Theater

Lasst uns über #MeToo reden

Doppelschlag am Maxim Gorki Theater

«Ich auch», sagt die für ihren politischen Appeal berühmte Berliner Bühne. Und eröffnet mit zwei Stücken zum Thema die Spielzeit.

Von Christine Wahl, 13.09.2018

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Der Bademantel als Chiffre: «Yes but No» im Maxim Gorki Theater mit Orit Nahmias (Dritte von links). Ute Langkafel

Im weissen Frotteebademantel schreitet die Schauspielerin Orit Nahmias an die Rampe und wirft sich lasziv in Pose. Es sei höchste Zeit, «einander besser kennenzulernen», flirtet sie in den Zuschauerraum und lässt den Mantel von der Schulter rutschen. Schliesslich könne man mit uns, dem Publikum, bereits auf fünf gemeinsame Beziehungsjahre zurückblicken.

Da hat man naturgemäss eine Menge mitbekommen: «Rassismus, Xenophobie, Homophobie, Islamophobie, die Kriege in Ex-Jugoslawien und Syrien, den Holocaust, die Flüchtlingskrise, die erotische Krise, die soziale Krise, Erdogan, Putin, Trump.» In Yael Ronens Inszenierung «Yes but No» rattert Nahmias alle Themen herunter, die auf der Bühne des Berliner Maxim Gorki Theaters in den vergangenen sechzig Monaten verhandelt wurden.

Ein Ensemble wie ein Spitzenfussballclub

Damit bringt sie das Profil des Hauses perfekt auf den Punkt. Im Herbst 2013 übernahm hier, in Berlins Mitte, Shermin Langhoff die Leitung, sie ist die erste türkischstämmige Intendantin überhaupt an einem deutschen Stadttheater. Mit einem Ensemble, dessen Mitglieder ebenfalls nicht nur deutsche, sondern auch türkische, russische, serbische, syrische oder israelische Wurzeln haben. Und die entsprechend andere Geschichten erzählen, als man es von deutschsprachigen Bühnen bis dato kannte.

Endlich schlösse auch der tendenziell verschnarchte Berliner Kulturbetrieb zu internationalen Erfolgsmodellen auf, jubelten damals die Feuilletons. Şahintürk, Lohse, Radenković – die Besetzungszettel des Gorki klängen wie die Mannschaftsaufstellungen europäischer Fussballspitzenklubs à la Real Madrid oder Paris Saint-Germain. Tatsächlich setzte sich das Haus gleich in der ersten Saison unter Shermin Langhoff an die Spitze der deutschen Bühnen-Bundesliga. Es ging aus der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift «Theater heute» als Theater des Jahres 2014 hervor.

Das Gorki zeigt Produktionen über den Genozid an den Armeniern oder Aufführungen zum Nahostkonflikt, die von den Erfahrungen der beteiligten Schauspieler ausgehen. Kanonklassiker wie «Othello» oder «Der Kirschgarten» werden aus neuen Blickwinkeln erzählt. Und Abende wie Falk Richters «Small Town Boy» über Geschlechterrollen im Allgemeinen und homosexuelle Coming-outs im Besonderen zeigen, dass Diversität am Gorki umfassender gedacht wird als nur ethnisch oder kulturell.

Stichwort Harvey Weinstein

Auf die Gorki-Bühne passt das Thema, das Orit Nahmias in ihrem vertrauensstiftenden Bademantel-Look ankündigt, also bestens. Ihr gespielt verruchtes «Lasst uns intimer werden» bedeutet: Lasst uns über #MeToo reden. Über Gleichberechtigung, verschwiegene Machtstrukturen und schliesslich – ja, auch das will der Theaterabend – über «Visionen». Mit einem abermals spektakulären Bademantelbefreiungswurf spricht Nahmias tatsächlich von einer «neuen Beziehungskultur nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen allen und allem».

