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Chef einer Welt voller Magie und Gewalt: Joseph Kony (mit rotem Beret) mit Kindersoldaten seiner Lord’s Resistance Army. Friedrich Stark/Imago

Die Geister der Toten jagen die Kinder

Zwei Jungen werden entführt und müssen als Kindersoldaten dienen. Der eine flieht – und wird Pressesprecher am Internationalen Strafgerichtshof. Der andere bleibt – und steht jetzt als mutmasslicher Kriegsverbrecher in Den Haag vor Gericht. Die Geschichte zweier Männer. Teil I/II.

Von Elsbeth Bräuer und Minh Thu Tran, 06.11.2018

21. Mai 2004: Abgefangene Funksprüche

Kommandant:
Wer hat Lukodi angegriffen?

Dominic Ongwen:
Ah, das war ich.

Kommandant:
Wie bitte?

Ongwen:
Das war ich. Over.

Kommandant (lacht):
Ich habe gehört, dass sie mehr als hundert Häuser angezündet haben.

Ongwen:
Genau so ist es passiert.

Kommandant:
Sie haben über fünfzig Menschen getötet.

Ongwen:
Das ist immer noch wenig. Over.

Zwei Opfer, ein Täter

Am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, mit seiner blitzenden Glasfassade und nüchternen Strenge, hört man in diesen Tagen zwei Geschichten. Die erste geht so: Als Dominic Ongwen 14 Jahre alt ist, wird er von Rebellen entführt. Sie bringen ihn in ein geheimes Versteck der Lord’s Resistance Army. Die LRA will Uganda in einen christlichen Gottesstaat verwandeln. Und, bis es so weit ist, in eine Hölle.

Ongwen wird Kindersoldat, steigt bald auf, wird zum Kommandanten befördert – und zieht raubend und mordend mit seiner Miliz durchs Land. Die Jungen der zerstörten Dörfer zwingt er, sich ihnen anzuschliessen, die Mädchen macht er zu Sexsklavinnen. Er vergewaltigt selbst Zehnjährige und prügelt sie mit Bambusstöcken bis zur Bewusstlosigkeit. Wenn Ongwen seinen Vorgesetzten von den Massakern erzählt, lacht er.

Er ist geblieben: Dominic Ongwen als Mitglieder der LRA.

Die andere Geschichte geht so: Dominic Ongwen wird auf dem Schulweg entführt. Die Lord’s Resistance Army zwingt ihn, Abscheuliches zu tun. Ongwen hat panische Angst vor den Geistern, von denen die Kommandanten reden. Er traut sich nicht wegzulaufen. Wird jemand auf der Flucht erwischt, zerhacken ihn die anderen mit Macheten.

Irgendwann fällt er dem Rebellenführer Joseph Kony auf. Der befördert ihn und gibt ihm eine eigene Brigade. Ongwen, traumatisiert, einer Gehirnwäsche unterzogen, befolgt blind Befehle. Er muss Dörfer überfallen, plündern, versklaven, töten. Er muss gehorchen. Wer sich weigert, stirbt.

Welche der beiden Geschichten ist die richtige? Darüber sitzen seit Dezember 2016 drei Männer in weiss-blauen Roben in Den Haag zu Gericht. Und schon jetzt ist klar: So einen Fall wie diesen hat es vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) noch nie gegeben. Zum ersten Mal steht ein ehemaliger Kindersoldat vor Gericht, zum ersten Mal umfasst ein Fall siebzig Anklagepunkte, und zum ersten Mal wird jemand eines Verbrechens bezichtigt, das an ihm selbst begangen wurde: Rekrutierung und Einsatz von Kindersoldaten.

Der Angeklagte folgt dem Prozess aufmerksam. Ongwen sitzt kerzengerade da. Die Haare sind ordentlich kurz rasiert, die schmutzigen Dreadlocks längst verschwunden. Dass er über zwanzig Jahre als Warlord im Busch verbracht hat, sieht man ihm nicht an. Manchmal hat er einen Ausdruck im Gesicht, der schwer zu beschreiben ist: distanziert und interessiert zugleich, manchmal milde erstaunt, vielleicht auch schüchtern, als wäre es ihm peinlich, so im Mittelpunkt zu stehen.

Der andere

Es gibt einen zweiten ehemaligen Kindersoldaten am Internationalen Gerichtshof. Er heisst Jimmy Otim, ist 36 Jahre alt und arbeitet in der Kommunikationsabteilung des IStGH. Otim ist klein, ein Energiebündel, hat einen Oberlippenbart und raspelkurze Haare und ein ausgelassenes Lachen. Dunkle Anzüge, wie am Gerichtshof in Den Haag üblich? Nein, er kommt in wild bedruckten Shirts zur Arbeit.

