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Klang

Schimmernde Streicher, knurrendes Kontrafagott

Zwischen Aufbruchstimmung und Katzenjammer

Beim Lucerne Festival lassen die Gastspiele grosser Orchester den Puls der musikalischen Kultur fühlen.

Von Peter Hagmann, 14.09.2018

In London hat eine neue Ära begonnen. Im Herbst 2017, eine Saison vor seinem Rücktritt als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, nahm Sir Simon Rattle die Position des Music Director beim London Symphony Orchestra ein, dem besten Orchester Grossbritanniens. In den frühen Achtzigerjahren hat dort Claudio Abbado mit thematisch ausgerichteten Konzertreihen Geschichte geschrieben, regelmässig trat auch Pierre Boulez mit seinem in der Moderne verankerten Repertoire ans Pult.

Bekannt geworden ist das Orchester, das sich wie die Wiener Philharmoniker selbst verwaltet, auch durch seine Jugendarbeit, für die es sich in einer säkularisierten Kirche eine eigene Wirkungsstätte geschaffen hat.

Londoner Kinderspiele in Luzern

Für dieses Orchester ist Simon Rattle mit seiner unverkrampften Nähe zur Neuen Musik und seiner Begeisterungsfähigkeit wie geschaffen – das war beim Lucerne Festival mit Händen zu greifen. Richtiggehend glücklich machte etwa jenes Sinfoniekonzert, das ausschliesslich Werke Maurice Ravels bot. Es folgte dem Stichwort «Kindheit», dem Leitmotiv dieses Luzerner Sommers, und schuf einen anregenden Kontrast zu einem gleich gelagerten Projekt des Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly.

In liebevoller Genauigkeit ausgehört, boten die Gäste aus London «Ma mère l’oye», die auf eine Klaviersuite zurückgehende Ballettmusik. Leicht und hell klang das Orchester mit seinen schimmernden Streichern, in pointierter Farbgebung setzten die Bläser bis hin zum herrlich knurrenden Kontrafagott ihre Akzente.

Auch der konzertant dargebotene Operneinakter «L’Enfant et les sortilèges» wurde zu einem durch und durch reizenden Vergnügen. Lustvoll spielte das Vokalensemble rund um das unartige Kind (Magdalena Kožená) den Witz jener nächtlichen Szenerie aus, in der die beschädigten Möbelstücke und die gequälten Tiere zu sprechen beginnen. Und agil reagierte das Orchester in der solistisch aufgelockerten Faktur, die Ravel in diesem Stück pflegt.

Simon Rattle steht eben nicht vor dem Orchester, sondern gleichsam mitten unter den Musikern; mit jedem von ihnen scheint er eng verbunden. Auch wenn er genau weiss, wohin die Reise gehen soll, schafft er doch Raum zum Atmen und lässt jenes Klima der freundschaftlichen Zugewandtheit entstehen, das an die ersten Jahre des Lucerne Festival Orchestra erinnert.

Ein Labor für die Moderne

So sind auch jene Projekte aus dem Bereich der Neuen Musik möglich, mit denen sich das London Symphony Orchestra aktiv ins Programm des Lucerne Festival eingebracht hat. Das Orchester verband sich mit der Lucerne Festival Academy – jenem Labor für die musikalische Moderne, in dem sich Sommer für Sommer 130 junge Musiker aus aller Welt anderswo nicht vermittelte Spezialkenntnisse aneignen können – und brachte die gross besetzte Raumkomposition «Gruppen» von Karlheinz Stockhausen zur Aufführung. In einem sehr gut besuchten Sinfoniekonzert stellte Rattle darauf dem Konstruktivismus Stockhausens die Emotionalität und den Farbensinn von Olivier Messiaen in dessen Werk «Et exspecto resurrectionem mortuorum» in einer Wiedergabe von höchster Intensität gegenüber.

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Da kommt nicht nur der Aufbruch zu einer neuen Art des Orchesterlebens zum Ausdruck. Es äussert sich auch eine Bereitschaft zur Mitwirkung in einem Netzwerk der Programmgestaltung, die für Luzern von hoher Bedeutung ist. Denn wie mit dem Lucerne Festival Orchestra und dem Orchester der Lucerne Festival Academy können mit Residenzen solcher Art Inseln der Eigenproduktion gestaltet werden, die das Angebot strukturieren und dem Festival ein eigenes Gesicht geben. Die ihm ausserdem frische Luft verschaffen – was allerdings geboten scheint.

