Raumdeutung

Das Unbehagen an der Geschichte

Drei deutsche Kulturprojekte haben die Vergangenheit des Landes zum Thema. Eines ist spannend, die zwei anderen Kitsch. Raten Sie, welches nun nicht zustande kommt.

Von Philip Ursprung, 09.10.2018

Unabhängiger Journalismus kostet. Die Republik ist werbefrei und wird finanziert von ihren Leserinnen. Trotzdem können Sie diesen Beitrag lesen.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

Am 27. September haben die Berliner Behörden das Kunstprojekt «Dau Freiheit» des russischen Regisseurs Ilja Chrschanowski gestoppt. Aus «Zeitnot», wie es heisst, weil die Zeit für die Bewilligungen zu knapp sei. Geplant war, ab Mitte Oktober vier Wochen lang einen Bereich um das Kronprinzenpalais Unter den Linden mit einer Replik der Berliner Mauer abzugrenzen. Die Besucher hätten für den Einlass ein Visum beantragen und einen Fragebogen ausfüllen müssen. Aufgrund des Fragebogens wäre im Innern ein auf sie zugeschnittenes Programm von Filmen, Performances und Konzerten realisiert worden. Sie sollten jene Gefühle der Unfreiheit erleben beziehungsweise wiedererleben können, welche die Menschen hatten, die vor dem Fall der Mauer in der DDR oder anderen sozialistischen Staaten ohne Reisefreiheit lebten.

«Dau Freiheit» wäre die Premiere des monumentalen Filmzyklus gewesen, den Chrschanowski zwischen 2008 und 2011 am Rand von Charkiw in der Ukraine in einem als Filmset nachgebauten Stadtteil realisierte. Stoff ist das Leben des sowjetischen Physikers und Nobelpreisträgers Lew Landau, der in dieser Stadt ein geheimes Institut geleitet hatte. Zeitweise lebten bis zu vierhundert Menschen auf dem Filmset, darunter weltberühmte Künstlerinnen, Musiker und Kameraleute. Laut Thomas Oberender, dem Leiter der Berliner Festspiele und Träger des Vorhabens in Berlin, zudem keine Schauspieler, sondern «echte Wissenschaftler, Ingenieure, Wachleute oder Köche. Statt eines Drehbuchs gab es nur Verhaltensregeln und ein Environment, das die Sowjetunion zwischen 1938 und 1968 zeigte oder besser: war.» (FAZ, 21.09.2018).

Wie gern hätte ich dieses Kunstwerk gesehen! Ein vierwöchiges Happening mit Hunderten von Akteuren, nicht im Museum, sondern im Zentrum von Berlin. Ein vierwöchiges Reenactment von dreissig Jahren Sozialismus an dem Ort, wo einst die Nahtstelle zwischen Ost und West war. Nicht nur hätte es dem angejahrten Format der Kunstausstellungen im Freien neues Leben eingehaucht und das faszinierende Genre des Reality-TV auf das Feld der Kunst gebracht. Es wäre auch ein starker Beitrag gewesen zur Diskussion über die Darstellung der Vergangenheit und das Verständnis von Geschichte.

Wenn ich – Gott bewahre! – zuständig wäre für Bewilligungen von Grossprojekten in Berlin, hätte ich angeordnet, dass «Dau Freiheit» kommt und dafür ein anderes, völlig unnötiges Projekt gestrichen wird. Denn just am selben Tag, am 27. September, hat der Haushaltsausschuss des Bundestages beschlossen, 17 Millionen Euro für die Realisierung des Freiheits- und Einheitsdenkmals freizugeben. Es handelt sich um das Projekt «Bürger in Bewegung», das vom Stuttgarter Büro für Kommunikation und Raum Milla & Partner entworfen wurde und vor der Replik des Berliner Schlosses stehen soll. 1400 Besucher sollen auf einer beweglichen Schale aus Stahl Platz finden. Je nach Verteilung der Besucher neigt sich die von den Autoren auch als «Waage», im Volksmund aber längst als «Einheitswippe» bezeichnete Schale mithilfe einer Hydraulikvorrichtung sanft.