Seine Kollegen respektieren ihn. Sie wissen, dass er drei Mastertitel hat, unter anderem in Friedens- und Konfliktforschung, dass er sich bestens auskennt im Prozess gegen Dominic Ongwen; sie schätzen, wie respektvoll er die Überlebenden der Massaker behandelt. Aber kaum jemand weiss, dass Otim selbst einmal Kindersoldat war.

Auch er wurde einst gekidnappt von der Lord’s Resistance Army. Er hat das alles selbst erlebt: die Märsche durch den Busch und die Gehirnwäsche, die brennenden Hütten, die Schreie, die Morde.

Er ist geflohen: Jimmy Otim auf einer Aufnahme aus Kindertagen. zvg

Doch Jimmy Otim konnte fliehen. Dominic Ongwen blieb. Der eine machte Karriere beim Internationalen Strafgerichtshof, der andere bei der LRA. Heute arbeitet der eine für das Gericht, das über den anderen urteilen soll.

Das Massaker

Manchmal, so erzählt man es sich in Lukodi, hört man nachts Schritte, schwere Soldatenstiefel. Aber wenn die Anwohner dann die Türen ihrer Lehmhütten öffnen und hinausschauen, ist dort niemand.

An anderen Tagen fahren die Geister der Toten in die Kinder, schreiend laufen sie dann im Klassenzimmer umher und ziehen sich aus wie von Sinnen, und die Lehrer müssen dann rasch einen Priester rufen, dem es nur mit viel Weihwasser und stundenlangen Gebeten gelingt, die Geister der Ermordeten wieder zu verscheuchen.

Lukodi, im Norden Ugandas, ist eine weite Grasebene. Niedriges Gras, vereinzelt Mangobäume, die Lehmhütten sind rund und haben Dächer aus Elefantengras. Eigentlich ist Regenzeit, aber geregnet hat es in den letzten Tagen nie. Schon am Vormittag hat es über dreissig Grad.

19. Mai 2018. Es ist auf den Tag 14 Jahre her, dass im Massaker von Lukodi sechzig Menschen ermordet wurden. Zur Gedenkfeier sind Überlebende und Angehörige gekommen, kirchliche Würdenträger und Mitarbeiter von NGOs. Gerade hat der Erzbischof eine Rede gehalten. Auf dem steinernen Gedenkkreuz trocknet das Weihwasser.

Trauer in Lukodi: Angehörige gedenken der Opfer. Peter Bauza
Wohnhäuser in Lukodi. Elsbeth Bräuer und Minh Thu Tran
Die Musik spielt zum Gedenkmarsch. Elsbeth Bräuer und Minh Thu Tran

Grace*, 31, steht allein in der Menge. Wie die Frauen um sie herum trägt auch sie Perlenkette und ein buntes Festtagskleid. Eigentlich traute sie sich in letzter Zeit nicht mehr auf solche Massenveranstaltungen. Bloss keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber diesmal war es ihr wichtig, zur Gedenkfeier zu kommen.

Schüchtern spricht sie uns an und führt uns zum Gespräch hinter die Siedlung, weg vom Trubel. Hier wächst das Gras hoch, und die Mangobäume stehen dicht an dicht. Auf dem Boden liegt Fallobst, es riecht süsslich, faulig. Immer wieder schwirren Fliegen um Grace herum. Sie scheucht sie nicht weg, beim Erzählen schaut sie zu Boden.

Am Tag, als die Rebellen kommen, braut Grace gerade Bier. Sie ist damals 18 Jahre alt und wohnt zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einer Lehmhütte. Ihre Tochter Maria ist soeben drei geworden. Lukodi ist ein Flüchtlingscamp mit übervollen Latrinen, wenig Platz und viel Hoffnungslosigkeit. 7000 Menschen haben hier Zuflucht vor dem Bürgerkrieg gefunden.

Als sich herumspricht, dass Soldaten einen Rebellen aufgegriffen haben, lässt Grace ihr Bier stehen. Sie geht hinüber zum Versammlungsplatz in der Mitte des Ortes, wo er verhört wird, sie reiht sich unter die Zuhörer.

Da fallen die ersten Schüsse.

