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Blick in den Operationsraum, mit futuristischen Stühlen und Monitoren an der Wand
Die Utopie der Staatssteuerung im Chile der 1970er-Jahre: Sieben Stühle im Opsroom, dem Organisationszentrum des Projekts Cybersyn. Gui Bonsiepe

Der Traum vom Tech-Staat

Eine sozialistische Utopie in Chile wollte lange vor dem Silicon Valley das Regieren endlich schwerelos und Freiheit programmierbar machen: das Projekt Cybersyn.

Von Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski, 15.05.2018

And I’m floating in a most peculiar way / and the stars look very different today / for here / am I sitting in a tin can / far above the world / planet Earth is blue / and there is nothing I can do / though I’m past one hundred thousand miles / I’m feeling very still

David Bowie, «Space Oddity»

In Zeiten der Digitalisierung fühlt sich vieles wie eine Attacke der Zukunft auf das Jetzt an. Überall scheint der Zeitgenosse von Science-Fiction umstellt; Visionen, die ihn in ein Morgen beamen, von dem er gar nicht wusste, dass er es sich so sehnlich erträumte. Ein Sinnbild dieser erstaunlichen Exzentrik schuf zuletzt Silicon Valleys Chef-Innovator Elon Musk. In einem sensationellen Vorspiel auf künftige Marsflüge jagte er eine SpaceX-Rakete, mit einem Tesla Roadster bestückt, in den Orbit. Seither kreist – im Live-Stream übertragen – ein «Raumfahrer» in einer Mischung aus «Back to the future» und «Per Anhalter durch die Galaxis» um den Erdball. Welch schöne neue Aussicht: schwerelos im luftleeren Raum – «all watched over by machines of loving grace».

Auch jenseits solch jungenhafter Himmelsstürmerei werden wir kontinuierlich mit einem futuristischen Möglichkeitssinn konfrontiert. In unheimlichen Allianzen aus Big Tech und Big Government – einer Melange aus Konzernen, Thinktanks und staatlichen Einrichtungen – tun sich immer wieder «unerhörte» Utopien auf; gespickt mit digitalen Verheissungen verweisen sie auf eine «smarte» Gesellschaft im automatisierten Wohlfühlmodus.

Doch schauen wir einmal genauer hin. Und schon wirken die fantastischen Horizonte wie blosse Wiederholungsschleifen. Was so innovativ-aufgetunt daherkommt, was sich mit ein bisschen Glitzer im Gewand des Neuen präsentiert, überstrahlt eine Vergangenheit, deren Ideenkosmos die durchdigitalisierten Städte und Staaten wie aufgehübschte Wiedergänger erscheinen lässt. Tech-Visionäre träumen immer wieder und schon sehr lange vom perfekten Staat mittels technologischer Aufrüstung.

Deshalb lassen sich gerade die heutigen Zukunftsszenarien besser einordnen, wenn man einen Blick in die Geschichte wagt. Beispielsweise in das sozialistische Chile Salvador Allendes (1970–1973). Und damit in eine Zeit, in der die Grenzen zwischen Science-Fiction und Science-Fact nicht nur fliessend, sondern in der manche Ideale wirklich neu waren.

«Grandiose Theorie, brillante Geistesblitze»

Ein Hauptakteur war eine der eindrücklichsten Persönlichkeiten der Kybernetik-Geschichte – und zugleich ihr Enfant terrible: der britische Unternehmensberater Stafford Beer. Seine Schriften beflügelten nicht nur die wissenschaftliche Vorstellungskraft der 1950er- und 1960er-Jahre und inspirierten Musiker wie David Bowie und Brian Eno. Sie erfahren auch in diesen Tagen eine weitreichende Renaissance. So betonte zuletzt Geoff Mulgan, der Organisationsexperte des Thinktanks Nesta, die Aktualität des Mannes, seiner «grandiosen Theorie und brillanten Geistesblitze»: Beer inspiriere noch heute Regierungen, «die Verbindungen zwischen den Teilen des Systems neu zu verdrahten und dann den Sprung zu machen, Dinge auf eine neue Art zu tun».

