Binswanger

Warum sind wir so reich?

Ein neues Buch diskutiert die Frage, worin wirtschaftlicher Wert besteht. Die Antworten der gängigen Wirtschaftstheorien sind offensichtlich absurd. Und das hat Folgen.

Von Daniel Binswanger, 12.05.2018

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«Ein Zyniker ist ein Mensch, der von jedem Ding den Preis und von keinem den Wert kennt», lautet ein Aphorismus von Oscar Wilde. Was könnte steriler sein, als wenn man zwar immer weiss, wie viel man wofür bezahlen will, aber keine Ahnung hat, wozu der erworbene Besitz eigentlich gut sein soll? Wenn nur noch Marktpreise und keine objektiven Werte mehr existieren, ist letztlich alles wertlos geworden.

Doch nicht nur der Wilde’sche Zyniker orientiert sich an Preisen statt an Werten. Das tut auch die heutige Volkswirtschaftslehre. Die heutigen ökonomischen Theorien, zum Beispiel die Modelle zur Berechnung des Bruttoinlandproduktes eines Landes, messen die Wertschöpfung durch die erzielten Preise von Dienstleistungen und Produkten. Es ist schon lange nicht mehr so, dass man aus dem ökonomischen Wert eines Erzeugnisses seinen Preis abzuleiten versuchen würde, sondern genau umgekehrt: Der Preis definiert den ökonomischen Wert.

Die italienische, heute in England lehrende Ökonomin Mariana Mazzucato hat in einem neuen, voluminösen Buch mit dem Titel «The Value of Everything» (Der Wert von allem) das Unvermögen der heutigen Ökonomie, eine kohärente Theorie des wirtschaftlichen Werts zu entwickeln, einer ausführlichen Analyse und Kritik unterzogen. Sie zeigt zum einen, dass die verschiedenen Theorien des wirtschaftlichen Werts sich über die Jahrhunderte stark gewandelt haben. Dass sie immer von mächtigen ideologischen Kräften angetrieben wurden. Und dass sie einen entscheidenden Einfluss darauf ausüben, wo wir hoffen, dass reale Wertschöpfung tatsächlich stattfindet, wo wir befürchten, dass sie behindert wird, und was die Wirtschaftspolitik de facto durchsetzt.

Laut Mazzucato ist die heutige ökonomische Wissenschaft mit einer folgenreichen Blindheit geschlagen: Sie kann keinen Unterschied mehr machen zwischen Wertschöpfung und Wertabschöpfung. Zwischen dem Erzeugen von genuin nützlichen Produkten und wirtschaftlichen Tätigkeiten, deren Hauptzweck darin besteht, anderswo produzierten Mehrwert abzugreifen und zu Geld zu machen, ohne dass dafür eine angemessene Gegenleistung erbracht würde.

«Die Debatte über verschiedene Werttheorien und die Dynamik der Wertschöpfung ist aus den Ökonomie-Fakultäten verschwunden», schreibt Mazzucato. Jedes Markteinkommen wird damit zu einem «verdienten Einkommen». «Wie mit einem Zauberstab», so Mazzucato, «wird der Begriff eines unverdienten Einkommens unsichtbar gemacht.» Die Frage, ob eine hoch bezahlte wirtschaftliche Tätigkeit produktiv oder eigentlich unproduktiv ist, kann gar nicht mehr sinnvoll debattiert werden.

Dabei war die Frage der Unterscheidung zwischen produktiven und unproduktiven Aktivitäten, zwischen realer Wertschöpfung und blossem Abschöpfen von Positions- und Monopolgewinnen eine der zentralen Fragen der klassischen Ökonomie. Adam Smith unterscheidet im «Wohlstand der Nationen» sehr sorgfältig zwischen produktiven Tätigkeiten, die einen realen Mehrwert erzeugen, und dem simplen Erzielen von Situationsrenten. Zu letzteren zählte er insbesondere die Einnahmen von Landbesitzern, die selber keinen produktiven Beitrag leisten müssen, um Gewinne zu erzielen, aber auch die Einkünfte von Anwälten oder Regierungsbeamten.

David Ricardo entwickelt mit seiner Arbeitstheorie des Werts den Smith’schen Ansatz weiter: Er stipuliert, dass der Wert eines Erzeugnisses durch die in seine Produktion eingegangene Arbeitsleistung bestimmt wird. Karl Marx leitet aus dieser These dann schliesslich seine Theorie des Mehrwerts ab – und die These von der gewaltsamen Umverteilung zugunsten des Kapitals.

All diese Theorien des ökonomischen Werts waren stark von ihrer Zeit bestimmt und stiessen schnell an ihre Grenzen. Doch mit der neoklassischen Wende gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es vorbei mit den Versuchen, ein objektives Mass für wirtschaftlichen Wert zu definieren. Die damals aufkommende Grenznutzentheorie des Werts beruhte auf zwei Grundhypothesen: Der Nutzen ist erstens immer subjektiv und liegt im Auge des Betrachters. Er bemisst sich am Preis, den ein Käufer zu bezahlen bereit ist. Wie hoch der reale Preis eines Produktes schliesslich liegt, ergibt sich zweitens aus dem Gleichgewicht zwischen Grenzkosten für den Hersteller und Grenznutzen für den Käufer. Den Wert bestimmt der Preis, und den Preis bestimmt das Marktgleichgewicht. Dieses Modell dominiert bis heute die Ökonomie.

