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Ein grünes Ordensband mit der Aufschrift Republik hängt an einem Nagel.

Preis der Republik

Die Kunst der Verweigerung

Diese Woche wird eine Frau geehrt, die üblicherweise selber Preise verleiht, den Preis der Republik jedoch dafür bekommt, dies für einmal nicht getan zu haben.

27.09.2018

Sehr geehrte Preisträgerin

Geschätzte Verlegerinnen und Verleger

Meine sehr geehrten Damen und Herren

Normalerweise stehen Sie, Frau Regierungsrätin Jacqueline Fehr, auf dieser Seite der Rednerinnentribüne. Von hier aus ehren Sie regelmässig Menschen für deren Leistungen. Besonders gerne verleihen Sie in Ihrer Eigenschaft als Zürcher Kulturministerin Kunst- und Kulturpreise. Darunter solche, deren Währung nicht einfach nur aus Ehre besteht, sondern aus Cash. Und das gehört sich so, schliesslich müssen Kulturschaffende Milch und Brot kaufen.

Was sich eigentlich nicht gehört: dass Sie einen Preis nicht verleihen, ja, ihn gar verweigern. Obwohl er beschlossene Sache ist.

Doch wir kritisieren Sie an dieser Stelle nicht dafür, dass Sie die Verleihung eines Preises verweigert haben. Nein, wir zeichnen Sie dafür aus. Für die Verweigerung der Verleihung eines Preises ehrt die Jury Sie mit dem dieswöchigen Preis der Republik.

Sie haben unseren Preis genauso verdient, wie der Preisträger, dem Sie Ihren Preis nicht überreicht haben, den seinen verdient hätte.

Bevor wir gleich zum Apéro riche hinüberschreiten, müssen wir etwas Licht ins Dunkel bringen. Schliesslich sehe ich im Publikum gerade einige verdutzte Gesichter. Ich kann es ihnen, also den Gesichtern, nicht verübeln. Es ist etwas kompliziert.

Die Sache liegt so: Dem Künstler Roland Roos hat der Kanton Zürich einen Werkbeitrag über 24’000 Franken zugestanden. Es ist eine Auszeichnung für einen Beitrag, den Herr Roos in der Werkschau der kantonal geförderten Künstlerinnen ausstellt. Nur gab es damit ein Problem. Technisch gesehen ist ein Bestandteil des Werks geklaut. Oder sagen wir: ausgeliehen.

Es handelt sich um eine Tafel, die Herr Roos auf einer Bergspitze abmontiert hat. Auf der Henry-Dunant-Spitze, im Kanton Wallis. Sie ist benannt nach dem Gründer des Roten Kreuzes. Die kreative Begründung der Aktion ist im Gegensatz zu anderen Kunstwerken, die man nicht versteht, sehr schlüssig: Herr Dunant würde nicht wollen, dass ein Staat, der Waffen in Bürgerkriegsländer verkaufen will, einen Gipfel nach ihm benennt. Der Künstler hat also die Tafel abmontiert und eine andere angebracht. Darauf steht der alte Name des Bergs, Ostspitze. Die Dunant-Tafel hängt nun in einer Ausstellung, die der Kanton Zürich organisiert hat.

Zur Strafe für den Tafelklau hat Roland Roos nun das versprochene Geld vom Kanton nicht erhalten. Ebenso wenig wie einen Briefbeschwerer in Form eines Löwen, auf den er bestimmt lieber verzichtet als auf die 24’000 Franken.

Und das ist der Moment, wo die Kunst ihre volle Wirkung entfaltet. Dass sie wirkt, verdanken wir Ihnen, Frau Regierungsrätin. Denn was man Ihnen als Kunstfeindlichkeit und Kleingeist vorwerfen könnte, ist in Wahrheit Ihr eigenes künstlerisches Genie.

Denn wie Sie in Ihrer Grussrede gesagt haben (ich zitiere an dieser Stelle Sie, Frau Regierungsrätin): «Zur künstlerischen Freiheit gehören Regel- und Grenzverletzungen. Ohne diese gäbe es keinen gesellschaftlichen Fortschritt.»

Und im gleichen Atemzug fragen Sie, ob denn ein Staat ein Werk auszeichnen dürfe, das seine Gesetze verletzt?

Womit wir bei der Kernfrage angelangt sind:

Darf ein Staat, der zu Profitzwecken die Tötung von Menschen mindestens in Kauf nimmt, mitunter sogar fördert – darf ein solcher Staat eine Kunstförderung verweigern, weil ein Künstler, ohne zu fragen, eine Plakette abmontiert?

Was gelten in Gesetze und Verordnung gegossene Regeln, wenn sie höheres Gut, wenn sie die Moral verletzen?

Spätestens auf dem Totenbett sollte sich eine jede und ein jeder die Frage stellen: Auf welcher Seite der Geschichte stand ich? Auf der Seite der Gerechten steht in diesem Fall nicht ein sich selber als neutral, humanitär und friedliebend bezeichnender Staat. Sondern ein kleinkrimineller Künstler namens Roland Roos.

Sie haben das erkannt, Frau Regierungsrätin. Indem Sie Herrn Roos temporär seinen verdienten Werkbeitrag verweigern, haben Sie ihm und seinem Werk eine viel grössere Bühne gegeben. Zudem haben Sie sich dem Protest gegen eine unmoralisch handelnde Regierung und ein unmoralisch handelndes Parlament angeschlossen. Und Sie haben auch noch Ihre eigene Ausstellung propagiert.

Vielleicht, Frau Regierungsrätin, werden Sie jetzt sagen: Aber nein, ich habe nur meine Pflicht getan!

Nein, sagt die Jury einstimmig. Sie haben mehr als das getan. Sie haben das Werk vervollständigt und sind damit selber zu einem Bestandteil der Kunst geworden, die Sie von Amtes wegen fördern – und das, im Gegensatz zur Dunant-Tafel, auch noch aus freien Stücken.

Sie sind jetzt also ein Bestandteil des Werks, das Sie vorerst nicht auszeichnen. Das ist eine Leistung, die Anerkennung verdient.

Zermatt, die Standortgemeinde der Henry-Dunant-Spitze, ist nicht glücklich, dass ihre geliebte, dem Berg seine Identität stiftende Tafel im Moment in Zürich hängt. Die Gemeindepräsidentin hat Anzeige erstattet.

Im Namen der Jury danke ich Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit. Und Ihnen, Frau Regierungsrätin, gratuliere ich von Herzen zu Ihrer Auszeichnung.

Illustration: Doug Chayka

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