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Debatte

Soll die Schweiz auf Vollgeld umstellen?

Diskutieren Sie mit Autor Simon Schmid.

24.05.2018

Am 10. Juni stimmt die Schweiz über die Vollgeld-Initiative ab. Die Vorlage will das Finanzsystem weniger anfällig für Krisen machen, indem es das Geldwesen vom Kreditwesen trennt. Banken sollen über die Kreditvergabe kein Geld mehr schöpfen können; stattdessen soll die Nationalbank sämtliches Geld in Umlauf bringen – und zwar weitgehend «schuldenfrei».

Simon Schmid ist bereits vor einigen Tagen in zwei Texten vertieft auf die Initiative eingegangen: Vollgeld für Dummies: eine Einführung. Und Vollgeld für Nerds: eine Auseinandersetzung mit dem Wesen des Geldes und mit der Geld- und Finanzmarktpolitik im Vollgeld-System. Nun hat er einen dritten Text verfasst: «Die Märchen der Vollgeld-Initianten». Und wir legen die Debatte zu den ersten beiden Texten neu auf.

Deshalb sind nun wieder Sie am Zug: Was halten Sie grundsätzlich von der Initiative? Soll die Schweiz das Vollgeld einführen? Gäbe es damit weniger Krisen? Oder genügen die seit der Finanzkrise ergriffenen Regulierungen, um die Wirtschaft künftig sicherer zu machen?

Lesen Sie «Die Märchen der Vollgeld-Initianten» und debattieren Sie heute in unregelmässigen Abständen mit Autor Simon Schmid.

Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!

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Ja, auch ich war ziemlich negativ überrascht heute Morgen, als ich das Märchen von Herrn Schmid las: Aha, dachte ich, jetzt ist der Knüppel aus dem Sack und die bösen Buben von der Vollgeldinitiative, die eben dabei sind, unser schönes Bankensystem zu demontieren, kriegen mal kräftig Haue....
Die Debatte bestätigt sich damit weiter in ihrer einmaligen Einseitigkeit. Banken, Verbände, Parteien und alle vernünftigen Menschen in der Schweiz müssen sich Kraft einer illusorischen Initiative mit lästigen, rechthaberischen und wirren Menschen aus untergeordneten Positionen beschäftigen, die einfach nicht glauben wollen, dass alles in Ordnung ist in unserem Land, besonders aber bei den Banken und gerade ganz allermeist bei unserem doch so bewährten Geldsystem, dem Schweizer Fränkli....
etc. etc.
Herr Schmid bläst genau in dieselbe Trompete obwohl er doch in den ersten zwei Artikeln sich redlich bemüht hat, Aufklärung zu betreiben und dabei die "Vorhersage" sogar selbst erfüllt, dass die Initiative zu dem einem Zweck Aufklärung und Bildung über unser Geldsystem bewirkt. Natürlich hat er auch Recht mit der Verwirrung: Jemand ist verwirrt und jemand versucht diesen Verwirrten aufzuklären und ihn auf seine Irrtümer aufmerksam zu machen. Der Patient sieht aber weit und breit kein Problem, logisch, und ist der fixen Meinung der andere "mache" das Problem. Wenn es dann aber zu den neuralgischen Punkten kommt, wo er zu rudern beginnt, weil er keinen Durchblick hat, dann reagiert er emotional, abwertend und diskriminiert den anderen als lästigen Störer.
Soweit also doch auch eine polemische Antwort, aber es sieht leider nicht mehr so aus, als würden die Gegner der Initiative sich noch konstruktiv zeigen und z.B. mal anzuerkennen, dass wir ein historisch gewachsenes Problem des Rechtsbegriffes "Schweizer Franken" haben. Sie könnten dann zugeben, dass auch Handlungsbedarf existiert und insbesondere die Fragen eines stabilen und zukunftstauglichen Geldsystems dringend sind, gerade weil es die Grundlage (das Fundament) unserer gesamten Wirtschaft darstellt. (Fundamentalisten sind übrigens Leute, die auf keinen Fall auch nur einen einzigen Buchstaben am Fundament ihrer Lehre ändern wollen, und sei sie noch so durch die Tatsachen der Zeit überholt.)

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David Ricardo
editiert

Doch, es gibt heute bereits elektronisches Vollgeld! Mitarbeitende der SNB haben ein Konto bei der SNB und erhalten dort - schuldfrei abgesehen von der geschuldeten Arbeit - ihr Salär gutgeschrieben. Für dieses Vollgeldkonto gibt es z.B. auch eine Maestrokarte, wie bei einem normalen Bankkonto eben.

Dies bringt mich auf einen interessanten Punkt. Neben all den schwachen Argumenten wie billigem Banken-Bashing (Geld aus dem Nichts! Die Bank verdient am Zinsdifferenzgeschäft!) und der Verbreitung der Illusion, dass Finanzblasen verhindert würden usw. haben die Befürworter m.E. einen einzigen, wunden Punkt getroffen: Dass es heute für das Publikum nicht möglich ist, elektronisches Zentralbankgeld zu halten, ist auch als liberaler Sicht ein Missstand. Falsch ist aber m.E. der Ansatz, die Banken dazu zu zwingen, ein nach Haltefrist gestaffeltes Angebot für Privatkunden zu schaffen. Problematisch ist auch, dass die Kunden ihre Zahlungsverkehrskonten nur noch in Vollgeld halten können, zumal diese zwingend teurer würden (Was wohl viele Befürworter der Vollgeldinitiative ausblenden: Die Banken können heute nur deshalb Nullzinsen oder marginal positive Zinsen auf Standardkonti anbieten, weil diese durch "zu hohe" Zinsen beim Aktivgeschäft der Banken - meist Hypotheken - querfinanziert werden).

Sinnvoller wäre, wenn die SNB dem Publikum die Möglichkeit eröffnen würde, bei ihr ein "no-frills" Konto zu eröffnen. Dies natürlich zum geltenden Einlagesatz, der derzeit negativ wäre (allenfalls könnte die SNB auch Freibeträge einführen). Damit erst entstünde eine richtige Auswahl zu korrekten Preisen: Kunden hätten die Wahl zwischen einem bombensicheren "no-frills" Vollgeldkonto bei der SNB oder besser verzinsten, aber mit etwas höheren Risiken verbundenen Konten bei Geschäftsbanken. Geschäftsbanken würden möglicherweise selbst beginnen, in Konkurrenz zur SNB Vollgeldkonten mit höherem Leistungsumfang anzubieten. Weil damit das Handeln aller Akteure (Banken wie Kunden) auf Freiwilligkeit basiert, würde dies vermutlich die SNB auch von einem gewissen politischen und öffentlichen Druck entlasten, der im Vollgeldsystem unweigerlich auf sie zukommen würde.

