Bis dass der Präsident uns scheidet (I)

In der Türkei wird gewählt. Zeit, sich dem Land ganz türkisch zu nähern. Mit einer Soap. Gestatten, Familie Atalay. Episode I: Das Negligé.

Von Adalet Kaplan, Solmaz Khorsand (Text) und Andreas Gefe (Illustrationen), 19.06.2018

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In der Türkei wird am 24. Juni gewählt, Präsident und Parlament. Die Autorin Adalet Kaplan hat eine Idee für eine Soap. Leider ist sie in ihrer Heimat so nicht realisierbar. Dafür in der Republik. Unter Pseudonym skizziert sie hier ihre Serie «Bis dass der Präsident uns scheidet». Viel Vergnügen mit den Atalays, einer Familie aus Istanbul.

Zeynep ist glücklich. Zum ersten Mal seit langem. Beschwingt marschiert sie diesen Samstagnachmittag neben ihrem Mann, Mehmet, mit vollen Taschen aus dem Einkaufszentrum. Im Schlepptau ihre beiden Kinder, Elif und Atakan. Ihre Tochter, vertieft wie immer in ihr Smartphone, um den Stand ihrer Twitter-Follower zu überprüfen – 281 sind es aktuell. Ihr Sohn Atakan, das weiche Abbild seines pummeligen Vaters. Selig schaut er auf seine Füsse in den neuen Sportschuhen. So lange hat er sich nach ihnen gesehnt.

Ewig ist es her, dass die Atalays als Familie gemeinsam etwas unternommen haben. So harmonisch, so in Eintracht. Verliebt schaut Zeynep ihren Ehemann an. Gut sieht Mehmet heute aus. Er hat die fleckigen Stoffhosen gegen die Jeans getauscht. Das weisse Hemd steht ihm. Es kaschiert seinen Bauch und lässt seine Schultern so wunderbar breit aussehen. Sein Lächeln ist warm. Er ist gut gelaunt, fast so wie früher, auf der Uni, als sie noch jung und frei waren. Und er ihr so viele Komplimente gemacht hat.

Das Who’s who

Fünf Personen sind es, mit denen Sie in unserer Soap die nächsten Tage bis zu den Wahlen in der Türkei verbringen werden: Mehmet, Zeynep, Elif, Atakan und Baran. Die Kurzbiografien finden Sie hier

Mehmet lächelt. Er freut sich über sein freies Wochenende. Als stellvertretender Polizeichef hat er viel zu tun. Jeden Tag muss er sich mit einem anderen Idioten herumschlagen. Er hat es so satt. Da tut das bisschen Freizeit gut. Er mustert seine Frau. Hach, diese Beine. Aber muss sie denn immer diese kurzen Röcke tragen? Was sollen die Leute denken? Ihre Sturheit ärgert ihn. Dann schaut er wieder auf ihre Beine. Sein Ärger ist verflogen.

Es war ein langer Tag, es ist Zeit, nach Hause zu fahren. Entspannt schlendern die Atalays zur Metrostation. «Wenn Sie etwas von FETÖ sehen oder eine andere terroristische Propaganda in den sozialen Medien oder sonst wo, melden Sie es der Polizei» steht da in grossen roten Lettern. Mehmet senkt die Augenbrauen. «FETÖ», brummt er. Diese Verrückten von Fethullah Gülen, diesem verdammten Putschisten. Sie rauben ihm den letzten Nerv.

«Es sollte eine Extraleitung für Scherzanrufe geben», schnaubt Mehmet. «Diese Leute brauchen eine ordentliche Tracht Prügel.»

Zeynep grinst. «Und wenn wir schon dabei sind, könnten wir dann auch bitte gleich die Leute verprügeln, die überhaupt dafür verantwortlich sind, dass diese Terroristen unseren Staat unterwandern konnten? Das wäre sehr nett», entgegnet sie.

Ihr Grinsen geht jetzt über das ganze Gesicht. Sie weiss, wie sehr solche Aussagen ihren Mann auf die Palme bringen. Ganz hilflos ist er dann. Mit Sarkasmus konnte ihr Mehmet noch nie umgehen. Noch bevor er sich aufregen kann, schnappt Zeynep seinen Arm und küsst ihn auf die Wange. Das Geheimnis einer guten Ehe. Bloss nichts eskalieren lassen. Und wenn es doch danach aussieht, schamlos alle Geschütze auffahren. Zeynep wirft einen Blick auf das kleine rote Täschchen, das an ihrem Handgelenk baumelt. Sie hat heute ihr Arsenal aufgestockt. Ein Hauch von schwarzem Nichts, mit ein bisschen Spitze. Nichts Vulgäres. Das mag ihr Mehmet nicht. Lieber dezent. Dezent, aber dezidiert. Vielleicht können sie ihre politischen Differenzen heute Abend im Schlafzimmer deeskalieren lassen, hofft Zeynep. Sie haben doch schon so lange nicht mehr deeskaliert.

