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«Frauen befinden sich ständig im Kriegszustand»

Die amerikanische Feministin Rebecca Solnit bezeichnet Vergewaltigung als Alltagsphänomen in den USA. Und sie erklärt, warum Hoffnung besser ist als Optimismus.

Ein Interview von Adelina Gashi, Michael Kuratli (Text) und Anne Morgenstern (Bilder), 04.09.2018

«Wir sind keine Opfer der Geschichte»: Rebecca Solnit.

Männer versuchen, ihr die Welt zu erklären. Das ist der Satz, an den man bei Rebecca Solnit denkt.

2008 erschien ihr Blogeintrag «Wenn Männer mir die Welt erklären» und löste im Netz ein Lauffeuer aus. Tausenden Frauen sprach Solnit aus der Seele, als sie eine Partyanekdote zum Besten gab: Ein alter, reicher und gebildeter Mann, der ihr bei einem Glas Chardonnay schulmeisterhaft ihr eigenes Buch über die technologische Entwicklung der Fotografie erklärt. Der Begriff «mansplaining» war geboren. Er ist Solnits grosses Vermächtnis an die Nachwelt.

Dabei sind erklärende Männer nicht das Einzige, worüber die 58-Jährige schreibt. Ihr Werk umfasst 25 Bücher, vom Landkampf der indigenen Bevölkerung Nordamerikas über das Wandern und die Philosophie bis hin zur Alzheimerkrankheit ihrer Mutter. All ihren Büchern ist eine Sache gemein: Sie sind Dokumente eines Lebens.

An Solnits Publikationsliste lässt sich ihre eigene Biografie Schritt für Schritt nachverfolgen. In den 80er- und 90er-Jahren setzte sie sich für Umweltthemen ein, kämpfte mit dem Stamm der Western Shoshone um deren Land. Später zog es sie nach New York, wo sie gegen den Irakkrieg von George W. Bush mobilisierte. Als ihre Mutter an Demenz erkrankte, pflegte sie sie bis zur schwersten Zeit – immer begleitet vom Schreiben.

Dabei war der publizistische Werdegang so für sie nicht vorgesehen. Sie sei von «unglücklichen, unfreundlichen Menschen» grossgezogen worden, sagt Solnit heute. Ihr Vater war Stadtplaner und Choleriker, ihre Mutter engagierte sich nach ihrer Scheidung unter anderem in Frauen-Schutzhäusern. Ihre Mutter beneidete die Tochter, wie Solnit später schreiben sollte, um deren Freiheit.

Die junge Rebecca hatte noch keine Stimme. Stattdessen brachte sie Männer mit Tricks dazu, für sie einzuspringen. Als sie als Kellnerin in einem Restaurant arbeitete und der Koch sie ständig begrapschte, liess sie absichtlich ein Tablett Gläser fallen, worauf der Restaurantbesitzer den Koch in seine Schranken verwies. Gläser waren wertvoll, sie nicht.

«Mein Selbstvertrauen habe ich durchs Schreiben erlangt», sagt Solnit im Interview mit der Republik.

Begegnet man ihr heute, trifft man auf eine reservierte Frau. Ihr Tonfall ist ruhig. Routiniert spult sie die Aussagen ihrer Essays ab. Sie gibt sich keine Blösse, Biografisches lenkt sie schnell auf Statistiken, Theorien, Allgemeinplätze. Nichts soll von ihrer intellektuellen Arbeit ablenken. Mit dem aufkeimenden Geschlechterdiskurs in den USA um die Jahrtausendwende, mit der Debatte, die um ihr Essay «Men explain things to me» («Wenn Männer mir die Welt erklären») entstanden ist, wurde sie zu einer Fahnenträgerin einer Sache, der sie sich selbst immer dezidierter verschrieb. Vielleicht bleibt die persönliche Rebecca Solnit deshalb hinter ihrer öffentlichen Persona kaum fassbar.

Sie werden als eine der wichtigsten Feministinnen unserer Zeit bezeichnet. Mit Ihrem Essay «Wenn Männer mir die Welt erklären» haben Sie die #MeToo-Debatte vorweggenommen.
Die Menschen tun so, als ob #MeToo aus heiterem Himmel gefallen wäre. Aber es hat ein halbes Jahrhundert und viel feministische Arbeit gebraucht, um Frauenstimmen hörbar zu machen. Um Frauen in Machtpositionen zu bringen. Harvey Weinstein belästigte und vergewaltigte über vierzig Jahre lang Frauen. Viele wussten es. Was sich verschoben hat, ist, wie die Zeitungen darüber berichten. Plötzlich werden die Verbrechen auch als solche dargestellt. Der Feminismus ist zu einer starken Kraft geworden, die man nicht mehr ignorieren kann.