Energie! Vitalität!

Die Abfolge der Sinfoniekonzerte, für diesen Sommer waren deren 31 angesagt, hat etwas an Vitalität verloren. Zudem sieht sich das Gipfeltreffen der besten Orchester der Welt, immerhin die Wirbelsäule im Programm des Lucerne Festival, durch den wuchernden Garten der Nebenschauplätze in den Schatten gestellt. Vielleicht ist es an der Zeit, im Kernstück des Luzerner Programms wieder für etwas mehr Energie zu sorgen.

Die Orchesterkultur ist nämlich keineswegs am Ende. Auch wenn die Statistiken rückläufige Zahlen zum Konzertbesuch vermelden, auch wenn sich der Fokus des Interesses beim zahlenden Publikum eher verengt als erweitert, so gibt es doch Aufbrüche noch und noch – Aufbrüche, die Resonanz finden. Allerorten werden neue Konzertsäle gebaut.

Unter den Dirigenten jüngerer Generation schiessen Talente wie Krzysztof Urbańsky auf, der einen Renner wie Antonín Dvořáks Neunte in neues Licht bringt. Und unter den Orchestern sorgen Formationen wie das von François-Xavier Roth geleitete Orchester Les Siècles für fruchtbare Anregung, das Schlachtrösser wie die «Orgelsinfonie» von Camille Saint-Saëns mit Instrumenten aus der Entstehungszeit der Komposition spielt. Der musikalische Horizont ist jedenfalls weiter denn je.

Problematisches aus Sankt Petersburg und Wien

Davon könnte in Luzern etwas mehr zu hören sein. Stattdessen dominieren Orchester und Dirigenten, die gewiss über einen hohen Bekanntheitsgrad verfügen, ästhetisch aber wenig beibringen. Wie zum Beispiel die Philharmoniker aus Sankt Petersburg. Seit dreissig Jahren leitet Juri Temirkanow das ohne Frage berühmteste Orchester Russlands als Chefdirigent; darob ist er müde geworden.

Der von einer Riesenbesetzung erzeugte Sound war zwar nach wie vor grossartig, nämlich warm und füllig. Aber die Musiker hingen derart in den Stühlen, dass selbst ein so herrliches Stück wie der «Blumenwalzer» aus dem «Nussknacker» von Peter Tschaikowsky am Boden blieb.

Problematisch auch die Wiener Philharmoniker, heuer mit Franz Welser-Möst. Was für ein wunderbares Orchester, bei den Salzburger Festspielen war es wieder zu hören; in Luzern verkauften sie sich jedoch einmal mehr unter ihrem Wert. Anton Bruckners Sinfonie Nr. 5 wurde in überhasteten Tempi, kurzatmig in den Phrasierungen und schrill im Klang exekutiert.

Und in der zweiten Sinfonie von Johannes Brahms führte der Dirigent das Orchester an straffer Leine zu harschem Klang, wo die Wiener doch gerade für das Gegenteil stünden.

«The joy of music» in Berlin

Den Philharmonikern aus Wien wäre zu wünschen, was jenen aus Berlin derzeit widerfährt (wobei zu berücksichtigen ist, dass es in Wien keinen Chefdirigenten gibt). Auf Simon Rattle folgt bei den Berliner Philharmonikern Kirill Petrenko, ein nach aussen hin scheu wirkender, mit seinen 46 Jahren nicht mehr ganz junger, weitgehend unbekannter Mann.

An der Komischen Oper Berlin hat sich Petrenko als Generalmusikdirektor einen Namen gemacht, in der Oper von Lyon eine famose Tschaikowsky-Trilogie dirigiert, an der Bayerischen Staatsoper München und bei den Bayreuther Festspielen tadellose Arbeit geleistet. Er sei ein Kompromisskandidat gewesen, weil weder Christian Thielemann noch Andris Nelsons die notwendige Mehrheit erreicht hätten, hiess es hämisch nach der Verkündigung seiner Wahl. Da könnte man sich noch täuschen.

