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Poesie & Prosa

24-Stunden-Workout fürs Gemüt

A. L. Kennedy: «Süsser Ernst»

Eine grosse Autorin auf der Höhe ihrer Kunst – und doch will daraus keine packende Lektüre werden.

Von Hanna Engelmeier, 27.11.2018

Sobald ein Roman offensiv annonciert, dass nun dicht erzählt wird, was sich an einem einzigen Tag im Leben von XY zuträgt, ahnen wir: Oha, es geht eigentlich ums grosse Ganze. In den 1920er-Jahren erschienen mit «Mrs Dalloway» von Virginia Woolf und «Ulysses» von James Joyce zwei Texte, die es vermochten, durch den individuellen Bewusstseinsstrom ihrer Figuren das Panorama einer ganzen Gesellschaft zu kondensieren. Seither hat sich diese erzählerische Technik nicht nur zu einem klassischen Mittel moderner Romane entwickelt, sondern auch die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser dafür geschärft.

A. L. Kennedys neuer Roman «Süsser Ernst» setzt mit einer Miniaturerzählung aus der Londoner U-Bahn ein und führt die Leserinnen direkt zu einem Knotenpunkt gesellschaftlicher Diversität. Dann schwenkt die Erzählung zu einem der Protagonisten: Es ist 6.42 Uhr, und Jon Sigurdsson hat Stress. Bis 6.42 Uhr am darauffolgenden Tag wird sich das nicht wesentlich ändern, und bis dahin bleibt Kennedys Roman bei ihm.

Jon ist mittelalt und bestenfalls mittelglücklich. Er arbeitet als Beamter einer Regierung, für die er Privatinformationen der Bürger abzugreifen hat, um diese im Sinne zynischer Politiker steuerbar zu machen. Als er zum ersten Mal im Roman auftritt, hat er gerade einen verletzten Vogel gefunden, dem er helfen will, dem er aber nicht helfen kann. Wie für den Vogel will Jon auch für seine Mitbürger das Beste, ohne jedoch wirklich etwas für sie tun zu können. Ebenso hilflos steht er dem Liebeskummer seiner Tochter gegenüber, zu der er eine Beziehung pflegt, deren Innigkeit ihn immer wieder überfordert. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Kollegen verhöhnen ihn. Von all den angeschlagenen Vögeln dieser Welt ist er kaum zu unterscheiden.

Meg ist eine trockene Alkoholikerin mit ebenfalls grossem Soll im Gefühlshaushalt. Sie arbeitet in einem Pflegeheim für vernachlässigte Tiere (nein, kein Zufall), ansonsten wandert sie allein durch die Stadt, trinkt Cappuccino, beobachtet das Leben in der Grossstadt, geht zu Treffen der Anonymen Alkoholiker und versucht, sich selbst vor dem Schmerz enttäuschter Hoffnung auf eine Wende in ihrem Leben zu bewahren. Ihre Abschottungsversuche bleiben aber erfolglos, denn Meg verliebt sich in Jon, und Verliebtsein handelt vom Hoffnunghaben.

Zusammengeführt werden die beiden über einen Service, den sich Jon als geheime Nebenbeschäftigung ausdenkt: Er bietet per Inserat an, Liebesbriefe auf Anfrage zu schreiben, an ihm völlig unbekannte Frauen. In einer Rückblende erzählt der Roman, wie Meg ihm genau dort auflauert, wo Jon sich stets die Briefe abholt, die sie ihm schreibt. Dass sie sich lieben, wissen sie eigentlich schon aus ihren Briefen. Bei ihrem Treffen können sie dies dann überprüfen, und die erzählte Zeit des Romans ist jene, in der sich die Liebe anschickt, auch eine Beziehung zu werden.

Hochinfektiöse Passagen

Dass sich der Plot, der um 6.42 Uhr beginnt und exakt 24 Stunden später endet, so abspielt, ist allerdings nicht einfach herauszufinden. Denn das Buch ist sehr damit beschäftigt, ein Panorama Londons an diesem Tag zu entwerfen – in dem eben auch die Mikropanoramen enthalten sind, aus denen die Gedanken- und Gefühlswelten von Meg und Jon bestehen.

Kennedy hat dazu eine personale Perspektive gewählt, die beispielsweise Meg bei der Nachkontrolle zu einer gynäkologischen Operation beschreibt oder Jon ins Haus seiner Exfrau folgt. Ergänzt wird dieses sehr intime Erzählen durch kursiv gesetzte innere Monologe. Diese Passagen sind hochinfektiös, und zwar nicht allein deshalb, weil sie einen beispielsweise die Scham mitfühlen lassen, die Meg auf dem Untersuchungsstuhl eines Gynäkologen erlebt, als der ihre schlecht zu untersuchenden Geschlechtsteile kommentiert.

Infektiös ist auch und vor allem das Gefühl einer lähmenden Verstrickung in die Unsicherheiten und Ängste der Protagonisten. Innerhalb eines Tages, der sich im Roman auf immerhin 560 Buchseiten ausdehnt, bewegen sich Meg und Jon nur im Schneckentempo aufeinander zu, stets und ständig aufgehalten durch neu aufkeimende quälende Erinnerungen. Kennedy ist durch die 24-Stunden-Beschränkung auf viele Rückblenden angewiesen, um ihren Figuren neben emotionaler auch noch biografische Tiefe zu verleihen. Und durch dieses ständige Springen zwischen Zeit-, Gefühls- und Sprachebenen gerät die Lektüre zu einem mühsamen Konditionstraining.

