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Die Mär vom selbstbestimmten Sexgewerbe

Ist Prostitution Arbeit wie jede andere? Nein, sagt Irena Brežná. Die Schriftstellerin fordert Ausstiegsprogramme – und Fantasie.

Von Irena Brežná, 14.08.2018

Der Dienst am Geschlechtstrieb kann Einschusslöcher in der Seele hinterlassen: Toleranzzone in Kleinbasel. Georgios Kefalas/Keystone

Die halbe Welt ist in Basel angekommen, allerdings nicht aus purer Reiselust. In drei Gässchen im Kleinbasel – in der sogenannten Toleranzzone – sieht man gleich, wer nicht vorhat, das Münster zu besuchen. Als ich hier eines Mittags vorbeiging, hörte ich herumstehende Mädchen auf Ungarisch über Zahlen reden, als wären es Schülerinnen in der Pause, die Mathematik repetierten. Ihnen gegenüber sassen auf Treppenstufen zwei ältere Schwarze, und eine zierliche Asiatin in Shorts las einem Interessierten das Angebot ihrer Erotikleistungen samt Preisliste vom Smartphone vor.

Am späten Nachmittag bahnten sich müde ausländische Arbeiter nach der Schicht den Weg durch Dutzende Mädchen, die sie auf Englisch ansprachen und am Arm berührten, locker, gespielt fröhlich. Einer lächelte sichtbar geschmeichelt. Schweizer Männer, die hier herumschlurften, waren meist im Pensionsalter. Unschlüssig begutachteten sie die grosse Auswahl an jungen Frauen, die ihre Enkelinnen sein könnten.

Einschusslöcher an Körper und Seele

Früher, als die Schweiz nichts ausser jungen Körpern und Berggipfeln für britische Touristen anzubieten hatte, schafften auch Schweizerinnen in Bordellen der Habsburgermonarchie an, während die Männer als Söldner in fremden Armeen töteten und getötet oder verstümmelt wurden. Wohl nicht aus Leidenschaft oder Überzeugung. Die Ausländerinnen, die hier heute vierzehn Stunden lang stehen, haben dafür ebenfalls andere Gründe als Freude und Fachinteresse an ihrem sogenannt selbständigen Gewerbe. Der Dienst am Geschlechtstrieb kann Einschusslöcher in der Seele hinterlassen, genauso wie der Kriegseinsatz.

Einmal dolmetschte ich in einer Frauenorganisation für eine Tänzerin, die Klage gegen den Besitzer eines Basler Striptease-Lokals eingereicht hatte. Ljudmila, so nenne ich sie, sass starr da, mit durchgestreckter Wirbelsäule, misstrauisch. Der Blick hetzte hin und her – wie bei jemandem, der an Gefahr gewöhnt ist und sofort die Lage und den Menschen beurteilen muss, um sich rechtzeitig zu retten. Sie war in eine Falle geraten, doch jetzt bäumte sie sich auf. Sie erzählte, dass sie sich weigere, mit den Barkunden aufs Zimmer zu gehen, und deshalb habe ihr der Lokalbesitzer 1300 Franken vom Gehalt abgezogen.

«Für jemand anderen mag es wenig Geld sein, für mich aber ist es viel. Ich will es zurückhaben.»

Ihre Familie habe die zerbombte Wohnung in der Ostukraine verlassen müssen und lebe in einer provisorischen Unterkunft in Kiew. Sie, Ljudmila, sei ihre Ernährerin, wobei die Familie nicht genau wisse, woher das Geld stamme. In der Schweizer Botschaft in Kiew habe sie den Vertrag als Cabaret-Tänzerin unterschrieben, dort sei sie gewarnt worden, sie dürfe sich in der Schweiz nicht prostituieren.

Geld und Profit

Doch sie sehe oft, wie die Männer an der Bar mit der Kreditkarte 600 Franken zahlten, um dann mit einer Kollegin – es seien meist Ukrainerinnen – hinauf aufs Zimmer zu gehen. Die Willige bekomme später von der Bardame 300 Franken auf die Hand. Die Frauen wohnten in Zimmern, für die sie hohe Mieten von wöchentlich 400 bis 500 Franken zahlten. In der «Basler Zeitung» empörte sich ein einheimischer Profiteur, seit der Personenfreizügigkeit verlumpe die Gegend durch den Zustrom von Osteuropäerinnen, sie trügen keine Sorge zu den Zimmern, seien undiszipliniert. Er verkaufe das Hotel, er wolle doch seinen Kindern kein Bordell hinterlassen. Woran hat er denn die ganze Zeit verdient, wenn nicht am Bordellbetrieb?

«Ich kann nicht einfach so mit einem Mann schlafen», sagte Ljudmila in einer Mischung aus Resignation, Aufmüpfigkeit und Bedauern, als hätte sie eine Allergie, die sie am Zusatzgeschäft hindert. Im Separee bei der Bar schmusen und Champagner trinken, das mache sie schon, gestand sie verlegen. Das Animationsverbot werde von der Basler Polizei ignoriert.

