Poesie & Prosa

Erzählen bei flackerndem Licht

Michael Ondaatje: «Kriegslicht»

London, 1945. Zwei Geschwister, eine verschwundene Mutter, zwielichtige Betreuer. Auf der Suche nach seiner Vergangenheit gerät Nathaniel in ein Spiegelkabinett der Erinnerungen. Ein hypnotischer Roman über das Erzählen.

Von Sieglinde Geisel, 08.10.2018

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«Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und liessen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.» Ein schlichter und zugleich dramatischer erster Satz, der bereits die ästhetischen Mittel des ganzen Romans enthält. Denn in «Kriegslicht» erzählt Michael Ondaatje von der Ungewissheit des Erzählens, und er tut es so, dass sich diese Ungewissheit Wort für Wort auf uns Leserinnen und Leser überträgt.

Die Eltern überlassen ihre Kinder zwei Männern, die «möglicherweise» Kriminelle waren – damit sind wir auf alles gefasst. Wenn der 14-jährige Ich-Erzähler Nathaniel es nicht recht weiss, können auch wir Leser es nicht recht wissen. In seiner flirrenden Intensität erinnert «Kriegslicht» an Ondaatjes 1992 erschienenen Roman «Der englische Patient»: Die Verfilmung hatte den kanadischen Autor seinerzeit weltberühmt gemacht, dieses Jahr wurde der Roman mit dem Golden Man Booker Prize erneut ausgezeichnet.

Zeit der Abrechnungen

Wie «Der englische Patient» erzählt auch «Kriegslicht» vom Ende des Zweiten Weltkriegs, allerdings spielt der Roman nicht in Italien, sondern in London. Mit dem Ende jedes Kriegs beginnt die Zeit der Deals und der Abrechnungen, und Ondaatje hat den historischen Hintergrund penibel recherchiert.

Doch man wird dem Buch nicht gerecht, wenn man es als historischen Roman liest. Denn das Drama steckt nicht in den Ereignissen, sondern in der Erzählweise. Unmerklich wechselt der Ich-Erzähler die Distanz zum Erzählten. Eben noch hat uns der 14-jährige Nathaniel direkt mit in die Gegenwart dieses ersten Nachkriegssommers genommen, schon fragt er sich rückblickend mit einer viel älteren Stimme, ob diese Zeit «mein Leben beeinträchtigte oder mit Energie auflud».

Ein Koffer im Keller

Die Eltern, so hat man es Nathaniel und seiner 16-jährigen Schwester Rachel gesagt, müssen aus geschäftlichen Gründen nach Singapur verreisen. Mit grosser Sorgfalt packt die Mutter den Überseekoffer. «Es dauerte mehrere Tage, diese Packerei, ein langsamer und schicksalhafter Vorgang, wie eine nicht endende Gespenstergeschichte.» Ein Satz, wie er für die poetisch kühne Sprache dieses Romans (und für Anna Leubes feinfühlige Übersetzung) typisch ist. Zum ersten Mal erleben die Geschwister in diesen Tagen mit ihrer Mutter so etwas wie Intimität: «Wir sehnten uns nach ihrer zerstreuten, schläfrigen Zuneigung.»

Als die beiden wenige Wochen später den gepackten Überseekoffer im Keller finden, ahnen sie, dass das Verschwinden ihrer Mutter etwas mit dem Krieg zu tun haben muss. Wie sich zeigen wird, sind die zwielichtigen Betreuer, genannt der «Falter» und der «Boxer», nicht in erster Linie für das Wohlergehen der Geschwister zuständig, sondern für deren Schutz.

Die magische Welt der Illegalität

Die Psychologie interessiert Michael Ondaatje in «Kriegslicht» bestenfalls am Rand. «Man hat uns beschädigt, Nathaniel. Das musst du erkennen.» Es gibt Romane, die sind voll von solchen Sätzen, doch in «Kriegslicht» wirkt die Aussage von Rachel wie ein Fremdkörper. Das ist umso überraschender, als der 1943 im damaligen Ceylon geborene Michael Ondaatje Ähnliches erlebt hat: Nach der Scheidung seiner Eltern kehrte die Mutter nach England zurück. Als der Elfjährige ihr Jahre später folgte, setzten seine Verwandten ihn einfach aufs Schiff.

In einem Interview sagt Ondaatje, dass er sich an diese Reise kaum erinnere – ausser an ein immenses Gefühl der Unabhängigkeit ohne beaufsichtigende Eltern. Erst durch die schockierte Reaktion seiner eigenen Kinder, denen er von dieser Reise erzählte, habe er verstanden, wie aussergewöhnlich das gewesen sei. In seinem Roman «Katzentisch» hat er diese Überfahrt literarisch verarbeitet, in «Kriegslicht» schimmert diese Erfahrung möglicherweise durch in Nathaniels Reaktion auf das Verlassenwerden.

Nathaniel vermisst seine Eltern kein bisschen (der Vater hat im Roman ohnehin nur eine Statistenrolle), dazu ist das Leben mit dem Falter und dem Boxer viel zu aufregend. In der Kinder- und Jugendliteratur müssen die Eltern verschwinden, damit die Hauptfigur überhaupt etwas erleben kann – es scheint gar, als habe Michael Ondaatje auf diese bewährte Konvention zurückgegriffen. Die beiden Männer verwandeln Nathaniels Elternhaus in einen Halbwelt-Treffpunkt mit lauter Fremden, die ihre eigenen Geschichten mitbringen – eine Erwachsenenwelt, die Nathaniel (und damit auch uns) ein Rätsel bleibt, denn vieles versteht er nur halb. «Ich weiss nicht. Ich weiss nicht. Was weiss ein Junge schon.»