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Viele Befürworter der Vollgeld- Initiative verfechten auch die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Das Grundeinkommen sollte durch eine Mikrosteuer auf Finanz- Transaktionen finanziert werden. Meine Frage als Ökonomie- Laie: Geht das zusammen, Vollgeld und ein durch Finanztransaktionen finanziertes Grundeinkommen?
Bin dankbar für Nachhilfeunterricht.

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Rhetorik vs. Argumente: der kleine Unterschied und die Folgen seiner Verwischung

Simon Schmid hinterfragt in seinem „Märchen“-Pamphlet bestimmte rhetorische Figuren, welche die Vollgeldinitianten im Abstimmungskampf verwenden. Soweit kann man ihm durchaus zustimmen. Ich sage das als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Initiative und Mitautor des Initiativtextes. Was ich Simon Schmid jedoch vorwerfen muss – und mit ihm dem Redaktionskollektiv, das so etwas durchgehen lässt –, ist seine journalistische Methode: Statt sorgfältig zwischen plakativer Abstimmungsrhetorik und differenzierter Begründung in der Sache zu unterscheiden, wirft er alles durcheinander. Der „Diskurs“ der Initianten (Einleitung) ist dann gleichbedeutend mit „Polemik“ (Abschn. 2); die sachlich korrekte Widerlegung landläufiger Irrtümer wie „Banken verleihen Spareinlagen als Kredite weiter“ wird als „Sturm der Entrüstung“ seitens der Initianten verächtlich gemacht; und die pauschale Disqualifizierung der Copenhagen Business School (CBS), die sich der Verfasser erlaubt – die CBS ist immerhin eine Partneruniversität der Universität St. Gallen –, macht offenbar die genauere Analyse der Sache, um die es in deren Studie (= „Horrorstory“) geht, überflüssig. Usw., usf.

Gewiss: Abstimmungsrhetorik ist, schon aus Platzgründen, regelmässig plakativ und bedient sich suggestiver Bilder; mit den genauen begrifflichen Differenzierungen und dem Diskurs (!) in akademischen Seminaren hat sie wenig zu tun. Doch Schmid scheint der gute Wille zur Unterscheidung der Kategorien zu fehlen; jedenfalls verliert er kein Wort dazu. Vielmehr bedient er sich hier selbst – fern von jeder substanziellen Argumentation – genau jener emotionalisierenden und teilweise sachfremden Rhetorik, die er den Befürwortern der Vollgeldreform vorwirft. Das tun sonst nur Interessenvertreter.

A propos: Kein Wort von Simon Schmid auch dazu, dass die rhetorischen Ungenauigkeiten der Initianten doch eher Petitessen sind im Vergleich zu den bisweilen wirklich üblen rhetorischen Methoden, mit denen die Gegner, die den Initiativtext teilweise noch immer überhaupt nicht näher angeschaut zu haben scheinen, operieren. Da werden oft weiträumig am wirklichen Anliegen der VGI vorbei Pappkameraden aufgestellt, die man dann scheinbar trefflich abschiessen kann.

Falls Simon Schmid seinen expliziten journalistischen Anspruch der „Klarstellung von Trugschlüssen“ (im Lead) ernst meint, wird er gewiss auch noch die „Märchen“ der Verteidiger des bestehenden, angeblich hervorragend funktionierenden Geld- und Kreditsystems ausleuchten. Aber bitte subito!

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Danke für den spannenden und fundierten Artikel. Als ausgebildeter Ökonom fand ich den "Nerd" Artikel sehr aufschlussreich. Leider, gehen die Diskussionen hier nur selten auf die vielleicht etwas subtileren Punkte ein, welche vom Autor schön dargelegt wurden.
Ich habe z.B. selber hautnah erlebt (damals als Banker) wie vor der Finanzkrise im grossen Stile über Jahre Kredite aus den Büchern der Banken in den Kapitalmarkt (zu PK's, Hedge Funds, UHNWI's, etc.) verschoben wurden. Die Kredite lagen nur kurze Zeit zur Verbriefung und dem Verkauf auf der Bankenbilanz. Wie die Vollgeld-Initiative hier helfen soll einen solchen Kreditbubble zu stoppen, erschliesst sich mir nicht. Theoretisch könnten also die hiesigen Banken auch bei Vollgeld ihre Kreditportfolios verbriefen und dann an Investoren weiterreichen (und dann neue Kredite sprechen und wieder verbriefen, etc.)
Auch das Thema Flexibilität ist wichtig und wird in den Kommentaren hier kaum erwähnt. Das weitreichende Instrumentarium der Notenbanken wurde nach der Finanzkrise vollständig ausgeschöpt und hat uns wohl vor gröberem wirtschaftlichem Schaden bewahrt (evtl. hätte man der Wirtschaft etwas mehr Opfer aufbürden können, um nicht Gefahr zu laufen ineffiziente Firmen durch tiefe Zinsen künstlich am Leben zu erhalten; aber das ist eine andere Diskussion).

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Was den Simon Schmid geritten hat, der Polemik die Sporen zu geben, ist mir ziemlich schleierhaft. Mehr noch, es nervt und wertet die Nerds- und Dummies-Artikel und Daniel Binswangers Kommentar ab. Diese Artikel halfen, mir eine Meinung zu bilden, die über mein Bauchgefühl hinausgeht. Es ist doch nichts Neues, dass Abstimmungskämpfe der Sachlichkeit und Genauigkeit entbehren. Und zwar auf beiden Seiten. Daher erwarte ich von der Republik Argumente und keine Polemik. Reicht ja, wenn sich Befürworter und Gegner die jeweils zu ihren Gunsten polierten Fakten um die Ohren hauen.

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Eine der Fragen ist, ob man gewisse dubiose Behauptungen und Metaphern der Initianten nur als Abstimmungsrhetorik interpretieren sollte, denen aber doch eine "differenzierte Begründung in der Sache" gegenübersteht, wie es Peter Ulrich in seinem Kommentar ausdrückt. Spätestens bei den "Fragen und Antworten" auf der Homepage der Initianten würde ich mir als Leser dann aber die "differenzierte Begründung in der Sache" wünschen und nicht mehr Abstimmungsrhetorik (oder Märchen, wenn man es weniger wollwollend interpretiert). Dort sieht es aber kaum besser aus. Was dort zu lesen ist, ist teilweise haarsträubend und leistet für eine fundierte Meinungsbildung leider wenig. Beispiel? Frage: "Können die Banken mit selbst geschöpftem Geld auch Gehälter bezahlen?" Antwort: "Nein, das geht nicht. Banken können mit neugeschöpftem Geld nur Vermögenswerte kaufen, die sie in der Bilanz auf der linken Seite (Aktiva) erfassen. Das sind Kreditforderungen, Wertpapiere aller Art, Immobilien und Edelmetalle." Das ist offensichtlich falsch, wie jede(r) erkennt, der ein wenig eine Ahnung vom Thema hat. Es ist mir unerklärlich, wie man so etwas schreiben kann. Und es ist fast eine verpasste Gelegenheit, das wäre doch auch wunderbare Abstimmungsrhetorik: "Skandal! Banken bezahlen Löhne mit selbst geschöpftem Geld!"