Diesen frommen Wunsch nach allseitiger Harmonie kann die Aufführung zwar – um das vorwegzunehmen – definitiv nicht erfüllen. Aber die #MeToo-Thematik im Theater zu verhandeln, bleibt auch ohne direkte Weltveränderungskraft eine einleuchtende Idee. Es war ja – Stichwort Harvey Weinstein – sicher kein Zufall, dass die Debatte seinerzeit von der darstellenden Branche ausging. Die kreative Arbeit an einer Rolle, an einem künstlerischen Produkt, erfordert beim Film genau wie am Theater einen höheren Grad an persönlicher Öffnung, Preisgabe und Intimität, als man es von den meisten anderen Berufsfeldern kennt. Das erhöht wiederum die Möglichkeiten zur Übergriffigkeit ebenso wie den Bereich der Grauzone.

Hinzu kommt die Tendenz am Theater, statt fertige Stücke zu inszenieren, zunehmend eigene Abende zu entwickeln, die auf den Lebensgeschichten oder anderweitigen Beiträgen beteiligter Schauspielerinnen und Schauspieler beruhen. Gerade das Gorki ist hier ein Paradebeispiel, den aktuellen Abend «Yes but No» eingeschlossen. Auf der Bühne werden die biografischen Anteile zwar auf eine Art bearbeitet und vermittelt, die die Privatsphäre der Mitspielenden schützt. In der Regel sorgt die Regie dafür, dass man sich als Zuschauerin nie sicher sein kann, wie originalgetreu, wie stark verfremdet oder gar wie gut erfunden die betreffenden Geschichten sind. Das ändert aber nichts daran, dass die Darsteller sich während der Proben auf eine emotional überdurchschnittlich intensive und persönliche Weise zur Verfügung stellen.

Männlichkeit in der Krise

Kein Wunder also, dass das Maxim Gorki Theater den Komplex umfassend in den Blick nehmen will und die neue Spielzeit gleich mit einem #MeToo-Doppelschlag beginnt. Zwei Inszenierungen beleuchten das Thema aus verschiedenen Perspektiven. Bevor Yael Ronen mit «Yes but No» die grosse Bühne bespielt, beackert die junge Regisseurin Suna Gürler im kleinen Studio erst noch einmal kurz die Krise der Männlichkeit, die in den letzten Jahren ja bereits vielfach diagnostiziert wurde. Zusammen mit dem Schweizer Co-Autor Lucien Haug, der hier seinen Gorki-Einstand gibt, hat Gürler für ihre Produktion Männer danach gefragt, was eigentlich Männlichkeit für sie bedeute. Oder wie sie zur #MeToo-Debatte stünden.

Reflexionen zum Mängelwesen Adam: «You Are Not the Hero of This Story» von Suna Gürler. Ute Langkafel

Den Angesprochenen, deren Antworten per Tonband eingespielt werden, fällt zur ersten Frage vorzugsweise ihr Penis ein und zur zweiten, dass «sie Kevin Spacey bei ‹House of Cards› rausgehaut (sic!) haben»: vorhersehbare Reaktionen auf wenig tiefgründige Fragen. Dazu stehen vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler mit identischen Anzügen, Dutts und Bärten auf der Bühne und müssen reihum den Adam geben, diesen maskulinen Urtypen schlechthin. Wobei bereits der Titel des Abends unmissverständlich nahelegt, dass es sich dabei um eine undankbare Rolle handelt: «You Are Not the Hero of This Story» heisst das Stück.

Auf der Bühne fällt dem Mängelwesen Adam dann auch kaum etwas ein, was er tun könnte. Und wenn doch, dann nichts Positives. Der angeschlagene Patriarch neigt zu Brüllattacken, wird von Weinkrämpfen übermannt und entwickelt infantile Regressionstendenzen. Zugutehalten kann man Suna Gürlers Inszenierung höchstens, dass sie dialektisch denkt: Diejenigen, die sich von diesem schlaffen Nichthelden unterdrückt, gegängelt, dominiert fühlen, versprühen oft genauso wenig Vitalität und Ideenreichtum wie er.

Über diese wenig originelle und sehr allgemeine Bestandsaufnahme kommt der Abend keinen Millimeter hinaus.

Körpererkundungen, Übergriffe

Die israelische Regisseurin Yael Ronen – eine Stammkraft am Gorki und eine Erfolgsgarantin auch anderswo – geht das Thema auf der grossen Bühne von vornherein konkreter an. Und mit der ihr eigenen Mischung aus Witz und Tiefgang. Ronen hat den Humor zur kathartischen Bühnenpraxis gemacht. Bei ihr werden Vorurteile und andere Dilemmata so lange zerlacht, bis sie sich gnadenlos in sich selbst auflösen. Zwischendurch gibt es immer wieder gezielt gesetzte Nackenhiebe, die sich dann umso schmerzhafter anfühlen.

