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ein Mann steht auf einer Brücke und schaut auf eine Stadtlandschaft
Sehnsucht nach einem besseren Leben: Wer Russland verlässt, gehört oft zu den besonders aktiven, klugen und engagierten Bürgern. Blick auf Moskau. Harry Gruyaert/Magnum Photos

Bloss raus aus Mütterchen Russland

Die Mehrheit der Einwohnerinnen Russlands steht hinter ihrem autokratisch regierenden Präsidenten. Eine Minderheit schweigt oder geht. Oft sind es die besonders hellen Lichter, die das Land verlassen. Und niemand hindert sie daran.

Von Oliver Bilger, 29.05.2018

Nadeschda Kutepowa floh aus Angst vor einer Haftstrafe.
Galina Timtschenko ging, um ungestört arbeiten zu können.
Innokenti Schuwalow suchte nach besseren Karrierechancen.
Maria Gaidar sehnte sich nach Reformen.

Vier Menschen aus Russland, eine Gemeinsamkeit: Sie alle haben ihre Heimat verlassen – wegen Wladimir Putin.

Auf dem Boden seiner Politik ist über Jahre eine Realität erwachsen, in der viele nicht länger leben wollen: Die Wirtschaft steckt zwischen Rezession und Stagnation, der Rubel ist abgewertet, das Land vom Westen isoliert und mit Sanktionen bestraft.

Bei der Präsidentenwahl im März stimmten fast 77 Prozent für Putin. Für sie hat er die ukrainische Halbinsel Krim in den Schoss der Russischen Föderation geholt. Sie sind stolz auf die neue Stärke, mit der Russland auf dem internationalen Parkett agiert. Sie fühlen sich provoziert vom Westen. Mit den Schattenseiten dieser Politik arrangieren sich viele.

Viele, aber nicht alle.

Einige setzen ihr Leben anderswo fort. In der Europäischen Union, in der Ukraine, den USA oder Israel. Sie sind Aktivisten, Politikerinnen, Unternehmer, Wissenschaftlerinnen, Künstler, Journalistinnen.

Sie eint das Gefühl, in ihrer Heimat keinen Platz mehr zu haben. Ihre Gründe sind so zahlreich wie die Türme des Kreml: Putins repressive Politik, die wirtschaftliche Krise, die penetrante Propaganda. Sie klagen über staatliche Kontrolle, Korruption, fehlende Rechtssicherheit, den geringen Lebensstandard oder niedrige Löhne.

Wie viele gegangen sind, ist schwer zu beziffern. Gemäss Umfragen können sich zehn bis zwanzig Prozent der Russinnen und Russen vorstellen, das Land zu verlassen. Unter den Jungen ist der Wunsch stärker, bis zu einem Drittel träumt vom Wegzug. Aber wie viele wandern wirklich aus? Weil niemand sich bei einer Behörde abmelden muss, existieren keine Zahlen. Diesen Frühling schätzten Forscher der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst, dass jedes Jahr 100’000 Menschen auswandern. Andere Studien haben zwischen zwei und drei Millionen errechnet, die Russland seit Putins Amtsantritt im Jahr 2000 verlassen haben.

Gemessen an fast 144 Millionen Einwohnern, erscheinen die Zahlen zunächst nicht dramatisch. Ein Problem sind sie dennoch. Lew Gudkow, einer der renommiertesten Soziologen Russlands, bringt es auf den Punkt: «Es gehen die aktivsten, klügsten, engagiertesten Bürger», sagt der Direktor des Moskauer Umfragezentrums Lewada. «Die Zahl ist nicht so wichtig, die Qualität der Leute ist entscheidend.»

Russinnen und Russen in der Schweiz

Seit Wladimir Putins Rückkehr ins russische Präsidentenamt 2012 sind laut Auskunft des Staatssekretariats für Migration rund 11’000 russische Staatsbürger in die Schweiz gezogen. Wie viele von ihnen geblieben sind, lässt sich nicht genau beziffern, da auch temporäre Arbeitsbewilligungen und Studienaufenthalte dazugezählt werden.

