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Blick aufs aufgewühlte Meer in der Nacht
Der Strand von St. Julians.

Die Aufpasser

Kaum ein Land ist so gespalten, kaum eines so dicht bevölkert wie Malta. Die Folge: Geschichten brauchen wenig Wahrheit, um als Gerücht die Runde zu machen. Und: Alle passen aufeinander auf – mit Ratschlägen, Schulterklopfen und Drohungen. «Mord auf Malta», Teil drei.

Von Nina Fargahi, Sylke Gruhnwald, Ariel Hauptmeier, Tim Röhn (Text) und Pietro Masturzo (Bilder), 11.04.2018

«Mord auf Malta»

Im ersten Teil der Serie sind wir merkwürdigen Zufällen nachgegangen: Warum startet ausgerechnet in der Nacht nach Daphne Caruana Galizias grösster Story ein Privatflugzeug Richtung Baku – nachdem der iranische Direktor der umstrittenen Pilatus-Bank spätabends heimlich zwei grosse Taschen aus dem Institut getragen hat?

Im zweiten Teil sind wir den Spuren der mutmasslichen Bombenleger gefolgt – Männer, die seit langem hinter Gitter gehört hätten. Malta ist eine Insel der Gerüchte. Lange wurde geraunt: Es könnte der Wirtschaftsminister gewesen sein, auch er ein Intimfeind der Journalistin. Nein: Wir gehen nicht davon aus, dass er es war.

An einem Dienstagmittag wird ein enger Mitarbeiter des Premierministers der Republik ein manipuliertes Dokument überreichen.

Aber dazu später.

12. Jonathan Ferris

Das Café Jubilee, in einer Seitenstrasse von Valletta, ist eine dunkle, grün vertäfelte Höhle. Von morgens bis abends sind die Marmortischchen besetzt: mit Politikerinnen und Anwälten, Managerinnen und Bankern. Im «Jubilee» trinkt die Elite der Insel Kaffee oder Härteres.

Wer sich hier verabredet, will gesehen werden. So wie offenbar Jonathan Ferris, der ehemalige Korruptionsermittler von Malta: ein ausgezehrter Mann mit Brille und Dreitagebart.

Wer sich hier verabredet, will gesehen werden: das Café Jubilee. Tim Röhn

Bevor wir ihn trafen, dachten wir, Ferris gehöre zu den Idealisten. Nachdem wir ihn getroffen hatten, waren wir nicht mehr so sicher.

Bis zum vergangenen Sommer war Ferris Korruptionsermittler. Der Mann für die grossen Fälle, zuerst bei der Polizei, dann bei der Finanzermittlungsbehörde FIAU. Er ermittelte gegen Minister und Firmenbosse – sogar gegen seinen eigenen Cousin, einen hochrangigen Manager. Und das auf Malta. Spätestens seitdem galt Ferris als harter Hund.

Am 20. April veröffentlicht Daphne Caruana Galizia ihre grösste Sensation: das mutmassliche Schwarzgeldkonto der First Lady. Kurz danach stellen Ferris’ Vorgesetzte ihn kalt, Mitte Juni erhält er die Kündigung. Offiziell, weil er die Probezeit nach dem Wechsel von der Polizei zur FIAU nicht bestanden hat.

Für Ferris ist klar: Es gibt einen Zusammenhang. Man hat ihn kaltgestellt, damit er in dem Fall nicht ermitteln kann. Weil er zu viel weiss über Korruption in der Regierung. «Sie wollten mich zum Schweigen bringen», sagt er in einem Interview.

Doch Ferris denkt nach der Entlassung nicht daran, den Mund zu halten. Er klagt auf Wiedereinstellung – und gibt Interviews wie am Fliessband: «Malta ist zu hundert Prozent korrupt. Ich sage das, damit sie eine Verleumdungsklage gegen mich einreichen; dann muss das Gericht meine Geheimhaltungspflicht aufheben, damit ich mich verteidigen kann. Und dann werde ich ihnen ins Gesicht schleudern, was ich weiss.»

Noch darf er nicht auspacken, das verbietet die Geheimhaltungsklausel. Andernfalls drohen ihm fünf Jahre Haft und eine Busse von 100’000 Euro.

Also beantragt er beim Generalstaatsanwalt, man möge ihm offiziell den Status eines Whistleblowers zubilligen.

