Danke für Ihre Neugier! Dieser Artikel wurde für Sie von einem grosszügigen Mitglied unserer 21 527 Verlegerinnen und Verleger freigeschaltet. Kommen Sie ebenfalls an Bord!

Subversion lässt sich auch weinen, schön in die Kamera. Audrey Wollen

Klageweiber

Melancholie ist das neue Empowerment. Die US-Künstlerin Audrey Wollen begründet mit ihrer Sad Girl Theory einen traurigen Feminismus. Hier heulen die Frauen gegen das Patriarchat an.

Von Solmaz Khorsand, 06.07.2018

Feminismus ist anstrengend. Vor allem für Feministinnen. Immer dieser Leistungsdruck. Kämpferisch soll frau sein. Dabei gut aussehen, eloquent sein, dauerreflektiert, sexuell befreit und ökonomisch komfortabel. Eine Hannah Arendt in Strapsen mit Dachgeschoss-Wohnung und Molotow-Cocktail in der Chanel-Clutch also.

Kein Bock, sagen junge Feministinnen. Sie haben den Kampf satt. Sie wollen nicht tough sein. Der laute Protest auf der Strasse widerstrebt ihnen. Sie haben ein anderes Ventil gefunden. Ihre Traurigkeit. Sie heulen gegen das Patriarchat an.

Sad Girl Theory nennt sich ihr Feminismus. Begründet hat ihn Audrey Wollen, eine US-Künstlerin aus Los Angeles. «Feminismus soll nicht dafür eintreten, wie toll und spassig es ist, ein Mädchen zu sein», erklärt die 26-Jährige in Interviews. «Feminismus muss anerkennen, dass es eines der härtesten Dinge in unserer Welt ist, ein Mädchen zu sein. Unser Schmerz darf nicht im Namen des Empowerments weggewischt werden.»

Für Wollen wurde die Traurigkeit von Mädchen über Jahrhunderte als passiv, schwach, beschämend und dumm missinterpretiert, ja stigmatisiert. Beim traurigen Mann ist das anders. Ihn umweht eine Aura des Mystischen, gar Genialen. Schwermut und Pathos bilden seinen Charakter, ihren machen sie nur wahnsinnig. Der depressive Hamlet ist ein tragischer Held. Die depressive Ophelia nur eine traurige Irre. Höchste Zeit, das Zweiklassenpathos zu beenden. Jede verdient es, traurig vor sich hin schmachten zu dürfen und dafür gelobhudelt zu werden. Und was der seichte Männercharakter zur Imagepolitur verwendet, soll auch die weibliche Oberfläche zum Glänzen bringen. Gleiches Recht auf Rührseligkeit für alle! Auch dumme Mädchen wollen mit Melancholie ein bisschen Tiefgang suggerieren dürfen.

Widerstand kann auch so aussehen: Audrey Wollen als schwermütiger Nackedei in einer Hommage an Sandro Botticellis «Geburt der Venus». Audrey Wollen
Ein Mädchen zu sein, ist hart. Das muss akzeptiert werden, statt Mädchen dauernd zu zwingen, sich selbst zu lieben und optimistisch zu sein, plädiert WollenAudrey Wollen

Die Sad Girl Theory hilft ihnen dabei. Und geht sogar einen Schritt weiter. Weibliche Traurigkeit sei in Wirklichkeit kein bittersüsser Weltschmerz, sondern «ein Akt des Widerstands und des politischen Protests», sagt Audrey Wollen. Auf Instagram demonstriert sie, wie das aussehen kann. Mal heult sie mit verschmiertem Make-up aus irgendwelchen Toiletten in die Handykamera, mal zeigt sie Renaissance-Porträts von Frauen mit abgeschnittenen Brüsten auf dem Silbertablett. Der Bildtext: «Es ist normal, die Körperteile zu hassen, die dich zu einer unterdrückten Mädchenexistenz verdammen. Das hat nichts mit beschissenem Selbstwert zu tun. Das ist eine Revolte gegen einen Körper, der als ein Symbol funktioniert und nicht mehr als Fleisch.» Tausenden gefällt das. 25’000 Anhängerinnen hat Wollen auf Instagram.

