Sie überlebte einen Mordversuch. Heute kämpft sie gegen Gewalt an Frauen

Andrea Stadler ist 19, als der Vater ihres Kindes auf sie einsticht. Jetzt, mit 39, steht sie dem Frauenhaus in Graubünden vor. Wie die Debatte im Fall Genf verläuft, sei Teil des Problems, sagt sie.

Von Adelina Gashi (Text), Anja Conzett (Redaktion) und Anne Gabriel-Jürgens (Bilder), 27.08.2018

«Gewalt an Frauen findet in allen Gesellschaftsschichten und in allen Altersgruppen statt und ist unabhängig von der Herkunft»: Andrea Stadler.

Sie hat ihn zum Abendessen eingeladen. Seit vier Monaten sind sie getrennt, doch sie glaubt, ihr Verhältnis sei gut. Wie schon an vielen anderen Abenden hat er den gemeinsamen Sohn zurückgebracht.

Der Kleine schläft, sie legt ihn ins Bett, dann setzen sie sich zusammen ins Wohnzimmer und plaudern über Musik, ihre gemeinsame Leidenschaft. Er bittet sie noch, ihm eine CD auszuleihen. Ein Requiem, ausgerechnet.

Da klingelt das Telefon, ihr neuer Freund ist dran. Während sie ihm sagt, sie rufe später zurück, steht ihr Ex-Freund auf und macht sich zum Gehen bereit. Plötzlich umarmt er sie. Das ist ungewöhnlich, denkt sie sich noch, sie umarmen sich eigentlich nicht mehr. Dann der erste Schmerz. Sie weiss nicht, was los ist, geht zu Boden, verliert ihre Brille, sie ist fast blind, sieht seine Umrisse über ihr, etwas Rotes in der Hand. Sie denkt sich, verprügelt er mich gerade? Sie schreit. Dann lässt er von ihr ab. Lässt sie blutüberströmt liegen. Neben dem Telefon. Das ist ihr Glück.

19 Mal sticht Michael Müller* an diesem Abend mit einer Ahle auf Andrea Stadler ein, auf seine Ex-Freundin, die Mutter seines Kindes. Mit jenem spitzen Werkzeug, mit dem Sattler Löcher in Lederriemen bohren.

Todesursache Nummer 1

Gewalt an Frauen: Darüber diskutiert jetzt wieder die halbe Schweiz. Übergriffe an der Street Parade, der Überfall auf fünf junge Frauen in Genf, die von einer Gruppe Männer spitalreif geprügelt wurden. Die Debatte ist laut. Das ist ungewöhnlich. Denn normalerweise geschieht Gewalt an Frauen im Stillen. Zu Hause, im Wohnzimmer, am Esstisch, im Familienauto.

Häusliche Gewalt ist laut Europarat die Hauptursache für den Tod von Frauen zwischen 16 und 44 Jahren. In der Schweiz wurden in den vergangenen 10 Jahren über 100 Frauen von ihren Partnern getötet (und mehr als 15 Männer). Rund 10’000 Menschen erfahren hierzulande jedes Jahr Gewalt durch ihre Partner oder Partnerinnen – wobei drei Viertel der Opfer Frauen sind. Und das sind nur die gemeldeten Fälle. Experten schätzen, dass jede dritte Frau in der Schweiz einmal in ihrem Leben Opfer häuslicher Gewalt wird.

Häusliche Gewalt: Geschlecht der Beschuldigten

Männer
Frauen
200920160500010’000

Quelle: Bundesamt für Statistik

Beschuldigte bei Tötungsdelikten

Männer
Frauen
2009201602040

Quelle: Bundesamt für Statistik

Andrea Stadler sitzt im Stallanbau ihres Walserhauses, an einem sonnenbeschienenen Hang im Prättigau. Sie trägt ihr Arbeitskostüm, ein blaues Kleid, die langen Haare hat sie aus dem Dutt gelöst. Um ihre Beine schleicht Kater Nicu, den sie aus Gran Canaria gerettet hat, irgendwo hoppelt Hase Moritz, ihr zweiter Sohn Ilja fragt, ob sie heute noch fischen gingen. Sie ist jetzt 39. Nichts an dieser Szene lässt Rückschlüsse darauf zu, was Stadler im Alter von 19 Jahren durchlebt hat. Als der Vater ihres ersten Kindes versuchte, sie zu ermorden.