Ende März lehnt die Regierung sein Gesuch ab. Nein, er soll kein Whistleblower sein. Er möge sein Wissen bitte für sich behalten.

«Ich knicke vor niemandem ein», tobt Ferris in einem Interview. Und warnt: «Ihr könnt davonlaufen. Aber ihr könnt euch nicht verstecken.»

Eine Gasse in Maltas Hauptstadt Valletta.

Nach dem Mord an Daphne Caruana Galizia geht Ferris eines Nachts mit seinem Hund spazieren, als ihm ein Auto ohne Licht folgt. Er sagt, er fürchte um sein Leben. Und gibt, einige Tage vor unserem Gespräch, der BBC ein Interview: Ab sofort trage er eine Waffe.

Die Frage ist – warum erzählt er das in aller Öffentlichkeit? Denn damit gefährdet er sich. Wer sich ernsthaft schützen will, steckt die Pistole in das Schulterholster und schweigt. Und vertraut darauf, im Ernstfall schneller zu ziehen. Weiss der Gegner, dass ich bewaffnet bin, wird er vorsichtiger agieren. Und mich aus dem Hinterhalt erledigen. Stimmt das mit der Waffe überhaupt?

Gerade sagt Ferris: «Die sollten aufpassen, wenn sie mich bedrohen. Die wissen, wo ich wohne, aber ich weiss auch, wo die wohnen. Ich habe Eltern, aber auch die haben Eltern. Ich habe Kinder, aber auch die haben Kinder.»

«Wer – die?»

Statt einer Antwort kneift Ferris die Augen zusammen und nickt leicht. Dann sagt er: «In Malta heisst es: Auge um Auge, Zahn um Zahn.»

«Könnten Sie uns Ihre Pistole zeigen?»

Irritiert schaut er uns an und sagt: «Ich habe sie nicht dabei», verblüfft, beim Wort genommen zu werden. In diesem Land der Show-Moves und Gerüchte. Wo es auf Fakten nicht allzu sehr ankommt. Wo jeder alles erzählen kann. Denn es wird garantiert weitererzählt.

Plötzlich stehen zwei Männer am Nebentisch auf, schwarze Anzüge, Krawatte, Lederschuhe. Teurer Halbwelt-Chic. Der eine ist sehr gross, der andere winzig. Aber ihre Gesichter sind dieselben – ohne jeden Ausdruck. Sie gehen auf Ferris zu, er springt auf und reicht dem Grossen die Hand, der legt seine Linke darüber. Satzfetzen auf Maltesisch. Nun nimmt auch Ferris die zweite Hand, es sieht aus, als habe sich ein Oktopus in sich selbst verhakt. Sie reden weiter aufeinander ein, schliesslich lösen sich ihre Hände. Die beiden gehen. Ferris setzt sich wieder.

«Wer war das?»

«Ach, nur der Geheimdienst.»

Wirklich? Selbst wenn es stimmt – warum sollte er das ausländischen Journalisten erzählen? Wie seriös ist Ferris? Warum seine Show? Warum die Masse an Interviews?

In der Beurteilung der politischen Korruption jedoch scheint Ferris recht zu haben:

Im Frühjahr 2016 verfassen die Korruptionsermittler der FIAU drei interne Berichte. Sie belasten vor allem den Kabinettschef Keith Schembri.

Schembri hat den Ruf als Mann fürs Grobe, er gleicht dem jungen Anthony Hopkins und besitzt – wie man nach den Panama-Papers weiss – eine Briefkastenfirma in Neuseeland. In einem ersten Bericht beschuldigt ihn die FIAU zusätzlich, er habe weitere ungeklärte Gelder erhalten, diesmal über die Steueroase der Britischen Jungferninseln.

Der zweite FIAU-Bericht sagt: Schembri habe dem Geschäftsführer eines maltesischen Zeitungsverlages insgesamt 650’000 Euro auf dessen Offshore-Konto überwiesen.

Der dritte FIAU-Bericht: Die Pilatus-Bank unternehme nicht genug gegen Geldwäsche.

Die FIAU übergibt die Berichte an die Polizei. Diese müsste nun Ermittlungen einleiten. Stattdessen tritt überraschend der Polizeidirektor zurück, aus «Gesundheitsgründen».

Und kurz darauf der Chef der FIAU, ohne Angabe von Gründen.

Die Vorwürfe gegen die Pilatus-Bank lösen sich derweil in Staub auf. Im September bescheinigt die neu besetzte FIAU der Bank, alles sei in Ordnung.

