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Aus der Arena

Der Urlaub, den Väter nicht wollen

Von Urs Bruderer, 23.08.2018

«Zwei lausige Wochen Vaterschaftsurlaub winken der Schweiz», schreibt eine Kollegin an die Väter auf der Redaktion, «wo bleibt Eure Empörung?»

Die Antworten kamen schnell:

«Sauer werden sollen die, die noch Väter werden – und das bin nicht ich, so Gott will.»

«Kommt für mich zu spät.»

«Als ich Vater wurde, erhielt ich noch einen Tag Urlaub.»

Eine Frage, drei Antworten – und ein kompletter Einakter über das ewige Trauerspiel «Familienpolitik in der Schweiz». Die Frau fragt. Und die drei Männerzeilen zeigen, warum es so schwer ist, Mehrheiten zu gewinnen für Kitas, Tagesschulen oder Elternzeit. Wer keine Kinder hat, interessiert sich noch nicht dafür, wer die ärgste Phase hinter sich hat, nicht mehr – im Gegenteil, gestandene Eltern denken oft: Bei uns ging es doch auch irgendwie.

Dennoch, in der Familienpolitik hat sich die Schweiz in den letzten Jahren bewegt. Es sind Krippenplätze entstanden und da und dort auch Ganztagesschulen und Mittagstische. Doch beim Vaterschaftsurlaub fährt die Schweiz der europäischen Entwicklung immer noch hinterher wie ein Traktor einem Tesla.

Ich vermute: weil viele Väter den Vaterschaftsurlaub nicht wirklich wollen.

«Nimm keine Ferien nach der Geburt», riet mir vor Jahren ein Kollege, «der Spass mit Kindern fängt erst nach drei, vier Jahren an. Babys sind uninteressant.»

Der Kollege lag falsch. Babys sind nicht uninteressant, sie sind eine Zumutung. Sie wollen immer etwas und sagen nie Danke. Ihre einzige Waffe, den Schrei, setzen sie mit der Gnadenlosigkeit extremistischer Terroristen ein. Ja, man muss sie wickeln. Und dann stellen diese kleinen hilflosen Wesen auch noch die Väter in ihrer Hilflosigkeit bloss. Dann nämlich, wenn alles Wiegen und Tätscheln umsonst ist und nur noch die Brust hilft.

Egal ob es vier Wochen werden, wie die Initiative fordert, oder nur zwei, wie der Gegenvorschlag des Ständerates: Für viele Männer geht kein tiefer Wunsch in Erfüllung mit dem Vaterschaftsurlaub.

Gut, kommt er jetzt wohl trotzdem. Der Reflex, die Höhle zu verlassen, wenn ein Baby schreit, war in der Steinzeit angebracht, als noch länger gejagt und gesammelt werden musste, um einen Mund mehr zu füttern.

Es gibt heute schon werdende Väter, die sich auf die ersten Tage nach der Geburt zu Hause freuen. Für die übrigen hält der Vaterschaftsurlaub eine Überraschung bereit: Sie werden Martin Heidegger verstehen. Wenn sie den Abwasch erledigt, die Kompressen der entzündeten Brüste gewechselt, den braunen Popo geputzt, das Erbrochene aufgewischt und das Bettchen neu bezogen haben und endlich in einen Stuhl fallen, leuchtet ein Satz des dunklen deutschen Denkers hell auf:

Der Sinn von Dasein ist die Sorge, schrieb Heidegger (ungefähr).

Es tut gut, sich mal um seine Angehörigen zu kümmern und nicht um Zahlen, Ziele, Tasks. Und ja: Natürlich sind zwei Wochen lausig wenig nach einem Ereignis wie der Ankunft eines neuen Menschen. Aber der Gegenvorschlag erhöht die Chancen massiv, dass nach der Abstimmung mehr bleibt als eine abgelehnte Initiative. Und auf zwei Wochen können sich auch Männer einlassen, die noch mit alten Reflexen ringen.

Ihr Urteil?

Ihr Urteil lautet natürlich: Sie sind zur Freiheit verurteilt – lebenslänglich. Und zwar von Jean-Paul Sartre, der Konsumgüterindustrie, der liberalen Revolution von 1848, dem Feminismus, dem Historienfilm «Braveheart», Pippi Langstrumpf, der Verfassung, dem Zufall. Und von uns. Es wäre schön, wenn Sie sich die Freiheit nehmen würden, bei unserem Magazin an Bord zu kommen.


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