Brillanter Theoretiker, der auch Gedichte über Kosten-Nutzen-Rechnungen verfasst: Stafford Beer, Mastermind hinter Cybersyn. Gui Bonsiepe

Stafford Beer selbst pendelte zwischen den Extremen: Er war ein unsteter Geist mit langem Bart, der einerseits sozialistische Neigungen hegte, in Öl malte, Yoga machte und denkwürdige Gedichte schrieb – unter anderem über Kosten-Nutzen-Rechnungen. Andererseits war er als Rolls-Royce- und Zigarren-Afficionado bekannt, der Tagessätze von 500 Pfund verlangte, was damals umgerechnet etwa 5000 Franken waren. Und der zu einem der international gefragtesten Industrieberater seiner Zeit aufstieg. Später sollte es nicht zu Unrecht heissen: «the man who could have run the world».

Die Popularität dieses schillernden Bonvivants war aber allenfalls nachrangig in seiner charismatischen Aura begründet, davor lag sie eher in seinem besonderen Interesse für Organisationsstrukturen und komplexe Systeme. Der computeraffine Ingenieur wandte gewinnbringend auf Unternehmen an, was er vom Mathematiker Norbert Wiener über die Kybernetik gelernt hatte, die Wissenschaft der Regelung und Nachrichten-Übertragung in Lebewesen und Maschine. In den 1950er-Jahren gründete er das weltgrösste Operations-Research-Institut, experimentierte mit technologiegestützten, feedbacklogischen Informationssystemen in Fabriken und avancierte später mit Schriften wie «Cybernetics and Management» oder «Brain of the Firm» zum Erfinder der Management-Kybernetik.

Die Erfolge in der ökonomischen Sphäre machten Beers innovative Organisationstheorie auch für Regierungen interessant – und liessen seine Ambitionen schliesslich expandieren. Anfang der 1970er-Jahre stieg er, vom chilenischen Sozialisten Salvador Allende beauftragt, zum Geistesvater einer direkten Demokratie-Maschine auf, dem Projekt Cybersyn. Ein Projekt, in dem sich nicht nur der heimliche Mastermind späterer digitalstaatlicher Kontrollfantasien reflektiert, sondern das auch – ohne es zu beabsichtigen – den Nullpunkt des Politischen tangiert.

Das Projekt Cybersyn

Cybersyn war eine Utopie, die aus der Not geboren wurde; ein «sozialistisches Internet», das die prekäre volkswirtschaftliche Lage Chiles neu ordnen sollte. Diese war infolge des sozialistischen Umschwungs geprägt von Agrarreformen, Bankenverstaatlichungen und einem US-amerikanischen Handelsembargo. Wie der Medienwissenschaftler Claus Pias schrieb, bedurfte es nicht weniger als einer «Revolution, die die Revolution beendet».

Stafford Beer (Mitte) und sein Team beim Dinner in Chile. Courtesy of the Stafford Beer Collection at Liverpool John Moores University Collections&Archives

Aber wie konnte das passen? Hier Allende, dessen Steuerungssinn zwischen rechts oder links, konservativ oder progressiv navigierte; dort Beer zwischen den Polen Effizienz und Ineffizienz, Ordnung und Unordnung. Hier Allende, der Freiheit als normatives Ideal begriff, dort Beer, für den sie eine «programmierbare Funktion der Effektivität» darstellte. Es waren aber gerade diese Gegensätze, weshalb Beer dem späteren chilenischen Finanzminister Fernando Flores als ideale Wahl erschien, um komplexe Systemtheorie zur «science in the service of man» zu machen.