Im Jahr darauf, im Frühling 2017, spielt jemand der Presse die drei Berichte zu. Danach leiten die Behörden endlich eine Untersuchung ein – gegen die undichte Stelle. Und der Finanzminister fragt, ob diese Berichte vielleicht von Anfang an verfasst wurden, um sie der Presse zu stecken.

Bautätigkeit in der Hafenstadt St. Julians.
Standbetreiber warten im Zentrum von Valletta auf Touristen, Geschäftsleute unterhalten sich.

Unterdessen, im Café Jubilee – ein dicker Mann nähert sich unserem Tisch. Langer schwarzer Mantel, die schwarz-grauen Haare nach hinten gekämmt. Ferris springt auf, sie begrüssen einander auf Maltesisch. Ehe der dicke Mann geht, rät er uns auf Englisch: «Passen Sie gut auf sich auf!»

Wenig später tritt die Kellnerin an den Tisch und sagt, die Getränke seien durch den dicken Mann bereits bezahlt.

«Herr Ferris, wer steckt Ihrer Meinung nach hinter dem Mord an Daphne Caruana Galizia?»

«Da kommen viele infrage.»

Schon naht der nächste Besuch. Er kommt von schräg hinten, wir sehen ihn, Ferris nicht. Der Mann schaut uns an, legt seinen Zeigefinger auf die Lippen. Dann klatscht er Ferris mit der rechten Hand auf die Glatze und brüllt: «Du lebst noch?»

Er schüttelt sich vor Lachen und brüllt erneut: «Was für ein Arschloch ich doch bin!» Darauf liegen sich die beiden Männer in den Armen.

Wenig später springt Ferris auf, er müsse los.

«Gut aufpassen!», sagt er zum Abschied.

13. Jason Azzopardi

Der Justizpalast von Valletta ist ein imposanter, neoklassischer Bau, sechs gewaltige Säulen stützen den Portico. Dort wird an diesem Morgen über einen Befangenheitsantrag entschieden, den die Familie von Daphne Caruana Galizia eingebracht hat. Sie fordert, dass ein leitender Kommissar von dem Mordfall abgezogen wird – weil sie mehrfach kritisch über ihn berichtet hat.

Vor dem Saal wartet der Anwalt der Familie, Jason Azzopardi. Er hat eine Glatze, Brille und einen schwarzen Talar. Azzopardi ist eine bekannte Figur auf Malta, ein konservativer Abgeordneter und bekennender Katholik. Wir begrüssen ihn lächelnd – wir sind für ein Interview mit ihm verabredet. Azzopardi blickt unendlich irritiert zurück. Dann geht er brüsk ab.

Seine Kollegin schmunzelt: «Auf Malta lächelt niemand Jason Azzopardi an.»

Jason Azzopardi, Anwalt der Familie von Daphne Caruana Galizia. Facebook

Wir betreten den kleinen, holzgetäfelten Gerichtssaal und setzen uns auf eine der abgenutzten Holzbänke. Peter Caruana Galizia tritt herein, der Witwer, sein Anwalt, wenig später der Richter, alle erheben sich. Doch kaum haben sich alle wieder gesetzt, ist die Verhandlung schon vorbei: Der Kommissar, um den es geht, ist krank.

Während Richter und Anwälte über einen neuen Termin verhandeln, betritt ein schwarzhaariger junger Mann den Saal. Ein krakeliges Tattoo wächst aus seinem Kragen bis zum Hinterkopf. Er trägt billige Kunstlederschuhe, einen zerknitterten Anzug und einen dunklen Binder über dem violetten Hemd; Krawatten sind hier vor Gericht Pflicht. Er blickt einmal kreuz und quer durch den Raum und verschwindet wieder. Wahrscheinlich hat er sich im Raum geirrt.

Oder nicht? Auch uns hat er kurz mit seinem Blick gestreift. Sicher, das ist nur Paranoia. Und trotzdem bleibt das vage Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Und die sichere Ahnung, dass es Dinge gibt, die wir nicht einschätzen können.

Seit Beginn der Recherche bekommen wir von allen Seiten Ratschläge für unsere Sicherheit: Seid immer als Erste am Treffpunkt. Verabredet euch an Orten mit Kameras, etwa in Hotellobbys. Aber vor allem: Parkiert euer Auto stets in einer bewachten Garage.

