert. Der eine, Moses Mendelssohn, nahm seine Antwort zum Anlass, noch einmal die Grundideale seines intellektuellen Lebenswerkes zu formulieren. Der andere, Immanuel Kant, lieferte mit seiner Replik den vielleicht berühmtesten Besinnungsaufsatz der Geistesgeschichte.

Das war vor knapp 235 Jahren. Heute lautet die Preisfrage der Epoche: Was ist Gegenaufklärung – und wie zur Hölle kann man sie wirksam eindämmen? Dass ein Einzelner die künftige Schulbuchantwort darauf liefern wird, dürften die wenigsten glauben. Die Hoffnungen gründen auf der Weisheit der vielen – und das just in dem Moment, wo auch den Predigern der Schwarmintelligenz dämmert, dass das dringlichste Problem der öffentlichen Sphäre in den ebenfalls vielfältigen Formen von Schwarmdummheit liegen könnte.

Bereits 1986 adelte Harry G. Frankfurt das Wort «Bullshit» in einem Aufsatz erstmals zum philosophischen Fachterminus. Damals herrschten noch Ronald Reagan, Margaret Thatcher und Kalter Krieg; der Neoliberalismus, den man noch nicht so nannte, befand sich in seiner Entstehungsphase. Und als «On Bullshit» 2005 mit 20-jähriger Verspätung weltweit zum Bestseller avancierte, waren die Begriffe post truth, alternative facts und hate speech noch nicht erfunden. Nimmt man das schmale Bändchen heute zur Hand, lässt sich die Assoziation «prophetisch» nicht vermeiden. Bullshit jedenfalls scheint das (Un-)Wort der Stunde, und spätestens seit dem Trump-Schock sucht die Intelligenzija weltweit verzweifelt nach Fassung und einem Gegengift.

Wie wird die Welt Bullshit-resistent? Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage für die offene Gesellschaft.

Es zeugt deshalb von thematischem Gespür, wenn der Autor und Philosoph Philipp Hübl seinem soeben erschienenen Buch den Titel «Bullshit-Resistenz» verpasst. Kaum umfangreicher als seinerzeit das Bändchen von Harry G. Frankfurt, lässt sich der aktuelle Stand der Diskussion gut entlang von Hübls Essay umreissen – wegen seiner Stärken ebenso wie aufgrund seiner Schwächen.

Um Harry G. Frankfurts Bullshit-Konzept auf heute upzudaten, weitet Hübl zunächst den Begriff deutlich aus. Frankfurts Polemik damals galt Formen des Unfugs, deren Urheber schlicht und einfach gleichgültig waren gegenüber der Wahrheit: Fakt oder Unsinn – who cares? Hübl hingegen hat drei Phänotypen im Blick: den Lügner, der vorsätzlich Fake verbreitet; den Bullshitter à la Harry G. Frankfurt; und schliesslich den Trottel, der leichtfertig, aus Mangel an Kenntnis oder Aufmerksamkeit, zur Bullshit-Vermehrung beiträgt. Die Übergänge, sagt Hübl, sind fliessend. «Und wir alle waren schon Lügner, Bullshitter und vor allem Trottel.»

Ausgehend von diesen Prämissen lassen sich Hübls Buch mindestens vier zentrale Erkenntnisse entnehmen – plus eine Reihe unfreiwilliger Lehren, denn auch aus den Mängeln des Buches lassen sich wichtige Einsichten gewinnen. Das ist kein bisschen sarkastisch gemeint: Nur wer den Mut hat, sich mit einem reflektierten, referenzenreichen Debattenbeitrag der Kritik zu stellen, kann womöglich auch durch Irrtümer, Holzwege und zu kurz Gedachtes zum kollektiven Weiterdenken beitragen.