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Lieber Herr Schmid

Hmmmm ... . Zuerst einmal danke für Ihre Ehrlichkeit - unabhängig davon, ob Inhalt und Ton als passend empfunden wird.

Fest steht m.E. eigentlich nur, dass die VGI nur einen kleinen Aspekt des Finanzsystems angeht und verändert, und dass die Auswirkungen auf das Ganze nicht vorhersagbar sind.
Aus den Artikeln ‚Dummie‘ und ‚Nerd‘ kann ich recht gut nachvollziehen, wie Sie darüber denken und wie Sie bewerten (z.B. ‚genial!‘) - kurz: Sie vertrauen dem Finanzsystem, glauben an seine Richtigkeit und vielleicht sogar an seine Alternativlosigkeit. Andere tun das nun mal gar nicht, sehen gewisse Effekte als Indikatoren für gravierende Fehler und bewerten es negativ (z.B. ‚pervers!‘). Und viele haben eine mehr oder weniger diffuse Angst, dass all die schönen Finanzwerte eigentlich so wertlos sind wie des Kaisers neue Kleider.

So langsam wird mir also klar, dass auf der Sachebene (im Moment) kein Fortschritt möglich ist. Denn es geht eigentlich nur um Vertrauen und Misstrauen.
Ich weiss nicht, ob diese Dimension den meisten Ökonomen schlichtwegs fremd ist, oder ob das Finanzsystem als Ganzes halt so verkorkst oder komplex (wirklich?) ist, dass es bei bestem Willen nicht erklärbar ist. Jedenfalls sind zuviele der gutgemeinten Erklärungsversuche eher kontraproduktiv, nicht zu sprechen von den offensichtlich besserwisserischen und arroganten. Und leider ist auch Ihr ‚Ausbruch‘ sicher nicht ein Beitrag zum Abbau von Misstrauen gegenüber den Meinungsführern des Finanzsystems.

Fragen, die vielleicht weiterführen:
Sehen Sie im Finanzsystem überhaupt Verbesserungsbedarf oder nicht?
Wäre das eher eine Optimierung oder ein eher dringlicher ‚Fix‘?
Oder haben Sie denn wirklich keine Bedenken (Angst?), dass uns die ganze Chose noch ganz anders um die Ohren fliegt als in den letzten zehn Jahren?

Mit freundlichen Grüssen, K.A.

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Noch etwas zum Umstellungsgewinn. Simon Schmid, Sie schreiben: "Auf den Punkt 1 – die Umstellung selbst – gehen wir in diesem Text nicht ein. Er ist kompliziert und mit Unsicherheiten behaftet, wie die Initiantinnen selbst einräumen." (Dass die Initiantinnen dies selbst einräumen, ist mir neu. Worauf beziehen Sie sich da?)

Wenn der Umstellungsgewinn bezweifelt wird, geht es meistens um zwei Missverständnisse oder um eines von ihnen.

  1. Man meint, dieser Gewinn falle plötzlich in einem Schlag an.

  2. Man meint, die Geldmenge werde dabei erhöht.
    Beides stimmt nicht.

Es ist nicht derart kompliziert, wie behauptet wird. Bekanntlich bedeutet das Geld auf den Privatkonten eine Schuld der Banken gegenüber den Kontoinhabern. Bei der Umstellung wird kraft der Geldhoheit der SNB die Gesamtmenge dieser Privatkonten verwandelt in Vollgeldkonten ausserhalb der Bankbilanzen. Es ist dies die einmalige rein qualitative Geldschöpfung, bei der die Quantität gleich bleibt. (Alle sonstigen Geldschöpfungen der SNB schaffen Neugeld.)

Wenn damit der Prozess beendet wäre, hätten die Banken ein Geschenk in der Höhe von geschätzten 300 Milliarden erhalten, da ihre Schuld gegenüber den Kontoinhabern plötzlich erloschen ist. (Die Schätzung der verwandelten Menge mit 300 Milliarden dürfte vorsichtig sein.) Dafür besteht jedoch kein Grund. Vielmehr hat jetzt für die Banken der Gläubiger gewechselt: Statt den Kontoinhabern ist das jetzt die SNB. Diese Schuld muss getilgt werden, aber selbstverständlich nicht auf einen Schlag. Es muss eine faire, angemessene Frist vereinbart werden, z.B. 30 Jahre.

Bei der Tilgung dieser Schuld verändert sich die Geldmenge wiederum nicht, da die Banken mit bereits bestehendem Geld bezahlen müssen. Und der Gewinn für die Öffentlichkeit fällt nicht in einem Schlag an, sondern eben im Lauf von z.B. 30 Jahren.

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Die Vollgeldinitiative hat Ihre Berechtigung und eine Diskussion über das "Geld aus dem Nichts" ist mehr als angebracht. Immer mehr Geld verschiebt sich von unten nach oben.

Wir alle werden dank billigem Geld zu Mangelwesen erzogen. Der X3 ist zu klein, der Kredit günstig, lease also den X5. Der Nachbar hat den X5, dann lease ich den X7. Ferien regional - zu teuer. Wo bleibt mein Image? Ein kurzer Flug zum Einkauf in New York, warum nicht, der Transport kostet fast nichts. Das grössere Haus mit Pool, wenn ich die Hypothek erhalte... Die Umwelt leidet darunter, die Resourcen werden verschwendet und die nächsten Generationen werden die Rechnung zahlen. Billiges Geld, billiges verschieben von Gütern, Fliegen ohne Umweltabgabe, grosse Autos für fast nichts, Fleisch aus der Massentierhaltung, technisch kurzlebige Güter... alles hat Folgen (Abgase, Lärm, Müll...Ausbeutung) die der Masse einfach egal ist. Billig ist billig, Geld ist fast alles, Zeit ist Geld. Da die Politik von diesem kurzfristigen Denken profitiert, setzten sie sich nur wenige dagegen ein. In 4 Jahren bin ich eh weg. Gegen das kurzfristig denkende System zu sein kostet nur Stimmen und Ämtchen - Geld. Wer will kein billiges Auto oder keinen billigen Ferienflug? Die Bahn? Das Auto, ein Flug ist billig und bequem - Zeit ist Geld. Die Umweltbelastung kostet mich nichts. Jedem sein Privatflieger ist das nächste Ziel. Folgen? Egal, solange billig und zum persönlichen, kurzfristigen Vorteil.

