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Was von der Sommerhitze bleibt

Gletscher, Grüne, Glaceverkäufer: Wer unter den heissen Temperaturen gelitten und wer von ihnen profitiert hat. Und warum eine kleine Zürcher Gemeinde zum schweizweiten Vorreiter werden könnte.

Von Dennis Bühler, 31.08.2018

Zuerst stellte er die öffentlichen Brunnen ab. Dann reduzierte er den Unterhalt der Grünanlagen auf das Notwendigste. Und schliesslich, am 24. Juli 2018, entschied der Gemeinderat der Zürcher Gemeinde Urdorf, die beiden für die jährliche Revision geleerten Schwimmbecken des populären Hallenbades nicht wieder aufzufüllen. «ACHTUNG: Bitte beachten Sie, dass das Hallenbad (inkl. Sauna/Dampfbad) bis mindestens zum regulären Ende der Freibad-Saison geschlossen bleibt», heisst es seither auf der Website der Gemeinde. Mit diesem Schritt führe Urdorf «den bereits praktizierten sorgsamen Umgang mit der wertvollen Ressource Trinkwasser konsequent weiter».

Viel Hellblau, viel Grün: Blick aus der Drohne auf Küsnacht im August 2017. Ann Ziegler
Viel Graublau, viel Braun: Die gleiche Perspektive im August 2018. Ann Ziegler

In Urdorf wird politisch kaum gestritten. Zumindest nicht über Lokalpolitik. Als im vergangenen März die sieben Sitze in der Dorfregierung zu vergeben waren, fanden sich genau sieben Bewerber. Gefeiert wurde nach der Wahl trotzdem. Die Mitteparteien EVP, CVP, GLP und FDP taten das gemeinsam, im Parterre des Restaurants Steinerhof. Ein Stock über ihnen, auf dem «Heuboden», freute sich die SVP. Die SP stiess im eine Gehminute entfernten Bachschulhaus an. Schweizer Konsensdemokratie, wie sie in vielen kleinen und mittleren Gemeinden gang und gäbe ist.

Die Entscheidung, die beiden Schwimmbecken im Hallenbad über den Sommer leer zu lassen, habe man einträchtig getroffen, sagt Urs Keller, seit 25 Jahren Urdorfer Gemeindeschreiber und in dieser Funktion an jeder Sitzung dabei. «Die Massnahme war auch ein Appell an die Bevölkerung, auf die Umwelt zu achten, obwohl in unserer Gemeinde keine akute Wasserknappheit herrschte.»

Der Aufruf der Kommunalpolitiker war einschneidend: Autos und Vorplätze sollten nicht gewaschen, private Swimmingpools nicht gefüllt, Rasenflächen, Sträucher und Gärten nicht bewässert werden. Gleichzeitig erliess der Gemeinderat ein allgemeines Feuerverbot: kein Grillieren, kein Höhenfeuer und kein Feuerwerk zum 1. August. Erst diese Woche lockerte die Dorfregierung das Verbot – nie zuvor hatten die Urdorferinnen und Urdorfer so lange aufs Zündeln verzichten müssen.

Aus gutem Grund. Der Sommer 2018, der meteorologisch heute Freitag endet, war der drittwärmste und sechsttrockenste Schweizer Sommer seit Messbeginn 1864. Dies zeigt eine gestern Donnerstag publizierte Auswertung von Meteo Schweiz. Im landesweiten Mittel stieg die Sommertemperatur zwei Grad über die Norm der Jahre 1981 bis 2010. Heisser waren bisher nur der Sommer 2015 mit 2,3 Grad und der legendäre Hitzesommer Sommer 2003 mit 3,6 Grad über der Norm. Die Regenmenge erreichte in den vergangenen Monaten lediglich 63 Prozent des langjährigen Mittels. Landesweit ähnlich regenarm waren letztmals die Sommer 1983 und 1984.