Gegen die Relativierung der Wahrheit

Seine These Nummer eins könnte Hübl mit der Politologin Kristin Helberg im Chor sprechen, die kürzlich mit Bezug auf den Syrienkrieg ganz ähnlich argumentierte: Es gibt immer eine Wahrheit. Auch dann, wenn wir sie nicht oder nicht zur Gänze kennen. Das ist kein Grund, die Wahrheit als Kategorie zu verabschieden – sondern im Gegenteil dafür, umso ernsthafter nach ihr zu suchen. Giftgasangriff, Kriegsverbrechen, Fassbomben, und wer ist hier noch mal der Böse? Die einen sagen so, die anderen so: Das ist die fatalste Schlussfolgerung, die man ziehen kann. Weil sie so tut, als wäre alles ununterscheidbar und moralisch äquivalent geworden. «In Syrien», schreibt Helberg, «gibt es so viele Versionen dieses Krieges, wie es Syrer gibt.» Man darf aber annehmen, dass das beispielsweise während des Zweiten Weltkriegs ähnlich war. Haben wir deshalb auf den Anspruch verzichtet, das Unleugbare vom Umstrittenen, das Belegbare von der Propaganda zu unterscheiden?

Es mag unzählige Versionen von den Ereignissen in Syrien geben – aber es macht einen himmelweiten Unterschied, ob eine Tatsachenbehauptung von einer parteiischen Einzelstimme kommt oder aus einer Uno-Untersuchung, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Wer behauptet, es gebe keine Wahrheit, verwechselt in Wirklichkeit nur Wahrheit und Wissen. Es gibt, schreibt Philipp Hübl, kein Wissen ohne Wahrheit – aber Wahrheiten bestehen schon, bevor wir sie (vollständig) erkannt haben.

Zweitens: In sozialen Netzen ist die Wahrheit gegenüber dem Bullshit klar im Nachteil. Eine erste Ahnung von den Gründen dafür bekommt ganz analog schon jedes Kind, das ein Kartenhaus baut: Man kann stundenlang mühevoll aufbauen – ein Quertreiber, der unten die Karte zieht, genügt, und binnen Sekunden ist das Chaos präsenter als die hingebungsvoll austarierte Statik. Anders gesagt: Der Zeitaufwand, um Ordnung herzustellen, ist unendlich viel grösser als für irgendeine Form der Unordnung.

Das gilt auch für Informationen. Unwahrheiten lassen sich schnell und einfach äussern. Und in der Regel findet man Leute, die sie weiterverbreiten, online wie offline. Der Aufwand hingegen, die Falschinformation zu korrigieren, ist überproportional hoch. Das zeigt sich schon auf der allerbanalsten Ebene: Der Satz «Bananen sind blau» kommt mit drei Wörtern aus. «Die Behauptung, dass Bananen blau sind, ist nachweislich falsch; sie sind gelb», ist dagegen schon um ein Vielfaches länger. Und dann wurde noch gar nicht begründet und differenziert (unreife Bananen sind nicht gelb ...), geschweige denn auf seriöse Quellen verwiesen.

Um solche strategischen Vorteile der Wahrheitssaboteure auf den Begriff zu bringen, spricht Hübl von der «Entropie der Lüge» – ein Schlüsselwort, das aus der Physik stammt und derzeit Karriere als Metapher macht. Der US-amerikanische Kognitionspsychologe und Bestsellerautor Steven Pinker nennt die Entropie gar den «ersten Eckpfeiler zum Verständnis der menschlichen Existenz» und widmet ihr etliche der mehr als 700 Seiten seines soeben auf Deutsch erschienenen Buches «Aufklärung jetzt». Was ist das Faszinierende am Konzept der Entropie?

Die Ultrakurzfassung von Pinkers Parforceritt: So wie das Gesetz der Entropie eine naturwissenschaftlich glasklare Erklärung für Unordnung in der Welt liefert, so nachvollziehbar lässt sich erklären, warum auch im menschlichen Leben der Unsinn in der Überzahl ist: Es gibt statistisch einfach viel mehr Möglichkeiten für Unordnung als für Ordnung. Pinker aber leitet daraus nicht weniger als den «letztendlichen Sinn» des menschlichen Lebens ab: Wir müssen unser Wissen und unsere Energie nutzen, «um der Flutwelle der Entropie Einhalt zu gebieten» – durch geordnete Information.