Einmal schickt uns eine Informantin das Foto eines Mannes. «Er verfolgt mich», schreibt sie. Der Verfolger trägt eine Kapuze über dem Kopf und hebt die Hand, als wolle er nicht fotografiert werden. Die Informantin: «Ich schreibe euch das für eure eigenen Sicherheitsüberlegungen.»

Wieder daheim, sprechen wir mit einem Redaktor mit gutem Draht zum deutschen Geheimdienst, er sagt: Die Dienste raten ab, über Monate in Malta zu leben und zu recherchieren, viel zu heiss.

Gleich zu Anfang der Recherche ruft aus Malta ein Polizist namens Paolo an. Und fragt, wann wir das nächste Mal auf der Insel seien. Er meldet sich dann nie zurück. Auf der Nummer, die das Display zeigte, nimmt nie jemand ab. Wer ist Paolo wirklich?

Wir fragen uns sehr oft: Wo endet gesunde Vorsicht – und beginnt Paranoia?

Die Verhandlung ist Geschichte. Draussen, auf dem Platz vor dem Gericht, steht ein Denkmal, ein nacktbrüstiger Krieger wird von zwei Frauen geführt. Die drei sollen Allegorien sein auf Maltas Grundwerte: Glaube, Stärke, Zivilisation. Inzwischen erinnert das Denkmal auch an den Mord: Am Sockel haben ihre Anhänger Fotos von Daphne Caruana Galizia aufgeklebt, gerahmt mit Blumen und handgeschriebenen Briefen.

Acht Mal haben die Behörden das improvisierte Mahnmal abgeräumt. Jedesmal sind Caruana Galizias Anhänger gekommen und haben es wieder aufgebaut. Später wird eine Baufirma einen Zaun davor errichten, weil ein Eingang in der Nähe dringend behindertengerecht ausgebaut werden musste.

An diesem Morgen umringen Schulkinder das Denkmal. Die Lehrerin referiert über Maltas Geschichte, die Kinder schreiben auf ihren Klemmbrettern mit. Wir hören eine Weile zu. Dann fragen wir die Lehrerin, ob sie den Kindern auch von der ermordeten Journalistin erzählt.

«Nein», sagt sie und schaut weg.

Wir treffen Jason Azzopardi zum Interview. Wir haben einen Tisch in einem japanischen Restaurant reserviert, Azzopardi rief selbst auch nochmal an, weil es ein ruhiger Tisch sein sollte – doch nun sitzen wir mitten im Raum, in einem der populärsten Restaurants der Insel. Wie auf einer Bühne. Der Anwalt hat seine Freundin mitgebracht, eine bekannte Schauspielerin, und in einem fort treten Bekannte an unseren Tisch und begrüssen die beiden. Jedes Mal springt Jason Azzopardi hocherfreut auf, die Damen kriegen ein Küsschen, den Herren umgreift er mit beiden Händen die Hand.

Irgendwann tritt eine grosse, blonde, auffallend gepflegte Frau Mitte fünfzig an unseren Tisch, sie trägt einen engen Rock und eine helle Bluse, darüber ein Cape, auch sie wird mit Überschwang begrüsst. Als sich Azzopardi gesetzt hat, fragt er: «Habt ihr sie erkannt?»

«Nein, wer war das?»

«Die Witwe von Yassir Arafat.»

Dann kommt das Essen, und mit dem ersten Gang kommen erste Gerüchte, Azzopardi nennt Namen, aber Beweise hat er keine, und als wir beim Kaffee angekommen sind, ist klar: nichts Neues.

Er sagt: «Wir wissen nur, wer den Abzug betätigt hat. Wir wissen aber nicht, wem die Waffe gehört.»

Auch der Abgeordnete Azzopardi wurde kürzlich verfolgt – vom Geheimdienst. Oder genauer: Er dachte, er werde verfolgt. Auf Malta, der hoffnungslos überfüllten Insel, wo man beständig einen anderen Wagen hinten an der Stossstange hängen hat. Umgehend twittert Jason Azzopardi an den Geheimdienst: «Ihr werdet mich nicht einschüchtern.» Die Zeitungen berichten, die Polizei ermittelt, am Ende ist es nichts. Azzopardi vermeldet, er habe eine «zufriedenstellende Erklärung» erhalten. Da schiesst die Labour-Regierung mit einer Pressemitteilung zurück und geisselt die «Falschinformationen» des konservativen Abgeordneten.