Die Rebellen kommen von Osten, sie schreien und toben und schwingen Macheten, wie Verrückte sehen sie aus, schon sind sie im Lager, feuern in die Hütten, setzen Fliehenden nach, stecken Häuser in Brand, nicht lange, da brennt das halbe Lager. Einige der Angreifer schlachten Ziegen inmitten des Infernos. Andere sperren die Menschen in ihren Hütten ein, ehe sie die Strohdächer anzünden. Unter einer Gruppe von Mangobäumen werden Männer zusammengetrieben. In Lukodi bricht Panik aus. Grace rennt nach Hause.

Sie schlägt die Tür hinter sich zu und verriegelt sie. Ihr Vater und ihr Bruder haben sich im Wohnzimmer versteckt, Grace schnappt ihr Kind, rennt ins Schlafzimmer, kauert sich auf den Boden, ihre Tochter Maria im Arm. Da kracht plötzlich die Hütte zusammen, Wände stürzen ein, die Tür fällt auf Grace und Maria. Das Dach fängt Feuer.

Grace kann sich und Maria aus dem rauchenden Schutt befreien. Die Rebellen zerren sie mit, Grace soll Raubgut tragen. «Ich kann nicht gehen», sagt sie, «mein Kind ist hier. Lasst mich mein Kind mitnehmen.» Die Männer schiessen auf ihren Vater und die Brüder. Und als Grace schreit, nehmen sie ihr Maria weg und werfen sie in die brennende Hütte.

Ort der Verwüstung: Ein Flüchtlingslager im Norden Ugandas nach einem Angriff der Lord’s Resistance Army (2004), es gab mehr als 200 Tote. Stephen Morrisson/EPA/Keystone

Die Rebellen verschleppen Grace. Im Busch trifft sie auf Dominic Ongwen. Er trägt Tarnkleidung und eine grüne Armeekappe auf dem Kopf. Seine Soldaten begrüsst er ausgelassen, sichtlich zufrieden. In der Mitte des Lagers wird die Beute aufgehäuft: 3 Maschinengewehre, 60 Magazine, 20 Paar Gummistiefel, 25 Uniformen. Und: Frauen. Gemeinsam mit anderen Kommandanten befiehlt er ihnen, sich im Kreis auf den Boden zu setzen. Von allen Frauen richtet sich die Aufmerksamkeit plötzlich auf Grace, genauer gesagt: auf ihre Frisur. Ihre Haare trägt sie geflochten. Ongwen wird argwöhnisch: Nur die Frauen von Regierungssoldaten haben solche Frisuren. «Nein, mein Mann ist kein Soldat», sagt Grace, verzweifelt.

Ongwen stellt sich hinter sie. Aus dem Augenwinkel sieht sie, wie er sich ein Gewehr mit Bajonett geben lässt. Plötzlich fährt ihr etwas in den Rücken.

«Sag uns die Wahrheit!», schreit er sie an.

Grace blutet am Rücken, sie fleht ihn an, sagt wieder und wieder, dass ihr Mann kein Soldat sei.

Ongwen lässt von ihr ab – und übergibt sie zur Strafe nicht einem, sondern zwei Kommandanten. Grace bleibt mehrere Monate im Busch. Die Wunde am Rücken heilt. Als sie endlich fliehen kann, ist sie sechs Wochen schwanger.

Die weisse Ameise

Bevor er Frauen versklavt, Kindersoldaten befehligt, Dörfer niederbrennt, Maschinengewehre abfeuert, ein Anführer der LRA wird, lebt Dominic Ongwen in Coorom, einem Dorf in Norduganda. Aufgeweckt, gut in der Schule, intelligent, stürmisch, so beschreiben ihn jene, die ihn damals kannten. Seine Cousine Lily Atong erinnert sich, wie gern er sang. Oft spielten sie zusammen auf einem nahe gelegenen Hügel, und manchmal, um ihn zu ärgern, nannte sie ihn «Ngwen», weisse Ameise, Termite. Er ist ein Kind wie alle anderen.

Als Ongwen zehn ist, bricht in Uganda ein Bürgerkrieg aus, im Norden bilden sich christliche Milizen. Eine davon: die Lord’s Resistance Army, sie wird 1987 von Joseph Kony gegründet. Der Norden Ugandas ist noch ärmer als der Rest des Landes, die Menschen fühlen sich benachteiligt. Die LRA propagiert, das ändern zu wollen, dem Stamm der Acholi zu einer Vormachtstellung in Uganda zu verhelfen. Auch deshalb stehen viele lokale Bosse hinter der Miliz. Da wissen viele noch nicht, dass dieser Kampf jahrzehntelang dauern und Norduganda verwüsten wird.

