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Als ich mich auf den Weg zur Demo machte, tat ich es mit Vorbehalt. Was mich motiviert, ist nicht Widerstand oder Wut, sondern etwas viel Diffuseres: eine Beunruhigung, ein Unbehagen. Es ist leichter, gegen eine konkrete Politik zu demonstrieren, als gegen ein Gefühl wie Hass.

Ich hatte im Vorfeld nicht viel von #unteilbar gespürt, auch auf den sozialen Medien gab es wenig Wind, es waren andere Dinge, die die Leute in den letzten Tagen beschäftigten.

Dabei wundere ich mich die ganze Zeit, dass wir nicht auf die Strasse gehen gegen den Rechtsdrall unserer Gesellschaften. Es betrifft ja auch mich: Ich ging gestern nicht aus politischer Leidenschaft an die Demo, sondern aus politischem Pflichtgefühl. Es gehörte sich einfach, hier mitzulaufen. Es ist keine Aktion, sondern eine Reaktion.

Das zeigt auch die Negativformulierung #unteilbar. Ein seltsamer Hashtag, der sich auch nicht zum Skandieren eignet. Wer oder was ist hier unteilbar? Bin ich es? Die Gesellschaft? Die Zukunft? «Sagt es laut, sagt es klar, wir sind alle unteilbar!» – auch der Slogan ist ein sprachliches Unding.

Und dann waren wir, entgegen all meinen Befürchtungen, eine Viertelmillion! Es ist wichtig, dass wir so viele sind – wichtig für uns; als ein erster Schritt aus der Hilflosigkeit, die wir angesichts unserer Beunruhigung, unseres Unbehagens empfinden.

«Wir sind die Mehrheit» lautet ein Buchtitel von Harald Welzer, und es ist schon bemerkenswert, dass man etwas so Offensichtliches überhaupt aussprechen muss. Immerhin waren «wir» vor einem Jahr 87 Prozent, jetzt sind wir immer noch 82 Prozent.

Dass es sich nicht so anfühlt, liegt an der medial erzeugten Wirklichkeit: Gemessen an dem Raum, den die AfD in den Medien einnimmt, könnte man tatsächlich den Eindruck bekommen, die Rechten seien in Deutschland die Mehrheit. An dieser Verzerrung wird sich durch die #unteilbar-Demo nichts ändern, dazu war sie zu friedlich. Über Chemnitz konnte man sich wochenlang aufregen, doch über #unteilbar gibt es nichts zu diskutieren.

Trotzdem war dieser 13. Oktober ein entscheidender Moment. Denn diese Demonstration entzieht den Rechten Energie. Sie werden kleiner. Und sie konnten nicht einmal eine Gegendemo anzetteln, denn dann wären sie gezwungen gewesen, für Rassismus zu demonstrieren. #unteilbar dagegen war eine Gutmenschen-Demo. Es ist höchste Zeit, dass wir uns diesen Begriff wieder zurückholen, die Schwulen haben ja gezeigt, wie man das macht.

«Ich bin Gutmensch, und das ist auch gut so.»

Es ging bei #unteilbar nicht um Revolution. Auf einem Plakat hiess es «Für Selbstverständlichkeit», und genau darum ging es: Wir wollen unsere Normalität wiederhaben. Auch wir haben unsere Heimat verloren, nur nennen wir es nicht so.

Die Mehrheit wacht auf, das zeigt auch der Humor auf den Plakaten: «Sei kein Horst!» – «Deutsche! Kauft deutsche Zitronen!» – «Wir sind nicht das Volk, wir sind die Völker».

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