Mit Paranoia ist niemand einsam auf Malta. Fast alles ist hier ein Politikum. Solange es nur gegen die andere Seite geht.

14. François

Am nächsten Nachmittag fahren wir zum Hafen und besichtigen den ehemaligen Kartoffel- und heutigen Bootsschuppen. Er war das Versteck der Bande, die Daphne Caruana Galizia in die Luft gesprengt haben soll. Wir parkieren auf der touristischen Seite. Wer sich in Italien eine Jacht kauft, zahlt 22 Prozent Mehrwertsteuer, wer sie in Malta anmeldet, zahlt 5 Prozent. Kein Wunder, ist der Hafen dicht belegt – mit Booten, die mehr kosten als eine Zehn-Zimmer-Villa an der Zürcher Goldküste. Touristen flanieren, Kinder toben, Kellner wedeln mit Speisekarten. Schön hier.

Der ehemalige Kartoffelschuppen, in dem sich die Bande versteckt hat, die Daphne Caruana Galizia getötet haben soll.Tim Röhn

Zwischendurch trinken wir Kaffee. In einem Plastikzelt sitzen an die zwanzig Männer um die Tische, die Männer grölen so laut, dass die anderen Gäste zusammenzucken. Dabei wäre ihre Erscheinung Lärm genug gewesen: Sie tragen Goldketten, Goldringe, Goldarmbänder und die muskulösen Arme voller Tattoos. Ein Kellner bringt einen Schokokuchen, auf dem eine Wunderkerze brennt und stimmt «Happy Birthday» an. Keiner singt mit.

Später wechseln wir in den Industrieteil des Hafens. Mit jedem Schritt verändert sich die Stimmung. Als würde eine unsichtbare Mauer die Touristen von diesem Teil des Hafens fernhalten.

Bald ist kaum noch jemand unterwegs. Verrammelte Tore, Hunde ohne Herrchen. Der Wind wirbelt Plastik auf. Ein BMW ohne Kennzeichen rast vorbei. Am Ufer sitzen drei Männer, die aus einem Ölfass einen Grill gebaut haben.

Der Ex-Kartoffelschuppen liegt auf der anderen Strassenseite: eine Reihe von braunen, rostigen Wellblechbaracken, deren Wände aus Eisenstäben bestehen, man kann hindurchsehen bis aufs Wasser. Eine Gittertür steht offen.

Wir geben dem Zufall eine Chance. Drinnen finden sich Holzboote, Werkzeuge, Ölfässer, Altreifen, Pappkartons. Das ist alles.

Aber nicht ganz: Hinten, am Ende des Lagers, steht jemand neben einem Motorroller und spricht in sein Telefon. Wir gehen hin, warten, bis er fertig ist und stellen uns vor. Dass wir zum Mord recherchieren.

«George Degiorgio, einer der mutmasslichen Täter, wurde ja genau hier gefasst. Kannten Sie ihn?»

«Was?», entfährt es ihm. Der Mann hat kurzes braunes Haar, trägt eine dünne Daunenjacke und hat schon durch zwei simple Sätze die Fassung verloren.

Er sagt: «Ich muss jetzt los.»

«Wie heissen Sie?»

«François. Ich muss jetzt wirklich los.»

«Wohin?»

Er zieht seinen Helm auf und setzt sich auf seinen Roller: «Nach Mailand.»

«Jetzt? Sofort?»

«Mein Flug geht in anderthalb Stunden.»

«Wir würden Sie gern wiedertreffen. Können wir uns verabreden?»

Er diktiert uns seine Nummer. «Aber Sie dürfen meinen Namen nicht schreiben. Ich habe drei Kinder.»

Und weg ist er.

Wir haben versucht ihn zu erreichen. Wieder und wieder. Per Anruf und per SMS. Er hat nicht reagiert.

15. William Borg

Ein lauwarmer Samstagmorgen in Swieqi, in der Nähe der Touristenstadt St. Julians. Kinder spielen auf kleinen Kunstrasenfeldern Fussball, die Eltern sehen von Bierbänken am Rand zu. Wirtschaftsminister Christian Cardona nippt an einem Glas Weisswein. Ein paar Meter weiter sitzt der Sohn eines ehemaligen Premierministers. Malta, das Dorf.

An einem Tisch des Club-Restaurants sitzt ein Mann, den wir hier William Borg nennen. Ein Wissenschaftler, dem Neutralität wichtig ist und der in nichts Politisches hereingezogen werden will. Was nicht gerade einfach ist auf Malta.