Yoweri Museveni organisierte als Chef der National Resistance Army (NRA) in den 80er-Jahren den Aufstand gegen den damaligen Präsidenten Milton Obote. Im Januar nahmen Musevenis Einheiten die Hauptstadt Kampala ein. William Campbell/Sygma/Getty Images
März 1998: Tausende von Soldaten der ugandischen Armee sind im Norden des Landes stationiert, als Schutz gegen die Rebellen der Lord’s Resistance Army, die vom Südsudan aus operiert. Brennan Linsley/AP/Keystone

Ongwen ist gerade auf dem Schulweg, als er den Rebellen in die Hände fällt. Er ist 14 Jahre alt. Vor allem Kinder verschleppt die LRA. Mehr als 20’000 sind es im Lauf der Jahre, mindestens. Sie sind leichter zu manipulieren als Erwachsene. Sie gehorchen. Sie haben keine Wahl.

Ongwen wird der Brigade des gefürchteten Kommandanten Vincent Otti zugeteilt. Die Welt der LRA ist voller Magie und Gewalt. Im Mittelpunkt steht Joseph Kony. Seine Unterstützer verehren ihn als Messias. Er will in Uganda einen christlichen Gottesstaat auf Grundlage der Zehn Gebote errichten – und soll angeblich magische Kräfte besitzen.

Die Kindersoldaten erzählen einander, dass er alles wisse, alles sehe. Dass er ihre Gedanken lesen. Dass er fliegen könne, Visionen habe von den Niederlagen seiner Feinde. Dass er mit dem Heiligen Geist sprechen könne, manchmal «Lakwena» genannt. Wer überleben will, muss gehorchen. Dass Kony einen Hubschrauber nutzt und überall Späher hat, wissen viele nicht.

Auch Ongwen glaube an Konys magische Kräfte, sagt sein Verteidiger. Bevor er zum ersten Mal töten muss, durchläuft er einen Initiationsritus. Ein Priester malt ihm Kreuze mit Shea-Butter auf den Körper, auf Stirn, Brust und Füsse. «Von diesem Tag an», sagt der Priester, «gehörst du zu uns. Wenn du fliehst, wird es dir nichts nützen. Wo auch immer deine Füsse dich hintragen, du wirst dich verirren. Und wir werden dich finden.» So erzählt es einer von Ongwens Anwälten vor Gericht.

Was passiert, wenn sie dich finden, sieht Ongwen ein paar Tage später, als sie einen Jungen erwischen, der die Flucht gewagt hat. «Tötet ihn!», sagen die Kommandanten zu Ongwen und den anderen. Sie müssen seine Eingeweide herausnehmen, den Darm, die Nieren, alles, und sie an einen Mangobaum hängen. Dann müssen sie sich daruntersetzen und essen.

Der Übersetzer

Am Abend, als er entführt wird, lernt Otim Ethik. Es ist der 22. August 1996, ein Donnerstag. Am nächsten Morgen steht an der Samuel-Baker-Schule eine Prüfung an. Auf dem Gang des Internats erzählt man sich, dass Rebellen in der Nähe seien, aber das erzählt man sich oft. Schon viele Male haben sich Otim und seine Klassenkameraden, alle 14 Jahre alt, deshalb nachts im Gebüsch versteckt, statt im Internat zu schlafen. Aber diesmal haben sie keine Zeit, diesmal lernen sie.

Mitten in der Nacht wachen die Jungs auf. Von draussen hören sie Getrampel, splitterndes Glas, Schreie. Jimmy ist sofort hellwach, denkt: Wir sind erledigt. Er sieht den Lichtkegel der Taschenlampen über die Wände ziehen. Dann fliegt die schwere Metalltür auf. Jimmy Otim erinnert sich, dass sie stanken, die Männer mit den verfilzten Dreadlocks und der zerrissenen Kleidung, nach Schweiss, durchdringend, als hätten sie wochenlang nicht gebadet. Er erinnert sich, dass sie Waffen hatten.

Rennt nicht, rennt nicht, wenn ihr rennt, dann töten wir euch.

Jimmys Mutter hat ihm nicht gesagt, wie er sich in so einer Situation verhalten solle. Andere Eltern sagen ihren Kindern: Schaut die Männer nicht an, haltet den Kopf gesenkt, tut alles, was sie euch sagen. Wenn sie euch fragen: Wollt ihr nach Hause?, dann sagt Nein, weil sie die erschiessen, die Ja sagen. Otim weiss nichts von all dem. Er trägt seinen Schlafanzug. Er glaubt, er wird sterben. Die Rebellen schreien sie an, sie sollen sich etwas anziehen. Mit einem langen Seil bindet man sie an der Hüfte zusammen, in einer langen Reihe, 25 Jungen, 25 Kindersoldaten. Dann stolpern sie in die Nacht hinaus.