Die «Emigration der Mittelschicht», von der Gudkow spricht, begann vor rund zehn Jahren: nach der schweren Wirtschaftskrise, ab Ende 2008. Der Protestwinter vor sechs Jahren und Putins Rückkehr vom Ministerpräsidium ins Präsidentenamt beschleunigte die Fluchtbewegung. Der Kreml lässt die Türen offen für alle, die unzufrieden sind. Schliesslich schrumpft so das ohnehin niedrige Protestpotenzial weiter. Ein Schaden, so Gudkow, werde erst mittel- bis langfristig entstehen. Seine Prognose für Putins nächste Amtszeit: «Solange das System repressiv bleibt, wird sich die Abwanderung fortsetzen.» In seinen Umfragen laute die häufigste Antwort der Auswanderer: «In unserem Land haben wir keine Zukunft.»

Aus dem Ural nach Paris: Nadeschda Kutepowa

Wurde eingeschüchtert, weil sie für die Opfer atomarer Unfälle kämpfte: Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Nadeschda Kutepowa. Eelkje Colmjon

Das Leben in Westeuropa wollte zunächst nicht recht passen, es war unbequem wie ein neuer Schuh. Anderes Land, neue Sprache. Die Unterkunft: ein Flüchtlingsheim. Wenig Geld, viele Ungewissheiten.

Hals über Kopf war sie mit vier Kindern aus Osjorsk abgereist: Nadeschda Kutepowa, 1972 geboren, grazile Gestalt, das halblange Haar blondiert. Die Stadt im Ural ist die Heimat der berüchtigten Atomfabrik Majak, Schauplatz mehrerer Unfälle in den vergangenen Jahrzehnten. Kutepowa half mit ihrer Organisation Planet der Hoffnung den Menschen, die noch heute unter den Folgen atomarer Verstrahlung leiden.

Die Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin kämpfte für Kompensationen und Umsiedlung aus verseuchtem Gebiet. Für Kutepowa ist das mehr als ein Job. «Es ist meine Mission», sagt sie. Das Schicksal ihrer Familie ist eng verknüpft mit Majak: Ihr Vater war Liquidator nach einem Unfall, starb später an Krebs. Da war Kutepowa 14 Jahre alt. Die Mutter versorgte als Ärztin die Arbeiter des Werks.

Kutepowas Arbeit half den Betroffenen, aber ärgerte die Behörden. Oft stören Aktivisten den russischen Staat, der fürchtet, eine starke Bürgerschaft könnte die bestehenden Machtverhältnisse erodieren lassen. Die Bedeutung der Atomfabrik ist zudem nicht zu unterschätzen. Während Russland neue Stärke demonstriert, spielt die Atomindustrie eine zentrale Rolle. Vor wenigen Wochen präsentierte Putin neue Nuklearwaffen. Zudem will die Regionalverwaltung im Ural Investoren in die Gegend locken. Mit ihrer Arbeit hatte Kutepowa unerwünschte Aufmerksamkeit geschaffen.

Ärger mit den Behörden, allen voran mit dem Geheimdienst FSB, war für Kutepowa nicht ungewöhnlich. Mehrfach versuchte man sie einzuschüchtern. Doch sie machte weiter, bis 2015.

Seit 2012 müssen sich Nichtregierungsorganisationen als «ausländische Agenten» registrieren, wenn sie Geld aus dem Ausland bekommen und politisch aktiv sind. Das Gesetz soll kritische Organisationen an die Kette legen. Planet der Hoffnung erhielt Spenden aus dem Ausland, verweigerte aber die Registrierung als «Agent», um eine Stigmatisierung zu vermeiden. Ein Gericht verurteilte die Organisation deswegen zu einer Strafe von umgerechnet knapp 5500 Franken.

Zur selben Zeit machte das Staatsfernsehen Stimmung gegen Kutepowa. Sie betreibe Industriespionage für die USA, behauptete eine Reporterin und führte einem Millionenpublikum das Haus der Aktivistin vor. Für den «Verrat gegen den Staat» hätte Kutepowa für lange Zeit im Gefängnis verschwinden können.

Die Einschüchterung wirkte.

