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Klang

Variationen, Transformationen

Igor Levit am KKL

Das russische Ausnahmetalent eröffnet das Lucerne Piano Festival im KKL mit einem Rezital der Sonderklasse – und mit der ihm eigenen Radikalität.

Von Peter Hagmann, 21.11.2018

Interpret von ausserordentlichem Format: Igor Levit am Lucerne Piano Festival. Peter Fischli/Lucerne Festival

«Pianist. Musician. Citizen», so steht es auf seiner Website. Damit hat es seine Richtigkeit. Freilich, wer sich über Igor Levit kundig zu machen sucht, stösst in erster Linie auf den Bürger. Beziehungsweise auf den Twitter-Account, über den der Pianist verbreitet, was er als Künstler nicht mitzuteilen vermag. Einen Musiker aus der Welt der sogenannten Klassik, der eine ganz und gar heutige Lebenswelt repräsentiert, der nicht nur Zuhörer, sondern auch Follower hinter sich schart, der also unverkrampft und sozusagen unablässig mit dem Smartphone hantiert – das hat es bis anhin nicht gegeben. Es schafft Erregung in einem kulturellen Bereich, der gemeinhin als abgestanden gilt. Und es unterstützt die Bildung jener Aufmerksamkeit, ohne die ein junger Künstler nicht vorankommt.

Allerdings verdeckt der Hype um den Twitterer und seine Adepten die weitaus bedeutendere, nämlich musikalische Tatsache, dass hier ein Interpret von ganz ausserordentlichem Format nachwächst.

Am Eröffnungsabend zum Lucerne Piano Festival war es in aller Eindrücklichkeit zu erfahren. Was Igor Levit dort spielte und, mehr noch, wie er es spielte, war von einer Radikalität, die ihresgleichen sucht. Das Programm, es geht auf die jüngste, wieder bei Sony erschienene CD-Publikation des Pianisten zurück, stand ganz im Zeichen von Variation und Transformation; es spiegelte damit Levits klares Denken in Kategorien der Struktur – auch bei der Programmgestaltung.

Dass er seinen Parcours mit der Chaconne aus Johann Sebastian Bachs d-moll-Partita für Violine solo in der Bearbeitung von Johannes Brahms begann, bot eine erste Überraschung. Das Potenzial des Klaviers bleibt in dieser Einrichtung noch sehr gezähmt. Brahms übersetzt Bach so gut wie wörtlich, und vor allem nutzt er nur eine einzige Hand: die linke. Damit in einen Abend einzusteigen, ist nicht ohne Risiko. Es war Levit, dessen Rechte bisweilen zuckend mitdirigierte, jedoch in keinem Augenblick anzumerken; der Pianist schien völlig aufzugehen in der durch und durch belebten Darstellung dieses grossartigen Stücks.

Aus fernen Räumen

Mit dem Thomaskantor ging es weiter, allerdings in ganz anderer Weise. Denn an der Seite Bachs betrat Ferruccio Busoni das Podium: mit seiner 1909 zum Andenken an seinen Vater geschriebenen Fantasie, in welcher der Komponist Musik seines grossen Vorbilds anklingen lässt. Eine Rarität war das, wie überhaupt das Programm des Abends zahlreiche Luzerner Erstaufführungen enthielt. Allein, die Rarität sei für ihn kein Wert an und für sich, meint Igor Levit, er sei einfach unentwegt auf der Suche, das gehöre für ihn zum Beruf.

Mehr Licht wirft er in diesem Zusammenhang auf Busoni. Der grosse Pianist, Dirigent, Komponist, Denker, den Levit durch seinen Lehrer Matti Raekallio kennengelernt hat, gilt ihm als eine Art Leitstern. Der «Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst» (1907) gehört für Levit zu den Grundlagen seines Tuns, und was Busoni zum Klavierspiel, aber auch zum Selbstverständnis des Interpreten geschrieben hat, bedeutet ihm viel – ebenso viel wie etwa die hochkomplexe «Fantasia contrappuntistica», in der sich Busoni mit Bachs «Kunst der Fuge» auseinandersetzt.

Das Tombeau, das Busoni für seinen Vater geschrieben hat, ist nicht ganz so vertrackt wie die wenig später entstandene «Fantasia contrappuntistica». Es ist von stiller Einkehr geprägt, die Choralbearbeitungen Bachs klingen wie Echos aus einer vergangenen Zeit. Igor Levit näherte sich dieser sehr persönlichen Musik aus tiefer Versenkung heraus. Er nahm sich alle Zeit, schuf den Melodielinien klanglichen Raum und fiel zum Schluss in eine Düsternis – aus der dann, unmittelbar anschliessend, ganz zart, aber doch klar konturiert die sogenannten Geistervariationen Robert Schumanns heraufstiegen.

Das Thema zu diesen Variationen hat Schumann, wie er seiner Frau Clara anvertraute, von Engeln zugespielt erhalten; mitten in der Arbeit an der Reinschrift stürzte sich der Komponist in den eiskalten Rhein, wurde aber gerettet und stellte das Autograf danach fertig.

Es ist Musik, die aus fernen Räumen kommt, vielleicht aus dem Jenseits – daran liess Igor Levit keinen Zweifel. Sehr schlicht, ohne jeden Drücker, aber durchaus mit Emphase breitete er das Thema aus. In den Variationen verfolgten sich die Stimmen luzide, bis sie in der fünften und letzten Variation ihre Körperlichkeit und somit ihre musikalische Kontur zu verlieren schienen.