«Diese aussterbende Spezies»

Für Gletscher, Bäume und Fische war es ein verheerender Sommer. «Die Gletscher haben einmal mehr sehr viel Eis verloren», sagt Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich und Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes Glamos. Die Lage sei schier ausweglos. «Selbst wenn sich das Klima auf dem heutigen Stand stabilisiert, würden sich die Gletscher noch weiter zurückziehen – und das passiert sogar, wenn wir morgen komplett damit aufhören, CO2 zu emittieren.»

Seit Beginn der Industrialisierung um 1850 haben die Gletscher in den Alpen etwa einen Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihrer Masse verloren. Klimaschutz könne nun lediglich noch dazu beitragen, wenigstens einige Gletscher in hohen Lagen bis zum Ende des Jahrhunderts zu retten, sagt Huss. «Damit wir unseren Enkeln diese aussterbende Spezies noch zeigen können.»

Der Wald verändert sich

Grosse Sorgen um seinen Untersuchungsgegenstand macht sich auch Andreas Rigling, Leiter des Bereichs Walddynamik bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft im zürcherischen Birmensdorf. Ende Juli musste er beobachten, wie die Kronen der Buchen innert weniger Tage braun wurden. Kein anderer Laubbaum ist in Schweizer Wäldern häufiger. Glaubt man Rigling, dürfte sich das bald ändern. «Man spricht nicht mehr von Waldsterben wie in den Siebzigerjahren», sagt der Mann, der sich seit 25 Jahren mit Trockenheit und Absterbeprozessen von Bäumen beschäftigt. «Aber der Wald könnte sich in den nächsten Jahrzehnten grundlegend verändern: Eichen und Linden werden Buchen und Fichten vielerorts verdrängen, da sie besser mit Trockenheit klarkommen.»

Vor allem den Fichten habe in diesem Sommer nicht nur der Wassermangel zu schaffen gemacht, sie seien auch stärker als in den beiden Jahren zuvor von Borkenkäfern attackiert worden. Im Totholz der von Sturm «Burglind» Anfang Januar umgeworfenen Bäume hätten sich die Käfer, die sich bei hohen Temperaturen besonders wohl fühlen, rasant vermehrt. «In den letzten Wochen haben sie etliche Fichten dahingerafft.» Neu ist das Phänomen nicht. Schon 2017 erlagen dem Schädling mehr als 200’000 Fichten.

Fische umsiedeln

Wie Rigling hat in seinem beruflichen Alltag auch Philipp Sicher viel mit Totem zu tun. Der Urner ist Geschäftsführer des Schweizerischen Fischerei-Verbandes. «Zehntausende Fische sind verendet», klagt er. Besondere Aufmerksamkeit schenkten Sicher und seine Kolleginnen in diesem Sommer den Äschen. Die edlen Flussfische mit den eindrücklichen Rückenflossen leben in der Schweiz in grösserer Population nur noch im Rhein. Als es im Sommer 2003 monatelang drückend heiss war, verendeten zwischen Untersee und Eglisau 50’000 Äschen.

In diesem Jahr konnten die Fischer dank der Lehren von 2003 ein Massensterben in ähnlicher Grössenordnung verhindern: Sie baggerten Kaltwasserzonen aus, schränkten die Wasserentnahme durch die Bauern ein, belüfteten Bäche und Seen und fischten ganze Flüsse ab, um die Tiere vorübergehend in höher gelegene, kältere Gewässer umzusiedeln. Dennoch: Wiederum starben unzählige Äschen, die kaltes und sauerstoffreiches Wasser lieben. Bei 23 Grad beginnt für sie der Stress, 26 bis 27 Grad sind tödlich.

Für Sicher kann es nach diesem Sommer nicht gleich weitergehen wie bisher. Von der Politik verlangt er Umbauten im grossen Stil: Flüsse sollen vertieft oder mit Niederwasserrinnen erweitert werden, in die sich die Fische in heissen Sommern zurückziehen können; Bäche sollen mit Bäumen und Büschen beschattet werden; Kraftwerke sollen so umgerüstet werden, dass die Fische gefahrlos flussauf- und flussabwärts wandern können. Denn Sicher ist sich sicher: «Nach dem Hitzesommer ist vor dem Hitzesommer.»

