Für eine Kultur der Kritik

Überall in den Medien wird ab- oder umgebaut. Besonders betroffen sind die kulturellen Ressorts. Nicht bei uns! Wir lancieren das Republik-Feuilleton.

Von Barbara Villiger Heilig, 03.09.2018

Theaterkritiken würden bloss für den Papierkorb geschrieben, wo sie früher oder später unweigerlich landen, lästern böse Zungen. Eine Theaterkritik, immerhin, hat es in die Gesamtausgabe der Werke von Theodor W. Adorno geschafft. In seiner «Rede über ein imaginäres Feuilleton» zitiert sie der Philosoph in ganzer Länge.

Wie der Titel schon andeutet: Diese Theaterkritik ist frei erfunden. Trotzdem weist sie alle Qualitäten dessen auf, was feuilletonistisches Schreiben ausmacht. Ein Meisterwerk ihres Genres.

Der Auftakt: «Man kommt, man geht, man spricht, man sucht etwas und findet es nicht, alles ist in Bewegung.» Und so rauscht die Boulevard-Petitesse über die Bühne. Vergnügen und Spannung sind garantiert.

Mit Scharfsinn und Esprit

Wer ist der begabte Kritiker? Lucien de Rubempré – eine Romanfigur. Sein Ghostwriter war Honoré de Balzac, Autor der «Verlorenen Illusionen». Er ist es, dem Adorno sein Kränzchen windet mit der berühmten «Rede», die anhand von Luciens Theaterkritik nebst ästhetischen Fragen auch die Verquickung von Kulturbetrieb und Pressewesen ausleuchtet. Nicht nur in der Romanwelt.

Balzacs gnadenlose Analyse, Adornos scharfsinnige Interpretation: exemplarische Denk- und Lehrstücke kulturkritischer Geister. Sie nehmen wir zum Vorbild, wenn wir Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser der Republik, ab heute regelmässig Kultur offerieren – im Republik-Feuilleton.

Blättern und scrollen

Blicken wir kurz in die Sprachgeschichte. La feuille: das Blatt, le feuillet: das Blättchen, feuilleter: blättern. Le feuilleton, davon abgeleitet, stammt aus der Druckersprache des 18. Jahrhunderts und bezeichnete ein kleines Seitenformat. In der papierlosen Ära hat der Begriff nichts mehr verloren. Die Republik, ein digitales Magazin, bleibt gleichwohl dabei. Wie sollten wir unseren hier und jetzt startenden Kulturteil auch sonst nennen? Auf dem Bildschirm scrollt man. Doch «Scrolleton» ist keine valable Alternative.

Nicht nur der Begriff ist dabei, seine Bedeutung zu verlieren, sondern auch der Gegenstand. Feuilletonistinnen und Feuilletonisten gelten als aussterbende Spezies. Indem die Republik am Feuilleton – dem Begriff und dem Gegenstand – festhält, bietet sie ihnen eine Perspektive.

Als Kulturkritik noch lukrativ war

Es gab bessere Zeiten, fürs Feuilleton und für die Theaterkritik. Heinrich von Kleist, der sich publizistisch profilieren wollte und in Berlin die «Abendblätter» gründete, ruinierte den Erfolg des Projekts unter anderem wegen seines Dramatiker-Ehrgeizes. Das kam so: Er lästerte über August Wilhelm Iffland, Starschauspieler jener Epoche, populärer Theaterautor und Leiter des damaligen Nationaltheaters. Was Iffland auf den Spielplan setzte, war Kleist zu seicht. Mit seiner Polemik erreichte er aber nur, dass den «Abendblättern» jegliche Theaterkritik untersagt wurde. Auf diese Weise büssten sie einen beträchtlichen Teil ihrer Leserschaft ein.

Ja: Theaterkritiken und verwandte Rubriken, welche Novitäten aus dem Kulturbetrieb präsentierten, trugen einst massgeblich zum ökonomischen Erfolg journalistischer Publikationen bei. Das Theater – als gesellschaftliche Institution, als moralische Anstalt – besetzte eine herausragende Stellung damals, als ganz Berlin und tout Paris sich in den Foyers der Schauspiel- und Opernhäuser traf.

Heute sieht es anders aus: Networking läuft über Social Media, für die Unterhaltung sorgt Netflix.

Die Tücken von Klicks und Quoten

Aus diesem Grund steht auch die Kulturberichterstattung unter Druck. Und seit die digitalen Medien auf Klickzahlen oder Einschaltquoten schielen, während die gedruckte Presse das Leserverhalten per Umfragen erfasst, gerät sie zusehends mehr in die Defensive. Überall wird ab- und umgebaut.