Ob nun mit fortschrittsoptimistischem Pathos formuliert wie bei Pinker oder etwas skeptizistischer wie bei Hübl: Die Phase, in der die schreibende Zunft auf den Trump-Schock vor allem mit Angstfaszination und hilfloser Empörung reagierte, scheint vorbei. Während noch bis vor wenigen Monaten ein Trump-Buch das nächste jagte und die Diskussion im Bannkreis der Person blieb, vollzieht sich gerade ein Übergang zu den strukturellen Analysen und der Entwicklung strategischer Gegenprogramme. Neue Bücher von bekannten Intellektuellen wie Michiko Kakutani in den USA oder Michael Hampe hierzulande stehen neben den bereits genannten stellvertretend für diesen Trend. Und die Aufklärer bilden neue Allianzen. Der eigentliche Witz des Entropie-Hypes liegt deshalb womöglich darin, dass hier sichtbar die Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaft geschlagen wird – mit dem klaren Ziel, der Gegenaufklärung den Kampf anzusagen.

Die Medien und der Wiederholungseffekt

Dritte Erkenntnis der aktuellen Bullshit-Forschung: Medien sollten Teil der Lösung sein, sind aber häufig Teil des Problems. Das klingt zunächst wenig überraschend angesichts von Boulevard und Propagandasendern. Doch gilt der Befund – und darin liegt die Pointe – eben auch für aufgeklärte, seriöse und wohlmeinende Medien. Weil die Widerlegung einer Lüge den falschen Sachverhalt noch einmal aufgreifen muss, verschafft sie ihm zugleich Präsenz. Das häufig Wiederholte aber kann offenbar Gewöhnungseffekte erzeugen, die zu gefühlten Wahrheiten gerinnen. Hübl zitiert eine aktuelle Umfrage, wonach fast die Hälfte der befragten Amerikanerinnen und Amerikaner glauben, im Irak seien Massenvernichtungswaffen gefunden worden: Von denen ist damals doch in den Nachrichten dauernd die Rede gewesen. Die mediale Dauerpräsenz von Terror und Islamismus erzeugt einen ähnlichen Effekt, weil sie die gefühlte Bedrohung bis weit über das rational berechtigte Mass hinaus steigert – und dann schlimmstenfalls selbst wieder medial ausbeutet.

Bei diesem Thema Medien hätte Hübl sehr viel tiefer bohren können. Denn während der Wiederholungseffekt ein Dilemma offenbart, das nie ganz aufzulösen ist, entsteht der gefährlichste Teil medialen Bullshits nicht aus Versehen oder Unvermeidbarkeit, sondern durch Ideologie und Opportunismus. Damit sind nicht allein chinesische oder türkische Staatsmedien gemeint. Wie anfällig hier auch als seriös geltende Schweizer Medien sind, hat etwa Sylvia Sasse in einem noch immer lesenswerten Text beispielhaft gezeigt. Desinformation, die mächtigen politischen Kräften in die Hände spielt, ist die eine Form der Selbstaufgabe kritischen Journalismus. Die andere aber ist falsch verstandene Neutralität.

So ist zuletzt mit guten Gründen die Frage aufgekommen, ob journalistische «Pro und Contra»-Formate, die lediglich zwei konträre Meinungen gleichberechtigt nebeneinanderstellen, nicht eher zum Wahrheitsrelativismus als zur Aufklärung beitragen. An Plattformen für Meinungsäusserung herrscht jedenfalls derzeit kein Mangel. Verschiedene Ansichten aber tatsächlich zueinander in Beziehung zu setzen, statt eine Debatte nur zu simulieren; Argumente einzuordnen und zu bewerten statt nur nebeneinanderzustellen – das ist die Aufgabe von Journalismus. Umso dringlicher gilt das für die Bewertung der Faktenlage. Noch einmal Kristin Helberg: «Morgens Experte A und nachmittags Experte B zu interviewen, hat nichts mit neutraler Berichterstattung zu tun, sondern entlarvt die eigene Unfähigkeit, Fake News zu erkennen.»