Wir dürfen so nicht weitermachen. Nicht, dass Vollgeld diese Probleme alle lösen würde. Es wäre jedoch ein Schritt in die richtige Richtung. Zu verhindern, dass Geld sofort auszugeben, da sein Wert morgen nicht mehr vorhanden sein könnte, den Wert noch schneller verliert.
Zu reduzieren, dass Schulden das Geschäftsmodell sind.

Ja, Vollgeld kann - aus meiner Sicht - das System positiv verändern. Die Macht des Geldes etwas verschieben, vor allem für die mit dem Sparheft (die zwangsläufig kurzfristig weniger konsumieren, was die globale Wirtschaft nicht wünscht).

Nebenbei, den Titel "Das Märchen der Vollgeld-Initianten" finde ich populistisch und eher für den Blick passend.

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Unglaublich! Jetzt beteiligt sich auch die Republik an der Weiterverbreitung der Halbwahrheiten und Unterstellungen der Bankenpropaganda.

Buchgeld gaben die Banken schon immer heraus, sicher. Aber Schuldbriefe hatten eine ganz andere Funktion als ein heutiges Lohnkonto. Historisch gesehen versuchten Banken und Staaten schon immer, dem je andern die Kontrolle über den Geldkreislauf wegzunehmen (Details siehe Mathias Binswanger: Geld aus dem Nichts).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts musste eine Bank bei Kreditvergaben Wertschriften bei der Nationalbank hinterlegen, um zu Bargeld zu kommen. Deshalb meinen bis heute die meisten Leute, die Nationalbank drucke das Geld und verteile es an die Banken. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts und seither schafften es aber die Banken, Bargeld immer "billiger", das heisst zu einem tieferen Mindestreservensatz, von der Nationalbank zu erhalten. Darum geht es auch: Dem Staat die Kontrolle um den Geldumlauf zu entreissen, dann möglichst viele Kredite zu vergeben und beim Platzen der Blase vom Staat "gerettet" zu werden, das heisst, die Schulden auf die Steuerzahler abzuwälzen.

Wenn unserer Vereinskassiererin am Schalter der CLER Bank eröffnet wurde, man nehme jetzt kein Bargeld mehr an und zahle auch kein solches mehr vom Konto aus, ist das nur ein weiterer Schritt, den Leuten das Bargeld abzugewöhnen. In Griechenland und Zypern wurde und wird uns vorexerziert, wohin die Reise geht und wie leicht Privatkonten nach entsprechendem Bankendruck auf staatliche Anweisung hin erleichtert werden können.

Das ist nur ein Beispiel, wie oberflächlich der Artikel von Simon Schmid ist. Schade!

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Den neuen Text von Simon Schmid gerade gelesen, reagiere ich halt erst jetzt darauf: Wie schon seine ersten Texte ist auch dieser klar und sachlich, keinesfalls polemisch, wie die zahlreichen kritischen Gegenstimmen unterstellen. Auch die professorale Schelte ist zu einseitig. Schmid stellt nur richtig, dass die Initianten das seit 1891 beschlossene und seit 1907 auch ausgeübte Notenmonopol der Nationalbank falsch darstellen und kritisiert die immer wieder behauptete Geldschöpfung "aus dem Nichts" als analytisch unhaltbar. Er trifft damit einen wunden Punkt der Idee. Entsprechend wehleidig sind nun die Reaktionen der Vollgeld-VerteidigerInnen. Sie sollten vielmehr zugestehen, dass die mit der Idee geweckten Hoffnungen auf eine von Finanzkrisen befreite Zeit ganz einfach unhaltbar sind. Nicht das mit oder ohne Notenmonopol der Zentralbanken schon immer via Zahlungsverkehrskonten geschöpfte Buchgeld ist das krisenverursachende Problem. Solange die darauf beruhenden Kredite reale Gegenwerte haben, ist daran nichts auszusetzen. Kapitalistische Profitgier, Spekulation generell und mit stets neuen derivativen Bankprodukten sowie die daraus entstehenden Kreditblasen sind die wichtigen Krisentreiber. Wer den Spielraum der Banken dafür einengen will, muss ihnen entsprechend hohe Eigenkapitalvorschriften machen. Und die Zentralbanken sollen mit Mindestreserven und Zinserhöhungen sowie weiteren Massnahmen die Geldmenge im Sinne der Initianten steuern. Dafür braucht es kein Buchgeldverbot, das unser ganzes komplexes Geldsystem so auf den Kopf stellt, dass niemand die Folgen abschätzen kann.

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Man kann wie Simon Schmid der Meinung sein, dass das Anliegen der Vollgeld-Initianten Humbug ist und es kurz vor dem Abstimmungstermin öffentlich verhöhnen. Man kann aber auch anders. Dazu müsste man das Anliegen der VGI den gängigen Geschäftsmodellen der Too-big-to-fail-Banken gegenüberstellen und sich fragen, was potenziell weniger Flurschaden anrichtet. "Finanz und Wirtschaft", Ausgabe vom 7. April 2018, Artikel "Wo das Bussenbarometer steht": "260 Mrd. $ Bussgelder zahlten die 18 grössten europäischen und amerikanischen Banken seit der Finanzkrise." Und: "Die Rechtskosten von Credit Suisse und UBS summieren sich seit der Finanzkrise auf mehr als 25 Mrd. Fr." Neulich stand die desaströs geschäftende Deutsche Bank wieder in den Schlagzeilen. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank rechnete im "Handelsblatt" mit der Ära von Josef Ackermann ab. Zitat: „Wer einen Klempner beauftragt, sein Haus zu bauen, darf sich nicht wundern, wenn es am Ende zu viele Bäder hat.“
In den USA haben Senat und Repräsentantenhaus die von Obama eingeführten Bankenregulierungen zum Schutz der Steuerzahler soeben wieder massiv gelockert. Wallstreet darf sich wieder frei entfalten. Natürlich wird bald auch die hiesige Finanzindustrie darauf pochen, die Regulierungen zu entschärfen – sonst ist man ja nicht mehr konkurrenzfähig.
Wer diese Zusammenhänge ausblendet, wenn er die VGI diskreditiert, muss sich später nicht beklagen, wenn die Staaten auf Kosten der Steuerzahler mal wieder den Partymüll der Banken wegräumen müssen. So viel steht fest: Die Party geht weiter, wenn das aktuelle System nicht reformiert wird. Darum lege ich ein dickes JA zur VGI in die Urne. Ich traue dem sicheren Franken mehr als den unsicheren Banken.