«Nie genug zu sein, ist ein Lifestyle»

Doch die Ikone der traurigen Feministinnen ist eine andere: Melissa Broder. Derzeit wird die Amerikanerin für ihren Debütroman «Fische» gefeiert. Darin beschreibt sie Lucy, eine depressive Doktorandin, die versucht, in Venice Beach die Leere des Lebens anal zu füllen, bis sie eines Tages am Strand einem Fischmann begegnet. Mit ihm glaubt sie, ihr Glück gefunden zu haben. Blöd nur, dass er zu einem Drittel ein Fisch ist und dauerhafte Zweisamkeit nur am Grund des Ozeans zu finden ist.

Broder ist das berühmteste Sad Girl. Bekannt wurde sie mit ihren #SoSadToday-Tweets. Jede Störung, jede Neurose, jeden Fetisch kotzt sie sich in wenigen Zeichen aus der Seele. «Du bist perfekt für mich, weil du mich nicht willst.» «Ich versuche einfach, mein Leben nicht zu leben.» «Nie genug zu sein, ist ein Lifestyle.» Ihre Anhängerinnen vergöttern sie für ihre Ehrlichkeit. Wie witzig sie sich über ihre asymmetrischen und verdunkelnden Schamlippen wundert und mutig ihren Fetisch offenbart, wie gern sie es hat, wenn sich ihr Partner beim Orgasmus erbricht. 662’000 Menschen folgen Broders Twitter-Account, darunter Stars wie Katy Perry und Miley Cyrus. Mut mache ihnen Broders unverkrampfte Offenheit und ermuntere sie, auch über Depression, Angststörungen und ihr verzerrtes Körperbild zu schreiben und dabei auch ein bisschen über sich selbst zu lachen. Und sich so zu befreien.

Broder erfüllt die oberste Prämisse der traurigen Jeanne d’Arcs: absolute Blösse. Nichts ist zu intim, zu peinlich, zu suizidal. Ein Zuviel gibt es in dem Kosmos gar nicht. Je entblösster, umso ermächtigter. Je waidwunder, umso kämpferischer.

Alles nur eine Frage der Darstellung, meint oberstes Sad Girl Audrey Wollen. Man müsste die Geschichte nur auch so erzählen: «Was, wenn wir jedes Mädchen, das sich umgebracht hat, zu Tode gehungert hat oder einfach nur unglücklich war, neu definieren, und zwar als eine Aktivistin?», schlägt sie in einem Interview mit der «Huffington Post» vor. «So haben wir eine Geschichte von Krieg, aus dieser Perspektive haben wir das nie gesehen.»

Sie hat sich für diese Perspektive entschieden. Daher sind auch für sie Grössen wie Virginia Woolf und Sylvia Plath, die Selbstmord begangen haben, keine bemitleidenswerten Kreaturen, sondern verkannte Kriegerinnen.

«Tragic Queen» heisst Wollens Instagram-Account, dem knapp 25’000 Leute folgen. Audrey Wollen

Der Suizid als ultimativer feministischer Ermächtigungsakt? Ist das Sad Girl im besten Fall ein Dead Girl? So weit will Wollen nicht gehen. Keiner wird zum Selbstmord animiert. Mädchen sollen nur begreifen, dass ihre Traurigkeit ein Resultat der misogynen Umstände ist, nicht ihres persönlichen Versagens. Keiner muss sich für den Feminismus umbringen. Das war Sache der Suffragetten. Nicht trauriger Mädchen mit Internetanschluss. Ein paar subversive Tränen, lasziv in die Kamera geheult, reichen vollkommen.

Mit dem richtigen Instagramfilter, versteht sich.

Kleine Warnung: Dies ist ein YouTube-Video. Wenn Sie das Video abspielen, kann YouTube Sie tracken.
Lana Del Rey - Sad Girl Lyrics

Dialog mit der Redaktion

Haben Sie Fragen? Anregungen? Kritik? Lob? Die Autorinnen und Autoren nehmen Ihre Rückmeldungen gerne entgegen. Hier geht es zum Dialog mit der Redaktion.





Schön, Sie hier unten wieder zu sehen! Es wäre uns eine Freude, wenn Sie bei der Republik Verlegerin oder Verleger würden. Wir versprechen Ihnen dafür Journalismus ohne Kompromisse: ohne Schnörkel, ohne Werbung, ohne Ausreden bei Fehlern. Erfahren Sie mehr.