Schliesslich viertens: Gegen Faktenresistenz, schreibt Philipp Hübl, hilft letztlich nur Einordnungskompetenz. Wo dogmatisch geschlossene Weltbilder vorliegen, entsteht häufig der sogenannte backfire effect: Konfrontiert man etwa Verschwörungstheoretiker mit Gegenbeweisen, halten sie nur umso stärker an ihrer Version fest. Ganz einfach, weil ideologische Positionierung eine eminent identitätsstiftende Funktion und Wirkung hat. Man ändert sie in solchen Fällen also nicht durch Wissen; nötig wäre Bildung in Form von medienkritischer und argumentationstheoretischer Kompetenz. Um es also möglichst gar nicht erst so weit kommen zu lassen, dass sich aus Fake zusammengezimmerte Weltbilder verfestigen, schlägt Hübl die Einführung von «Bullshit-Resistenz» als Schulfach vor.

So plausibel der Ausgangsgedanke ist: Mit blosser Top-Down-Lehre in der Schule wird es nicht getan sein. Vielmehr müsste es auch um langfristige Erfahrung und Sensibilisierung gehen. Und dass gerade hier dem Internet, das bei Hübl eher schlecht wegkommt, eine Schlüsselrolle zukommen dürfte, hat Kathrin Passig erst kürzlich wieder in einem anregenden Essay plausibel gemacht. «Im Netz», schreibt Passig, «bekommen nicht nur viele Menschen erstmals Zugang zu Debatten, die darin keine Übung haben. Auch diejenigen, die in anderen Diskussionsformaten erfahren sind, müssen sich unter den neuen Bedingungen erst zurechtfinden, ein Lernprozess, dessen Dauer eher in Jahren als in Monaten zu messen ist.»

Es mag den Platzhirschen der analogen Diskussionsforen nicht gefallen, aber auch sie haben das Debattieren erst lernen müssen. Die Vorstellung, dass das Internet nun eine Schule des Denkens und Argumentierens der Vielen wird, einschliesslich sehr unterschiedlicher Reflexionsniveaus und Diskussionsstile, mag anstrengend sein. Aber Aufklärung als gesamtgesellschaftliches Projekt zu begreifen, verlangt auch, damit einen Umgang zu finden.

Einer der grossen Vorteile von Hübls Text ist sein enger thematischer Fokus auf der Bullshit-Resistenz. Anstatt wie Pinker mit seinem Manifest gleich den ganzen Menschen, das Universum und den Zusammenhang von beidem erklären zu wollen, resultiert das Instruktive von Hübls Essay auch aus seiner Kürze und Übersichtlichkeit.

Dennoch zeigen die Schwachpunkte seines Textes, wo aktuell die grössten Baustellen sind, wenn es um eine nachhaltige und breitenwirksame Bullshit-Bekämpfung geht. Obwohl Hübl permanent auf Ergebnisse der (Kognitions-)Psychologie verweist, scheint er sich für die psychologischen Herausforderungen im täglichen zwischenmenschlichen Alltag nur wenig zu interessieren. Dabei liegt gerade hier der Gap zwischen Theorie und Praxis: Wie umgehen mit denen, die sich gegen jede mögliche Einsicht abgedichtet haben und das praktizieren, was der Philosoph Marcus Steinweg wunderbar treffend «aktives Nicht-Denken» nennt? Und wie diejenigen überzeugen, die sich noch nicht gänzlich in ihren Dogmen eingerichtet haben?