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Heute Morgen bin ich doch etwas überrascht worden mit dem Bericht, weil ich solche Texte eigentlich nicht in der Republik lesen möchte, dazu habe ich 20Minuten. Der Text hat mit dem Entstehen und dem geschichtlichen Verlauf des Bankwesen, welche seinen europäischen Ursprung in der Region Nord-Italien hat, nicht zu tun. Die Entstehung des Giralgeldes hat seinen Ursprung meines Wissens nach bei dem Bankwesen der Medici in Florenz. Dort wurde hartes Vollgeld als Basis verwendet. Nun war aber für den schnellen Transport einer Überweisung Gold nicht so praktisch. Also wurde ein Schuldbrief erstellt(Wechsel) mit fixen Daten der Lieferung des harten Wertes. Wer dieses nicht liefern konnte, musste damals um Hab und Gut und Leben fürchten. DAVON sind wir heute weit entfernt. Die Initiative will aber für das Zahlgeld-Konto eigentlich nur diesen Umstand wieder herstellen. Das Kreditwesen kann und wird davon nicht berührt werden. Mir ist auch bewusst, dass das auch nicht gehen wird, aber wenigsten haben Kunden dann die Wahl, ob SIE auf Rendite oder harte Währung setzen wollen oder ein gemischtes Portfolio wollen. Würde nämlich auch die ganze Kreditwirtschaft da hinein gepresst werden, würde uns schnell vorgeführt, in welcher Geldblase als Wertesystem unseres Hab und Gutes wir leben. Seinem Wesen nach sollte Geld nur als Gegenleistung für Produktion entstehen und nicht aus dem Handel mit Geld selbst. Ich hatte das Vergnügen, mich in meinem Berufsleben mit diesem System näher befassen zu müssen und bin dann beruflich sehr schnell wieder ausgestiegen.
Also stimmen wir darüber ab, ob wir mit dem Zahlgeld Vollgeld und mit dem Kreditgeld weiterhin Giralgeld wollen.
Wobei Wir uns keine Illusionen machen dürfen: Das Giralgeld ist eine Blase und wenn diese platzt, ist es besser, sein Häuschen schuldfrei zu haben.

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Bei aller Kritik wird das Hauptanliegen der Vollgeld-Initiative ausgeblendet, nämlich ein Trenn-Bank-Finanz-System zu etablieren, für normale, sichere Bankgeschäfte einerseits und für spekulative Finanzkonstrukte mit hohem Risiko andererseits. Damit nicht wieder der verpönte Staat, respektive die Steuerzahler, für die Bankenrettung (too big to fail) der masslosen, globalen Finanzakrobaten mit Superboni einspringen muss. Fast alle internationale Ökonomen schliessen die Möglichkeiten eines erneuten Bankencrash nicht aus. Dies will die Vollgeld-Initiative für die Schweiz verhindern.
Falls es bessere Lösungen gibt, so sollen die Kritiker diese vorbringen.

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Habe den Leitartikel und alle Beiträge aufmerksam durchgelesen. Dabei frage ich mich, ob "man" mit dem Autor Simon Schmid (Datajournalist) die richtige Person ausgewählt hat, um mit uns Verlegern in einen Vollgeld-Diskurs zu treten. Mir wäre Dialog lieber!

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Guten Tag Liebe Republikaner

Ich bedanke mich erstmals für die bildlichen Darstellungen des Geldsystems.
Für mich spielen vorwiegend folgende Punkte eine tragende Rolle in der Debatte:

  1. Für mich ist Geld bloss ein Mittel zum Zweck. Der Zweck besteht grundsätzlich darin verschiedene Arbeitsleistungen und deren relativen Nutzen zu bewerten. Damit die Arbeitsleistung fair bewertet werden kann, müssen die Spielregeln für alle Teilnehmer gleich sein.
    Um diesen Punkt zu veranschaulichen möchte ich gerne auf das Brettspiel Monopoly verweisen:
    Zusätzliche Annahme zum Vergleich: Spielbank spielt als normaler Spieler mit.

Aktuelles System
Die Spielbank hat zum Vergleich ein Startgeld, welches 10 Mal so gross ist wie das aller anderen Spieler (weil Banken nur einen prozentualen Anteil - hier 10% - des Geldes besitzen muss, welches als Kredit vergeben wird).
Mit diesen Spielregeln besteht ein Ungleichgewicht und die Bank erlangt über kurz oder lang alle realen Werte (Immobilien), weil sie diese kaufen und vermieten kann.

Vollgeld System
Hier spielt die Spielbank mit denselben Regeln wie die anderen Spieler. So ist die Grundlage geschaffen, dass der Spieler mit mehr Glück und dem besseren Händchen für den Handel gewinnen kann.

Darin sehe ich für meinen Teil den wichtigsten Grund zur Monopolisierung der Geldschöpfung. Ich möchte ein System in dem jeder Marktteilnehmer die selben Grundvoraussetzungen hat und so eine faire Verteilung ermöglicht wird.

  1. (Behauptung) Banken sind für mich keine Geschäfte, welche schützenswert sind. Wenn in Zukunft weniger Banken aktiv sind, so kommt dies der Volkswirtschaft langfristig zu gute. Denn Banken haben nie und werden auch nie einen realen Mehrwert schaffen. Damit sage ich keinesfalls, Banken sein unnötig in der Wirtschaft. Jedoch ist es effizienter, wenn weniger Menschen bei Banken arbeiten und dafür mehr Arbeitskräfte in produzierenden sowie dienstleistenden Geschäften zur Verfügung stehen.

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Eine kleine Geschichte für alle die noch immer nicht wissen, wie sie stimmen sollen. Am 4. Mai brachte Radio SRF einen Echo der Zeit Beitrag mit einem Interview mit Thomas Jordan. Dieser stellte die Behauptung auf, nach Annahme der Initiative müsse die SNB alles von ihr neu geschöpfte Geld verschenken. Das ist eine geradezu Trump-würdige Falschaussage. Wenn dem so wäre würde ich auch nein stimmen. Die SNB soll mit der Vollgeldinitiative gestärkt werden. Sie würde die Kontrolle über die Geldmenge erlangen und wäre vollkommen frei, soviel Geld schuldfrei in Umlauf zu bringen als das im Landesinteresse liegt. Sie könnte wie bisher Geld schaffen um die bisherige Kurspflege weiterzuführen ( was Jordan ebenfalls bestritt) und selbstverständlich hätte sie den expliziten Auftrag für eine angemessene Versorgung des Finanzmarktes zu sorgen. Das steht alles ausdrücklich im Initiativtext. Es gibt offensichtlich keine stichhaltigen Argumente gegen die VGI, wenn sogar der Nationalbankpräsident nur noch mit solchen Schauermärchen argumentieren kann.