Den Rhythmus geben Miniaturen aus dem Alltag verschiedener Londoner Bürger vor, «denen wehgetan werden wird, denen wehgetan worden ist», und die sich gegenseitig kurz den Samariterdienst unverlangt ausgeübter Freundlichkeit erweisen. Diese kleinen Momente von Zivilistenliebe huschen vorüber: ein, zwei Seiten, dann sind wir die Frau wieder los, die sich in der U-Bahn mit den zwei Schwulen mit dem Mopswelpen auf dem Arm unterhält. Eine Seite, und die Szene mit dem Strassenmusiker, der für einen einzigen kleinen Jungen zu spielen scheint, ist vorbei.

Die Kurzweil kommt zu kurz

Mit einer solchen Alltagsminiatur beginnt auch der Roman. Und noch bevor die erste Zeitangabe auftaucht, wird das humanistische und politische Anliegen des Romans deutlich: Es geht ihm nicht nur darum, soziale Kälte zu zeigen und die minimalen Freundlichkeiten, die sie mildern. Der Roman will diese kleinen Ereignisse in eine historische Chronik überführen und sie damit retten. Denn: «Womöglich war die Stadt – gerade jetzt – voller Augenblicke, die ungesammelt blieben, wahrscheinlich sogar.»

Während der Roman also eventuell dem historischen Moment gerecht wird, kommen andere literarische Tugenden weniger zur Entfaltung. Zum Beispiel: eine gewisse Kurzweil. Nach etwa 200 Seiten versteht man die Sache mit Jons Auftragsliebesbriefen; auf Seite 421 beginnt ein Kapitel, in dem endlich Jons Beruf erkennbar und sein Leiden daran etwas verständlicher wird. Nach etwa 300 Seiten sind sich Jon und Meg nähergekommen, Meg schreibt an Jon, der unter dem Decknamen «Mr August» operiert: «In meinem Alltag habe ich das, was Sie schreiben, die ganze Zeit im Kopf. Es ist schön, es ist süss. Süss und ernst.»

Megs Brief ist in einer anderen Schrifttype gesetzt, wie die inneren Monologe ist jedoch auch dieser Absatz kursiv gedruckt. Insbesondere die Teile, in denen sich Figuren in teils heillose Selbstgespräche verstricken, kündigen sich durch diese Schriftart überdeutlich an, und nach etwa 300 Seiten in diesem Stil scheinen sie vor allem einen Gedanken zu transportieren: Jetzt wirds wieder stressig. Fast übermenschlich scheint es hier, der Versuchung zu widerstehen, heimlich, still und leise ein wenig querzulesen. Gibt man ihr nicht nach, begibt man sich in eine schier endlos scheinende Seelenmarter, unter deren Schwere sich sogar die Buchstaben nach vorn beugen müssen.

Kein Zweifel, es ist A. L. Kennedy offensichtlich ein Anliegen, in diesem Roman alle schriftstellerischen Register zu ziehen. Hypersensibel sollen alle sprachlichen und emotionalen Schichten eines Moments seziert werden. Aber nach weniger als der Hälfte des Buches hatte ich den Eindruck, nun alle Stimmen gehört zu haben, hatte mich insbesondere von der Stimme der Erzählerin in Sicherheit gewiegt gefühlt. Nein, sie würde keinen betulichen Satz schreiben. Sie würde nicht behaupten, dass durch ihr Alter notwendig beschädigte Menschen im Nullkommanix unbeschwerte Liebesbeziehungen mit grossartigem Sex anfangen könnten. Sie würde ganz sicher berücksichtigen, dass kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse katastrophale Auswirkungen auf die Infrastrukturen unserer am meisten geliebten Grossstädte haben. Ihre Aufmerksamkeit würde weiterhin bei den Schwächsten in diesen Strukturen sein. Sie würde auf unpeinliche Art einen Obdachlosen beschreiben können. Es würde weiterhin beethovenartig jeder wuchtige Ton am richtigen Platz sein.

Und so war es auch. Zu lesen, wie Meg und Jon sich durch einen Moloch aus kaputten Verkehrs- und Gefühlsinfrastrukturen zueinander hinkämpfen, war ergreifend, aber auf reizlose Art durchsichtig. Dieses Gefühl heisst Langeweile, und es ist schrecklich, es bei der Lektüre einer Autorin zu empfinden, die ganz offensichtlich auf der Höhe ihres Könnens schreibt. Nur leider ohne damit etwas festzuhalten, bei dem man unbedingt am Ball bleiben möchte.

Das Buch

A. L. Kennedy: «Süsser Ernst». Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke und Susanne Höbel. Hanser, München 2018. 560 Seiten, ca. 40 Franken. Hier geht es zur Leseprobe.

Zur Autorin

Hanna Engelmeier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI). Essays und Rezensionen von ihr erschienen zuletzt im «Merkur», in der TAZ und in der «Süddeutschen Zeitung». Sie twittert unter @HannaEngelmeier.

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