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Tevjes Töchter träumen vom perfekten Mann: «Fiddler on the Roof». Victor Nechay/ProperPix

Der Milchmann hat endlich Jiddisch gelernt

Die Alltagssprache des osteuropäischen Judentums kehrt auf die Bühne zurück. In New York singt Milchmann Tevje im «Fiddler on the Roof» auf Jiddisch, als wäre er noch im «Schtetl». Das kleine Comeback einer sterbenden Sprache.

Von Michael Rüegg, 28.11.2018

Das Strassenschild weckt auch Erinnerungen ans «Shalom Aleichem», das man als Kind im Musikunterricht rauf und runter gesungen hat: Sholem Aleichem Place heisst die 33. Strasse auf einem Abschnitt in der New Yorker East Side. Mit der Benennung wird Scholem Jankew Rabinowitschs gedacht, geboren 1859. Für die jiddische Literatur war dieser Mann, was Mark Twain für die amerikanische war. Mit dem Unterschied, dass Twain die amerikanische Literatur nicht begründet hat. Rabinowitsch – oder Scholem Alejchem, wie sein nom de plume im deutschen Sprachraum geschrieben wird –, gilt hingegen als Vater des jiddischen Schriftstellertums.

Wenn jahrein, jahraus auf Profi- wie Laienbühnen von Alabama bis Alaska «The Fiddler on the Roof» gegeben wird, ist das Balsam für die Seelen der Zuschauerinnen. Die Geschichte aus dem Schtetl Anatevka im einstigen Zarenreich ist eines der meistgespielten Broadwaystücke aller Zeiten. Der Stoff geht zurück auf Alejchems Erzählung von Tevje dem Milchmann, im jiddischen Original «טבֿיה דער מילכיקער» respektive «Tevye der milkhiker».

Ein Stück Ukraine aus den USA

Im 1964 uraufgeführten und auf Alejchems Stoff basierenden Musical begegnen sich zwei Sehnsüchte: hier diejenige der Ausgewanderten nach dem heimatlichen Europa, das gleichzeitig der Kontinent der Unterdrückung, Verfolgung und Armut war. Dort die Sehnsucht der Verfolgten nach Amerika, dem Land der Freiheit. Irgendwo dazwischen liegt im 20. Jahrhundert die amerikanische Seele. Und zwar längst nicht nur diejenige des jüdischen Amerikas – anders lässt sich nicht erklären, wieso der «Fiddler» nicht nur am Broadway begeistert, sondern auch das Publikum von Highschool-Aufführungen im fernen Jackson, Mississippi, in seinen Bann zieht.

Der Autor: Scholem Jankew Rabinowitsch aka Scholem Alejchem. Sovfoto/UIG/Getty Images

Das Werk, schwer eingehüllt in die Melancholie der jüdischen Musik, erzählt eine klassische Emigrantengeschichte: So ist Tevje, der am Ende der russischen Pogrome wegen mit seiner Familie das geliebte Anatevka gegen den Dampfer nach Amerika eintauschen muss, irgendwie auch der Ur-Opa aller US-Amerikaner, egal, ob Jüdin oder Nichtjude.

Die Story: Tevje muss zuschauen, wie seine Töchter das Haus verlassen. Die erste heiratet anstelle des reichen Fleischers den armen Schneider. Nun gut. Die zweite verliebt sich in den kommunistischen Studenten und Hauslehrer (eine Parallele zu Rabinowitschs eigener Biografie). Weniger gut. Als die Dritte mit einem russischen goy durchbrennt, ist Tevjes Herz am Ende. Noch schlimmer kann es mit seinen verbleibenden Töchtern nur deshalb nicht kommen, weil ein Erlass aus Sankt Petersburg alle Juden zwingt, das Schtetl zu verlassen. Und Ende.

Erstmals ein «Fiddler oyfm Doch»

Über fünfzig Jahre nach der Premiere erlebt New York derzeit seine erste Ausgabe des «Fiddler» auf Jiddisch. Die Figuren sprechen und singen in ihrer Muttersprache. Bemerkenswert ist, dass es sich bei dieser Ausgabe um eine Übersetzung aus dem Originalmusical handelt. Denn während Scholem Alejchems Prosa auf Jiddisch erschien, schrieben Sheldon Harnick und Joseph Stein das Musical dazu auf Englisch. 1965, bereits kurz nach der New Yorker Uraufführung, zeigte das israelische Nationaltheater das Werk auf Jiddisch, übersetzt von Shraga Friedman.

Das Ensemble des National Yiddish Theatre Folksbiene spielt den «Fiddler» derzeit im Theatersaal des Museum of Jewish Heritage in Downtown Manhattan. Erkenntnis des verdutzten Zuschauers schweizerdeutscher Herkunft: Jiddisch ist verständlicher als gewisse Walliser Dialekte. So lachte eben nicht nur die 90-jährige Dame eine Reihe weiter vorne, bereits bevor die Pointe in Englisch (und Russisch) auf der Übertitelungsanlage erschienen war. Sondern auch der Schweizer vom Lande, dessen Grossmutter ihm zum Abschied nie «blayb gezunt!» gesagt hatte.

Der «Fiddler» entstand nicht aus dem Nichts heraus: Er ist das Resultat einer jahrzehntealten jüdischen Theatertradition, deren Wurzeln ins Zarenreich zurückreichen. Für viele jüdische Einwanderer aus Osteuropa, die zwischen den 1890er- und den 1920er-Jahren wie Scholem Alejchem (und seine Hauptfigur Tevje) vor den Pogromen in die USA flohen, bot das Theater eine sprichwörtliche Bühne. In den Sälen von Manhattans Lower East Side entstand ein jüdischer Gegenpol zum Broadway, hier lebte in zeitweise bis zu fünfzehn Theaterhäusern die Kultur der osteuropäischen Einwanderer nicht nur weiter, sie fand zu neuer Blüte.