Hitzesommer häufen sich: 2003, 2015, 2017, 2018

In der Tat deutet alles darauf hin, dass heisse, trockene Sommer in der Schweiz zum Alltag werden. Zum Beispiel in Zürich: Bei einem langjährigen Mittel von etwas über 18 Grad gab es dort seit Messbeginn 1864 nur sechs Sommer mit Durchschnittstemperaturen von über 19 Grad: 1947, 1994, 2003, 2015, 2017, 2018. Eine ähnliche Entwicklung ist bei den Hitzetagen zu beobachten. «Im Mittelland haben wir heute je nach Ort etwa 5 bis 10 Tage mit über 30 Grad Lufttemperatur», sagt Reto Knutti. «Ohne Klimaschutz werden es bis Mitte Jahrhundert 15 bis 40 sein.»

Der renommierte Klimaphysiker der ETH Zürich, der am Weltklimabericht des Uno-Ausschusses für Klimaänderungen mitgewirkt hat, sieht dringenden Handlungsbedarf. «Die Schweiz hat das Pariser Klimaabkommen ratifiziert, das die Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad beschränken will, und zurzeit steuern wir auf etwa 3 Grad zu.» Die vorgeschlagene Halbierung des CO2-Ausstosses in der Schweiz bis 2030 gelinge nur mit einschneidenden Massnahmen bei Gebäuden und im Verkehr, sagt Knutti. «Bis 2050 muss der Ausstoss in Ländern wie der Schweiz praktisch null sein, also müssen wir frühzeitig anfangen, unsere Infrastruktur umzubauen.»

Und die Gewinner sind …

Wie fast alles produzierte auch der Hitzesommer nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinnerinnen. Wer profitierte vom Hitzesommer? Detailhändler mit kühlendem Angebot, Betreiberinnen von Freibädern und Glaceverkäufer. «Media-Markt hat in den letzten Wochen im Vergleich zum Vorjahr fast die dreifache Menge an Ventilatoren und mobilen Klimageräten abgesetzt», teilt eine Sprecherin mit. Besser verkauft worden seien auch Juicer und Entsafter, Wassersprudler, Grillgeräte aller Art sowie Bluetooth-Speaker. Bei Coop gehörten Melonen, Sonnencreme, Insektenspray und Deodorant zu den Verkaufsrennern. Und die Migros verkaufte so viele Stand-up-Paddles wie noch nie. Einige von ihnen dürften in den Zürcher Freibädern eingesetzt worden sein: Erstmals seit Einführung des elektronischen Zutrittssystems 1999 jedenfalls haben die von der Stadt Zürich betriebenen Sommerbäder mehr als zwei Millionen Badegäste gezählt.

Viel zu tun hatten auch die Glaceverkäuferinnen. Vor allem die beiden neu kreierten und erfrischenden Sorbets Grapefruit mit Kampotpfeffer sowie Gurke mit Hanftee-Aufguss hätten immer wieder nachproduziert werden müssen, sagt Hansmartin Amrein von der Gelateria di Berna, die in Bern und Zürich präsent ist. Der Baselbieter Glaceproduzent Gasparini, dessen Stängelglacen mit zwei verschiedenen Geschmacksrichtungen seit Jahrzehnten Kult sind, verzeichnet den umsatzmässig besten Sommer seit der Gründung Anfang der Achtzigerjahre. «Wir mussten 15 zusätzliche Mitarbeiter einstellen», sagt Produktionsleiter Bernhard Keller.

Ein Thema unter vielen

Nicht wirtschaftlichen, sondern politischen Aufschwung versprechen sich die Grünen. «Wir haben Rückenwind», freute sich Präsidentin Regula Rytz vor knapp zwei Wochen in einem Interview. Am vergangenen Samstag beschloss die Partei dann an einer Versammlung in Zug eine Resolution mit vier Forderungen zur Weiterentwicklung der Schweizer Klimapolitik: Sie will den Ausstieg aus allen fossilen Energieträgern bis 2050, einen Investitionsstopp in fossile Energien, eine Flugticket-Abgabe und eine verursachergerechte Finanzierung der Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel durch einen Klima-Zehnräppler auf Treibstoffe.