Als die Atalays in der Metrostation stehen, bemerken sie, dass sie heute gar keine Tickets brauchen. Sie dürfen gratis fahren. Eine Erklärung dafür gibt es nicht. Am Gleis dämmert es ihnen, als sie andere Passagiere sehen. Präsident Erdogan kommt heute nach Istanbul. Er hat eine grosse Wahlveranstaltung am Nachmittag. Seit Tagen ist es in den Nachrichten.

Als der Zug einfährt, sind die Waggons brechend voll. Nur mit Mühe zwängen sich die Atalays in das Abteil, ihre Einkaufstaschen an ihre Körper gepresst. Erdogan-Anhänger wedeln mit Fähnchen. Aufgekratzt sind sie. Sie können es kaum erwarten, ihrem Präsidenten ganz nahe zu sein. Laut singen sie die Sprüche aus Erdogans früheren Wahlkämpfen. Die neuesten Lieder dürften sie sich noch nicht eingeprägt haben: «Er ist der Einzige! Das ist, was er ist! Er schenkt die Macht dem Volk! Recep Tayyip Erdogan!»

Zeyneps gute Laune ist dahin. «Kein Respekt vor anderen Leuten. Als ob ihnen der ganze Zug gehören würde», flucht sie leise.

Mehmet schaut sie mit weit aufgerissenen Augen an. Es ist eine Mischung aus Wut und Angst. Diese Frau ist noch mein Ende, denkt er. Manchmal hasst er sie dafür, dass sie es einfach nicht kapieren will. Sie will nicht kapieren, dass sich dieses Land verändert hat.

Gerade als das Gegröle der Erdogan-Fans abebbt, beginnt ein Streit im hinteren Teil des Waggons zwischen drei jungen Männern und einer Frau. Anfang vierzig wird sie sein, ihre feuerroten Haare lassen sich schwer übersehen. Sie ist die einzige Frau in dem hinteren Zugbereich. Die Halbstarken haben sich dicht an sie gedrängt. «Was ist, Lady? Haben wir deine Gefühle verletzt?», fragt sie einer der Burschen. Die Frau bemüht sich, ruhig zu bleiben. «Wer hat denn was zu dir gesagt, junger Mann?»

Eine Frau mit Kopftuch mischt sich ein. «Wiederholen Sie doch einfach, was Sie gesagt haben, sodass es alle hier hören können, Madame.»

Die Rothaarige scannt den Waggon. Dann sagt sie mit fester Stimme: «Ich habe gesagt: ‹Wir werden schon sehen, wer am 24. Juni etwas zu feiern hat!›» Dann öffnet sie ihre Tasche und zieht eine türkische Flagge heraus, darauf das Gesicht von Mustafa Kemal Atatürk. Mit Inbrunst beginnt sie ihre Fahne zu schwingen. «Schlaf gut, unser geliebter Gründungsvater», singt sie laut. «Wir sind alle Kinder der Republik! Deine Arbeit ist in unseren Händen sicher!»

Ein alter Mann mit weissem Bart nutzt den Moment für seinen Auftritt. «So Gott will, werden wir dir und allen anderen bei dieser Wahl eine Lektion erteilen!», brüllt er.

Stille. Gebannt warten die Passagiere auf die Reaktion der rothaarigen Frau. Sie schnauft. «Wir werden dieses Land vor euch ungebildeten Hinterwäldlern retten!», brüllt sie zurück.

Nun kocht der ganze Zug. «Halts Maul, Frau!», schreit sie ein junger Mann an.

Zeynep beginnt nervös zu werden. Das könnte böse enden. Sie weiss, dass Mehmet immer seine Dienstmarke dabei hat. Sie stupst ihn an. Warum tut er denn nichts? Mehmet bleibt ungerührt.

«Ihr seid alle ignorante Gauner, und euer Präsident, das ist der Obergauner!», schreit die Rothaarige. «Alles, was ihr könnt, ist, die Köpfe eurer Frauen zu verhüllen.»

Das war zu viel. Die Passagiere brüllen jetzt wild durcheinander. Einige drängen sich näher an die Frau und fangen an, sie zu schubsen.

Zeynep packt Mehmets Arm. «Mach etwas», sagt sie. «Diese Wilden werden ihr noch etwas antun.»