Um herauszufinden, wie sich die Leseraufmerksamkeit wiedergewinnen, erhalten, steigern liesse, verwenden deutschsprachige Print-Zeitungen oft eine computergestützte Methode namens Readerscan. Ihr Entwickler, der Schweizer Carlo Imboden, besuchte auch die Feuilletonredaktion der NZZ (der ich lange angehörte) und legte die Resultate seiner Analyse dar. Nicht nur damit sorgte er für Stirnrunzeln.

Der Durchschnittsleser steige aus, sobald er merke, dass sich ein Artikel mit Musik, Theater, Kino etc. befasse, erläuterte er. Das heisst: Beim Lesen der Überschrift oder, spätestens, des Vorspanns. Deshalb riet Herr Imboden dazu, einen Einstieg zu wählen, der das eigentliche Thema (Musik, Theater, Kino etc.) nicht verrate. Knifflige Aufgabe: Wie schreibe ich eine Theaterkritik, ohne das Theater zu erwähnen?

Aber warum überhaupt? Kultur sei ein weites Feld, erklärte der Unternehmensberater den Kulturjournalisten. Dazu zähle auch das Phänomen der heutigen Manager, die Turnschuhe trügen.

Turnschuhklänge, Katzenkunst?

Es ist unübersehbar. Die Kulturressorts zahlreicher Medien betreiben eine neumodische Variante von Feigenblatt-Strategie. Anstelle der Buchrezension bringt man ein Interview mit der Autorin. Den Filmessay ersetzt der Besuch beim Regisseur daheim im Kreise seiner Katzen. Statt eine Theaterpremiere zu besprechen, publiziert man das Porträt der – wahlweise – ältesten oder jüngsten Schauspielerin im Ensemble. Für die Besprechung einer Ausstellung oder eines Konzerts muss ein leserfreundlicher Aufhänger als Köder her – vielleicht die Turnschuhe des Pianisten oder jene der Museumsbesucherinnen.

Wir hingegen gehen mit dem Republik-Feuilleton in die Offensive. Ein Feuilleton, das seinen Namen verdient, hat – so finden wir – die noble Pflicht, sich der relevanten Kulturproduktion mit Hingabe, Ernst und Leidenschaft anzunehmen. Dass für unser Angebot ein Publikum existiert, ziehen wir nicht in Zweifel.

Auf Interviews, Porträts und Hintergrundrecherchen werden wir im Republik-Feuilleton selbstverständlich nicht verzichten. Auch die Debatte, kontrovers und konstruktiv, werden wir mit Nachdruck fördern.

Daneben jedoch setzen wir einen klaren Akzent auf die klassische Form der Rezension. Denn nur in ihrem Rahmen lässt sich untersuchen, was Katzen oder Turnschuhe zu Kunst macht. Wie sich le chat bei Baudelaire in ein Gedicht verwandelt. Wie Reebok-Sneakers in Anne Imhofs «Faust» eine Umdeutung von Goethes Hauptwerk auslösen.

Der schönste Weg zur Selbsterkenntnis

Kunst stellt uns vor Rätsel, die wir ergründen – und die, ihrerseits, uns ergründen. Das Kunstwerk hat keinen eindeutigen Sinn. Es entfaltet seine vielfache Wirkung im Gegenüber. Als dieses Gegenüber entdecken wir uns, ob bewusst oder unbewusst, immer wieder selber neu.

Kultur braucht Kritik: die nuancierte Reflexion, das prononcierte Urteil. Nicht Daumen nach oben/unten, sondern Abwägung, Hinterfragung, Einordnung. Aus Kenntnis wird Erkenntnis, aus Erkenntnis Selbsterkenntnis. Kulturkritik ist ein Prozess. Er setzt eine Kultur der Kritik voraus. Sie verdient ihren Platz im öffentlichen Diskurs. Adorno führt es vor: Seine Balzac-Lektüre beweist, dass eine Theaterkritik zum Brennpunkt des Gesellschaftsspiegels werden kann.

Das Beispiel ist mit Absicht gewählt. Dem Journalismus stellt Balzac kein gutes Zeugnis aus. Einiges in seinem Roman erinnert an die aktuelle Schieflage der Dinge. Die Republik sieht hier ihre Chance. Für all jene, die auch in Zukunft Wert legen auf Tiefgang in der kulturellen Auseinandersetzung, lanciert sie das Republik-Feuilleton.

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