Politische Kybernetiker wie Karl Deutsch hatten auf dem Papier schon in den 1960er-Jahren über die Regierung als Regelkreis fantasiert. Diese Theorie setzte ein Team aus Designern, Ingenieuren und Programmierern nun ab Ende 1971 im kleinen Chile ganz praktisch um. Als Bedingung von «Chiles friedlichem Weg zum Sozialismus» sollte das Vorhaben nichts weniger als die kybernetische Koordination der Produktion ermöglichen – die sichtbare Hand des Marktes. Man war auf der Suche, so würde man vielleicht heute in der üblichen Verkürzung sprechen, nach einem staatstragenden, einem perfekten Algorithmus.

Datenverarbeitung in den 1970er-Jahren. Gui Bonsiepe

Beer liess sich bei dem Auftrag von zwei seiner massgeblichen Konzepte leiten: einem Entscheidungssystem, das sich auf Echtzeit-Informationen stützen würde (die «liberty machine») und einer Struktur von teilautonomen Systemen, die sich flexibel an kontingente Umwelten anpassen sollte (das «viable system model»). Darauf aufbauend entwarf man das sogenannte Cybernet, ein Informationsnetzwerk aus Telex-Maschinen, das die Fabriken des Landes verband und – einem Satellitensystem ähnlich – die Produktionsdaten zum zentralen IBM-Grossrechner in Santiago de Chile funkte.

Hippies, Kubrick und Enterprise

Das Herzstück von Cybersyn war eine unzeitgemässe Betrachtung, eine futuristische Operationszentrale, in der die Wirtschaftsdaten des Landes gesammelt, gebündelt und verarbeitet wurden: der legendäre Opsroom. In diesem optischen Verschnitt aus dem Inneren eines Hippie-Domes, Kubricks Spacecraft Discovery One und der Brücke des Raumschiffs Enterprise fehlten zwar extraterrestrische Wesen, doch verströmten schon die roten Tulpenstühle mehr als nur einen Hauch glücklicher Zukünfte. Sie waren nicht hierarchisch, sondern egalitär – als Sitzkreis – angeordnet und schmiegten sich in der Ausstattung dem luxuriösen Lifestyle des Erfinders an, waren also mit Aschenbechern für Zigarren und einem Abstellplatz für Cocktailgläser versehen. Der am Projekt beteiligte deutsche Designer Gui Bonsiepe schwärmte von einer legeren «Salonatmosphäre» in «amusing colours» – in der Kommandozentrale einer ganzen Volkswirtschaft erkannte er nicht nur ein «future panel», sondern auch eine «bar for pisco sour and so on».

Designskizze des drehbaren Stuhls im Opsroom. Courtesy of the Stafford Beer Collection at Liverpool John Moores University Collections&Archives

Ästhetisch galt in diesem «Club-Haus» durch und durch: Form follows function. Die sieben drehbaren Sitze – in Zahl und Design das Muster einer «maximal kreativen Gruppe» (Beer) – sollten Raum für freigeistige Arbeit, vor allem aber eine umfassende Perspektive eröffnen. Wohin man sich auch wendete, informierten in die Wände eingelassene Bildschirme – in Echtzeit – über die Pegelstände der Produktion, die Zirkulation der Kommunikation oder Störungen in der Distribution. In diesem neuen fluiden Wissensregime verkörperte der langsame, intransparente Bürokrat eine Art Klassenfeind: Papier, schrieb Beer entschieden, sei von nun an «verbannt»: «The answer is Data-Feed.»

Die Datenströme sollten Ordnung ins Chaos bringen, die Verwaltung beschleunigen und die Regierung in ruhigere Fahrwasser überführen – das sanfte Schnurren der Systeme. Dabei folgte man progressiven Prinzipien: Jeder Arbeiter, keine speziell ausgebildete Elite, sollte die «Entscheidungsmaschine» (Beer) steuern können, über zehn farbige Knöpfe in der Armlehne eines jeden Stuhls. Transparenz und Überschaubarkeit waren so essenziell wie die Validität der Daten, und so unterstützte schon das Design – Apples Maxime «Let’s make it simple» nicht unähnlich – den jeweiligen Netzbetreiber dabei, Probleme faktenbasiert, schnell und fast intuitiv zu bewältigen: «Decision and Control» war nicht nur der Buchtitel eines beerschen Werkes, sondern Best Practice.