Von Meyerbeer über Liszt zu Busoni

Womit wir – nach der grandios gezügelten Gralsszene aus Richard Wagners «Parsifal», wie sie Franz Liszt für Klavier gefasst hat – beim Hauptstück des Abends wären. Und bei seiner Sensation. Denn da wandte sich Igor Levit doch tatsächlich der Fantasie und Fuge über «Ad nos, ad salutarem undam» zu: einem Stück, das kaum ein Pianist aufzuführen wagt.

Eine halbe Stunde dauert dieser Viertausender, der eine freie Folge von Variationen in zweifacher Transformation darstellt. Das Thema ist ein Choral, den Giacomo Meyerbeer für seine Oper «Le Prophète» erfunden hat; Liszt hat diesen Choral in einem gigantischen Orgelwerk verarbeitet, das wiederum Busoni «von der Orgel auf das Pianoforte frei übertragen» hat. Restlos funktioniert das Werk weder auf der Orgel noch auf dem Klavier; die Orgel bietet Klangmacht, aber zu wenig Klarheit, beim Klavier ist es umgekehrt. Es ist aber keine Frage, dass Busoni die Partitur entschieden bereichert hat. Nicht so wie Leopold Godowski, der Chopins Etüden mit zusätzlichen Schwierigkeiten versetzt hat, sondern durchaus in der Substanz.

Igor Levit, Pianist und bekennender Linker. Robbie Lawrence

So sieht es wenigstens Igor Levit – um auf der Stelle zu erzählen, wie massiv er 2013, als er das Stück mit Blick auf sein Debüt in der Berliner Philharmonie erstmals in die Hand genommen habe, an die Wand gefahren sei. Das Stück habe ihm seine pianistischen Grenzen gezeigt – ihm, der mit seiner unfassbaren Begabung alles spielen zu können scheint.

Nach der für seinen Geschmack mässig gelungenen Berliner Aufführung hat Levit die Noten zur Seite gelegt, sie dann aber 2017 für sein neues Aufnahmeprojekt «Igor Levit, Life» wieder hervorgeholt. Da habe es dann wie von selbst geklappt, sei ihm das Werk geradezu entgegengekommen.

Als Zuhörer kann man das nicht wirklich nachvollziehen. Wie sich in «Ad nos» die Notenköpfe auf engstem Raum ballen und wie sich der musikalische Ausdruck verdichtet, ist kaum zu fassen. Igor Levit jedoch – er schüttelt das Stück nicht aus dem Ärmel, das nicht, aber er spannt es so überwältigend frei unter einen von A bis Z reichenden Bogen, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Dabei gewährt er auch seinem Publikum keine Schonung. Während die Fantasie extravertiert daherkommt und sich die Fuge zu majestätischer Grösse steigert, sinkt das Adagio in eine bis zum Äussersten gespannte Ruhe. Eine Grenzerfahrung, die man aushalten können muss.

Scharfer Blick auf die Welt

Das ist es, was Igor Levit auszeichnet. Interpretation heisst für ihn, eine eigene Meinung zu haben und ohne Kompromiss dazu zu stehen. So hält er es auch mit der Welt, in der er lebt. Er erlaubt sich den scharfen Blick auf das Hier und Jetzt, und er artikuliert seine Gedanken dazu so rege, wie er die heiss geliebte Musik an dem ebenfalls heiss geliebten Instrument in die Öffentlichkeit trägt. Dass er ein bekennender Linker sei, daraus macht er kein Geheimnis – fragt sich aber sogleich, was das heisse. Und vor allem: Wo sie seien, die Linken?

Wenn diese Fragen auch offenbleiben, so legt er immerhin Wert auf eine Gewissheit: dass er kein Rechter sei. Der Klimaschutz, ruft er aus, könne nur greifen, wenn das wirtschaftliche Gebaren in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung hinterfragt werde. Und so weit es ihm möglich sei, setze er sich Tag für Tag gegen jede Art der Diskriminierung zur Wehr.

Solche Worte von einem mit seinen 32 Jahren zwar noch jungen, aber ohne Zweifel zu bedeutenden Taten bestimmten Musiker zu vernehmen, ist schon bemerkenswert. Vielleicht versteht es sich aber auch ganz von selbst, denn wenn er aus dem Künstlerzimmer ins Freie tritt, kann auch Igor Levit beobachten, wie es um unseren Planeten bestellt ist. Der Pianist selbst hält sein Engagement und dessen Spiegelung auf den Social Media für das Normalste der Welt. Feurig erinnert er an Musiker wie den polnischen Pianisten Ignaz Paderewski, der seinem Land als Ministerpräsident gedient hat, den frühen Europäer Busoni, an Yehudi Menuhin, Leonard Bernstein oder den Dirigenten Kurt Masur und sein Eingreifen in der zerfallenden DDR. In diesem Licht lässt sich vielleicht auch das vom Boulevard so eifrig ausgeschlachtete Twittern verstehen.

Zum Autor

Peter Hagmann, promovierter Musikwissenschaftler und diplomierter Organist, wirkt seit 1972 als Musikkritiker. In dieser Funktion war er ab 1986 für die «Neue Zürcher Zeitung» tätig, ab 1989 als Redaktor im Feuilleton. Seit seinem altersbedingten Rücktritt im Frühjahr 2015 ist er als Musikkritiker wieder in freier Wildbahn unterwegs, unter anderem mit seinem Blog «Mittwochs um zwölf».

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