Borg: «Selbst auf Malta gibt es kein Schwarz oder Weiss. Für mich ist das Bild grau.»

Republik: «Waren Caruana Galizias Enthüllungen wichtig für die Insel?»

Borg:
«Sehr wichtig, keine Frage. Aber manchmal hat sie Menschen geschält wie eine Banane. Sie hat sie entblösst. Manchmal wiederholte sie einfach nur Klatsch. Und hat damit ihre eigene, gute Arbeit untergraben.»

Republik: «Was sind die Auswirkungen des Mordes?»

Borg:
«Komplex. Viele nutzen das Verbrechen für ihre eigenen Ziele.»

Republik:
«Wird der Mord dazu führen, dass man Missstände härter angeht?»

Borg: «Ich fürchte nein. Dieser Mord wird politisch und moralisch nichts verändern. Das kann nur eine Wirtschaftskrise.»

Republik: «Malta ist eine gespaltene Insel.»

Borg: «Ja, sehr. Malta ist ein Stammesverbund. Die Gesellschaft zerfällt in zwei Lager, die einander dauernd bekriegen. Entweder du bist Labour oder Nationalist. Du musst zu einer Partei gehören. Es ist wie in Nordirland: Du bist entweder Protestant oder Katholik.»

Republik: «Politik funktioniert hier wie eine Art Religion?»

Borg:
«Das könnte man so sagen.»

Republik:
«Wo steht eigentlich Ihre Familie?»

Borg:
«Mein Vater gehört dem Labour-Lager an, meine Mutter den Nationalisten. Sie lieben sich trotzdem. Ich habe daheim erlebt, dass man trotz verschiedener politischer Ansichten zusammenleben kann.»

Republik: «Und wo stehen Sie?»

Borg: «Ich bin nichts von beidem.»

Als wir gehen, steht vor dem Eingang ein schwarz-weisser Rolls-Royce mit eingeschaltetem Warnblinklicht, er gehört einem der bekanntesten Gastronomen der Insel.

Wirtschaftsminister Chris Cardona ist noch immer da; er raucht, trinkt und redet.

16. Dom Mintoff

Die Spaltung Maltas in zwei verfeindete Clans ist alt. Doch ein Mann hat sie nach Kräften befördert: Dom Mintoff. Der Sozialist. Der Labour-Premierminister. Der Ghadhafi-Freund. Er schraubt die Temperatur dann noch mal richtig hoch und greift Anfang der 1980er-Jahre die mächtigste Organisation der Insel frontal an: die katholische Kirche. Und bringt damit auch eine junge Katholikin namens Daphne Caruana Galizia gegen sich auf. Sie wird ihn hassen, bis zu seinem Ende.

Der Vater des modernen Malta oder ein Tyrann? Dom Mintoff, zweimaliger Premierminister des Landes. AP

Dominic «Dom» Mintoff ist Sohn eines Schiffskochs, in Oxford ausgebildeter Architekt, ein feuriger Redner und listiger Taktiker, berüchtigt unter anderem dafür, in langen Sitzungen einfach aufzustehen und zu gehen. In den 1950er-Jahren ist er einmal kurz Premierminister. 1971 zieht er ein zweites Mal in die Auberge de Castille ein. Eines seiner Ziele: die Macht des Klerus zu brechen. Eine seiner Parolen: «Christus ja, Christen nein.» Denn er ist ja selbst Katholik, wie fast alle Malteser. Einer, wohlgemerkt, gegen den der Erzbischof von Malta bereits in den 1960er-Jahren wegen seiner kirchenfeindlichen Tiraden ein Interdikt erlassen hat.

«Wer Labour wählt, begeht eine Todsünde», schärfen Pfarrer ihren Gläubigen in jenen Jahren ein.

Das Christentum ist alt auf Malta. Es stimmt zwar nicht, dass der Apostel Paulus im Jahr 60, als Gefangener auf dem Weg nach Rom, drei Monate lang in einer Grotte auf Malta lebte; über Jahrhunderte wurde ein Kapitel aus der Apostelgeschichte falsch gelesen, erst im Jahr 1987 entdeckt ein deutscher Theologe den Irrtum. Katholisch ist die Insel trotzdem seit einer halben Ewigkeit. Und dann kommen die Malteser Ritter.