Zur bürgernahen Ausstattung des Projekts zählte auch das Programm Cyberfolk, ein veritabler Vorgänger zeitgenössischer Echtzeit-Feedbacks à la Facebook und Co. Das politische Stimmungsbarometer ermöglichte die «psycho-kybernetische Regierung von Gesellschaft» (Pias), indem Bürgerinnen, etwa während einer live übertragenen politischen Rede, positive oder negative Gemütsbewegungen über Schalter am TV mitteilen konnten. Während die Abstimmungen der «electrical people’s assembly» dem chilenischen Volk angezeigt werden sollten, erschienen «die Wünsche der Menschen» (Beer) mathematisch bewertbar auch auf dem «happy/unhappy display» im Opsroom. Der kybernetische Staat liess sich so, direktdemokratisch legitimiert, aus systemischer Metaperspektive beziehungsweise bequemen Sitzschalen lenken – ganz ohne dafür die Erde verlassen zu müssen.

Schematische Darstellung der Abläufe im Opsroom. Courtesy of the Stafford Beer Collection at Liverpool John Moores University Collections&Archives

Die Rundumsicht, mit der Beer die Kontrollstation ausstattete, sollte jedoch nicht allein augenblickliche Stimmungen und vergangene Produktionsdaten anschaulich machen. Sie sollte – hierauf verwies schon Norbert Wieners Anti-Aircraft-Predictor – auch Künftiges berechenbar, Unerwartetes handhabbar machen. Kybernetik, damit grundiert sie auch gegenwärtige digitale Kontrollträume, ist eine Regierungskunst der Antizipation und fast unmerklichen Intervention; ein Modus Operandi, der die Beherrschung von Informationsströmen anvisiert und den «Data-Feed», falls nötig, umjustiert. So waren auch die Kontrolleure im Opsroom angehalten, das einmal Geplante nicht autoritär durchzusetzen, sondern sich den Umständen anzupassen, bei Störungen flexibel zu bleiben: umzuplanen, wieder zu planen, besser zu planen. Das zentrale Ziel war stets das systemische Überleben.

Big Data als kathartisches Lösungsmittel

Im Herbst 1972 kam es zu einer existenziellen Bewährungsprobe für das System Allendes. Es war der erste erfolgreiche Einsatz des Cybernets – aber es sollte auch der letzte sein. Mehrere zehntausend Transportunternehmer streikten über Wochen, die Versorgung der Bevölkerung war gefährdet. Doch das Netz der Telex-Maschinen ermöglichte es, die Produktion trotz Knappheit weiterhin über nur wenige hundert Fahrer zu koordinieren und einen Bürgerkrieg zu verhindern. Fahrwege und Kapazitäten konnten über die vernetzten Geräte mitgeteilt und Lebensmittel ausgeliefert werden.

Das Cybernet hatte seinen Eignungstest bestanden: Es hegte Ausschreitungen ein, noch bevor sie entstehen konnten. Doch das Experiment endete, kaum hatte es begonnen: Im September 1973 putschte sich General Augusto Pinochet in Chile an die Macht; der Opsroom, noch unbenutzt, wurde zerstört. Beer hatte den Wettlauf gegen die Zeit verloren – und schrieb später in «Designing Freedom» über das Ende seiner zukunftsweisenden Operation: «It was not fast enough.»