«Gewalt ist immer Gewalt. Und Gewalt ist immer falsch», sagt Andrea Stadler, Juristin, Departementssekretärin für Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutz des Kantons Graubünden und Stiftungsratspräsidentin des Bündner Frauenhauses. Es ist ihr wichtig, darauf hinzuweisen, dass auch Männer Opfer von häuslicher Gewalt werden, ganz gleich ob als Söhne oder Partner. Und dennoch: «Frauen sind in unserer Gesellschaft grundsätzlich immer noch schlechter gestellt als Männer. Man nimmt sie weniger ernst.»

«Ich habe gerade meine Freundin umgebracht»

Als ihr Ex-Freund sie blutend liegen lässt, ruft Andrea Stadler ihre Eltern an. Sie unterschätzt, wie schwer sie verletzt ist, sorgt sich vor allem um ihren Sohn. Die Mutter bringt sie in die Notaufnahme, der Vater, er ist ehemaliger Polizist, bewacht das noch immer schlafende Baby. In der Notaufnahme kriegt Andrea Stadler schon fast keine Luft mehr. Beide Lungenflügel sind durchstochen, teilweise kollabiert. Niemand nimmt die Mutter und die Tochter ernst. Von Theater ist die Rede.

Die Mutter ist entsetzt, fordert die Ärzte auf, endlich zu handeln. Kostbare Minuten verstreichen, bis endlich der Oberarzt geweckt wird, der den Ernst der Lage erkennt und das medizinisch Notwendige veranlasst. Mehrere Tage lang liegt sie auf der Intensivstation.

Andrea Stadlers Ex-Partner ist unterdessen in sein Auto gestiegen und losgefahren, um in einen Baum zu rasen. Das sagt er später aus. Doch er biegt falsch ab, eine Polizeistreife hält ihn an, die Beamten kontrollieren seine Papiere, sehen, wie fahrig er wirkt, wie ausser sich er ist. Fragen: Haben Sie etwas getrunken? Drogen genommen? «Nein», antwortet er, «ich habe gerade meine Freundin umgebracht.» So steht es im Polizeirapport. Er wird festgenommen.

Keine Frage von Herkunft, Schicht oder Alter

In den 17 Frauenhäusern in der Schweiz wird die alltägliche Gewalt an Frauen sichtbar. Tausende Frauen und Kinder suchen jährlich in den privaten Einrichtungen Schutz. Andrea Stadler kennt die Fälle gut, die dort betreut werden. Entsprechend genervt ist sie darüber, wie der aktuelle Schweizer Diskurs über Gewalt an Frauen zu einer Migrationsdebatte mutiert ist.

Die Realität, die sie erlebt, ist eine andere: «Gewalt an Frauen findet in allen Gesellschaftsschichten und in allen Altersgruppen statt und ist unabhängig von der Herkunft.» Ja, es sei so, dass mehr Frauen mit ausländischer Abstammung Zuflucht suchten. «Das liegt aber unter anderem daran, dass frisch zugezogene Frauen am neuen Wohnort oftmals kein soziales Netz haben, das sie in der Krise unterstützen könnte.»

Katrin Meyer, Philosophin und Geschlechterforscherin an der Universität Zürich, bestätigt, was Andrea Stadler aus der Praxis kennt: «Es findet oft eine Verlagerung der Debatte statt, wenn es um Gewalt an Frauen geht.» Das Beispiel Genf zeige, wie aus einem Einzelfall ein ausländerfeindliches Politikum gemacht werde. «Man sollte sich nicht fragen, woher diese Täter stammen, sondern was Frauen selber fordern, um vor Gewalt geschützt zu sein, und sich dafür einsetzen.» Das sei ein Beispiel von struktureller Gewalt, sagt sie. Die Anliegen von Frauen müssen Platz machen für ein Thema, das vermeintlich wichtiger ist und über die Köpfe von betroffenen Frauen hinweg verhandelt wird.