Erinnerungen: Jimmy Otim besucht seine ehemalige Schule. Elsbeth Bräuer und Minh Thu Tran
Aus diesem Schlafsaal wurde Jimmy Otim als Schüler von den Rebellen entführt. Elsbeth Bräuer und Minh Thu Tran

Neun Monate lang ist er im Busch, im Nachhinein sagt er: Sie fühlten sich an wie neun Jahre. Er sagt: Eine Nacht im Busch, eine Stunde im Busch, eine Minute im Busch, das kann man nicht messen. Du hast nichts, nicht einmal das Recht zu atmen.

Die anderen Kinder müssen schiessen lernen, Baracken stürmen, Dörfer überfallen. Doch mit Otim haben die Anführer anderes vor. Weil er schon damals gut Englisch spricht, lassen sie ihn Beipackzettel von geplünderten Medikamenten übersetzen, von Antibiotika, Schmerzmitteln, Malariatabletten. Er muss BBC und CNN schauen und fasst die Nachrichten für seinen «Lehrer», seinen Vorgesetzten, in Acholi zusammen, der lokalen Sprache. Immer wieder begegnet er der Führungsriege, auch Joseph Kony.

Wenn Otim heute von seiner Zeit in der LRA erzählt, verteidigt er sich in einem fort gegen einen Vorwurf, den ihm niemand macht: Er habe sich zu leicht ködern lassen. Und betont mehrfach, dass er nie, nie geglaubt habe, was ihm die Rebellen eintrichtern wollten, sondern nur einen Gedanken hatte: seine Flucht.

Otim spricht anders als andere ehemalige Kindersoldaten über seine Gefangenschaft. Aus ihm sprudeln dann nicht der Schrecken, der Horror, die Fassungslosigkeit. Otim ist reflektiert, ordnet ein, erklärt. Wenn er von Initiationsritualen erzählt, schiebt er erläuternd nach: Damit will die LRA ihre Kindersoldaten indoktrinieren. Wenn er berichtet, wie Deserteure getötet wurden, kommentiert er: Das sei eine bewusste Strategie, um andere vom Weglaufen abzuhalten.

Das ist die Geschichte, die er für sich geschrieben hat, die ihn antreibt und nach vorn blicken lässt: von einem Jungen, den seine Entführung nur stärker machte und der es aus eigener Kraft schaffte bis an den Internationalen Strafgerichtshof.

Der Aufstieg

Wenn Lily nicht auch noch entführt worden wäre, Ongwens Cousine. Wäre dann alles anders gekommen? Sässe Ongwen dann heute vielleicht nicht in einer Zelle in Den Haag?

Lily ist 14. Sie hat ein ebenmässiges Gesicht und ein schönes Lächeln. Joseph Kony stellt ihr nach, zwingt sie bald, seine «Ehefrau» zu werden.

Manchmal begegnen sich Lily und Ongwen im Camp. Er trägt noch keine Waffen, sondern Töpfe und Pfannen, ein Packesel für die Kommandanten. Die beiden haben kaum Zeit, um miteinander zu sprechen. Lily macht es kurz, sagt, sie wolle fliehen. Ongwen redet es ihr aus. Sie werden uns alle umbringen.

Durch Lily wird Joseph Kony auf Ongwen aufmerksam, auf den Cousin seiner neuen Frau. Und als Ongwen sich dann auch noch im Kampf beweist und den Anführer durch seine Tapferkeit beeindruckt, entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen beiden. Kony nennt Ongwen «Schwager», weiht ihn in geheime Militäroperationen ein, von denen die anderen Kommandanten nichts wissen. «Good fighting», lobt er ihn einmal über Funk. 2004 gibt er Ongwen den Oberbefehl über eine der Brigaden, die sich schon bald einen Namen macht.

Im Mai 2004 überfallen sie das Dorf Lukodi und ermorden mindestens 69 Menschen. Zehn Tage später wird Ongwen zum Colonel ernannt. Eine erfolgreiche Attacke, ein höherer Rang. So geht Beförderung im Busch.

Die Flucht

Flucht ist keine Wahl, sagt Jimmy Otim. Es ist eine Gelegenheit, die sich ergibt – oder eben nicht.

Für ihn selbst kommt sie nach neun Monaten Gefangenschaft, im Jahr 1997, nahe der sudanesischen Grenze. Mitten in der Nacht wird seine Einheit angegriffen. Ein Kreuzfeuer, die beste Gelegenheit zur Flucht. Im Chaos läuft Jimmy weg, versteckt sich im Busch. Aus der Ferne hört er seine Einheit. Aber er bleibt ganz still, bis zum nächsten Morgen, bis sie weg sind.