Die sagenhafte Wirkung der chilenischen Staatskybernetik entspinnt sich allerdings gerade an ihrer unvollendeten Geschichte. Ihr Funktionieren blieb Verheissung, ein Potenzial, das sich nicht entfalten konnte. Deshalb blieb Cybersyn stets mehr Neigung als Potenz, es war eine «Demokratie-Simulation» (Sebastian Vehlken), und die progressive Ästhetik verdeckte die eigentlich mangelhafte technische Ausstattung: Das Cybernet bestand nur aus einigen hundert Telex-Maschinen und einem einzigen Supercomputer, die Monitore im Opsroom waren allenfalls bessere Overhead-Projektoren, und Echtzeit bedeutete noch eine Verzögerung von 24 Stunden. Trotz allem bleibt festzuhalten: Seine technikemanzipatorischen Visionen sind bis heute unerreicht.

Die Ironie in und an der Geschichte über diesen «besonderen Traum eines kybernetischen Sozialismus» (Eden Medina) ist, dass Beers Grundrisse erst in einer überwachungskapitalistisch durchmöblierten Gegenwart, in der nun tatsächlich alles verschaltet und verdrahtet wird, neue, fragwürdige Blüten tragen. Zwar gedeihen auch heute postkapitalistische Spekulationen von der «Notwendigkeit» einer Post-Work-Society (Paul Mason oder Nick Srnicek) oder gar eines «fully automated luxury communism». Doch werden Big Data und Algorithmen auch auf weniger sozial-romantischen Pfaden zum kathartischen Lösungsmittel erklärt – vornehmlich für das «Problem» Politik.

Die Welt sei, so wird gerade in den Zirkeln eines politikwissenschaftlichen Pragmatismus häufig argumentiert, schlicht zu komplex für traditionelle, demokratische Repräsentation. Klassische Debatten seien zu träge und entscheidungsarm. So verwundert es kaum, dass immer ambitioniertere Versionen eines technologisch abgeschliffenen Staates auf den Markt der Ideen drängen.

Die «revolutionärsten» Ansätze des Lean Government markieren dabei die Konzepte der «direct technocracy» des Politikberaters Parag Khanna oder des von der GovLab-Direktorin und ehemaligen Obama-Beraterin Beth Noveck vorgeschlagenen «smart state» – Ideen, die die Errungenschaften der digitalen Kommunikationswelt auf die Ebene des Politischen applizieren, und dabei ganz dem neoliberalen Trend folgen, staatliche Aufgaben über private Dienste zu realisieren. Zwar provoziert das kontinuierliche Eindringen der Tech-Konzerne in das Hoheitsgebiet des Staates (Google restrukturiert gerade das öffentliche Schulsystem in den USA oder baut einen Stadtteil Torontos komplett nach seinen Wünschen um) in der kritischen Öffentlichkeit immer wieder dunkle Ahnungen. Doch für die Staatstheoretiker der Public-private-Partnership wirkt eine Plattform wie Facebook, die über zwei Milliarden «Einwohner» zählt, nach wie vor wie eine sprudelnde Inspirationsquelle für «smarte» Cybersyn-Updates. Da ist der Datenskandal um Cambridge Analytica wohl nur eine ärgerliche Schramme im Lack.

In den Modellen Novecks wird der Staat gleich selbst als soziales Netzwerk begriffen, dessen Institutionen und Leistungen nicht nur automatisiert, sondern vom Bürger direkt als «User-zentrierte Regierungserfahrung» via Smartphone bewertet werden können. Wie in einem Online-Shop würden dann vergebene Sterne, gehobene Daumen oder kritische Kommentare über die individuelle «Entscheidungsmaschine» geschmeidig und feedbacklogisch in einen grösseren Systemzusammenhang eingespeist. So, dass wieder der Einzelne, wie Beth Noveck wünscht, endlich die Möglichkeit hat, mithilfe sozialer Netzwerke wie Linkedin, Twitter etc. «an der Regierung teilzunehmen». Administrative Prozesse erschienen auf diese Weise transparenter, offener und breiter legitimiert. Sie liessen sich, wie Khanna für seinen Idealstaat («Info-Staat») empfiehlt, umfassend an KPIs ausrichten, den Key Performance Indicators.