Harvey Weinstein steht inzwischen vor Gericht. Wie viel Bedeutung hat sein Fall tatsächlich?
Fälle wie der von Weinstein sind Fabeln oder Märchen. Sie sind ein Spiegel dessen, was wir über unser eigenes Leben denken. Etliche Frauen, weitab von Hollywood, hat der Fall ermutigt, über ihre eigene Situation zu berichten. Plötzlich wurden sie ernst genommen. Der Fall Weinstein zeigt aber auch, wie das System funktioniert: wie widerwärtig seine Anwälte die Opfer zum Schweigen gebracht haben. Wie die Karrieren und die Leben von Frauen ruiniert wurden. Weinstein war kein Einzelgänger. So etwas geschieht nicht in einem Vakuum.

Sie denken in Ihrem neuen Buch «Die Mutter aller Fragen» («The Mother of All Questions») viel über das Schweigen nach – als eines der grossen Probleme unserer Gesellschaft.
Scham spielt dabei eine grosse Rolle. Sie bringt Menschen zum Schweigen. Frauen schämten sich, zu sagen, dass sie sexuell missbraucht wurden. Sie haben Angst davor, in den Medien vorgeführt zu werden. Es war enorm wichtig, dass berühmte, aber auch unbekannte Frauen ihre Stimme erhoben. Dass sie die Scham ablegten und das Schweigen brachen. Studentinnen, die in ihrer Uni aufstanden und sagten: Ich schäme mich nicht, dass mir so etwas passiert ist, er sollte sich schämen. Er hat mir das angetan.

Und was ist mit den Männern, die fürchten, durch #MeToo hätten sie etwas zu verlieren?
Es ist absurd, dass das immer wieder in den Fokus gerät. Da herrscht ein riesiges Missverhältnis. Es passiert jedes verdammte Mal, wenn ich darüber spreche. Das ist erbärmlich. Es ist, als würde man fragen: Wie ergeht es bloss den Weissen, wenn Schwarze nicht mehr unter Rassismus leiden müssen? Männer, die Angst haben, etwas zu verlieren, haben Angst, Macht über andere zu verlieren. Macht, die aber nicht legitim war. Männer, die nicht das Bedürfnis verspüren, eine Frau zu belästigen oder zu missbrauchen, haben in dieser Entwicklung nichts zu befürchten.

Viele Männer sind nervös.
Na und? Reden wir stattdessen darüber, wie verängstigt Frauen schon immer waren. Weil ihnen wirklich schreckliche Dinge passieren. Dinge, die Frauen physisch und psychisch Schaden zufügen. Dinge, die sie daran hindern, sich am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft gleichwertig zu fühlen. Und dann können wir darüber reden, ob den Männern etwas unangenehm dabei ist.

Sie schreiben selbst oft von Erlebnissen, in denen Sie belästigt wurden. Sie haben einen Weg gefunden, um darüber zu sprechen. Wie haben Sie zu Ihrer Stimme gefunden?
Mein Selbstvertrauen habe ich durchs Schreiben erlangt. Als Autorin und Journalistin habe ich gelernt, Dinge so zu beschreiben, wie sie sind, mich an Beweisen und Quellen zu orientieren. Ich bin gründlich und lege Wert auf Genauigkeit. Übertragen auf mich selbst heisst das: Ich entscheide, was passiert ist und was nicht. Das war nicht immer so, und es war ein langer Weg. Ich wuchs in einer Familie mit häuslicher Gewalt auf und wurde als junge Frau auf der Strasse massiv belästigt. Ich lebte jahrelang in der Angst, missbraucht, vergewaltigt und vielleicht getötet zu werden. Leute, die ich kenne, wurden vergewaltigt. Einige haben Mordversuche überlebt.

«Männer sind nervös? Na und? Reden wir stattdessen darüber, wie verängstigt Frauen schon immer waren.»