Aus Angst vor einer Haftstrafe floh Kutepowa im Sommer 2015 nach Paris, auch ihren Kindern zuliebe. In Frankreich landete sie mit leichtem Gepäck. Nur zu gern wäre sie schnell wieder zurückgereist. Den Asylantrag stellte sie erst nach drei Monaten, seither ist sie als politisch verfolgt anerkannt.

Inzwischen lebt Kutepowa in einer eigenen Wohnung. Sie spricht Französisch und engagiert sich weiter für die Menschen im Ural. Seit vergangenem Herbst rätseln Experten über einen möglichen neuen Unfall im Majak-Werk, den die Behörden vertuscht haben könnten. Nadeschda Kutepowa wird weiter gebraucht.

Von Moskau nach Riga: Galina Timtschenko

Verliess Russland, weil sie sich nicht ihr Leben lang mit Geheimdienst, Polizei und Steuerbehörde herumschlagen wollte: Journalistin Galina Timtschenko. Ints Kalnins/Reuters

Die Redaktionsräume waren einmal eine Wohnung am Rande des Rigaer Zentrums. Hohe Decken, knarrende Holzdielen: Hier residiert die Redaktion des Nachrichtenportals «Meduza», das auch in englischer Sprache erscheint. Galina Timtschenko, 55 Jahre, kurzes braunes Haar, dickumrandete Brille, hat es im Herbst 2014 gestartet, nachdem ihre Arbeit als Journalistin in Moskau beendet war.

Es war die Berichterstattung über den Konflikt in der Ukraine, die die Chefredaktorin der Nachrichtenseite «Lenta» zu Fall brachte. Russlands Kontrolleure von Roskomnadsor, der Aufsichtsbehörde über Massenkommunikation, kritisierten «extremistisches Material». Timtschenko räumte ihren Posten. Der «Lenta»-Eigentümer behauptete, die Chefin sei freiwillig gegangen. Sie widerspricht: Sie sei auf Druck aus dem Kreml gefeuert worden.

Als Nächstes zog Timtschenko mit ihren alten Kollegen nach Riga und startete das neue Nachrichtenmedium. Ihr Ziel: unabhängiger und ausgewogener Journalismus, wie er in Russland immer seltener möglich ist.

Timtschenko meint, sie hätte «Meduza» im Grunde aus Russland betreiben können. «Aber ich wollte mich nicht mein Leben lang mit Geheimdienst, Polizei und Steuerbehörde herumschlagen.» Ein falscher Tweet genüge, sagt sie, «und sechs Dienste kommen, um die Redaktion zu überprüfen».

Deshalb Riga.

Lettland ist attraktiv, nicht nur für Exil-Journalisten. Die Nähe zu Russland, der hohe Anteil Russischsprachiger, mildes Klima und vergleichsweise günstige Lebenshaltungskosten in einem EU-Staat sind gute Argumente für die baltische Republik. Zogen bis 2010 pro Jahr einige hundert Russen hierher, lag die Zahl der Zuwanderer aus dem Osten in den vergangenen Jahren konstant im vierstelligen Bereich.

«Viele von ihnen», sagt Timtschenko, «leben in zwei Ländern gleichzeitig.» Sie hätten Russland verlassen, blieben ihrer Heimat jedoch verbunden: Wohnort Riga, Arbeitsort Moskau. «Viele verbringen das Wochenende hier und stehen am Montagmorgen mit Krawatte und Aktenkoffer am Flughafen», sagt die Journalistin.

Die Redaktion von «Meduza» will zeigen, was wirklich in Russland geschieht: «Es gibt keinen Mangel an Informationen in Russland», sagt Timtschenko. «Aber einen Mangel an Objektivität.»

Timtschenko ist überzeugt, dass ihre Arbeit eine Auswirkung auf die russische Gesellschaft hat: «Wir versuchen, das Interesse an Politik zu steigern.» Ziel sei es, die grosse Apathie in der Gesellschaft zu lösen. Mehr als zwei Drittel der Nutzer seien junge Russen unter 35. Sie hätten die Chance, sagt Timtschenko, einmal ohne Putin zu leben. «Und wir versuchen, mit unserer Zukunft zu sprechen.»