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Die Initiative will, nach eigenen Angaben, „unser“ Geld sicherer machen. Dabei verweist sie auf den Crash von 2008. Nur wenige bestreiten heute, dass hier kein Handlungsbedarf bestehe: Regulation, Trennbankensystem, Kapitaldeckung, etc. Aber das ist nur die Oberfläche! Die darunterliegenden Probleme sind komplexer und vielfältiger. Schon hier greift die Analyse der Initiative nur einzelne Punkte heraus und stellt eine nationalstaatlich begrenzte Lösung vor. Und dies in einer Welt, die nur eine Richtung kennt: atemberaubende Vernetzung. Ja, die Schweizer Volkswirtschaft wird auch mit Vollgeld in Zukunft von Finanz-Tsunamis erfasst werden - ohne wenn und aber.

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Danke für den Artikel "Die Märchen der Vollgeld-Initianten". Es ist ironisch, dass die Initianten mit der Absicht angetreten sind, das Wissen der Bevölkerung über das Geldsystem zu verbessern. Es ist wirklich eine verpasste Gelegenheit. Wenn man mit Laien über das Thema diskutiert, muss man zuerst einmal die Irrtümer der Initianten richtig stellen, statt dass man auf der Basis der Fakten über die Vor- und Nachteile des Vorschlages reden kann. Die Diskussion wird damit nicht besser, aber länger. Ich möchte den Initianten nicht unterstellen, dass sie die Bevölkerung bewusst irreführen möchten, also wissen sie es wahrscheinlich nicht besser.

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Heute taumelt die Wirtschaft und das Finanzsystem von einer Krise zur nächsten. Das Einzige das wirklich kontinuierlich zunimmt, sind die Löhne und Boni der Spitzenbänker und zwar ganz egal ob es gut läuft oder katastrophale Verluste eingefahren werden.
Und Bundesrat, Parlament und die Banken reden von einem bewährten System?
Dieses System funktioniert nur für die Reichen gut, wir Normalos verdienen nichts daran, tragen aber die entstehenden Verluste.
Zugegeben, Vollgeld ist ein Experiment ohne 100% Erfolgsgarantie, und es kann nur einen kleinen Teil der Probleme lösen. Aber der heutige Zustand ist ein Experiment mit fast 100% Garantie für den nächsten Crash
Für Bundesrat, Parlament und Banken bedeutet Vollgeld natürlich Mehrarbeit, deshalb sind sie alle voll dagegen. Für uns Normalverdiener wäre es ein wohltuender Sicherheitsgewinn und ein kleiner Schritt aus dem provozierten Chaos der Bänker

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Unbegreiflich, wie jemand, der den Initiativtext gelesen und sich die heutige Situation mit Fiatgeld vor Augen geführt hat, allen Ernstes gegen die Initiative sein kann. Die Banken sollen einfach nur Geld als Kredit verleihen können, das sie SCHON HABEN. Ich kann ja auch niemandem einen Hammer ausleihen, den ich noch nicht habe... Nur die Banken zaubern alchemistisch Geld aus der Luft und schwupps!
Zu behaupten Vollgeld sei "ein Experiment" ist zudem schlicht falsch: Zu Zeiten als es nur Bargeld gab, konnte auch nur die SNB Geld herstellen. Man hatte also bereits Vollgeld. Definitiv falsch wird die Schreibe am Punkt mit der Klage wegem dem Text im Abstimmungsbüchlein: Richtig ist, die Klage wurde erhoben, weil steht: "mit der Vollgeldinitiative würde die Kreditsteuerung zunehmend bei der SNB zentralisiert." Diese Aussage aus dem Büchlein ist falsch und irreführend. Die Kredite würden weiterhin durch die Privatbanken vergeben nicht durch die SNB. Schade Herr Schmid. Das sind enttäuschende, viel zu komplizierte und offenkundig falsche Artikel.

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Lieber Simon Schmid
Ich sehe, ich bin wieder mal viel zu spät und konnte leider auch die heutige Debatte in Basel mit Daniel Binswanger nicht verfolgen.
Habe beide Ihre Artikel gelesen.
Und habe das gleiche Problem mit derInitiative wie von der ersten Information an.
Nichts davon leuchtet mir wirklich ein. Und bei Matterhorn-Enzian-Bildern für so was Grundlegendes und Komplexes wie Geldsysteme werde ich ohnehin zusätzlich misstrauisch.
Was ich nach Ihren Erklärungen und den Schemata überhaupt nicht sehe ist, wie Banken, die reinnur noch Kundinnengelder - ohne jegliche eigenen Anteile, folglich ohne jegliche eigene Risiken auch - als Kredite vergeben: wieso diese mit unseren Spareinlagen verantwortungsvoller umgehen sollten als im bisherigen System. Das Gegenteil würde ich da eher erwarten: noch risikoreicher. Vielleicht auch unfairer. Denn für allfällige Schelte wäre dann doch die zuerst als Alleinriesin aufgebaute, nachher aber wunderbar attackierbare Schweizerische Nationalbank plötzlich grundsätzlich zuständig.
Ausserdem: Wie soll zahlen funktionieren für Menschen (zu jung oder zu alt oder grad anderweitig ausserhalb einer Arbeitserwerbsphase), die kein „sicher“ bei der SNF anlegbares bzw. sicher durchfliessendes Lohneinkommen haben? Denn, wenn ich Ihre beiden Artikel richtig verstehe, nur dieses wäre ja dann SNF-„Vollgeld“-Chip geschützt?
Worüber würde die AHV laufen?
Vor allem aber die Pensionskassen? Diese Gelder sind ja Spargelder. Dritte Säule wäre ebenfalls im Kreditvergabevolumen der Geschäftsbanken. Oder nicht?
Ausserdem waren 2008 doch vor allem die Unsichtbarmachung der Haushypothekenschulden durch verwickelte neue Finanzprodukte (Derivate) Hauptauslöser der grössten Krise in fast achtzig Jahren. Solche Vertuschungsinstrumente (Derivate) würden dann aber einfach rein nur noch mit Geldern von Privaten und Aktionärinnen finanziert - weshalb sollten die Banken auch hierbei transparenter (also vernünftiger) verfahren als bisher?
Es gibt x weitere Punkte, die mir nicht einleuchten.
Entweder vollkommene Unflexibilität. Oder aber Schranke zwischen „sicheren“ Geldern bei der SNB - und dann eben doch einer Funktion gleich wieder der SNB als Kreditgeberin - fällt eben doch wieder. Womit das schöne „Vollgeld“ mir kein Mü „voller“ oder eben sicherer scheint als das bisherige Geld. Und neues Geld „gemacht“ würde überdies ja trotzdem. Genau wie heute.
Mit dem einzigen Unterschied, dass die SNB dann noch stärker zur alleinigen Zielscheibe und Sündenziege würde, als bisher.
Ganz abgesehen vom Unsinn, Geldausschüttung nicht mehr von Bedürfnissen abhängig zu machen, sondern von irgendwelchen völlig unwägbaren Faktoren.
Also: Umzug, vielleicht mit Heirat, und vielleicht erste eigene Möbel: teuer!! Aber sorry, die SNF liegt grad ein paar Jahre nicht im Hoch. Vielleicht dann in zehn Jahren. Warten Sie bitte noch eine Weile.
Gleichzeitig noch bei einem Startup mitmischen wollen: Gott behüte; grad keine Vollgelder bei der Nationalbank übrig.
Und auch nichts, um die Kreditvergabe der Geschäftsbanken zu füllen.
Und allfälliges Spargeld: von den Geschäftsbanken grad nicht auslösbar. Da niemand umgekehrte Bedürfnisse aufweist grad.
-> Mir leuchtet diese Initiative auch im etwa hundertsten Anlauf meinerseits in den letzten ungefähr sechs Jahren, irgendwelche klaren Problemlösungsansätze darin erkennen zu wollen, einfach nicht ein.
Auch wenn ich noch so oft zuhöre. Und noch soviele Texte dazu lese.
Ihr Verdienst mit Ihren beiden Texten, Simon Schmid, ist für mich vor allem die Erkenntnis, wohl keine wichtigen Punkte bei meiner Meinungsbildung übersehen zu haben. Danke dafür.
Ausser Ihre Antworten auf meine oben eingestreuten Fragen würden mich doch noch eines Besseren belehren.
Hoffe, dass Sie ab und zu hier in der Debatte noch „vorbeischlendern“, um einen Ausdruck aus den Anfangszeiten der Republik zu zitieren.
Danke im Voraus.