Ist das Alltag in Ihrer Heimatstadt San Francisco?
Es ist Alltag in den USA. Es gibt Schätzungen, die sagen: Jede fünfte Frau ist in diesem Land vergewaltigt worden. Aber die meisten Frauen gehen irgendwie damit um. Auch wenn dir nichts geschieht: Als Frau befindest du dich ständig im Kriegszustand. Kugeln fliegen über deinen Kopf – du könntest jeden Moment sterben. Wir haben diese Realität zu lange nicht anerkannt. Für die Psyche einer jeden Frau ist das fatal, und es wurde Zeit, dass wir uns damit auseinandersetzen.

Sie reden so, als kämen Sie aus untragbaren Verhältnissen. Dabei sind Sie nicht mittellos, sondern gebildet, weiss und verdienen Ihren Lebensunterhalt durchs Schreiben: Sie sprechen aus einer privilegierten Position.
Ich weiss schon, dass es ein Privileg ist, weiss zu sein. Aber niemand sollte sich schuldig fühlen für seine Privilegien. Denn: Du hattest Glück und damit Macht. Die Frage ist nur: Was wirst du mit dieser Macht tun? Der einzig legitime Gebrauch von Privilegien ist es, die Ungleichheit in der Welt zu bekämpfen. Das heisst, als Weisser gegen Rassismus einzustehen und als Mann gegen Frauenfeindlichkeit. Das heisst, sich als heterosexueller Mensch gegen Homophobie auszusprechen.

In Ihren Texten finden sich immer wieder sehr linke Positionen, darunter auch ein Handbuch zum Aktivismus. Wie ist die Politik in Ihr Schreiben gelangt?
Das hat viel mit meiner Familie zu tun. Mein jüngerer Bruder David, ein engagierter Aktivist, war in meiner Entwicklung sehr wichtig. Wir stehen uns sehr nahe und haben einige Bücher zusammen herausgegeben. Ich bin sehr stolz auf ihn. Und angeblich war mein Grossvater väterlicherseits während der Russischen Revolution kurz Flaggenjunge von Leo Trotzki und marschierte an vorderster Front der Roten Armee. Ich bin mir meiner familiären Vergangenheit sehr bewusst. Meine Verwandten flohen vor dem Holocaust, dem alle zum Opfer fielen, die nicht gegangen waren. Als ich über die Bürgerrechte der amerikanischen Ureinwohner schrieb, wurde mir manchmal vorgeworfen, dass ich unter «white guilt» leide, dem schlechten Gewissen der Weissen für den Genozid an den Indigenen. Stimmt nicht – eher leide ich wegen meiner Familiengeschichte an einer «genocidal anxiety», an einem Völkermord-Trauma.

Sie haben mit «Hoffnung in der Dunkelheit» («Hope in the Dark», die deutsche Ausgabe ist vergriffen) ein Buch über die Hoffnung geschrieben. Ist Ihr überschwänglicher Optimismus nicht reichlich naiv?
Hoffnung ist nicht gleich Optimismus! Optimismus ist der Glaube, dass alles gut wird, egal was passiert. Das macht uns passiv. Der Pessimismus wiederum geht davon aus, dass alles schrecklich sein wird. Dabei werden wir als Menschen ebenfalls nicht gefordert. Hoffnung bedeutet, dass wir nicht wissen, was passieren wird. In der Geschichte geschehen immer wieder überraschende, unvorhersehbare Dinge. Hätten Sie einem Menschen 1989 gesagt, dass Nelson Mandela eines Tages Präsident von Südafrika werden und die Berliner Mauer fallen würde, hätte man Sie für verrückt gehalten. Wir sind keine Opfer der Geschichte. Gemeinsam haben wir die Macht, Geschichte zu schreiben.

Wer Geschichten erzählen darf und die Deutungshoheit besitzt, das ist ein Thema, das Sie umtreibt.
Natürlich. Wer darf denn erzählen? Wessen Geschichte wird gehört? Im Feminismus, in Sachen Migration? Wenn über Einwanderer ständig erzählt wird, sie seien Kriminelle, dann werden sie zu Kriminellen. Dem gilt es eine andere Geschichte entgegenzuhalten: jene, dass diese Menschen wesentlich zur Wirtschaft beitragen und unsere Kultur bereichern. Das Erzählen der richtigen Geschichten ist ein mächtiges politisches Instrument. Wir müssen uns dieses Instrument zunutze machen. Schon der Romantiker Percy Bysshe Shelley hat es gesagt: Dichter sind die heimlichen Gesetzgeber der Welt.

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