Dann macht er sich auf den Weg. Tagelang irrt Jimmy umher, ohne zu essen. Bei jedem Rascheln im Gehölz pocht sein Herz. LRA-Einheiten erschiessen abtrünnige Soldaten sofort. Aber auch die Regierungssoldaten töten oft Deserteure. Irgendwann, er ist schon ganz geschwächt, stösst er auf einen Garten. Eine Frau und ihr Mann graben gerade nach Maniok. Als sie ihn sehen, dreckig, in zerrissenen Fetzen, wollen sie erst wegrennen. Jimmy ruft: Bitte, helft mir! Er beginnt zu weinen und zu bitten, helft mir, bringt mich irgendwo hin, wo ich heimgehen kann. Sie lassen sich erweichen.

Nach neun Monaten rechnet niemand mehr mit seiner Rückkehr. Viele Kindersoldaten werden mit gemischten Gefühlen von ihren Heimatgemeinden empfangen. Den Jungs schreit man oft «Mörder» nach, den vergewaltigten Mädchen «Huren». Otim hat Glück. Seine grosse Familie macht ihm keine Vorwürfe, sondern schliesst ihn in die Arme. Fast hat seine Mutter schon angefangen, die Trauerriten für ihn vorzubereiten.

Normalerweise verbringen die Kindersoldaten einige Zeit in den Rehabilitation Centers, wo sie therapeutische Unterstützung bekommen. Auch Jimmy bleibt ein paar Tage dort, aber das Zentrum ist überlaufen. Er hat keine Lust auf Therapiesitzungen mit 500 Leuten, er will zurück nach Hause. Und: in die Schule. Ich war der Beste in der ganzen Region, sagt Otim. Obwohl ich so viel verpasst hatte. Niemand konnte glauben, dass ich neun Monate in Gefangenschaft war. Mit Selbstdisziplin und Motivation kann er sich beweisen, dass sie ihm nicht sein Innerstes genommen haben, dass er immer noch derselbe ist.

«I am the boss»: Rebellenführer Joseph Kony mit seinen bewaffneten Kindersoldaten. Friedrich Stark/Imago
Verletzt, aber entkommen: Kinder, die aus den Fängen der Lord’s Resistance Army fliehen konnten, werden in ein Spital gebracht. Chris Steele-Perkins/Magnum Photos/Keystone

Der Leibwächter

Wenn Dominic Ongwens Leibwächter Sam* von ihm spricht, benutzt er vor allem ein Wort: lovely. A lovely man, a lovely commander, just lovely. Mit 14 Jahren ist er selbst von Ongwens Trupp verschleppt worden. An die erste Begegnung mit ihm erinnert sich Sam noch gut. Ongwen ist Mitte zwanzig, hochgewachsen, die Haare trägt er in kurzen Dreadlocks. Ein Mann, der eine natürliche Präsenz hat, die Autorität eines Anführers. Keiner, gegen den die Soldaten meutern, wie es anderen Kommandanten in der LRA passiert. Ongwen liebt seine Männer, und sie lieben ihn. Sam beobachtet, wie er mit seinen Männern ums Feuer sitzt, wie er mit ihnen scherzt und lacht. Wenn sie verletzt sind, verbindet er ihre Wunden, und wenn sie sterben, sinnt er auf Rache. Ongwen ist mehr Vater als General, sagt Sam.

Ongwen weiss, was es bedeutet, Kindersoldat zu sein. Aber Mitgefühl zeigt er nicht. Nachts werden Sam und zehn andere Jungen aneinandergefesselt. Sie weinen, weil sich das Seil ins Fleisch gräbt. Wer sich ein Vergehen zuschulden kommen lässt, wird ausgepeitscht, bis zu 100 Schläge, bei 47 verliert man meist das Bewusstsein. Einmal, sagt Sam, hat ein Mädchen versucht zu fliehen. Sie lag am Boden, wir mussten so oft auf sie drauftreten, bis sie gestorben ist.

