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Theater

Politsatire und Realposse

Konzert Theater Bern: «Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz»

Das verrückteste Schauspiel der Schweiz findet zurzeit in der Bundeshauptstadt statt. Auf und hinter der Bühne.

Von Alfred Schlienger, 26.10.2018

Unter dem Arm das Objekt der Begierde: Luka Dimic als Dr. Alfred Waldvogel und Grazia Pergoletti als Bendetta Hösli. Annette Boutellier

Vielleicht bietet das Berner Stadttheater – das sich als Vierspartenhaus Konzert Theater Bern nennt – zurzeit wirklich das verrückteste Schauspiel der Schweiz. Je nach Blickwinkel, aus dem man draufschaut.

Was man mit Sicherheit sagen kann: Seit Cihan Inan, der 49-jährige, in Burgdorf geborene Film- und Theaterregisseur, hier als Schauspieldirektor wirkt, kommen zahlreiche gesellschaftspolitisch und regional verankerte Stoffe auf den Spielplan. Nach Jürg Halters «Mondkreisläufer» zum Beispiel das erste Transgender-Musical «Coco», Tobi Müllers «Die Akte Bern» über den Fichenskandal gestern und Facebook heute, die Romanadaption von Christian Krachts «Die Toten» oder «Der Verdingbub» nach dem Film von Markus Imboden. Inan brachte zweifellos frischen Wind: Von elf Inszenierungen in seiner ersten Spielzeit waren sieben Uraufführungen. Allerdings blieb gerade der erhoffte Publikumsmagnet «Der Verdingbub» besuchermässig deutlich unter den Erwartungen.

Strategisches Machtgehabe

Verrückter als auf der Bühne ging es in Bern offenbar hinter den Kulissen zu. Schauspielchef Inan wollte das Angebot zur Verlängerung des Vertrags bis 2021 nur annehmen, wenn gleichzeitig die Kommunikationsleiterin des Theaters, vorgängig auch seine Chefdramaturgin, gehen würde.

Als Intendant Stephan Märki auf das Machtspiel nicht einging, kündigte Inan seinerseits seinen Abgang auf 2019 an. Nur wenige Wochen danach trat Märki im Juli dieses Jahres selber fristlos von seinem Amt zurück – weil er inzwischen dem Verwaltungsrat hatte gestehen müssen, was in Bern die Spatzen bereits von allen Dächern pfiffen, dass er nämlich mit besagter Kommunikationschefin ein Liebesverhältnis pflege. Na, so was! Darf man sich an einem Theater nicht mehr verlieben?

Das Problem sei die Heimlichkeit gewesen, meinte der Verwaltungsrat. Und Märki selber begründete seinen sofortigen Rücktritt damit, er sei durch die Geschichte erpressbar geworden. Sein Gehalt wird ihm aber bis in den kommenden April weiterbezahlt. Und da mit Märki auch die Kommunikationsleiterin gekündigt hat, bleibt Inan nun doch Schauspieldirektor bis zum Sommer 2021. Alles in Butter in Bern?

Ähnlichkeit mit bekannten Personen

In Inans jüngster Berner Inszenierung, «Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz» nach dem Film von Daniel Schmid (Drehbuch: Martin Suter), schwappt die Backstage-Posse dieses Sommers zumindest andeutungsweise auf die Bühne zurück. Denn Inan leistet sich das Spässchen, zwei Protagonisten des Stücks mit den unverkennbaren Frisuren des alten und des neuen Verwaltungsratspräsidiums auszustatten: Bankchef Vetterli (Jürg Wisbach) trägt den wilden Kraushaar-Wuschelkopf von Marcel Brülhart, und das russische Callgirl Irina (Irina Wrona) zeigt im Finale die schmissige Weissblondmähne von Nadine Borter. Eine Liebeserklärung an den Verwaltungsrat und seine Konfliktlösungsstrategien?

Machtspiele: Die Domina (Irina Wrona), ihr Kunde (Luka Dimic) und die Puffmutter (Milva Stark). Annette Boutellier

Der Plot von «Beresina» ist – wenn man das so sagen darf – eine durchaus heitere Missbrauchsgeschichte. Die heilig-naive Hure Irina aus Russland will nichts sehnlicher als den Schweizer Pass. Um dieses Ziel zu erreichen, mimt sie, mehr belustigt als widerwillig, die strenge Domina für gewichtige Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Militär, einer lachhafter als der andere. Irina führt ihre Kunden in Hundemaske an der Leine, lässt sich die Füsse lecken und unzählige Male von Platzpatronen niederstrecken – aber zu wirklichem Sex kommt es mit diesen Herren nie.

Eine Farce mit Charme

Alles Fetisch, genauso wie der ersehnte Schweizer Pass und das Paradiesbild der Schweiz samt verbunkertem Alpenreduit. Schliesslich löst Irina versehentlich den «Beresina»-Alarm einer sklerotischen Geheimarmee namens Kobra aus, die korrupte und verfilzte Machtelite wird in einem tapsigen Putsch liquidiert und Irina zur Königin der Schweiz gekrönt. Eine fast schon liebevolle Farce über die Abgründe der Bilderbuchschweiz.