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Mit dem «Fiddler» entstand in den 1960er-Jahren eine verspätete Mainstream-Ausgabe der bis in die Dreissiger schwer erfolgreichen jiddischen Operetten – Hunderte Werke dieses Genres wurden in New York uraufgeführt. Entstanden war das jiddische Theater in Europa. 1883 verbot das Zarenreich jedoch Aufführungen in jiddischer Sprache. Nicht nur die Menschen wurden unterdrückt, sondern auch ihre Kultur.

Geboren im alten Europa

Als Vater des jiddischen Theaters galt der im Zarenreich geborene Abraham Goldfaden, der die meiste Zeit seines Lebens in Europa verbracht hatte, je nach Quelle vierzig oder über sechzig Stücke schrieb und zu dessen Beerdigung in New York nicht weniger als 75’000 Trauergäste aufgetaucht sein sollen. Seine Karriere begann Goldfaden in Rumänien, wo er alttestamentarische Stoffe wie die Zerstörung von Sodom und Gomorra zu urkomischen Stücken umformte.

Eines der wenigen heute noch bekannten Exemplare einer jiddischen Operette ist «Di goldene Kale», 1923 uraufgeführt, zu Deutsch: «Die goldene Braut». Das National Yiddish Theatre Folksbiene in New York brachte das Werk, das mühevoll aus teils verschollen geglaubten Einzelteilen rekonstruiert worden war, 2015 mit grossem Erfolg wieder heraus – in seiner musikalischen Originalfassung. Sie stammt von Joseph Rumshinsky, einem fleissigen Komponisten, der häufig mit der Librettistin Frieda Freiman gearbeitet hat.

Grundstein für jüdische Komponisten

Einer der wenigen heute selbst in Europa noch bekannten Ohrwürmer aus der Epoche der jiddischen Operetten ist das Lied «Bei mir bist du schön». In Tat und Wahrheit hiess der von den Andrews Sisters auf der ganzen Welt geträllerte Song «Bay mir bistu sheyn». Das Stück stammt aus der 1932 erschienenen Operette «Men Ken Lebn Nor Men Lost Nisht» (man kann leben, aber die lassen einen nicht), Komponist war Sholom Secunda. Zarah Leander nahm das Lied 1938 gar in einer schwedischen Fassung auf.

Dank ihnen ist «Bay mir bistu sheyn» weltbekannt: The Andrews Sisters, 1938. James Kriegsmann/Michael Ochs Archives/Getty Images

Die Aufführungen auf den Bühnen der Lower East Side inspirierten damals auch den jungen George Gershwin, der später etwa die in den Südstaaten angesiedelte Oper «Porgy and Bess» schrieb. Das jiddische Musiktheater bildete somit einen Teil des Nährbodens, auf dem spätere jüdische Komponisten und Theaterautoren heranwuchsen. Etwa Harold Arlen und Yip Harburg, aus deren Feder die weltberühmten Lieder im «Wizard of Oz» stammen, zum Beispiel das nicht totzukriegende «Over the Rainbow». Ihre Nachfolger wiederum heissen Stephen Sondheim und Leonard Bernstein.

Und Jiddisch heute?

Juden aus Deutschland sehen im Jiddischen oft eine hässliche Stiefschwester des Deutschen. Die Sprache hat ihre einstige Bedeutung verloren. Fast alle jiddischen Tages- und Wochenzeitungen in den USA sind längst eingegangen. Weniger als 200’000 Personen im Land geben an, Jiddisch zu sprechen, als Muttersprache benutzen es heutzutage praktisch nur chassidische Gemeinden, die meisten davon im New Yorker Stadtteil Brooklyn. (Tipp: Der Streamingdienst Netflix zeigt mit «One of Us» einen Dokumentarfilm, der das Milieu kritisch beleuchtet.)

Mit etwas Glück findet man noch einen älteren jüdischen Amerikaner, der ein paar Brocken der Sprache aus seiner Kindheit in der Erinnerung trägt. Für fast alle Darsteller im Ensemble des National Yiddish Theatre Folksbiene aber war Jiddisch eine kaum bekannte Fremdsprache, die sie sich extra für die Aufführung aneigneten.

Ein gutes Jahrhundert nach der Blüte des jiddischen Theaters tragen die Aufführungen der Folksbiene zum Erhalt der langsam in Vergessenheit geratenden Sprache bei. Vielleicht erlebt Jiddisch sogar ein sanftes Revival. Diesen Sommer etwa besuchten 155 Interessierte vom Kleinkind bis zur 93-Jährigen ein Ferienlager nördlich von New York City, genannt «Trip to Yiddishland». Die Aktivitäten reichten von Yoga (stretch and kvetch) über Musizieren bis hin zum Erlernen jiddischer Kommandos für Hunde (zits!, tsurik!).

Jiddisch lebt weiter. Wenn auch wie eh und je als Randerscheinung

«Fiddler on the Roof» auf Jiddisch

Das National Yiddish Theatre Folksbiene hat die Aufführung von «Fiddler on the Roof (in Yiddish)» angesichts der grossen Nachfrage ein zweites Mal verlängert. Gespielt wird bis zum 30. Dezember 2018 im Museum of Jewish Heritage, Battery Park, New York.

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