Die Neugierde war hoch. Und siehe da: Wie die Berliner Philharmoniker in den beiden Luzerner Konzerten dieses Sommers klangen, liess auf einen markanten Neubeginn schliessen. Hatten Claudio Abbado und Simon Rattle, jeder in seiner Art, bei aller Lust am kraftvoll runden Klang auch die Verästelungen des musikalischen Satzes im Sinn, so erschien Petrenko am ersten Abend als ein wahrer Feuerteufel.

«Don Juan», die Tondichtung von Richard Strauss, ging er mit ungeheurem Aplomb an, ein Energiesturm sondergleichen fegte durch die Partitur – die in Petrenkos Auslegung den Verführer als jenen jungen, testosterongestärkten Mann zeigte, welcher der Komponist bei der Niederschrift des Werks war. Das klang fulminant, wirkte aber doch einseitig, denn der Duft der Verführung, die Strauss’ Musik auch im «Don Juan» so ausgeprägt kennt, blieb unterbelichtet.

Bei Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 7 stoben die Späne; die «Apotheose des Tanzes» geriet zu einem «sacre du printemps». Dass die Beethoven-Interpretation mittlerweile noch ganz andere Bereiche des Ausdrucks erschlossen hat, war hier nicht zu erfahren. Aber das Orchester gab seinem designierten Chefdirigenten, was es zu geben vermag – erst recht im zweiten, überaus originellen Programm.

Im Tanzpoem «La Péri» von Paul Dukas verwandelten sich die Berliner in ein französisches Orchester – jedenfalls in eines, das ganz durchsichtig klang und mit den luxuriösesten Farbenspielen blendete. Nicht weniger Aufsehen erregte die Luzerner Erstaufführung der vierten Sinfonie von Franz Schmidt. Der 1874 geborene, 1939 verstorbene Österreicher ist als Mitläufer geächtet und als Komponist völlig verkannt. Dass Petrenko das Luzerner Publikum mit der emphatischen Präzision, die ihn auszeichnet, dieses grosse, gleichermassen von Schwermut wie konstruktivem Sinn getragene Werk entdecken liess, kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden.

Der Neue in Genf

An einem fruchtbaren Wendepunkt befindet sich auch das Orchestre de la Suisse romande, das vor bald hundert Jahren durch Ernest Ansermet gegründet und zu Weltruhm geführt wurde. Seit dem Jahrzehnt mit Armin Jordan ist das Orchester nie mehr richtig glücklich geworden mit seinen Chefdirigenten. Das scheint sich jetzt zu ändern, denn Jonathan Nott, der in Luzern angefangen und lange die Bamberger Symphoniker geleitet hat, ist es schon in seiner ersten Saison als Chefdirigent gelungen, die Spielfreude der Musiker wieder zu wecken und ihr kollektives Selbstbewusstsein zu heben.

Der 55-jährige Brite ist ein Performer wie Abbado, das tut dem Genfer Orchester in dieser Phase seiner Existenz ausgesprochen gut. Auch Nott wandte sich einem Werk vom Rand des Repertoires zu. Dem Luzerner Thema «Kindheit» verpflichtet, holte er die Suite aus dem als reaktionär geschmähten Ballett «Schlagobers» von Richard Strauss ans Licht und stellte sie der Ballettmusik «Jeux» von Claude Debussy gegenüber. Amüsant waren beide Stücke, das mit lockerer Hand hingetupfte von Debussy so gut wie Strauss’ prall-fröhlicher Kinderspaziergang durch eine Konditorei – das Orchestre de la Suisse romande stellte sich damit problemlos an die Seite der in Luzern auftretenden Gastorchester.

Zum Autor

Peter Hagmann, promovierter Musikwissenschaftler und diplomierter Organist, wirkt seit 1972 als Musikkritiker. In dieser Funktion war er ab 1986 für die NZZ tätig, ab 1989 als Redaktor im Feuilleton. Seit seinem altersbedingten Rücktritt im Frühjahr 2015 ist er als Musikkritiker wieder auf freier Wildbahn unterwegs, unter anderem mit seinem Blog «Mittwochs um zwölf».

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