Debatte

Was bedeutet für Sie Heimat?

Unterhalten Sie sich mit Autorin Solmaz Khorsand sowie Daniel Binswanger und Michael Rüegg.

03.08.2018

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In den vergangenen Tagen haben wir Sie mit Texten zur Schweiz konfrontiert. Rund um den Nationalfeiertag beschäftigten wir uns mit Mythen, Sehnsuchtsorten und der Schweiz als Land des Exils.

Nun würde uns interessieren, aus welchen Fakten, Mythen und Legenden Sie Ihr Schweiz-Bild speisen. Was wurde in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten vergessen, was Sie als Teil des helvetischen Nationalcharakters definieren würden? Im Guten wie im Schlechten?

Lesen Sie «Schweiz, du gelobtes Land der Parias», «Die humanitäre Schweiz ist eine Erfindung der Nachkriegszeit», «Der Tüpflischiisser», «Comeback Kid» und «Die Exilveteranin» von Solmaz Khorsand und unterhalten Sie sich heute Freitag von 13 bis 15 Uhr mit der Autorin sowie Michael Rüegg und Daniel Binswanger.

Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!

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In einem Punkt irrt Kristina Schulz im Interview mit Solmaz Khorsand, denke ich: Es gibt viele SchweizerInnen, die einen starken Bezug zum 1. August haben. Die Festanlässe sind gut besucht (wobei ich da nur für die Deutschschweiz reden kann). Der Grund dafür mag Selbstgefälligkeit sein, weil viele SchweizerInnen sich nach wie vor als etwas Besonderes sehen, also ein durchaus affektiver Bezug.

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Solmaz Khorsand, «Die Exilveteranin»: einfach gut geschrieben, sehr informativ, mit angenehmem Tempo, lässt Ungesagtes erahnen, macht unbekannte Perspektiven erlebbar, echt und glaubwürdig, Kompliment!

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Ich war einer der Festredner am 1. August. Als neugewählter Gemeinderat durfte ich ein paar Gedanken über die Schweiz weitergegeben. In der Vorbereitung bin über das inoffizielles Motto der Schweiz gestolpert, was da heisst: „Einer für alle, alle für einen“. Abgekupfert bei Alexandre Dumas, wurde dieser Wahlspruch 1868 lanciert. Auslöser waren Herbststürme, die weite Teile der Zentral -und Südostschweiz überschwemmt hatten. Dies führte zu einer grossen Solidarität innerhalb der Schweiz und ist wohl nach wie vor Teil unserer kollektiven DNA.

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Ich finde den Beitrag von Solmaz Khorsand etwas fade. Die Schweiz hat eine humanitäre Tradition, die früh angefangen hat. Als die geschlagene Bourbakiarmee im Winter 1871 an der Schweizer Grenze anklopfte, nahmen wir die 87‘000 Soldaten auf und verpflegten sie 6 Wochen lang. Über Nacht ist die Bevölkerung um 3% gewachsen, dies entspräche heute einem Zuwachs von über 200‘000 ausgehungerten und pflegebedürftigen Menschen. Notabene die Armee, die unter Napoleon die Schweiz als Kriegsschauplatz benutzt und ganze Landstriche verwüstet hat. Für das 1864 gegründete IKRK war diese humanitäre Aufgabe die erste grosse Bewährungsprobe.

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In seinem Buch Das Prinzip Hoffnung schrieb Ernst Bloch zum Begriff Heimat: «... so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat».
Zugegebenermassen ich kenne den Kontext des Zitats nicht, gleichwohl finde ich den Satz auf wundersame Weise wahr.
Ich verstehe ihn so: Das Konzept Heimat ist etwas historisch gewachsenes (obwohl Menschen immer schon einen Ort (oder mehrere Orte) hatten, wo sie lebten, entstand im laufe der Geschichte eine kulturelle Vorstellung einem Imperativ gleich, der den Menschen sagte und noch immer sagt: Du musst dieses oder jenes mit Deiner Heimat verbinden (Patriotismus, Nationalismus und seine biologistischen Derivate, lokale und nationale Symbole, etc. pp.)
Wie dem auch sei. Wir alle leben da oder dort, fühlen uns mehr oder weniger wohl und sehnen uns nach einem Ort, wo wir ganz sein können. Wo wir anderen, aber vor allem uns selbst, nicht fremd sind. Ein Ort, von dem aus alles Sinn erhält). Dieser Ort gibt es in jeder Biografie, obschon wir nie dort waren: Es ist ein Ort, geschaffen durch den verklärten Blick auf unsere Kindheit. Und so gibt es Heimat nur als verklärten Ort. Diese Verklärung ist ihm eingeschrieben. Konstitutiv.
Diese Verklärung an sich ist weder gut noch schlecht, weder gut noch böse. Erst wenn sich diese mit Ausgrenzung, mit Machtphantasien und Grössenwahn (und sei er auch so klein wie der hiesige) vermischt, wird das Konzept schwierig, um nicht zu sagen garstig.
Long story short: Wie ist es möglich, diese Verklärung nicht ausschliessend, nicht exklusiv, sondern inklusiv zu gestalten? Inklusiv in dem Sinne, dass Menschen mit anderen Heimaten daran teilhaben können. Ihre Heimat nicht die unsere bedroht, sondern, dass wir uns erfreuen, gemeinsam erfreuen, ob den Unterschieden. Und ergo einen Stolz auf unsere Heimat zu pflegen lernen, der dem Stolz gleich ist, wie wenn ich einem Freund – obwohl ich alle seine Fehler kenne – sage: Ich bin stolz auf Dich. Und damit meine: Das hast Du gut gemacht.