Ab nach Odessa: Maria Gaidar

Glaubt, dass sie in der Ukraine, anders als in Russland, mithelfen kann, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen: Politikerin Maria Gaidar.Arkhip Vereshchagin/TASS/Getty Images)

Der Name steht für Politik: Maria Gaidar. Ihr Vater Yegor war Anfang der 90er-Jahre der grosse Reformer der russischen Marktwirtschaft. Sie selbst war Aktivistin der liberalen Opposition und Vizegouverneurin im russischen Kirow. Nach ihrem Wegzug aus Russland wurde die heute 35-Jährige mit dem mädchenhaften Gesicht Vizegouverneurin in Odessa, inzwischen ist sie Abgeordnete in der ukrainischen Hafenstadt und Beraterin von Präsident Petro Poroschenko.

Gaidar steht für eine Politik, die in Putins Russland keinen Platz hat. Für Reformen und Demokratie. Engagement für die Opposition aber endet oft im Gefängnis oder gar im Tod, wie im Fall des 2015 ermordeten Oppositionellen Boris Nemzow.

Gaidar wünscht sich eine «freie und demokratische Gesellschaft». Die Ukraine ist ein beliebter Zufluchtsort für Aktivisten. Sie hoffen, hier Reformen anzustossen, die in Russland unmöglich scheinen. Einige glauben gar daran, den Geist der Maidan-Revolution aus dem Nachbarland nach Russland exportieren zu können.

Michail Saakaschwili, einst Präsident Georgiens und eine Weile Gouverneur von Odessa, holte Gaidar im Frühling 2015 in die Ukraine. Präsident Poroschenko persönlich verlieh ihr die ukrainische Staatsbürgerschaft.

«Ich fühle, dass ich hier etwas erreichen kann, was ich in Russland nicht konnte», sagt Gaidar. Die Ukraine biete ihr Möglichkeiten, ihre Arbeit fortzusetzen, «eine demokratische Gesellschaft aufzubauen». Die Menschen in der Ukraine wollten, davon ist Gaidar überzeugt, «europäische Werte leben» – trotz aller Schwierigkeiten, die das Land erlebt. In Russland hingegen steckten viele Menschen in alten Denkmustern fest: «Sie sagen: ‹Wir wollen, dass die USA uns fürchten›», sagt Gaidar: «Ich verstehe nicht, wieso das wichtig ist, bei all den Problemen, die es im Land gibt.»

Die Ukraine solle einmal als Vorbild für Russland dienen, hofft die Politikerin. Viele Menschen in Russland blickten über die Grenze und wünschten sich, dass im Nachbarland der Wandel zu einer offenen Gesellschaft gelinge. «Wenn die Russen sehen, dass es besser wird in der Ukraine, dann hätte das eine gewaltige Wirkung auf Russland», sagt sie.

Von St. Petersburg nach Berlin: Innokenti Schuwalow

Verliess Russland, nachdem der Staat begonnen hatte, missliebige Websites zu blockieren und über strengere Regeln für das Internet zu diskutieren: Software-Spezialist Innokenti Schuwalow.zvg

Der Zufall führte Innokenti Schuwalow in die deutsche Hauptstadt. «Als Software-Entwickler kann ich überall auf der Welt einen Job finden», sagt der Mittzwanziger mit Vollbart und Kapuzenpulli. New York und San Francisco standen ebenfalls auf seiner Wunschliste, bis 2016 ein Recruiter den damals 25-Jährigen zu einem Start-up in Kreuzberg lotste, einem Online-Gebrauchtwagenhändler. Die kleine Firma war gewachsen und suchte dringend Programmierer. Sie fand Russen und Ukrainer: gut ausgebildet und auf der Suche nach einem Job im Ausland. So wie Schuwalow.

Russland habe er «aus wirtschaftlichen Gründen» verlassen. Auswandern sei immer eine Option gewesen, für eine steilere Karriere und ein höheres Gehalt. Schuwalow arbeitete während des Studiums für den IT-Riesen Yandex, den «Google des Ostens». Er träumte vom Aufstieg als Software-Entwickler. Ein paar Jahre würde er in seiner Heimatstadt St. Petersburg bleiben, dann ab ins Ausland, wo der Lebensstandard höher ist. Das war sein Plan.