Auch im neoklassischen Modell kann es zwar verzerrte Preise und damit falsche Wertzuschreibungen geben – aber nur wenn das Marktgleichgewicht nicht hergestellt ist, also wenn aus irgendwelchen Gründen Marktversagen vorliegt. Das ist immer dann der Fall, wenn der Wettbewerb nicht spielt. Die einzige Aufgabe, die die Wirtschaftspolitik im Rahmen dieser Weltsicht noch erfüllen muss, besteht deshalb darin, den Wettbewerb zu gewährleisten. Die fundamentale Frage, wie man Wertschöpfung erzielt, ist in der Neoklassik zusammengeschrumpft auf die Frage, wie man Wettbewerb garantiert.

Allerdings, so zeigt Mazzucato in einem faszinierenden Kapitel über Schwierigkeiten und methodische Veränderungen bei der statistischen Erfassung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und der Kalkulation des Bruttoinlandproduktes, kommt auch die heutige Volkswirtschaftslehre nicht an der Frage vorbei, welche Tätigkeiten produktiv und welche unproduktiv sind, wo wirklich Wertschöpfung stattfindet und wo lediglich Profite abgezweigt werden.

Was könnte wichtiger sein als eine zuverlässige BIP-Abschätzung – jener Grundindikator, an dem Erfolg oder Misserfolg von Regierungen gemessen wird? Mazzucato zeichnet nach, dass die BIP-Berechnungen auf einer Fülle von Auslassungen, bizarren Ad-hoc-Annahmen und höchst ideologischen Hypothesen beruhen – ganz einfach, weil man, um die Wertschöpfung einer Volkswirtschaft vernünftig quantifizieren zu können, über eine Theorie des wirtschaftlichen Werts verfügen müsste, die weit über den neoklassischen Rahmen hinausgeht.

Mazzucato diskutiert drei Wirtschaftszweige, denen aus ihrer Sicht heute eine viel zu hohe Wertschöpfung zuerkannt wird – und zwar aus dem einzigen Grund, dass sie extrem hohe Profite erzielen: die Pharma, die grossen Digitalplattformen und ganz besonders die Finanzindustrie. In allen drei Fällen macht sie sehr plausible Argumente geltend, weshalb die monetären Gewinne dieser Branchen über ihre objektivierbare volkswirtschaftliche Wertschöpfung weit hinausgehen. Ihre Profitabilität ist nur zum Teil auf ihre Produktivität zurückzuführen. Was sie in besonderem Masse auszeichnet, ist die Fähigkeit, Gewinne abzuschöpfen.

Aus helvetischer Perspektive sind diese Analysen besonders pikant. Bekanntlich ist die Schweiz eines der reichsten Länder der Welt, und das, obwohl das Land sich durch ungünstige topografische Bedingungen auszeichnet und über keinerlei Rohstoffe verfügt. Der Schweizer Reichtum beruhe allein auf einem Kompetenz- und Wissensvorsprung, auf hoher Wertschöpfung durch hoch qualifizierte Arbeit, so lautet die Theorie.

Mazzucato würde sie nicht zurückweisen, aber einen entscheidenden, weiteren Faktor ins Feld führen: Als Banken- und Pharmaland ist die Schweiz nicht nur zu einem Zentrum der Wertschöpfung, sondern der Wertabschöpfung geworden. Rohstoff-Extraktion ist für Anfänger. Wirklich einträglich ist Wert-Extraktion.

Damit die wirtschaftlichen Kräfte entfesselt werden können, braucht es eben viel mehr als unverzerrten Wettbewerb: Das ist eine Grundüberzeugung von Mazzucato, die sie bereits in ihrem Buch «Das Kapital des Staates: Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum» dargelegt hat und die sich auch in ihrer Analyse der Wertfrage affirmiert. Es braucht nicht zuletzt eine strategische Pflege von Kollektivgütern, Grundlagenforschung, Bildungsstätten und Infrastruktur – anspruchsvolle gesellschaftliche Voraussetzungen, die politisch organisiert und staatlich gewährleistet werden müssen.

Man kann Mazzucato im Zusammenhang mit dem neuen Buch vorwerfen, dass sie selber keine eigene, kohärente Werttheorie zu entwickeln vermag. Weder plädiert sie für eine Renaissance der klassischen oder der marxistischen Lehre, noch entwickelt sie einen eigenen umfassenden Ansatz. Aber sie zeigt in den verschiedensten Feldern, wie einerseits authentische Wertschöpfung massiv unterschätzt und andererseits offensichtlich parasitäre Wert-Extraktion nicht als solche erkannt wird.

Ihr Buch ist ein essenzieller Beitrag zu einer dringend nötigen Debatte. Denn Zynismus ist nicht nur unmoralisch. Er ist vor allem unproduktiv.

Debatte: Diskutieren Sie mit Daniel Binswanger

Stimmen Sie mit seinen Einschätzungen überein, oder erscheinen Ihnen seine Argumente nicht schlüssig? Sind bestimmte Ausgangshypothesen falsch? Entbrennt in Ihnen heftiger Widerspruch? Und welche Themen vermissen Sie in seiner Kolumne? Hier geht es zur Debatte.

Illustration Alex Solman

Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen, aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»

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