Daniel Schmid und Martin Suter hatten für ihren Film so ziemlich jedes Klischee aufgepickt, das einem zur Schweiz im Kalten Krieg, zu Geldwäscherei, Abschottung, helvetischer Selbstverliebt- und Blödheit einfallen konnte. Das wirkte bereits 1999, zehn Jahre nach der Aufdeckung der Fichenaffäre und der P-26-Geheimarmee, leicht abgestanden.

Elena Panova als Irina in der Filmvorlage von 1999. United Archives/Keystone

Aber es hatte auch diesen verqueren Charme, nicht zuletzt durch die hinreissende Irina (Elena Panova) und die skurrilen Kämpen der Widerstandsarmee Kobra, in der eine ganze Garde verdienter Darsteller Dienst leistete, von Martin Benrath und Hubert Kronlachner über Felix Rellstab, Ueli Beck, Ettore Cella bis hin zu Peter Simonischek. Ein wunderbar lächerlicher Putsch mit Rollstuhlbeteiligung. 130’000 Besucherinnen und Besucher wollten sich das damals im ersten Jahr ansehen – ein Rekord.

Aber klar, es bleibt schwierig, die Realsatire der Schweizer Finanz- und Ausländerpolitik zu toppen. Warum greift sich Cihan Inan fast zwanzig Jahre später ausgerechnet diesen, wie er selber sagt, ziemlich angestaubten Stoff? Was will er dabei verrücken? Weshalb muss das Filmskript auf die Bühne?

Grösstenteils folgt Inan dem Drehbuch von Martin Suter und lässt es, mit wenigen Ergänzungen, recht bieder ab Blatt spielen. Als Prolog vor dem Vorhang platziert er neu ein Verhör, dem die Putzfrau Bendetta Genovesa-Hösli (Grazia Pergoletti) bei der Behandlung ihres Einbürgerungsgesuchs ausgesetzt ist. Es bleibt harmloser als alles, was man in den Medien über solche Verfahren lesen kann.

Wer spielt mit wem? Die Russin Irina (Irina Wrona) will den Schweizer Pass, Divisionär Sturzenegger (Stefano Wenk) ist am Hebel der Macht. Annette Boutellier

Nach der Pause präsentiert die Puffmutter Charlotte (Milva Stark) den bissigen «Hate Song» auf die Männer: ein Glanzpunkt des Abends. (Dass das zitierte geniale Lästermaul Dorothy Parker auch einen nicht minder bösen Parallelsong auf die Frauen geschrieben hat, erfährt man nicht.)

Sehr aufgesetzt kommt schliesslich die dritte Zugabe daher: Der Putsch der kalten Kobra-Krieger wird von der Regie umstandslos und ohne jegliches Sinnieren über dramaturgische Logik zu einer feministischen Killeraktion gegen das kapitalistische Patriarchat umfunktioniert. Das wirkt, mit Verlaub, eher ranschmeisserisch und übergriffig als frauenfreundlich.

Divisionär Sturzenegger (Stefano Wenk), Anwalt und Drahtzieher Waldvogel (Luka Dimic) sowie Journalist Bürki (Lorenz Nufer) sterben im Kugelhagel fröhlich den Operettentod. Und Bankchef Vetterli überlebt auch nur, weil er sich als Frau verkleidet. Travestie kann Leben retten.

Slow Motion statt schnelle Schnitte

Drei Stockwerke zählt die aufwendige Bühne von Manfred Loritz im frisch renovierten Stadttheater. Im Keller des Historischen Museums spielen die Herren zwischen Folterwerkzeugen ihre Fetischspiele. Das Gesellschaftsleben der Bundeshauptstadt zeigt sich auf der mittleren Salonebene, und im Obergeschoss sitzt der Familiennachzug in Russland auf den gepackten Koffern und wartet nur auf Irinas Schweizer Signale. Ein schönes Bild, das aber bei jedem Wechsel durch die lähmende Langsamkeit des Bühnenlifts zerstört wird. Unbegreiflich, dass der Filmer Inan, der die schnellen Schnitte liebt, sich in dieses Slow-Motion-Korsett zwängen lässt.

Wer für diesen «Beresina»-Abend nicht unbedingt ins schöne Bern reisen will, kann sich ab dem 1. November Cihan Inans neuen Film «Zone rouge» (mit Chantal Le Moign und Michael Neuenschwander) im Kino anschauen. Erstaunlich oder verrückt, was dieser umtriebige Film- und Theatermensch alles unter einen Hut bringt?

«Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz» im Stadttheater Bern

Alle Informationen zu den Aufführungen und Tickets im Konzert Theater Bern finden Sie hier.

Zum Autor

Alfred Schlienger, ehemaliger Professor für Literatur, Philosophie und Medien an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz, ist Theater- und Filmkritiker für verschiedene Medien sowie Mitbegründer der Bürgerplattform «Rettet Basel!». Letzte Buchveröffentlichung: «Forever Young. Junges Theater zwischen Traum und Revolte». Christoph-Merian-Verlag, Basel 2017.

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