Zunächst beschwert sich ein Kundschafter des Johanniterordens: «Malta ist nichts weiter als ein Felsen.» Doch weil Kaiser Karl V., so geht die Legende, nur einen einzigen Falken pro Jahr als Zins verlangt, nimmt der Ritterorden 1530 die steinige Insel als Trostpreis, nachdem er von den Osmanen aus Rhodos vertrieben worden war. Und beginnt, sie auszubauen. Zu einer steinernen Festung. Und zu einer geistigen Festung: des Katholizismus. Zu einem petrifizierten Vorposten Roms.

Nur zweimal sind die Katholiken auf der Raubritterinsel in Gefahr: 1565, als eine osmanische Armada vor den Toren liegt, und 1798, als Napoleon, auf seinem Weg nach Ägypten, eine antiklerikale Administration hinterlässt. Beim ersten Mal wird der Feind durch Rittermut und Seuchen vertrieben.

Beim zweiten Mal rufen Klerus und Adel die Engländer zu Hilfe.

Malta ist ein Land wie in einem traurigen Buch.

Die Royal Navy segelt heran, vertreibt die Franzosen – und die Geistlichkeit lässt danach in der Verfassung verankern, dass die römisch-katholische Kirche die höchste lehramtliche Autorität in Fragen von Gut und Böse habe. In Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern hat der Klerus Zugriff auf die Seelen der Menschen, wirtschaftlich das Sagen hat er ohnehin. Fast 400 Kirchen stehen auf der kleinen Insel, das ergibt eine höhere Kirchendichte als in Rom. Mit der Rotunda von Xewkija und dem Dom von Mosta stehen zwei der grössten Kuppelkirchen Europas mitten im Mittelmeer – und die katholischen Malteser beten in ihnen zu «Alla», zu Gott.

Auftritt Dom Mintoff. 1978 paukt er ein Hochschulgesetz durch, das die Theologische Fakultät aus dem Weg fegen soll, trotz 34’000 Protest-Unterschriften. Na und? Die Universität ist für ihn ohnehin nur eine «Mätresse der Jesuiten». Im Jahr darauf wirft er die Briten und die Nato aus Malta, nähert sich dem Lager der Blockfreien an und erlaubt den Sowjets, ihre Kriegsschiffe im Hafen aufzutanken. Die Wiederwahl 1981 konnte Mintoff nur gewinnen, weil er zuvor den Zuschnitt der Wahlkreise verändert hatte. «Gerrymandering» nennt man das. Aus Protest boykottieren die konservativen Abgeordneten die Sitzungen des Parlaments.

1983 will die Labour-Party die Diözesen, Pfarreien und Konvente zu einem guten Teil enteignen. Man raunt damals, sie besässen fast die Hälfte des Bodens auf Malta, rund 150 Quadratkilometer. Wobei: So genau weiss das niemand. Bei vielen Besitzungen sind die Urkunden verschollen. Die Schenkungen liegen Jahrhunderte zurück. Der Vatikan beklagt die «gravierende, schmerzliche Massnahme». Die Temperatur steigt.

Der Bischof setzt einen Hirtenbrief auf: «Wir sind ein Volk der geeinten Familien, der Ruhe und der Friedensliebe.» Eigentlich. Aber: «Wir sehen den zunehmenden Hass zwischen Menschen unterschiedlicher politischer Denkweise. Dies führt schon in vielen Fällen zu heftigen Gewaltakten.» Mintoff verbietet dem Bischof, öffentliche Schulen und Gefängnisse zu besuchen.

Nun macht sich Dom Mintoff daran, die katholischen Privatschulen ausbluten zu lassen, indem er ihnen verbietet, Schulgebühren zu erheben. Seine Begründung: den «Elitismus» zu beenden. Sie dürfen gern weiter unterrichten, aber bitte schön kostenlos. Die Kirche verlangt staatliche Zuschüsse. Mintoff entgegnet: Erst, wenn ihr eure Besitzverhältnisse offenlegt. Das Fass läuft über. Eltern, Geistliche und die Nationalistische Partei gehen auf die Strasse, der Oppositionsführer schwört, seine Kinder auf unlizenzierte Kirchenschulen zu schicken.