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Die Einlagensicherung (100'000 Fr. pro Person und Bank) ist auf 6 Mia. Fr. beschränkt. Dies sichert nicht mal 2 % aller Kundeneinlagen. Wir Bankkunden sehen im heutigen System schon in einer kleineren Krise einen Grossteil unseres Geldes nie wieder.

Dank der Vollgeld-Initiative könnten wir Kunden endlich wählen, ob wir unser Geld sicher aber unverzinst auf einem Geldkonto belassen wollen, oder ob wir dieses der Bank gegen Zins und unter Risiko für eine Zeit überlassen (via Einzahlung auf ein Sparkonto).

Sollte die Nachfrage nach Krediten gross sein, werden die Zinsen für uns Sparer erhöht und mehr Leute werden ihr Geld der Bank zur Verfügung stellen. Heute hingegen bekommt der Kleinsparer kaum noch Zins und muss trotzdem das Risiko tragen und für die Fehler der Bank bezahlen.

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Guter Text, gute Erläuterungen. Merci.

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Gratuliere zur ausführlichen "Abhandlung" zum Vollgeld. Ich hätte da bei den meisten Punkten noch viel Diskussionsbedarf aber möchte hier nur zwei aufgreifen:
"Wer Geld auf sein Sparkonto einbezahlt hat, darf dieses Geld erst nach Ablauf einer gewissen Zeit (etwa nach 14 Tagen oder nach 3 Monaten, die Initiative lässt dies offen) wieder abheben." Selbstverständlich lässt die Initiative das offen! Das ist ja das zentrale Business der Banken. Sie erinnern sich vielleicht an das Wort "Fristenkongruenz"? Das besagt, dass die Kreditlaufzeiten und die Laufzeiten der Sparguthaben in möglichst grosse Übereinstimmung gebracht werden müssen. Eine Grundregel jedes Bankers alter Schule, weil er ja noch primär in Bargeld (=Vollgeld) gedacht hat und tatsächlich so auch nie in Schwierigkeiten kam, wenn jemand sein Geld ausbezahlt haben wollte. Faktisch heisst ja Spargeld im Vollgeldsystem, dass ich mein Vollgeld der Bank gebe, diese gibt mir einen Schuldschein (Kassenobligation oder eben Sparbucheintrag) für mein Darlehen an sie mit bestimmter Laufzeit. Danach ist mein Geld für mich in dieser Zeit "weg", nämlich vermutlich bei einem Kreditnehmer, kommt dann am Ende der Kreditlaufzeit (hoffentlich) zur Bank zurück und ich kann am Ende meiner Darlehensfrist das Geld wieder zurückhaben auf mein Vollgeldkonto. Was ist da unbestimmt???
Das ist auch eine Hauptfrage an die Erzählweise der beiden Artikel: Vollgeld ist logischer, einfacher, klarer und nicht so leicht austricksbar, weil es sich genau wie physisches Münzen oder Notengeld verhält. Es gibt genau eine Person, die das Geld besitzt, wenn sie es verleiht, bekommt sie eine Bestätigung, aber diese unterscheidet sich von Geld und ist eben nicht das Geld. Das unklare, verschleierte, trickreiche Geschehen der Banken heute wird viel zu wenig kritisiert. Überhaupt ist ja die Haupttaktik der Geldlobby, Vollgeld als Phantasie und unmögliches Ding einiger Spinner darzustellen, "waaahninnig kompliziert". Das von Leuten, die als Betreiber unseres Finanzsystems, von dem wir alle abhängen eigentlich Bescheid wissen müssten, wie es funktionieren sollte, so dass es allen dient. Stattdessen behaupteten diese Experten bis vor kurzem noch völlig falsche Vorstellungen zu Kreditschöpfung und Geld, hatten aber keine Scham tausende hochkomplizierte Derivate und Spekulationsprodukte in die Welt zu setzen und die Abschaffung von ganz vielen Regulierungen durchzusetzen, z.B. das Verbot von Hedgefonds abzuschaffen ohne jeglichen Hinweis auf "gefährliches Experiment" zu geben... Hier müsste doch mal nachgebohrt werden. Wie wäre es mit einem Artikel: Verstehen Banker überhaupt was sie machen? Ich vermute da kämen ganz interessante Dinge zu Tage.

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Die Lektüre einiger Diskussionsbeiträge bringt mich zu der Erkenntnis, dass es manch einem Befürworer der Initiative um eine Fundamentalkritik an unserem Wirtschaftssystem geht - in dem das Währungssystem eine sehr wichtige Rolle spielt. Ein neues Währungssystem einzuführen ist bei dieser Betrachtungsweise ein Anfang dazu, dass gesamte Wirtschaftssystem gerechter zu machen. Dabei wird aber ausser Acht gelassen, dass solche „Systeme“ nie vor Missbrauch sicher sind. Auch das Vollgeldsystem wird einige Regulierungen benötigen, um Missbrauch zu erschweren. Gänzlich verhindern kann man ihn nie. Ich halte es für sinnvoller, das bestehende System weiterzuentwickeln. Es ist bei all seinen Schwächen schon recht gut verstanden und weiterentwickelt. Mit einem neuen System würde es einige Jahre brauchen, bis wir es gut verstanden und die gröbsten Schlupflöcher für Missbrauch gestopft haben. Und - anders als bei zum Beispiel IT-Systemen - gibt es hier auch keinen „End-of-Lifecycle“, wie einzelne Beiträge implizieren.