Sam ist immer an Ongwens Seite, das ist sein Job als Leibwächter. In der LRA beginnt der Tag mitten in der Nacht, gegen vier Uhr morgens. Sobald es hell ist, heisst es wachsam sein, über dem Blätterdach kreisen die Helikopter, Späher der Regierung. Nachts aber ist die Stimmung ausgelassen. Die Frauen stellen die Töpfe aufs Feuer, der Geruch von gekochtem Maniok zieht durchs Lager. Untertags marschiert der Trupp kilometerweit durch den Busch. Sam und Ongwen gehen nebeneinander her. Sam ist stolz, Ongwens Leibwächter zu sein. Er ist stolz, dass ihm ein Kommandant so aufmerksam zuhört. Stolz, dass er seinen Besitz tragen darf: die grünen Uniformen, die Patronen, die Waffen. Er will so sein wie Ongwen. «Ich bin ein grosser Mann», sagt Ongwen manchmal zu Sam. «Ich werde dich auch zu einem grossen Mann machen.» Sam ist nicht sicher, ob das nur ein Witz ist, aber er vergisst es nicht. Ongwen sagt, er wolle ihn zur Schule schicken, nach Juba oder Kenia; dass das ein leeres Versprechen ist, weiss Sam da noch nicht.

Er liebt es, zu kämpfen. Er liebt es, weil Ongwen es liebt. Mein Lehrer, fragte er ihn, kann ich mitkommen? Da lacht Ongwen und klopft ihm auf den Rücken und sagt: Klar, komm mit! Sam fühlt sich gut, richtig gut.

Vor einem Angriff gibt es immer unterschiedliche Anweisungen – von den Geistern. Mal heisst es, alle Männer sollen Armbänder aus Bananenfasern tragen. Oder mit drei vollen Magazinen losziehen. Oder nichts plündern. Nur zwei Befehle bleiben immer gleich: nicht hinknien, nicht hinlegen. Nur rennen. So stürmen sie auf die Dörfer zu, schreien vulgäre Beleidigungen, je mehr Lärm, desto Furcht einflössender.

Ongwen rennt immer voran. Der Hass auf die Regierungssoldaten treibt ihn an, sagen seine Untergebenen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, foltert er seine Gegner. Liegt einer der Regierungssoldaten auf dem Boden, schiesst er ihm in Arme und Beine. Dann zieht er weiter durch die brennende Baracke und kommt erst zurück, wenn der Soldat genug gelitten hat. Zu den Zivilisten sei er nicht so grausam gewesen, sagt Sam. Als zwei seiner Männer einen geisteskranken Mann töten, verprügelt er die beiden höchstpersönlich.

Was war der Sinn der Überfälle? Da müsst ihr Ongwen fragen, sagt Sam. Sein eigenes Ziel ist: plündern. In den Quartieren der Regierungssoldaten finden sich Delikatessen: Kekse, Limonade, Rind, Hühnerleber. Zu Hause bei den Eltern gab es diesen Luxus nur selten. Auch die Uniformen der toten Gegner nimmt sich Sam, oft blutig und mit Einschussloch, aber immerhin. Er hat fast jede Woche eine neue Uniform.

Kampf mit dem Stift

Vor seiner Entführung wollte Jimmy Otim Arzt oder Anwalt werden oder etwas anderes Renommiertes. Doch als er nach Uganda zurückkommt, ist der Wunsch auf einmal weg. Er glaubt, dass das Land jetzt etwas anderes braucht. Er will auf seine Art gegen die LRA kämpfen. Immer wenn er von einem Angriff auf ein benachbartes Dorf hört, fährt er mit dem Fahrrad dorthin und fragt nach Details, um das Verbrechen zu dokumentieren: wie viele Getötete, wie viele Verletzte, wie viele Entführte, unterteilt nach Geschlecht und Alter.

Otim ist da 15. Ein Junge mit einem Notizblock, der die Arbeit eines Bürokraten macht. Er geht zur Schule, studiert. Mit der Dokumentation macht er weiter. Irgendwann arbeitet er sogar für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, seine Arbeit spricht sich rum. Auch der Internationale Strafgerichtshof wird auf ihn aufmerksam. Als er sein Studium abschliesst, hat er drei Jobangebote. Er kann Polizist werden, Verwalter – oder Praktikant beim IStGH. Du spinnst, sagen seine Freunde, du hast einen festen Job in Aussicht, geh zur Regierung! Jimmy Otim steigt in den Flieger nach Den Haag.

Der Sturz

Während Jimmy Otim aufsteigt, geht es für Ongwen bergab. Was genau im Busch passiert, ist schwer zu rekonstruieren. Joseph Kony wird immer unberechenbarer, paranoider. Überall wittert er Verschwörungen und Anschläge auf sein Leben. Selbst hohe Kommandanten sind vor ihm nicht sicher. So wie Vincent Otti, die Nummer 2 in der LRA. Otti war die treibende Kraft hinter den Friedensgesprächen von 2006 bis 2008 zwischen der LRA und der ugandischen Regierung in Juba, im Sudan. Kony sieht darin wohl Verrat. Zeugen sagen vor Gericht, sie hätten nur von weitem Schüsse gehört, und das war es dann für Otti. Ab da, sagt der Zeuge P-233, vertraute Kony niemandem mehr, und alle Kommandanten hatten Angst vor ihm.

