Wir sind die Republik. Ein digitales Magazin für Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, das im Januar 2018 gestartet ist. Es ist ein Projekt gegen die Wahrscheinlichkeit: Wir wollen im winzigen Schweizer Markt ausschliesslich von unseren Leserinnen finanziert sein. Wollen Sie Teil dieses Abenteuers sein?

Aus der Redaktion

Ameisen bevölkern die Republik!

Von Constantin Seibt, 21.08.2018

1. Angst und Panik

Letzten Dezember, drei Wochen vor dem Start der Republik, standen zwei Leute, ein Mann und eine Frau, auf dem Balkon des Rothauses. Sie rauchten im nassen Schneefall. Und sagten ungefähr Folgendes:

– Beim Crowdfunding haben uns die Leute zu unserem Mut gratuliert. Ich hab damals nicht verstanden, wovon sie reden.

– Ich auch nicht. Wir hatten es einfach gemacht – na und?

– Aber die Leute wussten etwas, was ich nicht gewusst habe. Jetzt weiss ich, wovon sie geredet haben.

– Ich fürchte, ich auch.

– Ja. Denn jetzt habe ich Angst. Scheissangst.

Und so war es. So ziemlich jede und jeder hatte Scheissangst. Sie führte dazu, dass ein Dutzend erfahrener Journalistinnen und Journalisten einen kollektiven Schreibstau hatte. An Weihnachten betrug die Anzahl der fertigen Artikel exakt: 0. Das Versprechen, irgendetwas Grosses zu liefern, rächte sich. Niemand hatte auch nur einen einzigen Artikel verfasst.

Erst im Januar verwandelte sich die Angst endlich in etwas Brauchbareres: in Panik. Endlich wurde geschrieben – nur eben die simpelste Form der Grösse: unglaublich lange Artikel. Zum Start erschien ein Artikel zu «Zuckerbergs Monster» mit über 45’000 Zeichen, am zweiten Tag ein Artikel über Irrationalität in der Politik mit knapp 60’000 Zeichen.

Goya zeichnete 1799 sein Blatt: «El sueño de la razón produce monstruos» (Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer). Und so war es auch bei uns: Die Republik gebar aus besinnungsloser Furcht vor der eigenen Bedeutungslosigkeit eine Flut von Monstertexten.

2. Steak und Dessert

Dabei sah der Plan vor dem Start viel kaltblütiger aus. Wir hatten zwar durchaus vor, bei Gelegenheit ausschweifende Panoramatexte zu veröffentlichen. Aber nicht nur.

Das, weil wir die Statistiken gelesen hatten. Zwar gilt unter vielen Journalisten die Messung von Klicks bei Artikeln als Anfang vom Untergang der eigenen Integrität. Weil dann durch Anbiederung bald nur noch weitherum geklickter Trash produziert würde.

Nur stimmt das nicht. Denn alle Messungen beweisen, dass die Leute nicht blöd sind. Sicher: Auf der einen Seite werden Kleinskandale, Kurzkommentare plus Geschichten über Sex, Verbrechen und Tiere wie wild geklickt. (Das alte Rezept des Boulevards: Blut, Busen, Büsis.) Auf der anderen Seite laufen lange, hart recherchierte, elegant geschriebene Hintergrundartikel noch besser.

Kurz: Leserinnen und Leser haben den Geschmack eines Junggesellen. Sie essen das Steak und das Dessert. Und lassen das Gemüse liegen. Was auf der Strecke bleibt, ist nicht der intelligente, sondern der routinierte Journalismus: die mittellangen, mittelinteressanten, mittelcleveren Artikel.

Trash zählt. Klugheit zählt. Das ist eigentlich alles, was man als Medium zur Zielgruppenforschung wissen muss: Man hat es mit Leserinnen und Lesern zu tun. Und die sind verführbare Wesen, sonst wären sie keine.

3. Die kleinste denkbare Leiche

Ein halbes Jahr später. Wieder traf sich – nun in brütender Hitze – eine Gruppe von drei Redaktoren und versuchte eines der grössten Rätsel der eigenen Firma zu lösen: Warum hatte die Republik es nicht zustande gebracht, halbwegs regelmässig auch kurze Texte zu bringen?

Vor den Redaktoren lag eine kleinste im Journalismus denkbare Leiche zur Obduktion: die Ameise.

Die Ameise hatte ihren Namen dadurch erhalten, dass beim Start der Republik die Länge der Texte durch Tiere bezeichnet wurde:

• Das Wiesel war ein schneller Eintages-Artikel.
• Der Leopard war ein Text, der zwei, drei Tage brauchte.
• Ein Elefant brauchte eine Woche Recherche. Oder etwas mehr.
• Ein Wal war … nun … etwas sehr Langes.