«Sind Sie sich bewusst, dass sich der Lokalbesitzer an Ihnen rächen könnte?», fragte die Sozialarbeiterin.

«Ich tue es, weil ich das Geld brauche.»

Ljudmila sprach selbstbewusst und obsessiv von Geld, als verschaffe es ihr nicht nur die Existenzgrundlage, sondern auch Würde und Vernunft. Die Bardame, die rechte Hand des Lokalbesitzers, zwinge sie wegen ihrer Verweigerung der Sexdienste zu einer Nonstop-Striptease-Show, obwohl die Tänzerinnen laut Vertrag ein Anrecht auf längere Pausen hätten. Ljudmila verneinte die Frage, ob der Druck sich schädlich auf ihre Gesundheit ausgewirkt habe, doch dann besann sie sich: Ihr Kopf, in dem sich Zwangsgedanken jagten, sei wohl krank.

Starke Frauen?

Aufgewachsen im tschechoslowakischen Realsozialismus, wo Prostitution verboten war, hielt ich die offizielle Darstellung, die Prostitution sei Ausbeutung der Frau, für fortschrittlich und human. Meine Mutter, die Ende der Fünfzigerjahre wegen Fluchtversuch ein Jahr im Gefängnis in einer grossen Gemeinschaftszelle zubrachte, erzählte mir von Mitgefangenen, die wegen Prostitution einsassen. Die Männer, die illegalerweise Prostitutionsdienste in Anspruch nahmen, wurden allerdings nicht verfolgt.

Ljudmilas Geschichte inspirierte mich dazu, mir eine eigene Meinung zur Prostitution zu bilden. Ich ging nochmals zur Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe, um mit der Mitarbeiterin ein Interview zu führen. Ein Ort ohne Tabus, so präsentiert sich die Organisation. Die Mitarbeiterin erzählte bewundernd, nüchtern, aber auch verhalten erzürnt:

«Es sind starke Frauen. Sie wissen, was sie wollen. Sie arbeiten unter unerträglichen Bedingungen in einem kriminellen Milieu. Viele von ihnen kennen nur ihr Zimmer und ein paar Quadratmeter auf der Strasse davor, sie waren noch nie im nahen Stadtzentrum.»

Es sei eine heterogene Gruppe. Die Russinnen und Ukrainerinnen hätten meist ein Hochschuldiplom. Schmuck, teure Klamotten und Kosmetik, das neuste Smartphone: Kompensationsmechanismen. Die Frauen litten unter der gesellschaftlichen Ächtung. Sie kämen aus einem Umfeld, wo der weibliche Körper ein Kapital ist, und sähen keine andere Perspektive. Oft seien sie witzig, klug, sensibel. Alles Ausländerinnen.

Die Meinung ist Berufsvorschrift

Die Mitarbeiterin sagte, als Privatmensch und gefühlsmässig sei sie für das Verbot der Prostitution und die Bestrafung der Freier, wie es Schweden praktiziert. Dann erschrak sie darüber, dass sie mir ihre private Meinung verraten hatte, die im Widerspruch zur Haltung der Beratungsstelle steht. Sofort fügte sie hinzu, ein Verbot würde die Lage der Frauen verschlechtern: Sie hätten nur die Wahl zwischen dem Verkauf ihres Körpers und der Armut. Die alleinerziehenden Mütter, und das seien die meisten, seien stolz, dass sie ihre Kinder ernähren oder ihren Eltern eine Operation bezahlen könnten. In der Broschüre der Beratungsstelle steht: «Die Prostitution als Wirklichkeit angehen.»

Zwar freute sich die Mitarbeiterin über mein Interesse, doch sie war angespannt, weil sie befürchtete, durch ein unvorsichtiges Wort die Berufsvorschriften zu verletzen. Als Angestellte der Beratungsstelle tut sie so, als wäre das, was sie von ihrem Fenster aus sieht, normal – die Roma-Mädchen aus Ostungarn, von denen sie annimmt, dass sie minderjährig sind, und die mit ihrer Jugend ganze Klans durchbringen würden. Es sei für die Zuhälter kein Problem, deren Geburtsdaten in den Ausweisen zu fälschen. Und die Basler Polizei könne nichts beweisen. Oder bemüht sie sich zu wenig?

Auf dem Weg zur Beratungsstelle meinte ich naiv, ich könne der Sozialarbeiterin einen Protest direkt vor Ljudmilas Striptease-Lokal vorschlagen. Aber sie zeigte keinen revolutionären Eifer gegenüber dem Lokalbesitzer, denn die Beratungsstelle müsse sich mit diesen Kerlen und den Bardamen gut stellen, um sich den Kontakt zu den Striptease-Tänzerinnen nicht zu verbauen. Zweimal wöchentlich gehen sie in die Kontaktbars, machen Small Talk mit den Frauen hinter den Bartresen, verteilen Visitenkarten und Creme-Muster.