Nebst ihren zwei leiblichen Söhnen zieht Andrea Stadler zwei Pflegekinder auf, beides unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Einen mittlerweile 19-jährigen Afghanen und einen 14-jährigen Eritreer. «Meine ‹Schweizer Kinder› sind nicht weniger gewalttätig als meine ‹Ausländerkinder›», sagt sie.

Das Problem sei, dass Gewalt an Frauen immer als Frauenthema oder linkes Thema abgetan werde. «Es ist aber ein gesamtgesellschaftliches Problem.» Sie weiss, dass auch Männer Opfer patriarchaler Strukturen sein können: Wird der Mann seiner Rolle als Ernährer, als Beschützer nicht gerecht, können Druck und Versagensängste eine toxische Mischung sein.

Kontrollsucht, Eifersucht, Schizophrenie

Hunderte Male hat sie ihren eigenen Fall im Kopf durchgespielt. Nein, sie hat es nicht kommen sehen. Sie ist 16, als sie sich in den um einiges älteren Michael Müller verliebt. Zwei Jahre läuft alles gut. Als sie unverhofft schwanger wird, bricht sie das Gymnasium ab. Erst während der Schwangerschaft bemerkt sie seine Kontrollsucht.

Es sind Kleinigkeiten, aber sie häufen sich. Einmal zerrt er sie nach einem Streit aus dem Auto und lässt sie einen Kilometer weit laufen. Sie geht mit dem kleinen Sohn allein ans Open Air St. Gallen, ohne ihren Freund, der nicht mit will. Er folgt ihr dann doch und ist rasend vor Eifersucht.

Das ist der letzte Tropfen. Sie trennt sich von ihrem Freund. Später kommt heraus: Michael Müller leidet an Schizophrenie. Doch das erfährt sie erst, als es zu spät ist.

Die Gewalt beginnt lange vor den Schlägen

«Um zu verstehen, wie es zu körperlicher Gewalt an Frauen kommt, muss man verstehen, dass sie lange vor den Schlägen beginnt», sagt Andrea Stadler. Gewalt an Frauen, das sei auch finanzielle und soziale Kontrolle, Erpressung, systematische Geringschätzung bis hin zu sexueller Aggression. Stadler würde es nicht als Gewalt bezeichnen, wenn ihr ein Typ im Ausgang an den Hintern grapscht. «Aber ich verstehe, wenn manche Frauen das als Gewalt empfinden», sagt sie. «Egal, wie schwer der Übergriff ist – er spielt sich vor der immer gleichen Struktur ab.»

Geschlechterforscherin Meyer sagt dazu: «Es ist eine alte Herrschaftstechnik des Patriarchats, dass die Bedürfnisse von Frauen heruntergespielt werden oder zum blossen Vorwand werden für politische Machtkämpfe.» Dadurch würden Frauen systematisch benachteiligt, sei es im Beruf- oder im Privatleben.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden immer mehr feministische Stimmen laut – denen eine Welle der Angst und des Hasses entgegenschlägt. Viele Männer fürchteten sich unbewusst davor, ihre Privilegien zu verlieren, die doch schon immer selbstverständlich waren, so Meyer. Genauso wie es selbstverständlich war, dass man der Frau die Rolle des sorgenden Geschlechts zugeschrieben hat, das für das Wohlergehen von Familie und Gesellschaft verantwortlich war und seine eigenen Bedürfnisse hintanstellen musste. «Frauen werden auch in der westlichen Zivilisation in ein etabliertes Machtgefälle hineingeboren – und hineingezwungen.»

Sturmgewehr neben dem Bett

Michael Müller wird nach wenigen Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen. Da er geständig ist, sehen die Behörden keine Gefahr auf Verschleierung oder auf eine Wiederholungstat. Er soll aber in Therapie. Dass ihr Peiniger wieder auf freiem Fuss ist, erfährt Andrea Stadler nur dank einem Unbekannten aus Justiz oder Polizei, der sie verbotenerweise informiert.

«Meine ‹Schweizer Kinder› sind nicht weniger gewalttätig als meine ‹Ausländerkinder›», sagt die Mutter zweier leiblicher und zweier Pflegekinder.