Die Ameise wurde dadurch definiert, dass sie zwei bis vier Stunden Produktionszeit brauchen sollte. Laut Plan sollte sie so zwangslos in der Republik eingestreut werden wie ihr biologisches Vorbild in ein Picknick. Und hauptsächlich auf Twitter und Facebook erscheinen. Also nicht den republikanischen Ernst unserer Frontseite stören – und auch im Newsletter nicht immer erwähnt werden.

Das Charmanteste an der Ameise war das Illustrationskonzept. Der Autor oder die Autorin war dazu verpflichtet, als Illustration ein Post-it zu bemalen. Etwa so:

Selbstporträt, Filzstift auf Post-it. 2018

Nur: So richtig in Gang kam die Produktion nie. Trotz brillanter Konzepte und mehrerer Sitzungen. Und obwohl die publizierten Ameisen nicht ungern gelesen wurden.

Das war das Rätsel: Trotz der Popularität von Desserts zog es die Redaktion vor, sich fast ausschliesslich Steaks aus den Rippen zu schneiden. Nur warum? Lange Texte bedeuten für alle Beteiligten viel Arbeit: Autorinnen, Korrektoren, Produzentinnen, Leser.

Nach einer längeren Umfrage in der Redaktion kam das Forensikerteam auf folgende Todesursachen:

1. Da die Ameise auf der Front nicht vorkam, spielte ihre Popularität beim Publikum keine Rolle. Die Ameise hatte kein Prestige in der Redaktion. Sie galt nicht als seriöse Arbeit.

2. Die Definition «2 bis 4 Stunden Arbeit» verwirrte die Redaktion: War die Ameise ein Kurzartikel? Ein politischer Kommentar? Eine Anekdote? Eine Minireportage? Ein Stück Konversationskonfekt? – Wegen der Unklarheit liessen die meisten Autorinnen lieber die Pfoten davon.

3. Auch die Chefredaktion wiederum liess die Ameisen oft unbeachtet liegen. Niemand war für sie verantwortlich.

3. Der Zwang, eine Post-it-Illustration zu machen, schreckte viele ab.

4. Kurze essayistische Ameisen lösten oft Gegenfeuer der Leserschaft aus. Diese hatte sich verblüffend schnell daran gewöhnt, dass ein Republik-Artikel eine halbe Buchlänge zu haben hatte. Und hielt nun eine kurze Ameise für Betrug: weil nicht umfassend.

Kurz, die Ameise wurde ermordet – durch das klassische Verbrechen ohne Täter und ohne Tat: durch Lieblosigkeit. Sie starb an Vernachlässigung und mangelnder Wertschätzung.

4. Ameise 2.0 – die Auferstehung

Was tun? Wir haben versucht, die Konstruktionsfehler der ersten Version zu korrigieren. Die neue Ameise ist …

… klar definiert: Sie ist ein subjektiver Text. Also ein Kommentar, eine Anekdote, eine Minimeditation, eine Kurzpolemik, eine Idee oder auch nur ein Stück Fröhlichkeit – also eine auf der Glatze der Welt gedrehte Locke.

… im Allgemeinen kurz: 1000 bis 3000 Zeichen. Mit Ausnahmen. (Hier etwa, zum Beispiel.)

… mit einem in windiger Schrift gehaltenen Titel. Damit Sie wissen: Hier folgt ein Bonbon – erwartet Sie weder die Rettung der Demokratie noch die Rettung des Journalismus. (Das Einzige, was eine Ameise zu retten hat, sind die nächsten drei Minuten.)

flink publiziert: Wir bringen sie möglichst schnell.

simpel aufbereitet: ohne Lead und leider auch ohne von der Autorin gezeichnetes Post-it. (Seufz.)

… auf der Republik-Front: Sobald drei Ameisen publiziert sind, bringen wir sie als Bündel in einer speziell designten Container-Kachel.

… in den Händen einer verantwortlichen Person. Michael Rüegg, der das seltene Talent zur Leichtigkeit hat, führt die Oberaufsicht. (Quasi als Ameisenbär.) Er bestimmt eine Person, die sicherstellt, dass mindestens drei Ameisen pro Woche geschrieben werden.

… in einer Serie: Die Ameisen werden Ameisenstrassen zugeordnet. Reflexionen zum Alltag landen etwa bei «Das Leben spielt». Die Eindrücke, die unsere Autorin Barbara Villiger Heilig in den kommenden zwei Wochen auf der Zürcher Landiwiese gewinnt, bei «Theaterspektakel». Texte über unsere eigene Arbeit (wie dieser hier) bei «Redaktionsgeheimnisse».