Auch wenn die Hitze in diesem Sommer ein grosses Thema war: Politologe Claude Longchamp glaubt nicht daran, dass die Grünen davon nachhaltig profitieren und bei den eidgenössischen Parlamentswahlen in einem Jahr zum Sieger avancieren. Die Konkurrenz anderer Themen sei in den kommenden Monaten zu gross, sagt er. «Die Bilateralen, die Rentenvorsorge und die Unternehmenssteuer-Reform werden die politische Agenda bestimmen.» Und wenn wegen allfälliger Rücktritte von Bundesrätin Doris Leuthard oder Bundesrat Johann Schneider-Ammann eine Wahl anberaumt werde, sei der Klimawandel gar bloss noch Thema Nummer fünf. «Den Grünen hilft nur eines», sagt Longchamp. «Eine Wiederholung dieses Sommers im kommenden Jahr, eine Hitze wie 2003.» Bei den damaligen Nationalratswahlen konnten die Grünen 2,3 Prozentpunkte hinzugewinnen.

«… und dann tut man doch oft nichts»

Zeit für ein Fazit. Hat der Hitzesommer etwas verändert? Verändern wir Menschen nun unser Verhalten, fliegen wir weniger und nehmen für kurze Strecken das Velo statt das Auto? Klimapsychologin Vivianne Visschers ist skeptisch. «Ein grosses Hindernis für den Klimaschutz ist, dass wir die Effekte unseres heutigen Verhaltens nicht so offensichtlich erkennen», sagte die Forscherin der Fachhochschule Nordwestschweiz kürzlich in einem lesenswerten Interview. «Was wir jetzt tun, wird sich erst in Jahrzehnten wirklich auswirken. Die Langfristigkeit des Klimawandels widerspricht der Art und Weise, wie wir funktionieren.»

Das vor zehn Tagen veröffentlichte European Social Survey 2016 zeigte, dass in der Schweiz zwar eine überwiegende Mehrheit der Befragten (98 Prozent) denkt, dass sich das Klima verändert und eine grosse Mehrheit der Befragten (78 Prozent) darüber ziemlich oder sogar sehr besorgt ist. Doch nur 44 Prozent sind der Meinung, dass der Klimawandel auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen ist – obwohl diese Kausalität wissenschaftlich längst erwiesen ist. Zwar glaube er, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung eigentlich wisse, dass etwas unternommen werden müsse, sagt Klimaphysiker Knutti. «Aber am Schluss geht es oft um Interessenpolitik, Geld oder um persönliche Freiheit. Und dann tut man dann doch oft nichts, egal, wie klar die Faktenlage ist.»

Deshalb kann es nicht schaden, wenn die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangeht. So wie die Gemeinde Urdorf, die diesen Sommer kurzerhand auf die Wiedereröffnung ihres Schwimmbades verzichtete. Hat sich die temporäre Schliessung gelohnt? «Auf jeden Fall», meint Gemeindeschreiber Urs Keller. Wegen hygienischer Vorgaben müssten normalerweise für jeden Besucher 60 Liter Trinkwasser pro Stunde in die Schwimmbecken eingelassen werden. Die Einsparnis ist deshalb enorm: Von Ende Juli bis zur für den 10. September geplanten Wiedereröffnung des Hallenbads könnten rund 1,8 Millionen Liter Trinkwasser allein für den Betrieb gespart werden, hat Keller errechnet. «Ein spürbarer Beitrag zum Wassersparen und Bewusstseinsschärfung für den nachhaltigen Umgang mit knappen Ressourcen», sagt er nicht ganz ohne Stolz. «Und hoffentlich eine Motivation für andere Gemeinden.»

Und mal ehrlich, werte Verlegerin, werter Verleger: Baden Sie in der sommerlichen Hitze nicht ohnehin lieber im Freibad?

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Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen …

… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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