Joseph Kony (Mitte) auf dem Weg zu Friedensverhandlungen, die letztlich scheiterten. Adam Pletts/Getty Images

Immer wieder machen Gerüchte die Runde, Ongwen würde fliehen wollen. Blödsinn, sagt seine Cousine Lily. Ongwen war loyal. Andere Kommandanten seien eifersüchtig auf ihn gewesen. Doch zumindest der Vorwurf scheint Ongwen nervös zu machen. John Baptist Odama, der Erzbischof von Gulu, trifft ihn im November 2008. Er versucht, die Rebellen zu Friedensgesprächen zu bewegen. Ongwen habe ihm nur eine Frage gestellt. Was passiert mit uns, wenn wir uns ergeben?

Das müsst ihr mit der Regierung klären, sagt Odama. Zu dem Zeitpunkt liegt ein Haftbefehl des IStGH gegen fünf ranghohe LRA-Führer vor – auch gegen Ongwen.

Ein Kommandant will Ongwen zur gemeinsamen Flucht überreden, so sagt er es zumindest später vor Gericht aus. Ich kann nicht, habe ihm Ongwen gesagt, es gibt einen Prozess gegen mich.

Im Jahr 2012 gelingt der US-amerikanischen NGO Invisible Children eine virale Internetkampagne: «KONY 2012». In einem halbstündigen Video schildert sie die Verbrechen der LRA und ruft dazu auf, den brutalen Rebellenanführer Kony zur Verantwortung zu ziehen.

Eine emotional aufgeladene Kampagne. Die Interviews mit Opfern und die Bilder von Kindern, die sich nachts vor der LRA auf der Strasse verstecken, gehen um die Welt. Promis wie Oprah Winfrey und Rihanna unterstützen die Kampagne, das Video hat bis 2018 über 100 Millionen Klicks. Der Druck auf die LRA wächst. Die EU sagt finanzielle Unterstützung zu, die USA schicken Spezialeinheiten nach Uganda, die der Regierung bei der Suche nach Kony helfen sollen. Doch sie finden ihn nicht, Joseph Kony ist bis heute auf der Flucht.

Unter welchen Umständen Ongwen schliesslich die LRA verlässt, ist nicht ganz klar. Angeblich befiehlt Kony, ihn zu töten. Der Soldat, der den Befehl ausführen soll, so erzählt man sich, ist sein Freund und verhilft ihm zur Flucht. Sein Anwalt sagt, er habe sich acht Tage lang durch kaum passierbares Terrain gekämpft. Andere berichten, Ongwen sei nach einem Gefecht festgenommen worden.

Sicher ist nur, dass er im Januar 2015 in der Zentralafrikanischen Republik aufgegriffen wird, von der Seleka, einer anderen Rebellengruppe. Sie übergeben Ongwen an US-Truppen vor Ort. In einem Interview mit lokalen Journalisten gibt sich Ongwen selbstsicher. Er sei ein freier Mann, sagt er. Zu dem Zeitpunkt hofft er wohl auf die Amnestie, wie sie schon Tausende andere LRA-Kämpfer bekommen haben. Viele ehemalige Kommandanten mittleren und höheren Ranges leben unbehelligt in Norduganda. Doch für Dominic Ongwen kommt es anders. Er ist einer der wenigen LRA-Anführer, die vor Gericht kommen.

Am 17. Januar 2015 steigt er in Bangui in eine Maschine, die ihn nach Den Haag bringt. Dort beginnen die Vorbereitungen für den Prozess, der am 6. Dezember 2016 eröffnet wird und sich über Jahre hinziehen wird.

Es soll einer der grössten Prozesse am Internationalen Strafgerichtshof werden. Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, siebzig Anklagepunkte, so viele gab es nie zuvor. Es geht nicht darum, ob Dominic Ongwen gut oder böse ist, sagt die Chefanklägerin bei der Eröffnung. Sondern darum, ob er schuldig ist.

* Name geändert

Wie der Prozess verläuft, wie die Verteidigung agiert, wie die Reaktionen in Uganda darauf sind, warum auch diese Verhandlung vor dem Internationalen Strafgerichtshof so lange dauert – all das lesen Sie morgen im zweiten Teil dieser Reportage.

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