Die Arroganzfalle

Das wirft zunächst die Frage nach der geeigneten Sprache auf – und hier tappt Hübl ein ums andere Mal in die Arroganzfalle. Da ist beispielsweise die Rede vom sogenannten Dunning-Kruger-Effekt: «Gerade Menschen, die sich auf einem Gebiet wenig auskennen, halten sich darin für besonders kompetent.» Beispiele dafür sind in der Tat wohl den meisten schon begegnet. Aber hilft es, wenn der Autor als abschliessendes Fazit fortfährt: «Mit anderen Worten: Die dümmsten Menschen haben die wenigsten Selbstzweifel»? Beim Smalltalk der Erleuchteten mag man damit die Lacher auf seiner Seite haben. Aber einmal von der Pauschalisierung abgesehen, kann auch solches Von-oben-herab einen backfire effect auslösen: indem Menschen aus purem Trotz die Zustimmung verweigern, einfach weil die Aussage so herablassend daherkommt.

Und stellt sich das Problem nicht, je nach Zusammenhang, auch für das Titelwort? Bullshit kann ein wunderbar befreiender Ausdruck sein, wenn der Irrsinn wieder einmal nicht auszuhalten ist. Und das Vulgäre daran ist wenigstens nicht euphemistisch, wenn ein entsprechender Anlass die eher explizite Lyrik nötig macht. Nur: Jemandem, der Bullshit äussert, genau dieses Wort an den Kopf zu knallen, ist zwar verführerisch, aber nicht unbedingt Erfolg versprechend. Strategie hängt von Zielsetzungen ab. Und wo zumindest partielles Überzeugen noch möglich und erstrebenswert scheint, ist verbales Wettrüsten wenig hilfreich. «Liebe Rechthaber, ihr habt so gute Karten. Spielt sie doch richtig aus!», mahnte Michael Allmaier neulich vollkommen zu Recht. Denn wer andere überzeugen möchte, gewinnt nicht allein mit Argumentationstheorie.

Was heisst das für die Anti-Bullshit-Fraktion? Wieder gilt: Sie muss über die Grenzen wissenschaftlicher Einzeldisziplinen hinausreichen. Von dem, was Psychologie und Sprechakttheorie phatische Kommunikation nennen, gäbe es jedenfalls manches zu lernen. Zum Beispiel, dass Verständigung zwischen Menschen nicht nur mit Argumenten zu tun hat, sondern auch mit Sätzen, die vor allem eine soziale Funktion erfüllen. Das macht sie eben gerade nicht überflüssig. Denn wer nur als Argumente-Automat spricht, wird vielleicht auf der öffentlichen Bühne eine gute Figur machen, im täglichen Miteinander aber nur wenige Leute auf seine Seite ziehen. Was sind psychologisch die Voraussetzungen, dass Menschen eine starke Meinung revidieren, einen Irrtum eingestehen können, zumal in emotional aufgeladenen ethischen Debatten? Oder umgekehrt: Welche Faktoren verhindern die Bereitschaft zur Selbstkorrektur? Und was heisst das für die Suche nach einer Überzeugungsstrategie? Das sind Fragen, die bis jetzt noch zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.

Die Suche nach der Coca-Cola-Formel

So weit das eine Ende der Agenda namens «interdisziplinäre Anti-Bullshit-Kompetenz». Das andere Ende: Informatik und Technik. Denn die Frage lautet: Wie wird Bullshit-Resistenz zur Massenware? Und da nicht unbedingt zu erwarten ist, dass die Mehrheit der Gesellschaft in Zukunft ein Studium in Logik und Medienkompetenz absolviert, braucht es Tools, die möglichst so massentauglich sind wie ein Smartphone. Philipp Hübl verweist auf Projekte wie Fake News Challenge, wo Entwicklerteams um die besten Algorithmen wetteifern, um gefälschte Nachrichten zu erkennen. Mithilfe von künstlicher Intelligenz erzielen solche Programme bereits erstaunliche Ergebnisse – und werden ständig besser. Der Gedanke an eine ziemlich zuverlässige Bullshit-Detektor-App scheint keineswegs aus der Luft gegriffen.