So weit also der neue Plan zur Aufzucht einer Ameisenkolonie in der Republik. Möge nicht er an der Wirklichkeit zerschellen wie so viele Pläne zuvor, sondern die Wirklichkeit an ihm!

5. Die Frage des Niveaus

Vielleicht haben Sie, verehrter Verleger, verehrte Verlegerin, nun folgende Sorge: dass das Niveau der Republik durch kurze, lockige Texte sinkt.

Dazu haben wir Folgendes zu entgegnen: Ja, natürlich wird das Niveau sinken. Und wir sind froh darum. Deshalb:

1. Die Welt wäre eine Einöde, wenn es nur noch ernste und bedeutende Dinge gäbe. Auch in der Natur gibt es nicht nur Löwen, Wale und Elefanten, sondern auch unzählige kleine Wusler und Hüpfer. So wie im Kopf neben vier und fünf Ideen ein Dickicht aus Nebengedanken. Auch dieses Kleinzeug lebt.

2. Gerade wenn einem die Demokratie, die Debatte, der zivile Umgang am Herz liegt, wäre es ein enormer Fehler, nur grosse und ernste Dinge zu verhandeln. Es ist im Gegenteil die Natur jeder Diktatur, dass es in ihr keine harmlosen, unernsten, nebensächlichen Dinge mehr gibt. Alles – vom Witz bis zur Wissenschaft – ist politisch. Und wenn Sie die Autokraten beobachten, sehen Sie, dass diese von Trump bis Erdogan, von Mussolini bis Breschnew, von … bis … (setzen Sie hier die Autokraten in Ihrem Leben ein) etwas eint: die demonstrative Abwesenheit von Entspanntheit. Jede Diktatur betont, was für eine ernste, schwere, bedeutende Angelegenheit es ist, Sie zu unterdrücken.

3. Natürlich steht es Ihnen frei, unberechenbares Wuselzeug nicht zu schätzen. Weil: reine Zeitverschwendung. Finden Sie das, können Sie die Ameisen ignorieren. Lesen Sie einfach nichts, was mit windigen Buchstaben getitelt wurde.

4. Sie werden trotzdem als Leser oder Leserin von der Existenz der Ameisen profitieren. Denn, wie wir hoffen, werden die Ameisen unsere Redaktion ein wenig aus der Starre des Starts erlösen. Und sie dazu bringen, einen Nebengedanken als Nebengedanken zu schreiben, statt diesen als Sonntagsbraten in Seriositätssülze zu servieren. Unsere Autorinnen sollen die Wahl haben: verdammt lang oder verdammt kurz. (Denn das ist die Hauptgefahr beim Machen eines seriösen Mediums: Auch Sorgfalt kann als Sosse über alles gegossen werden – die Gefahr bei grundsätzlich grundsätzlichen Texten ist Routinequalität: Alles wird tadellos abgespult, bleibt aber so tot wie die Socken des Vergessenen.)

5. Niveau wird überschätzt. Erstens: Ohne den Funken einer neuen Idee bleibt Niveau nur Ornament, so wie etwa klassizistische Bauwerke. Zweitens: Einige der besten Sachen im Leben kennen kein Niveau. Es gibt etwa kein niveauvolles Lachen, so wie es auch keinen niveauvollen Orgasmus gibt. Kein einziges Baby wurde niveauvoll gezeugt. Und wegen der Ungewissheit dessen, was folgt, gibt es wahrscheinlich auch keine einzige niveauvolle Tat.

Denn alle entscheidenden Dinge – etwa ob man eine Erfindung, eine Revolte, eine Firma oder ein Kind macht (oder auch nur ein Abonnement) – tut man nur im Ausnahmefall nach langer, wohlabgewogener Überlegung. Sondern man tut sie aus Übermut. Es ist die fröhliche, die rohe Kraft der Blödheit, die einen ins Wagnis treibt. Fast alle echten Taten tut man vor allem, weil man sie tun kann. Mit der Begründung, am Leben zu sein.

So. Damit ist das Niveau hoffentlich genug gesenkt, um die Insekten auf Fühlerhöhe begrüssen zu können.

Willkommen, Ameise, in der Republik.

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Wir von der Republik wollen Sie als Abonnentin gewinnen. Deshalb sagen wir Ihnen nur ungern, dass Lesen nicht ohne Risiko ist. Schopenhauer warnte, dass gleichsam mit fremdem Kopf denkt, wer liest. Und dadurch allmählich die Fähigkeit verliert, selber zu denken. Sein Schluss: «Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrter: Sie haben sich dumm gelesen.» Deshalb versprechen wir Ihnen, falls Sie uns abonnieren, Ihnen so wenig wie möglich zu liefern: nur das Wesentliche. Und nur im Notfall mehr als drei Texte pro Tag.


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