Wir sind die Republik – ein neues Modell im Schweizer Journalismus. Unser digitales Magazin ist unabhängig: keine Werbung, keine Klick-Wirtschaft, keine Kompromisse in der Qualität. Wollen Sie unabhängigen Journalismus unterstützen, freuen wir uns, Sie an Bord zu sehen.

Gift und Galle

Was darf eine Basler Gugge? Natürlich alles.

Von Carlos Hanimann, 21.08.2018

Das ist aber schnell eskaliert.

Mitte letzter Woche ärgerte sich ein junger Mann über das Plakat einer Basler Fasnachtsclique – wegen des stereotypen, kolonialen Logos der Gruppe und wegen des Namens selbst: «Negro-Rhygass» hatten zum «Negro-Fescht» geladen. In die Kritik geriet auch eine zweite Basler Fasnachtsgruppe: die «Guggemusig Mohrekopf».

Und schon demonstrierten am Wochenende rund 800 Personen. Weil sie ihr Recht in Gefahr sahen, sich das Gesicht schwarz zu färben und Schaumküsse «Mohrenköpfe» zu nennen. Es sollte keine politische Kundgebung sein, sondern ein «Solidaritätsmarsch» für die beiden Guggen. Am Ende wurde es eine ziemlich hässliche Angelegenheit: gesponserte «Mohrenköpfe» zur Belustigung, Neonazis im Umzug, Angriffe von Rechtsextremen vor dem linksalternativen Restaurant «Hirscheneck».

«S isch Dradition», hiess es auf einem Plakat im Umzug, «e schwarze Ma uf wyssem Grund. Und wär schlächt dänggt derbyy, dä isch e bleede Hund.»

Jetzt geht dieses Theater also schon wieder los. Zuletzt wurde es aufgeführt in der Diskussion um die Schaumküsse der Firma Dubler. Davor irgendwann mal um den Schenkelklopfer-Sketch von SRF, in dem Oprah Winfrey von einer dümmlichen, kauderwelschenden Frau Mgubi gespielt wurde. Und jetzt also eine Neuauflage ausgerechnet im fortschrittlichen Basel, das angeblich doch so anders tickt.

Darf man das? Sich so nennen? So ein Logo tragen? Ein «Negro-Fescht» veranstalten? Oder ist das, nun ja, vielleicht nicht mehr so zeitgemäss?

Schon kommen kluge Weisse um die Ecke und erklären: Ist alles nicht so schlimm. Nicht immer gleich Rassismus rufen. Ist halt Tradition. Stellt euch mal nicht so an.

Dabei ist es eigentlich nicht so schwer zu begreifen: Diskriminierung folgt herrschenden Machtverhältnissen. Und da hat sich als Faustregel bewährt: Im Zweifel sollte man dem ganz genau zuhören, der sich diskriminiert sieht – und nicht in jedem Fall dem, der partout nicht erkennen will, dass er jemanden beleidige.

Die Meinungsfreiheitspolizei ruft sofort: Halt! Man wird ja wohl noch sagen dürfen … Natürlich. Man darf. Man muss bloss das «Arschloch!» ertragen, das einem dann vielleicht entgegenschallt.

«Darf man das?», ist die falsche Frage. Es ist ja offensichtlich: Man darf «Mohrekopf» sagen, man darf ein «Negro-Fescht» aufführen – man tut es ja die ganze Zeit.

Die spannende Frage in diesem ganzen Theater: Warum nur seid ihr so verdammt scharf darauf?

Jetzt sind Sie dran!

Was gefällt Ihnen an diesem Beitrag? Was gibt es zu ergänzen? Was ist kritikwürdig? Ihre Mitverlegerinnen und die Redaktion freuen sich auf Ihr Wissen und Ihre Perspektive. Reden Sie mit auf unserer Dialogseite.

Da Sie schon hier sind – eine Warnung!

Wir von der Republik wollen Sie als Abonnentin gewinnen. Deshalb sagen wir Ihnen nur ungern, dass Lesen nicht ohne Risiko ist. Schopenhauer warnte, dass gleichsam mit fremdem Kopf denkt, wer liest. Und dadurch allmählich die Fähigkeit verliert, selber zu denken. Sein Schluss: «Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrter: Sie haben sich dumm gelesen.» Deshalb versprechen wir Ihnen, falls Sie uns abonnieren, Ihnen so wenig wie möglich zu liefern: nur das Wesentliche. Und nur im Notfall mehr als drei Texte pro Tag.


Noch nicht überzeugt? Jetzt probelesen

seit 2018