Auch ihr Stück «Yes but No», das die Regisseurin übrigens als «Diskussion mit Songs» verstanden wissen will, beginnt vergleichsweise amüsant. Drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler erinnern sich an unschuldige frühkindliche Körpererkundungen. Diese gehen allerdings unversehens – und bei zunächst fliessenden Grenzen – in Missbrauchserfahrungen über.

Was die Schauspielerin Svenja Liesau erzählt, ist nicht die einzige schwer auszuhaltende Geschichte an diesem Abend: Ein Mann missbraucht seine Stieftochter, während deren Mutter nebenan im Bad den Wasserhahn aufdreht und den Föhn anschaltet, um die Schreie ihres Kindes überhören zu können. Später folgt sie dem Mann ins Schlafzimmer, als sei nichts gewesen.

Liesaus Figur ist es auch, die die #MeToo-Debatte unter wütender Demontage des Bühnenbodens zur wohltuenden «Rache» erklärt für «alles, was diese Männer-können-sich-wie-Arschlöcher-benehmen-Struktur» mit ihr «gemacht» habe. Sie fordert, Namen zu nennen. Sonst ändere sich nichts.

Nur sehr schwer auszuhalten: Svenja Liesau (rechts) erzählt ihre Geschichte. Ute Langkafel

Ein Arschloch auf der Bühne

Es fällt tatsächlich einer. Der Schauspieler Taner Sahintürk erinnert sich an sein drittes Jahr in der Schauspielschule – bei einem ehemaligen «berühmten Volksbühnenregisseur». Der will – es klingt wie eine alberne Parodie –, dass die Studentinnen und Studenten nackt herumkriechen, «ficken, auf die Bühne scheissen» und sich selbst sowie eine Deutschlandfahne anschliessend «mit der Scheisse beschmieren». Dabei simuliert der Regisseur – es handelt sich um Johann Kresnik – durchaus auch mal an einer Kommilitonin, «wie ein Arschloch» auf der Bühne «fickt».

Es ist der intensivste Moment des Abends. Ein Kipppunkt, weil die Inszenierung sich hier entscheiden könnte, solche Vorfälle im eigenen Medium, in der eigenen Branche, weiter auszuleuchten. Sei es namentlich oder – wenn man das nicht will – strukturell. Ronen entscheidet sich leider gänzlich anders: Sie fördert – wofür wirklich harte Grabungsarbeit nötig ist – den Humor wieder zutage. Und stellt in zweifellos gut gemachten, aber vergleichsweise harmlos unterhaltsamen Songs noch einmal fest, was differenzierten Debattenbeobachtern und Betroffenen sowieso klar ist: Sofern man nicht zu jenen Zeitgenossen gehört, die jede sexuelle Handlung vorab vertraglich regeln wollen, liegen die Dinge tatsächlich komplex.

Noch weiter hinter den dramaturgischen Höhe- und Schmerzpunkt fällt der zweite Teil von Ronens Abend zurück: Hier werden die Zuschauer zu Workshops gebeten, in denen sie sich gegenüberstehen, ihre räumlichen Grenzen aushandeln und einander um etwas bitten sollen. Das Ziel der läppisch wirkenden Übung: Nein sagen zu können, wenn man Nein meint.

Schade: Das Theater hat in beiden Aufführungen bestenfalls den aktuellen Stand der #MeToo-Debatte referiert. Weiterzukommen steht noch aus.

Zur Autorin

Christine Wahl, geboren 1971 in Dresden, arbeitet seit 1995 als freie Journalistin und Theaterkritikerin unter anderem für den «Tagesspiegel», «Theater heute» und «Spiegel online». Sie war Mitglied in diversen Jurys, aktuell ist sie im Auswahlgremium für den Mülheimer Dramatikerpreis sowie den Kranichsteiner Literaturpreis. Für die Republik war sie bereits beim Berliner Theatertreffen unterwegs.

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