Ideologie statt Mitleid

Die Sozialarbeiterin, mit der ich sprach, war ebenfalls eine junge und schöne Ausländerin, doch im Gegensatz zu ihren Klientinnen muss sie ihre Schönheit nicht verhökern. Sie sass in einem weiten T-Shirt da und wusste, was für ein Privileg das ist. Doch frei, um richtig wütend zu werden, das war sie nicht. Sie hielt sich an die Ideologie, die auch Rebecca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) als der Weisheit letzten Schluss von sich gibt.

In der Beratungsstelle wird demgemäss Empowerment und nicht Mitleid kultiviert. Die Frauen dürfen nicht als Opfer gelten. Du bist wertvoll wie jede andere Frau auch. Hast du dich dafür entschieden, dein Leben und das deiner Familie zu verbessern, und bist du hier, dann ist es okay. Es ist egal, ob du aus Afrika, Lateinamerika oder Osteuropa kommst. Die Sozialarbeiterin erzählte mir von einer Russin, deren Freundinnen sie überredet hätten, zum Anschaffen in die Schweiz zu kommen. Nach zwei Tagen kreuzte sie weinend und zitternd bei der Frauenberatungsstelle auf: «Ich kann nicht.» Sie hörte auf. Es gibt natürlich viele Frauen, die am Aufhören gehindert werden.

Ljudmila bekam in der Beratungsstelle kostenlos eine Anwältin, aber die Sozialarbeiterin war skeptisch. Sie hat Erfahrung mit dem Lokalbesitzer. Der Mann habe gute Anwälte und setze auf Methoden, mit denen er andere Tänzerinnen dazu bringen könne, vor Gericht gegen Ljudmila auszusagen. Nichts werde man ihm beweisen können. Er sei ja nicht da, wenn die Deals an der Bar stattfinden. Das wickelten die Bardamen ab. Die Sozialarbeiterin nannte sie «Kapos». Im besten Fall komme er mit einer Busse davon. Die Agentur dagegen werde Ljudmila nicht mehr vermitteln. Es heisst schnell: Das Mädchen macht Probleme.

Wer petzt, ist in Gefahr

Später rief mich die Sozialarbeiterin aufgeregt an, die Polizei habe in dem Striptease-Lokal eine Razzia gemacht und im Milieu frage man sich, wer gepetzt habe. Ljudmila sei in Gefahr. Man werde sie finden, auch wenn sie sich inzwischen in einer anderen Stadt auszieht, Nacht für Nacht, bis 6 oder auch 7 Uhr morgens, obwohl laut Vertrag um 4 oder 5 Uhr Schluss sein sollte. Vielleicht ist ihr jetziger Chef fairer und zwingt sie nicht zu dem, was man das älteste Gewerbe der Welt nennt. Das klingt arg verharmlosend, als müssten wir es als etwas vom Menschen nicht Wegzudenkendes hinnehmen.

Der Frauenkörper ist nicht nur im oder nach einem Krieg ein besonders bedrohtes Territorium. Frau kann das Pech haben, in einem Land und zu einer Zeit geboren zu sein, wo die Wahrung der Würde die Gefahr bedeutet, nicht zu überleben. Diese Tätigkeit, bei der die Integrität des Körpers auf die intimste Art verletzt wird – und wie wenige Prostituierte haben sich wirklich freiwillig dafür entschieden? –, mit Kloputzen oder mit Landarbeit zu vergleichen, wie es Rebecca Angelini tut, ist unsensibel, zynisch. Es ist wichtig, die Frauen zu stärken, doch nicht mit einer Beschönigung des Status quo, als handle es sich bei der Prostitution um Arbeit wie jede andere, sondern mit Aussteige- und Präventivprogrammen. Mit Fantasie.

«Du bist keine Ware»

Als ich 2002 in der Republik Moldau war, verschwanden Zehntausende junge Frauen im Istanbuler Fleischwolf. Und die Fracht ging weiter nach Mailand, Amsterdam oder München. Egal wohin, der geschlossene Kreislauf der Bars und Bordelle ist globalisiert. Die Frauen gaben dem Sexhändler ihren Pass ab, als seien sie durch den Akt der Depersonalisierung schon gerettet. Sie kamen aus dem Mangel, und wo, wenn nicht in der Fremde, sollte er behoben werden? Sie flohen auch vor dem festen Druck der Familienhand und vor der monolithisch geprägten Gesellschaft – das Dämmerlicht des Striptease-Lokals mochte ihnen als ein Lichtblick der Autonomie erscheinen.

Eine Aufklärungskampagne versuchte die nationale Tragödie aufzuhalten. In den Städten hingen Plakate: «Tu nu ești marfa» – «Du bist keine Ware». Sie priesen das Selbstwertgefühl an, diese Mangelware. Auch ein Theaterstück zum Thema wurde in Chișinău aufgeführt. Die Stärkung der Frauenwürde wurde übrigens von der Deza finanziert.

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Zur Autorin

Irena Brežná, in der Tschechoslowakei geboren, lebt heute in Basel. Die Journalistin und Schriftstellerin schrieb für die Republik Anfang Mai über den slowakischen Frühling und im Juli über Heimat.





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