«Wen nennst du hier Wilde?», blafft sie ein Mann von der Seite an.
Jetzt ist auch Mehmet nervös. Noch zwei Stationen bis zu Hause, zählt er. Das ist zu lang. Sie müssen raus. «Steigt aus. Das ist unsere Station», befiehlt er seiner Familie, als sich die Türen öffnen.

«Zeigt sie an! Sie ist wahrscheinlich eine gottverdammte FETÖ-Anhängerin!», hören sie noch eine alte Frau in die Menge brüllen, als sie aus dem Zug steigen.

Stumm trotten die Atalays in der prallen Sonne nach Hause. Mehmet vorneweg, dahinter Zeynep und die Kinder. Zeynep kocht vor Wut. Fahrig kramt sie in ihrer Handtasche nach einer Zigarette. «Schämst du dich nicht? Bist du deswegen Polizist geworden, damit du im entscheidenden Moment nichts tust?», fragt sie.

«Halt die Klappe!», schreit Mehmet. «Willst du, dass wir im Gefängnis landen? Willst du das? Hast du dir das in deinem schönen Köpfchen mal überlegt, was das heisst, wenn ich da jetzt aufgestanden wäre und was getan hätte? Hast du das?»

Zeynep geht schneller und überholt ihn. Seit wann ist er so? War er immer schon so ein Feigling? Tränen schiessen ihr in die Augen. In solchen Momenten erinnert sie sich immer an die Worte ihrer Mutter. «Heirate Sami», hat sie gesagt. «Der ist vielleicht nicht so hübsch wie Mehmet, aber er ist einer von uns. Er kommt aus einer guten Familie, aus einer reichen Familie. Und er hat sein Studium abgeschlossen. So ein schlauer Junge. Er weiss eine starke Frau mit starken Meinungen schon zu nehmen, wirst schon sehen.»

Vielleicht hatte Mama ja recht, denkt Zeynep. Sie geht schneller. Als sie zu Hause sind, murmelt Mehmet etwas von Arbeit und dass er losmüsse. Ein Notfall. Der Chef habe angerufen. Zeynep tut so, als hätte sie ihn nicht gehört, und verkriecht sich im Schlafzimmer. Sie sitzt auf ihrem Ehebett und schaut auf die vollen Einkaufstaschen. So unbeschwert waren sie noch vor einigen Stunden. Der Tag hatte doch so gut begonnen. Was ist passiert?

Sie zieht das schwarze Negligé aus der kleinen roten Tüte und hält es sich verträumt an die Brust. Aus dem Wohnzimmer hört sie, wie sich ihre Tochter Elif durch die Kanäle zappt. «Meine Leute wissen, wie sie mit diesem unverschämten Säufer umgehen müssen», hört Zeynep die Stimme Erdogans aus dem Fernseher.

Jetzt weiss sie wieder, was passiert ist. Das ist passiert. «Elif, mach den gottverdammten Fernseher aus!», brüllt Zeynep.

Sie hat genug von der Politik. Für einen Tag. Ach was, für ein ganzes Leben. Zeynep widmet sich wieder ihrem Dessous. Vorsichtig zieht sie es über. Es sitzt. Alles, wo es sein muss. Zeynep kichert. Scharf sieht sie aus. Jetzt muss sie Mehmet nur noch auspacken. Zufrieden legt sie sich mit einer Zeitschrift aufs Bett und wartet.

Kurz nach Mitternacht kommt Mehmet nach Hause. Geistesabwesend schlurft er ins Schlafzimmer. Nur das gedämpfte Nachtlicht ist an. Ohne Zeynep zu bemerken, zieht sich Mehmet den Pyjama an.

«Wie war es bei der Arbeit?», fragt Zeynep. Mehmet erschrickt. «Du bist noch wach?», fragt er. Zeynep lächelt. Armer Schatz, der Chef hat ihm wieder zugesetzt. Das sieht sie genau. Wie müde er ist. Und bekümmert. Ihr Streit hat offenbar auch ihn nicht kaltgelassen. Er ist ein Guter, mein Mehmet, denkt Zeynep und fährt mit den Fingern langsam seinen Rücken entlang. «Ich bin müde», sagt Mehmet knapp. Er dreht sich zu ihr und küsst sie. Auf die Stirn. Dann macht er das Licht aus.

Zeynep seufzt.

Immerhin. Immerhin haben sie Waffenstillstand. Auch ohne Deeskalation.

Wie geht es weiter?

Wir verbringen die nächsten Tage bis zur Wahl mit den Atalays. Lesen Sie Episode II: Der Terrorist.

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