Stadler taucht sofort ab, zieht in eine fremde Stadt, verschleiert alle Spuren. Ihr Instinkt gibt ihr recht. «Nächstes Mal mache ich es richtig. Dann bringe ich beide um, Andrea und den Sohn», sagt ihr Ex zu seinem Psychiater, nur Wochen nachdem er entlassen wurde. So wird es später in Gerichtsprotokollen zu lesen sein. Er kommt in eine Psychiatrie. Und erhält dort Freigang.

Einmal rufen Stadlers Nachbarn die Polizei, weil sie einen Typen, der ihrem Ex-Partner ähnlich sieht, vor ihrer Wohnung haben herumlungern sehen. Drei Jahre dauert es, bis die Verhandlungen abgeschlossen sind. Das Urteil: 18 Monate Haft dafür, dass er seine Freundin fast umgebracht hätte. Die Staatsanwaltschaft legt Berufung ein, das Urteil wird nicht rechtskräftig. Bis zur Neuverhandlung ist Michael Müller wieder auf freiem Fuss. Während dieser Zeit verprügelt er seine Mutter. Bricht ihr den Schädel.

Andrea Stadler schläft während dreier Jahre mit einem geladenen Sturmgewehr neben dem Bett.

Der latente Vorwurf der Mitschuld

Wenn Stadler heute über Gewalt an Frauen spricht, dann macht es sie wütend, wie wenig Aufklärungsarbeit noch immer geleistet wird. In den 1990er-Jahren hatte die Schweiz ein massives Problem mit Jugendgewalt. Dagegen wurde politisch vorgegangen, mit runden Tischen und Kampagnen. Mit Erfolg. «Warum ist das nicht auch bei Gewalt gegen Frauen möglich? Warum versuchen wir es noch nicht einmal?» Stattdessen stelle man noch immer die Frage, wie viel Schuld die Frau selbst am Übergriff hatte.

Im Fall der Prügelattacke in Genf sei eine Bemerkung augenfällig: Dem Angriff sei keine Provokation vorangegangen. Andrea Stadler verdreht die Augen. «Als sei ein solches Verhalten jemals entschuldbar.» Den Fehler bei der Frau suchen, das habe System. Auch in ihrem Fall.

Vor Gericht sagt damals die Schwester von Michael Müller aus, Andrea Stadler habe einmal eine Verkäuferin so lange angebrüllt, bis diese geweint habe. Die Mutter, die später von ihrem eigenen Sohn spitalreif geprügelt wurde, sagt, ihr Sohn habe wohl seine Gründe gehabt.

Das Gespenst bleibt

An alldem wäre Andrea Stadler beinahe zerbrochen. Am Anfang traut sie sich nicht einmal allein in die Waschküche. Aber es geht nicht nur um sie, sondern auch um ihren Sohn. Und so beschliesst sie, sich aufzuraffen. Beginnt im Service zu jobben, holt nebenbei die Matura nach, studiert Jurisprudenz, wird wieder schwanger, wird glücklich.

Michael Müller begegnet sie noch zwei Mal danach. Vier Jahre nach der Tat. Einmal in Begleitung einer Frau in einem Restaurant in Zürich. Das zweite Mal in einem Geschäft, da ist sie hochschwanger. Sie sieht ihm beide Male in die Augen. Ihr Herz schlägt schneller, aber sie weicht nicht zurück. Mittlerweile weiss sie nicht, wo er ist, was er tut. Niemand weiss das, er ist vor ein paar Jahren untergetaucht. Ganz weg ist er noch nicht. Manchmal sieht sie ihn, weil ein Fremder auf der Strasse einen ähnlichen Gang hat, eine ähnliche Figur. Er bleibt ein Gespenst in ihrem Leben. Ein Gespenst, das noch da ist, aber keine Macht mehr über ihr Leben hat.

Andrea Stadler hat sich selbst gerettet. Heute kämpft sie für andere. Zum Beispiel, indem sie über ihre Geschichte spricht. Auch mit ihren vier Söhnen. Ilja sitzt am Tisch, als sie erzählt, und legt seiner Mutter immer wieder die Hand auf die Schulter, ermutigend, stolz. Im vollen Bewusstsein darüber, was es heute hier bedeutet, eine Frau zu sein.

*Name geändert

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!


seit 2018