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Sehr geehrte Frau Khorsand, in der Schweiz, die Sie uns mit Ihren feinfühligen Portraits präsentieren, fühle ich mich auch ein wenig zuhause. Ich bin ein alteingesessener Schweizer, der unter der helvetischen Gartenzwergen-Mentalität ziemlich leidet; inzwischen bin ich mit einem Bein in Senegal beheimatet. Vielen Dank für Ihre schöne Arbeit.

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Nationalcharakter gibt es nicht, Stereotpyen schon eher. Es sind da noch ein paar historische Gegebenheiten, die oft etwas in den Hintergrund geraten: nur schon der alte lateinische Namen "Confoederatio helvetica" unseres Landes, die vielen Schweizer in fremden Kriegsdiensten und nach der französischen Revolution die helvetische Republik. Im 19. Jahrhundert war unser Land mausearm, das geht immer wieder vergessen. Es sind dann immer wieder Einzelpersönlichkeiten, welche die Schweiz und ihre Wirtschaft erfolgreich machten: Einwanderern wie Maggi, Hayek u.a. verdanken wir viel. Nach dem Ersten und im Zweiten Weltkrieg war unser Land Zufluchtsort für viele bildende Künstlerinnen, Literaten und Musiker, ihr Beitrag zur Kultur dieses Landes kann nicht hoch genug geschätzt werden.
In jüngerer Zeit gab es auch Schweizerinnen, deren Leistungen uns viel gaben/geben: Ruth Dreyfuss, Micheline Calmy-Rey, Clara del Ponte. Sodann möchte ich als Beispiel eines weltoffenen Schweizers Jakob Kellenberger erwähnen, ehemaliger Präsident des IKRK, eine Persönlichkeit, die mit Mut, Zuversicht und Durchsetzungsvermögen international sehr viel erreicht hat: Die humanitäre Tradition der Schweiz ist eine
unserer wertvollsten Errungenschaften.

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Was bedeutet für Sie Heimat / 3.8.2018
Die Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt. Dort, wo man akzeptiert wird. Dort, wo man soziale, weltoffene und tolerante Menschen trifft. Die Heimat ist also nicht ortsgebunden. In der Schweiz können sich viele, aber leider nicht alle, wohlfühlen. Für jene, für welche die Schweiz eine Heimat ist, gilt es, sich dafür einzusetzen, dass das Fremde als Chance gesehen wird. Denn wir haben den Wohlstand nur zu einem Teil selber erworben. Einen anderen Teil verdanken wir den vielen Bürgern, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind. Ohne diese Bürger hätten wir keine Top-Universitäten, keine internationale Küche und vor allem keine international funktionierende Wirtschaft.

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Lieber Herr Wagner, da kann ich Ihnen nur zustimmen. Die Stärke der Schweiz liegt tatsächlich darin, dass es ihr immer wieder gelungen ist, das Fremde als Chance zu sehen. Und ja - es ist eine Betrachtungsweise, die heute immer weniger selbstverständlich wird.

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Spannend, interessant, neue Sicht auf unbekannte Welten, diese Artikel von Solmaz Khorsand. Da kann man andere "Demokratien" und wehrhafte Menschen aus der Schweiz kennen lernen. Danke!
Was ich auch noch spannend fände, insbesondere unter dem Titel "Texte zur Schweiz" wäre die Sicht von offenen, intelligenten, interessierten Schweizern auf die Menschen die rechts der politischen Mitte unsere momentane Politik bestimmen oder Nötiges blockieren. Das Treffen einer urbanen Journalistin, mit einer konservativen Bäuerin, einem Arbeiter aus dem Hinterland. Die unbekannte, zwar tüchtige aber abwehrende Welt der politisch aktiven agglo oder ländlichen SchweizerInnen zu kennen, das würde uns vielleicht auch weiterbringen und wieder gute Kompromisse finden lassen. "Lenin aus Zürich der Schwingerfreund aus Hintertupfigen trifft" und wenn beide einander nachher besser verstehen ist auch uns in der Schweiz in Schrittchen Revolution gelungen. Meine ich.

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Lieber Herr Köppel, ich halten Ihren Vorschlag für hervorragend und denke, dass es genau diese Art von Begegnungen benötigt um unterschiedliche Lebenswelten besser zu verstehen. Wir leben ja alle in unseren Blasen, schicken unsere Kinder auf dieselbe Schule, leben im selben Viertel und wundern uns dann, dass es irgendwo Menschen gibt, die nicht so ticken wie wir. Deswegen bräuchte es genauso solche Initiativen. Wir werden das gerne aufnehmen und halten Sie auf dem Laufenden, herzliche Grüße

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Das mit den Blasen ist etwas paradox. Wir reden so darüber, als wäre es etwas neues. Neu ist nur, dass wir sie erkennen. Ohne moderne Kommunikationsmittel ist jedes kleine Dorf eine Blase für sich. Wenn dann der Dorfälteste wenig Sozialkompetenz hat, wird Heimat zwangsläufig zur Qual! Blasen zu haben und dann zu erkennen ist das entscheidende Moment und gibt mir erst die Möglichkeit, ernsthaft über das was für mich Heimat ist nachzudenken.
Für mich ist Heimat da wo ich mich wohlfühle, ich ernst genommen werde und mich einbringen kann. Damit das so sein kann brauche ich ein Minimum an Wahlfreiheit.

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Die Exilveteranin
"Und ist in der Schweizer Verbannung angekommen", steht unter dem Titel. Ich wünschte mir in allen Beiträgen konzise und korrekte statt saftige Boulevard-Überschriften.

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Ich stimme mit Ihnen überein: Wir sind nicht die Flexibelsten und nicht die Schnellsten. Andererseits wirkt dieses Land dadurch stabil. Und Stabilität ist wiederum ein Standortvorteil. Wohin also geht unsere Reise?

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Anonymous
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