Auch die «Einheitswippe» will ein Gefühl reaktivieren, nämlich die Erfahrung, dass eine Mehrheit etwas aus dem Gleichgewicht bringen kann. Allerdings würde das geplante Denkmal die historische Leistung von Tausenden von mutigen Bürgerinnen und Bürgern während der friedlichen Revolution von 1989 in Form eines harmlosen Spiels repräsentieren. Die damals gewonnene Freiheit würde reduziert auf die Freiheit, zwischen den Richtungen sanfter Neigung wählen zu können. Der Politik, gleich welcher Ausrichtung, scheint dies gelegen zu kommen, denn sie hofft, das traumatische Kapitel der Einigung endlich abschliessen zu können.

Einen Tag nach dem Entscheid gegen «Dau Freiheit» und für die «Einheitswippe» wurde nach mehreren Jahren Bauzeit auch die «Neue Frankfurter Altstadt» eröffnet, laut Frankfurt Tourismus ein «Jahrhundertprojekt». Neben ähnlichen Projekten in Dresden und Potsdam ist dies die dritte umfangreiche Architekturreplik, die in Deutschland in den letzten Jahren entstand. Die Eröffnung der Replik des Berliner Schlosses steht noch bevor. Gemein ist diesen Vorhaben, dass sie unter dem Vorwand der Rekonstruktion des Vorkriegszustandes die Zeit nach dem Krieg zum Verschwinden bringen. Am eklatantesten ist dies im Fall des Berliner Schlosses, das auf den Ruinen des Palasts der Republik steht, der wiederum auf den Ruinen des ursprünglichen Schlosses stand. Die angebliche Rekonstruktion ist in Wirklichkeit vor allem eine Tilgung der Erinnerung an die Zeit der Teilung.

«Dau Freiheit» hingegen überlässt es den Besuchern, individuell zu entscheiden, was Freiheit bedeutet. Es kann sein, dass manche Menschen, die östlich des Eisernen Vorhangs aufwuchsen, das Erlebnis einer wiedergefundenen Zeit schätzen werden. Umgekehrt könnte das temporäre Wiederauftauchen der Mauer viele, die im Westen aufwuchsen, daran erinnern, dass mit dem Fall der Mauer auch der Hintergrund verschwand, vor dem der Westen sich erst als «freie Welt» darstellen konnte. «Dau Freiheit» würde die Replik der Mauer vier Wochen lang ausstellen, während die Repliken in Potsdam, Dresden und Frankfurt für die Ewigkeit gedacht sind. «Dau Freiheit» würde der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Die «Einheitswippe» hingegen dient bloss der Zerstreuung.

Wie lassen sich die Phänomene «Einheitswippe», Schlossrekonstruktion und Neue Altstadt angemessen charakterisieren? Es lohnt sich, einen Begriff zu reaktivieren, der seit längerem unbenutzt ist und dennoch einiges an Sprengkraft hat. Der Kunsthistoriker und Maler Gillo Dorfles, der diesen März 107-jährig in Mailand starb, hat 1968 in einem Buch dargelegt, worum es dabei geht. Für ihn stand fest, dass immer dann, wenn jemand ein Denkmal als hohle Verkörperung eines nicht authentischen Gefühls errichtet, wenn ein Gebäude frühere Stile zitiert oder wenn ein Gegenstand masslos vergrössert oder verkleinert wird, das Resultat dasselbe ist: Kitsch.

Illustration: Michela Buttignol

Zum Autor

Philip Ursprung ist Professor für Kunst- und Architekturgeschichte und Vorsteher des Departements Architektur der ETH Zürich.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

seit 2018

Republik AG
Sihlhallenstrasse 1
8004 Zürich
Schweiz

kontakt@republik.ch
Medieninformationen

Der Republik Code ist Open Source