Neben dieser grundsätzlichen Aussenbetrachtung fällt zudem bei den Diskussionen eine „typisch schweizerische“ Vereinfachung auf. Das Währungssystem der Schweiz steht nicht für sich alleine auf einer Insel. Es ist eingebunden in ein internationales Währungssystem und es ist enorm kurzsichtig, wenn man glaubt, man könne unser System komplett eigenständig gestalten. Was das zu bedeuten hat, würden wir im Detail erst nach einer Einführung des Vollgeldes verstehen.

Und noch ein dritter Aspekt, der mir gerade in der Schweiz unverständlich ist, wo wir doch immer äusserst skeptisch gegenüber zentralisierter Macht sind: Der SNB würde mit dem Vollgeld eine extreme Macht und Verantwortung übertragen. Mängel des Systems würden mit ebensolchen zentral wirkenden Regulierungen begegnet (wenn die Kosten für den Betrieb des Geldkreislaufs zu gross für den Einzelnen sind, kann das ja durch Subventionen behoben werden). Die SNB ist Teil unseres Staates und in unserem jetzigen System zum Glück recht unabhängig. Die Gefahr einer „Politisierung“ eines Instruments wie der SNB ist aber immer gegeben. Eine stärkere Abhängigkeit von politischen Kräften würde aber bei der erweiterten Machtfülle umso schwerer ins Gewicht fallen. Wir sollten keinem staatlichen Instrument diese Machtfülle geben!

Zum Abschluss meines Diskussionsbeitrags vielen Dank an Simon Schmid für seine beiden Artikel. Ich habe den Eindruck, dass Sie sich um Objektivität bemühen. Und eigentlich einfache Geldsysteme, die in ihrer Wirkungsweise aber sehr komplex sind, verständlich darzustellen, ist eine echte Herausforderung.

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Ich denke, dass ein wichtiges Versprechen der Initianten, nämlich mit Vollgeld Bankencrash's zu verhindern, ein leeres Versprechen ist. Es sind ja nur die Sichtguthaben der Bankkunden mit Nationalbankgeld hinterlegt, die kündbaren dagegen nicht.
Wenn bekannt wird, dass es bei einer Bank übermässig viele Kündigungen gibt, wird auch so das Vertrauen der anderen Banken in die betreffende Bank schwinden. Und die effektive Zahlungsunfähigkeit der Bank verlagert sich einfach auf den Kündigungstermin.

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Ich finde die Artikel, obwohl sehr ausführlich, lassen das wichtigste weg: das jetzige Geldsystem wird unweigerlich einmal zusammenbrechen, denn die Schulden wachsen dauernd und führen zu einer Umverteilung von unten nach oben. Vielleicht kann auch das Vollgeld dieses nicht verhindern, aber es scheint ein notwendiger erster Schritt zu sein, den heutigen Wachstumszwang und die ungerechte Umverteilung etwas zu dämpfen. Ein Artikel auf Infosperber [1] erklärt die Quintessenz:

"Das Geld-System soll so werden, wie 99 von 100 Leuten denken, dass es schon so ist. Nämlich dass alles Geld, ob Münzen, Banknoten oder eben auch das computertaugliche Buch- oder Giralgeld, von der Nationalbank kommt."

Ein Kommentar von Paul Steinmann ergänzt:

"Die Finanz-Oligarchie kontrolliert heute wieder unser aller Geld und will natürlich daran festhalten, um mit dem heutigen Geldsystem ihre Privilegien, ihre Macht und ihre eigene Existenz so lange wie möglich zu sichern. Die Nationalbank missachtet ihren Auftrag von 1891 und schaut dabei zu und macht sich zum Komplizen der Finanz-Oligarchie."

Warum leuten bei so wenigen Menschen die Alarmglocken angesichts des entfesselten Finanzsystems, das zu etwa 90% nur der Spekulation dient?

[1] https://www.infosperber.ch/Artikel/…-Erklarung

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Was Vollgeld in der Schweiz für eine Auswirkung auf den Finanz- und Wirtschaftsstandort bedeuten würde, darauf wurde nicht mal eingegangen und dennoch spricht kaum was für ein "JA".

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Meiner Ansicht nach müssten schon folgende drei Punkte klar zu einem Ja zu Vollgeld führen in einer liberalen, zukunftsgerichteten Schweiz:

  1. Wahlfreiheit: Ich will als Kunde entscheiden können, wem ich mein Geld gebe. Heute muss ich ein Zahlungskonto bei einer Bank haben, um den Lohn zu empfangen und elektronische Zahlungen zu tätigen. Mit Vollgeld kann ich mein Geld den Banken entziehen, wenn ich mit ihrer Geschäftspolitik nicht einverstanden bin. Ich parkiere es dann auf einem Vollgeldkonto bei der SNB, zwar ohne Zins, aber mein Geld ist sicher und ich unterstütze keine dubiosen Geschäfte, was mir viel wichtiger ist als Zins. Das heutige System hingegen gleicht einer Planwirtschaft ohne echte Entscheidungsmöglichkeiten.

  2. Geld aus dem nichts: Die Banken haben heute einen ungerechtfertigten Marktvorteil, indem sie mit jedem Kredit, den sie vergeben, Geld schaffen. Dieser Vorteil ist so gross, dass sie Löhne für Angestellte zahlen können, die 150% und mehr des schweizerischen Durchschnitts ausmachen. Die Boni und die Spekulationen an der Börse sind dabei noch nicht mal erwähnt. Die Banken haben in der Vergangenheit in keiner Weise gezeigt, dass sie mit dieser Verantwortung der Geldschöpfung umsichtig umgehen können, im Gegenteil, die Gier bestimmt den Kurs. Der Rest der Marktteilnehmer kann sich mit den Brosamen abfinden und die Schulden der Banken bezahlen.

  3. Heutiges System kann nicht funktionieren: Das heutige Geldsystem baut auf einem exponentiellen Mechanismus auf, dem Zins. Exponentielles Wachstum in einer endlichen Welt kann in einem begrenzten Zeitraum funktionieren, aber ab einem gewissen Punkt läuft das System sehr schnell und katastrophal aus dem Ruder. Wenn man sieht, wieviele Schulden heute realen Werten gegenüberstehen, dann kann man nur zu einem Schluss kommen, wir stehen kurz vor diesem Punkt. Wenn also der Bundesrat und der Nationalbank-Präsident behaupten, man solle nichts ändern, das seit Jahrzehnten gut funktioniert, haben sie entweder keine Ahnung von exponentiellen Phänomenen oder sie verschleiern absichtlich Fakten.

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