Keine störenden Streiks: die Schweiz als Vorbild

Beschrieb sich Politik früher noch als das Bohren dicker Bretter, ermöglichte die Vernetzung der Welt eine postideologische «democracy without politics», eine Zeit der smarten Verflüssigung. Dieser Zustand erlaubt es dann, dass effizient und reibungslos regiert wird – Khanna ist nicht nur ein grosser Anhänger Chinas und Singapurs, sondern auch der Schweiz, weil hier so wenig störend gestreikt werde. Zwar gibt es in Khannas «democracy as data» noch Wahlen, doch seien diese «rückwärtsgewandt» und nicht das «geeignetste Mittel, um die allgemein vorherrschende Stimmung» abzuleiten. Es bedürfe unmittelbarer Echtzeit-Analysen aus sozialen Medien sowie Kontrolldaten aus Wirtschaft und Gesellschaft, die «tendenziell aussagekräftiger» seien als Plebiszite. In letzter Konsequenz erschienen «smarte Algorithmen besser als dumme Politiker», weshalb Khanna, angesichts politischer Irrationalismen wie der Wahl des twitternden Trump, gleich dazu rät, IBMs Supercomputer Watson – eine potentere Version als damals in Chile – an der Regierung zu beteiligen.

Eine der radikalsten «Utopien» bestimmte zuletzt Star-Investor Tim O’Reilly, der vorschlug, die «alten» Institutionen, die schliesslich auch nichts anderes seien als «Getränkeautomaten», gemäss der Vision des «government as platform» umzudesignen. Auch auf nüchternen deutschen Fachkongressen fanden solche Ideen zuletzt Anklang, sodass auch hier der «Staat als Plattform für digitale Ökosysteme» oder – an Noveck gemahnend – «der Online-Behördengang als personalisiertes Erlebnis» vorgestellt wurde. Doch O’Reillys Staatsmodell avisiert ein sehr viel umfassenderes Betriebssystem: eine algorithmisch getriebene Mechanik nach dem Vorbild von Airbnb, die die ganze Gesellschaft über das Rauschen der Ratings, einen beständigen Reputationsflow organisiert, vor allem reguliert. Das Ziel scheint eine Art «social credit store» zu sein, der in einer Mischung aus kapitalistischem Geist und kybernetischer Kontrolle die repräsentative, parlamentarische Demokratie ersetzt – und schliesslich ablöst.

Über Cybersyn ist nur noch der Staatspräsident: Skizze der Organisationsstruktur. Courtesy of the Stafford Beer Collection at Liverpool John Moores University Collections&Archives

Während Beer noch eindringlich davor warnte, privatwirtschaftliche Unternehmen in den politischen Prozess einzubinden – ihre Zielfunktion sei nicht auf das Gemeinwohl ausgerichtet – und im Opsroom gewählte Volksvertreter die Herren im Tulpenstuhl waren, übersetzt die durchkommerzialisierte Gegenwart seine kybernetischen Konzepte letztlich in eine neue Form der Technokratie; einen neokybernetischen Steuerungstraum, in dem nicht mehr «Experten», sondern die Technik selbst am regelnden Ruder sitzt.

Man muss bei diesen Effizienz-Schwärmereien nicht gleich an die dystopisch-vermessenen Abgründe der Netflix-Serie «Black Mirror» denken. Doch worauf die finale Vernetzung hinausläuft, ist ein entscheidender Systemwechsel hin zu einer numerischen Ordnung, in der es keine Politik, allenfalls Logistik gibt und Entscheidungen über automatisierte Feedback-Schleifen getroffen werden. In dieser Res publica ex Machina gilt dann mit Khanna gesprochen: «Connectivity is destiny.»