Dass freilich solche Programme ihre eigenen Tücken haben; dass sie nicht neue abgeschlossene Systeme bilden dürften; dass sie neben einem «Vorsicht, Falle!»-Hinweis immer seriöse Quellen mitliefern müssten für den, der es genauer wissen will; dass sie zusätzliche Hilfsmittel sein müssten, statt das eigene Denken abzulösen – all das ist klar. Doch wem es ernst ist mit einer möglichst breitenwirksamen Anti-Bullshit-Initiative, der sollte das Mainstreaming der Aufklärung begrüssen, anstatt sich mit Dünkel und Distinktion aufzuhalten.

Was aber tun mit dem Bullshit derjenigen, die ganz bewusst auf Bullshit setzen, weil es ihnen nützt? Und wie reagieren auf die Verlautbarungen derer, die für Gegenargumente nicht mehr zugänglich sind? Die politische Auseinandersetzung wird niemandem, dem etwas an der Demokratie liegt, erspart bleiben, allein schon, weil immer wieder neu um die Schwankenden, politisch: um Wechselwähler, gerungen werden muss. Hier hilft nur klar und deutlich artikulierter Widerspruch unter Einhaltung der demokratischen Regeln. Und von der «Entropie der Lüge» lässt sich lernen: Wenn die Wahrheit die Verbreitungswahrscheinlichkeit gegen sich hat, müssen wir umso dringlicher an der Sichtbarkeit jener arbeiten, die gegen den Bullshit eintreten.

Noch immer gibt es weltweit eine Menge hervorragenden Journalismus, exzellente Bücher, die uns die Gegenwart begreifbarer machen, Statements von Aktivistinnen und ganz normalen Bürgern, die mehr Gehör verdient hätten. Ihre Präsenz zu vergrössern, beginnt mit einfachen Shares. Es deutet jedenfalls vieles darauf hin, dass die Phase der Schockstarre nach Trump-Wahl und Brexit-Entscheid überwunden ist. Die kollektive Suche nach der Coca-Cola-Formel für die Kultivierung des öffentlichen Diskurses macht Fortschritte – auch wenn das Wort «Fortschritt» eine Zeit lang wie blanker Hohn klang.

Johann Friedrich Zöllner übrigens, jener Berliner Pfarrer, der mit einer Fussnote Kants Aufklärungsessay auslöste, hat heute einen eher schweren Stand. Dass seine Frage «Was ist Aufklärung?» polemisch gestellt war, wird heute nicht selten als antiaufklärerische Aktion gedeutet. In Wirklichkeit forderte Zöllner damit nichts anderes, als die Aufklärung auf eine selbstreflexive Stufe zu heben: Wir kommen nicht umhin, die Aufklärung auch auf sich selbst anzuwenden. Heute aber sieht es tatsächlich ganz so aus, als würde erst die Vielzahl an Gegenaufklärern die vollen Kräfte der offenen, aufgeklärten Gesellschaft mobilisieren. Anlass wäre reichlich vorhanden. Wir dürfen uns alle gemeint fühlen.

Zum Weiterlesen:

Philipp Hübl: «Bullshit-Resistenz». Nicolai Publishing & Intelligence, Berlin 2018. 112 Seiten, ca. 30 Franken. Das Buch ist Teil der 7-bändigen Box «Tugenden für das 21. Jahrhundert».

Steven Pinker: «Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung». Aus dem Englischen von Martina Wiese. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 736 Seiten, ca. 33 Franken. Zur Leseprobe gelangt man hier.

Harry G. Frankfurt: «Bullshit». Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Bischoff. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. Taschenbuchausgabe von 2014, 47 Seiten, ca. 8 Franken. Zur Leseprobe gelangt man hier.

Hannah Arendt: «Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays». Piper Verlag, München 2013. 96 Seiten, ca. 15 Franken.

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