«Die humanitäre Schweiz ist eine Erfindung der Nachkriegszeit»

Dass sich die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg auf ihre humanitäre Tradition besonnen hat, geschah aus Kalkül, sagt die Historikerin Kristina Schulz im Interview.

Von Solmaz Khorsand, 01.08.2018

Testen Sie die Republik 14 Tage lang gratis und unverbindlich.

Kristina Schulz, ist die humanitäre Schweiz Teil des helvetischen Nationalcharakters?
Die Tradition der humanitären Schweiz ist eine Erfindung der Nachkriegszeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Schweiz aufgrund ihrer Haltung zu Nazideutschland massiv in der Kritik der internationalen Staatengemeinschaft. Viele warfen der Schweiz vor, dass ihre Neutralität darauf hinausgelaufen ist, dass man wirtschaftlich kooperiert, sich aber politisch herausgenommen hat. Es galt, das Ansehen zu verbessern, daher hat man sich nach 1945 auf die Idee der humanitären Schweiz berufen und daraus eine Tradition konstruiert, um dem Land eine Anbindung an die westlichen Wirtschaftsmärkte zu ermöglichen.

Die Schweiz hat sich als Zufluchtsort also bloss inszeniert?
Zufluchtsorte gab es viele auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Einzelne Kantone haben immer wieder Glaubens- und politische Flüchtlinge aufgenommen. Von einer humanitären Schweizer Flüchtlingspolitik kann man aber bis ins 20. Jahrhundert nicht sprechen, die Kantone waren souverän und kollaborierten mitunter in Verteilungs- und Kostenfragen. Eine eidgenössische Instanz zur Regulierung, Kontrolle und Abwehr von Ausländern wurde dann am Ende des Ersten Weltkriegs gegründet. Erst nach 1945 begann man, sich auf eine Tradition der humanitären Schweiz zu besinnen, in deren Konstruktion auch das in den 1860er-Jahren in der Schweiz gegründete Rote Kreuz einfloss.

Dennoch war es pures Kalkül, dass die Schweiz diesen Mythos heraufbeschworen hat?
Das Kalkül in dieser Angelegenheit schmälert aber nicht die Hilfeleistungen für Menschen, die in Not waren. Warum soll man das aus heutiger Sicht gegeneinander ausspielen? Die Schweiz hat in den 1950er- und 1960er-Jahren bedeutende Mittel aufgebracht, um Flüchtlinge aus Ungarn und der Tschechoslowakei zu unterstützen. Aber man hat gewusst, dass das die politische Integration in den Westen vertiefen und sich daher nicht zuletzt wirtschaftlich auszahlen würde. Im Vordergrund stand der Wille, die Schweiz in der neu entstehenden Nachkriegsordnung zu verorten. Gerade um die Neutralität zu verteidigen, an der die Schweiz gegen Kritik von vielen Seiten weiter festhalten wollte, war ein gutes Renommee im humanitären Bereich hilfreich.

Die wiederentdeckte Schweizer Humanität war selektiv. Sie beschränkte sich auf Opfer kommunistischer Regime wie jene aus Ungarn, der Tschechoslowakei oder China.
Sie funktionierte bei Flüchtlingen aus dem ehemaligen Ostblock widerspruchsfrei. Danach wurde sie schnell brüchig. Beispielsweise bei der Suezkrise 1956, als 200 sephardische Juden aus Ägypten in der Schweiz um Asyl ansuchten. Ihnen wurde das Asyl verweigert.

Bei diesen 200 Juden wurde das Argument der «Überfremdung» wieder angeführt.
Man hatte den Antisemitismus, den es in der Schweiz schon strukturell im Ersten Weltkrieg gab und der sich im Zweiten Weltkrieg verstärkte, nicht abgelegt. Er wirkte als Mechanismus der Selektion noch 1945 weiter. Auch bei den Flüchtlingen aus Chile hat man sich 1973 knausrig angestellt. Sie waren Opfer eines rechten Militärputsches von Augusto Pinochet gegen den marxistischen Präsidenten Salvador Allende. In diesem Fall hat Bundesbern erst auf Druck der Schweizer Bevölkerung reagiert. Als die Zivilgesellschaft begann, Solidaritätskomitees zu gründen, um die Leute heimlich über die Grenze zu holen, vergrösserten die politischen Autoritäten die Flüchtlingskontingente.

«Man kann sagen, dass die Schweiz die Intellektuellen insgesamt überwiegend ignoriert hat.»

Gebrüstet hat sich die Schweiz nie mit ihren Exilierten. Im öffentlichen Raum werden sie kaum gewürdigt, selbst heute nicht, wobei sich sicher ganz gut Kapital schlagen lassen würde, etwa mit einem Thomas-Mann-Denkmal oder einem kitschigen Lenin-Museum.
Die Schweiz hatte bei Thomas Mann keine rühmliche Rolle. Sie hat ihm den Pass verweigert. Darauf ist er 1938 in die USA gegangen. Da gibt es nicht viel, worauf man stolz sein könnte. Und Lenin, dieser Teil der Geschichte wurde aus den Geschichtsbüchern weitgehend gestrichen. Das ist weder ein Schandfleck noch etwas, worauf die Schweiz stolz ist. Er war einer von den vielen Intellektuellen aus dem Ausland, die sich zeitweise in der Schweiz aufgehalten haben. Solange er sich still verhielt, hat man ihn wenig beachtet, genauso wie Clara Zetkin oder Rosa Luxemburg. Man kann sagen, dass die Schweiz die Intellektuellen insgesamt überwiegend ignoriert hat.