Vor diesem Hintergrund bestimmt sich das Projekt Cybersyn – trotz aller emanzipatorischen Bestrebungen – als erster realer Umschlagsmoment einer Dynamik, die sich seither immer tiefer in das gesellschaftlich Imaginäre einschreibt: der Gedanke nämlich, dass politische Probleme vornehmlich durch Technik zu lösen wären. Dass man, gemäss dem Slogan «Digital first. Bedenken second» dem krummen Holze Mensch nur über ein Mehr an Vernetzung, ein Mehr an Automatisierung, ein Mehr an Feedback-Schleife beikommen könne.

Die neuesten Modell-Erzählungen Novecks bis O’Reillys wirken so letztlich wie die seltsam verzerrten Spiegelungen beerscher Ideale. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Utopien. Nicht-Orte, die eine Kontrollarchitektur als totale Demokratie ausgeben, als eine elastische Elektronik des alltäglichen Lebens, in der – letztlich – nur derjenige partizipieren kann, der sich «anschliesst». Das Politische erscheint so nicht mehr vom Individuum, sondern von seinen Apparaturen aus gedacht. Sodass wir gänzlich von den «Kreaturen» abhängen, «die wir machten» (Goethe).

Unbemerkt bleibt dann – und diese Bruchlinien reflektieren sich bereits in der chilenischen «gouvernementalen Science-Fiction» (Burkhardt Wolf) –, dass Demokratie eben keine blosse Organisationstechnik ist, dass sie kaum als Tyrannei der Quantitäten oder als beständiger Strom an Likes und Klicks verstanden werden kann. Sie widerstrebt einem verabsolutierten Effizienzdenken – bleibt fragil, unberechenbar; bleibt diskussionswürdig, nicht festgestellt. In dieser schlechten, aber besten aller politischen Ordnungen sollte es – nach wie vor – um das Spiel der Antagonismen gehen, um Verständigungsprozesse, um die Verhandlung politischer Ideen und um Machtzerstreuung – nicht um eine bloss verwaltete Welt 2.0.

Die chilenische Utopie wirkt in diesem Licht wie der Schatten einer vergangenen Zukunft, die für einen Moment mehr versprach, als sie halten konnte. Sie ist ein historisches Lehrstück, das sich – frei nach Marx – zunächst als Tragödie, jetzt als Farce liest; ein Lehrstück, das uns den Weg zurück zu wirklich zukunftsweisenden Techno-Utopien ungleich schwieriger erscheinen lässt als die Heimkehr des muskschen Raumfahrers. Aber vielleicht legt es dieser unbekümmerte Autopilot am Ende der Geschichte auch genau darauf an: Lieber schweift er in die Ferne, geniesst den Ausblick im schwerelosen Schwarz, um in einer ewigen Wiederholungsschleife zu den Sounds von Bowies «Space Oddity» um die Sonne zu kreisen – auf einer immer schon vorausberechneten Flugbahn:

And I’m floating in a most peculiar way / and the stars look very different today / for here / am I sitting in a tin can / far above the world / planet Earth is blue / and there is nothing I can do / though I’m past one hundred thousand miles / I’m feeling very still

David Bowie, «Space Oddity»

Zur Autorin, zum Autor

Anna-Verena Nosthoff ist Philosophin, politische Theoretikerin und freie Autorin. Derzeit schreibt sie an einer Dissertation über die Kybernetisierung des Politischen. Felix Maschewski ist Germanist, Wirtschaftswissenschaftler, freier Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsgestaltung Berlin. Als Mitglied des PhD-Nets «Das Wissen der Literatur» (Humboldt-Universität Berlin) forscht er u. a. zum Kybernetischen Realismus, derzeit an der Princeton University, New Jersey. Neben den akademischen Arbeiten schreiben Maschewski und Nosthoff regelmässig Essays über die Kultur des Digitalen, deren Kalküle und Unberechenbarkeiten, zuletzt u. a. für die NZZ, «Spex», «Berliner Gazette» und «Agora 42».

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