Auf erzieherische Massnahmen verzichten die beiden Betreuer, stattdessen verschaffen sie Nathaniel «Jobs». So hilft er etwa dem Boxer beim Schmuggeln von Windhunden auf den Kanälen nördlich der Themse für den organisierten Wettbetrug bei Hunderennen. Die Welt der Illegalität erscheint Nathaniel «eher magisch als gefährlich». Gefährlich sind ganz andere Dinge: Nur knapp entkommen die beiden Geschwister am Ende des ersten Teils des Romans einem Anschlag auf ihr Leben. Der Boxer und der Falter mögen Kleinkriminelle sein – wenn es um Leben und Tod geht, ist auf sie Verlass, deshalb hat die Mutter ihnen ihre Kinder anvertraut.

Schattenhafte Geschichten

Der Begriff «Kriegslicht» bezieht sich auf die Verdunkelung der Fenster in den Bombennächten, doch je länger, je mehr erweist sich das Titelwort zugleich auch als Metapher für das Erzählen. «Während ich all dies Jahre später aufschreibe, fühle ich mich manchmal, als schriebe ich bei Kerzenlicht», sagt der Ich-Erzähler. Im Weiteren ist von einer «schattenhaften Geschichte» die Rede, vom «undurchsichtigen Takelwerk des Lebens unserer Mutter» und von «so vielen unbeschrifteten Erinnerungssplittern».

Hier spricht ein distanzierter, älterer Ich-Erzähler. Die Stimme des 14-Jährigen hingegen sagt Dinge wie: «Ich liebte die Wahrheit, die ich von Fremden erfuhr.» Lesend tasten wir uns in diesem Spiegelkabinett voran. Gemeinsam mit Nathaniel versuchen wir, die Vergangenheit zu erkunden, doch die Wirklichkeit entgleitet uns ständig. Zugleich sind die Bezüge in diesem Roman so dicht geflochten, dass man liest wie ein Detektiv, der die Zusammenhänge mit jeder neuen Information anders deutet.

«Meine Sünden sind vielfältig»

Könnte man den ersten Teil von «Kriegslicht» als Coming-of-Age-Roman bezeichnen, entpuppt sich der zweite Teil als Agenten-Thriller, erzählt aus dem Off. Nach einem Zeitsprung von anderthalb Jahrzehnten sehen wir den 28-jährigen Nathaniel im Archiv des Geheimdiensts in London sitzen. Im Auftrag der Regierung versucht er Ende der Fünfzigerjahre, «die Überreste eines Kriegs einzusammeln, der noch nicht komplett unter Verschluss war». Rasch erkennt er, dass sich nicht mehr feststellen lässt, wer damals moralisch im Recht war – das gilt auch für das Verhalten seiner Mutter.

In den Akten stösst er auf die Spionin mit dem Decknamen «Viola», offenbar hat seine Mutter in Italien in den letzten Monaten des Kriegs Partisanen ans Messer geliefert, wohl unwillentlich. «Meine Sünden sind vielfältig», das ist alles, was der 18-jährige Sohn ihr hatte entlocken können, als sie nach dem Krieg auf einmal wieder aufgetaucht war. Wenig später fällt sie einem Attentat zum Opfer, offenkundig eine Rache-Aktion. So wölbt sich die Weltgeschichte über die Schicksale der Menschen.

Erzählen, um zu überleben

Was können wir über uns wissen? Wie kann man sich sein Leben selbst erzählen? Wie ein roter Faden ziehen sich diese Fragen durch den Roman. «Wir ordnen unser Leben dank kaum näher ausgeführter Geschichten», heisst es auf der letzten Seite. «Als hätten wir uns in einer verwirrenden Umgebung verlaufen und sammelten nun, was unsichtbar und unausgesprochen war (…), und nähten das alles zusammen, um zu überleben.» In Nathaniels Worten hören wir den Autor selbst sprechen.

Insgeheim ist das auch uns vertraut: Wir sind ständig damit beschäftigt, uns einen Reim auf unser Leben zu machen und die Gegenwart von der Vergangenheit her zu deuten, bis sich daraus eine plausible Geschichte ergibt. Michael Ondaatje macht diese Bewusstseinsvorgänge sichtbar, in einer meditativen Erzählweise von hypnotischer Kraft.

Der Link zum Buch

Michael Ondaatje: Kriegslicht. Aus dem Englischen von Anna Leube. Hanser, München 2018. 320 S., ca. 37 Franken. Hier gehts zur Leseprobe.

Zur Autorin

Sieglinde Geisel, Kulturjournalistin und Buchautorin in Berlin, ist Gründerin und Leiterin von «tell» – Online-Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft. Anfang November erscheint im Zürcher Kampa-Verlag in Buchform das lange Gespräch zwischen ihr und Peter Bichsel: «Was wäre, wenn?». Ein bearbeiteter Auszug aus dem Gesprächsband erschien vorab in der Republik.

Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen, aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»

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