Weil ausländische Intellektuelle nicht als Teil der eigenen Geschichte wahrgenommen wurden?
Sie gehen nicht in die nationale Selbstkonzeption ein, und das gilt natürlich erst recht für Zugezogene. Das spüren noch heute viele Nichtschweizer, die in der Schweiz leben. Die Schweiz war lange mit der Geistigen Landesverteidigung beschäftigt, und dazu konnten, so die Wahrnehmung, Intellektuelle aus dem Ausland wenig beitragen. Sie störten zwar nicht besonders, aber generell beruht das Selbstbild des Landes auf der Vorstellung eines durch Sesshaftigkeit geprägten Bauernlandes, wo man wenig mobil ist und seine Scholle pflegt. Weder Kopfarbeiter noch Migranten – Frauen wie Männer – passen in dieses realitätsferne Bild.

Hat das auch mit dem Stellenwert intellektueller Arbeit zu tun?
Die bäuerliche mittelständische Schweiz hat sich nie für Intellektuelle interessiert, weder für die eigenen noch für die anderen. Die Schweiz hat ein von Nützlichkeitsdenken durchzogenes Verhältnis zu ihren Intellektuellen. Das geht so weit, dass sie Akademiker und Akademikerinnen bei Bedarf lieber aus dem Ausland anwirbt, als sie selber auszubilden, und sich dann beschwert, dass zu viele Ausländer im Land sind. Hier scheint es einfach eine Kluft zu geben zwischen denen, von denen man glaubt, dass sie pragmatisch nichts beizutragen haben, und dem bäuerlichen und handwerklichen Mittelstand, der als Träger des Landes gilt.

Wie lautet Ihr Fazit: Hält die Schweiz heute an ihrem Mythos als humanitäres Exilland fest?
Ich glaube, dass es den Mythos noch gibt, vor allem auf das 19. Jahrhundert zurückprojiziert. Für die Ära der Weltkriege ist man unsicher geworden, auch wegen der Arbeiten der Unabhängigen Expertenkommission zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. In der jetzigen Situation, in der es um die Aufnahme von am Leben bedrohten Menschen geht, ergibt es für jene, die für eine rigorose Abweisung eintreten, keinen Sinn, sich auf diesen Mythos zu berufen. Wer heute dafür plädiert, dass die Schweiz möglichst wenige Flüchtlinge aufnehmen soll, zieht keinen Nutzen daraus, sich mit diesem Teil der Geschichte zu identifizieren. Andere dagegen bemühen sich heute wieder um eine humane Schweiz und bauen dann eine argumentative Brücke zu den Momenten der Geschichte, in denen die Schweiz sich offenherzig und grosszügig gezeigt hat.

Sie stammen aus Bremen, leben seit sechzehn Jahren in der Schweiz und haben seit sieben Jahren die Schweizer Staatsbürgerschaft. Feiern Sie den Schweizer Nationalfeiertag?
Der 1. August fällt in die Zürcher Sommerferien, und wir sind meistens im Ausland und denken gar nicht daran. Ehrlich gesagt weiss ich nicht, was oder wie man am 1. August feiern soll. Der Tag als solcher hat ja auch gar keine lange Tradition, er ist nicht mal 120 Jahre alt und erst seit 1993 für alle ein Feiertag. Selbst die Alteingesessenen haben, so scheint mir, keinen wirklichen Bezug dazu. Das Gleiche galt in der Bundesrepublik Deutschland für den 17. Juni und für viele in Westdeutschland heute auch für den 3. Oktober. Nur wer unmittelbar betroffen ist von dem Wandel, für den ein solcher Feiertag steht, wird daran Affekte knüpfen. Ein Datum, das an ein Ereignis erinnert, das 1291 eventuell stattgefunden haben könnte, aber erst in den 1890er-Jahren erstmals öffentlich bedacht wurde, eignet sich da vermutlich kaum.

Zur Person

Kristina Schulz ist Historikerin mit einem Schwerpunkt auf der westeuropäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Ihr Fokus: Exil und Migration, soziale Bewegungen, Geschlechterverhältnisse nach 1945, Intellektuelle und der Zusammenhang von Literatur und Politik. Im April 2018 erschien ihr Buch «Schweizer Migrationsgeschichte: Von den Anfängen bis zur Gegenwart», das sie gemeinsam mit ihren Kollegen André Holenstein und Patrick Kury herausbrachte. Ab August 2018 unterrichtet sie Zeitgeschichte an der Universität Neuenburg. Davor hatte sie eine Dozentur für Migrationsgeschichte an der Universität Bern.

Debatte: Was bedeutet Ihnen Heimat?

Aus welchen Fakten, Mythen und Legenden speisen Sie Ihr Schweiz-Bild? Was wurde in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten vergessen, was Sie als Teil des helvetischen Nationalcharakters definieren würden – im Guten wie im Schlechten? Was bedeutet für Sie Heimat?

Lesen Sie auch die anderen, unten angezeigten Artikel von Solmaz Khorsand, und unterhalten Sie sich heute Freitag von 13 bis 15 Uhr mit der Autorin sowie Michael Rüegg und Daniel Binswanger. Hier gehts zur Debatte.

Sie wissen immer noch nicht, ob die Republik auch etwas für Sie ist? Dann testen Sie uns. Für 14 Tage, gratis und unverbindlich.


seit 2018