Politik war für ihn lange Zeit «keine grosse Sache». Mit vielem sei er zwar nicht einverstanden gewesen, er wäre aber kaum auf die Idee gekommen, sich an Protesten zu beteiligen. «Ich wollte meine Gesundheit nicht riskieren», sagt Schuwalow. Er fand, dass Russland sich «grundsätzlich in eine gute Richtung entwickelt. Es war nicht alles bestens, aber okay.»

Seine Sichtweise änderte sich, als im Frühjahr 2014 russische Soldaten in das Geschehen auf der Krim und im ostukrainischen Donbass eingriffen. «In Russland drehte die Propaganda durch», sagt er. Der Rückhalt für Putins Kurs im Volk schoss in die Höhe, auf 80 Prozent und mehr.

Die Politik, die in Innokenti Schuwalows Leben zuvor im Hintergrund abgelaufen war, drängte plötzlich in seinen Alltag. Der Westen erliess Sanktionen, Russland wehrte sich mit einem Lebensmittelembargo. Hinzu kam der sinkende Ölpreis, der die Wirtschaft belastete und auf die Währung drückte.

Aus den Regalen in Schuwalows Supermarkt verschwanden Parmesan und Camembert. Die Ferien im Westen, das neue Smartphone – auf einmal war vieles für ihn zweimal teurer. «Es ist übel, wenn ein Diktator einen Krieg beginnt, und dein Gehalt halbiert sich», sagt Schuwalow.

Als der Staat begann, missliebige Websites zu blockieren und über strengere Regeln für das Internet zu diskutieren, war für den Software-Spezialisten die Zeit für den Absprung gekommen. «Programmierer können einfach gehen, solange sie einigermassen Englisch sprechen. Wir werden überall gebraucht.» Schuwalow ist einer der vielen, die leise und unbemerkt gingen. Ohne Ärger mit der Obrigkeit. Auf der Suche nach einem besseren Leben.

Warten auf die Rückkehr

Kutepowa, Timtschenko, Gaidar und Schuwalow sind Russlands neue Emigranten. Einiges erinnert an Auswanderer aus Sowjetzeiten, doch etwas Wesentliches ist anders: Der Eiserne Vorhang war damals undurchlässig, wer raus war, kam nicht zurück. Wer heute geht, lässt Wohnung, Job, Familie und Freunde zurück – und hofft oftmals auf Rückkehr.

Vorausgesetzt, es wird ein anderes Russland sein, in das man dereinst zurückkehrt.

«Zunächst dachten wir, dass wir in zwei, drei Jahren zurückkönnen», sagt die Journalistin Timtschenko in Riga. Mittlerweile weiss sie, dass die Chancen auf baldige Heimkehr winzig sind. Sie hofft auf die nächste Generation, die in «einem teilweise freien Land aufgewachsen» sei und die Welt durch das Internet betrachte. «Vielleicht sind wir mit ihren Erfahrungen in der Lage, etwas zu verändern.»

Programmierer Innokenti Schuwalow plant keine baldige Rückkehr. Die Politikerin Maria Gaidar hingegen will zurück. Aber sie wagt keine Prognose, wie lange der Wandel auf sich warten lassen wird: «Alles hängt von Putin ab.»

Und Aktivistin Nadeschda Kutepowa würde lieber heute als morgen heim nach Osjorsk reisen und ihr Land «Stück für Stück verbessern». Doch Russland habe sich über die Jahre verändert: «Nach einer Zeit gewisser Freiheit sind wir längst wieder auf dem Weg zurück in die Sowjetunion. Viele Russen wollen keine Verantwortung tragen, darum folgen sie ihrem Anführer», sagt sie. «Egal, in welche Richtung.»

Ein wenig, immerhin, lässt sie das auch hoffen: dass unter einem anderen Präsidenten die Mehrheit im Land dereinst zu Wandel bereit sein wird.

Zum Autor

Oliver Bilger ist freier Journalist und Russland-Kenner. Während fünf Jahren berichtete er für verschiedene deutschsprachige Medien aus Moskau.

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