Das ist der Moment, in dem auch Daphne Caruana Galizia politisiert wird. Sie ist 19 Jahre alt, als sie bei einem Protestmarsch festgenommen wird. Auch sie hat eine katholische Privatschule besucht. Zwei Tage lang wird sie in einer Zelle eingesperrt, ehe ein Polizist sie zwingt, ein vorformuliertes Geständnis zu unterschreiben. So jedenfalls stellt sie es dar.

2012 stirbt Dom Mintoff, im Alter von 96 Jahren. Für seine Bewunderer war er der Vater des modernen, säkularen Staates. Für seine Feinde war er ein Tyrann. Auf der Insel mit den zwei Wahrheiten.

17. Glenn Bedingfield

Wir sind so weit: An einem Dienstagmittag wird uns ein enger Mitarbeiter des Premierministers ein manipuliertes Dokument überreichen.

Wir nehmen den Aufzug vom Hafen in die Altstadt von Valetta und gehen zur «Herberge der kastilischen Ritter», so der Name des Amtssitzes des Premierministers. Der Blick von dort ist erstklassig: das Blau des Meeres, das Weiss der Jachten.

Wir betreten den barocken Palast, geben unsere Pässe ab, ein Polizist weist den Weg. Premierminister Joseph Muscat gibt schon länger keine Interviews mehr zur Mordsache Caruana Galizia; er schickt Untergebene vor. Den Abgeordneten Glenn Bedingfield etwa, einen engen Mitarbeiter und Kindheitsfreund.

Bedingfield hat die Figur von Bud Spencer, kleine Augen und ein eindrucksvolles Doppelkinn. Das Konferenzzimmer, in das er uns führt, ist dagegen eine Enttäuschung: Es hat den Charme eines Baumarktes. Das Licht flackert, der Boden ist übersät mit Farbklecksen.

Bedingfield schliesst die Tür und setzt sich. Wir sprechen kurz über seine Partei, Malta, seinen Blog. Dann über den Fall.

Republik: «Wer war Daphne Caruana Galizia?»

Bedingfield:
«Daphne Caruana Galizia wird als die ultimative Journalistin gegen Korruption dargestellt, aber sie hat Korruption nicht immer bekämpft. Sie hat Korruption nur dann bekämpft, wenn die Labour-Regierung an der Macht war.»

Republik:
«Wer könnte hinter dem Mord stecken?»

Bedingfield:
«Sie hat über viele Leute geschrieben. Und hat über eine Menge Leute gelogen. Wir Politiker bekommen einen Schlag und noch einen Schlag: Wenn man uns beschuldigt, wehren wir uns. Aber sie schrieb auch über Menschen, die keine Politiker sind. Die nicht mit einer öffentlichen Stellungnahme antworten.»

Sondern mit einer Bombe, will er offenbar sagen.

Wir sprechen über Caruana Galizias grösste Story, die in Malta Neuwahlen auslöste: das angebliche Schwarzgeldkonto der First Lady. Bedingfield hebt die Stimme, er wedelt mit den Armen.

Bedingfield: «Es gibt nur Vorwürfe. Behauptungen. Ich könnte genauso gut behaupten, dass Sie einen bestimmten Artikel nur deshalb geschrieben haben, weil man Sie bestochen hat. Ich mache eine Anschuldigung. Aber wo ist der Beweis?»

«Wir sind kein Mafia-Staat»: Glenn Bedingfield, ein enger Vertrauter von Premierminister Joseph Muscat. Facebook

Bedingfield hat sich warm geredet. Man muss ihn nicht darauf ansprechen, dass Caruana Galizias Söhne Malta als «Mafia-Staat» bezeichnet haben. Er kommt von selbst drauf.

Bedingfield: «Wir sind kein Mafia-Staat. Erst gestern habe ich Nachrichten im italienischen Fernsehen gesehen. Zwei Bürgermeister wurden wegen Verbindungen zur ’Ndrangheta festgenommen. Sie hatten zudem Verbindungen nach Deutschland. Hat irgendwer gesagt, Italien sei ein Mafia-Staat? Oder Deutschland? Nein. Und Malta ist es auch nicht. Ich weise solche Behauptungen entschieden zurück.»

Dann schwenkt er plötzlich auf sich.

Bedingfield: «Seit ich erwachsen bin, lebe ich in Angst. Ich habe nie eine Waffe getragen.»

Republik: «Sie wurden bedroht?»

Bedingfield: «Oft. Man drohte mir mit Bomben. Ich erhielt anonyme Briefe, anonyme Anrufe.»

Republik: «Klingt aber doch nach Mafia-Staat.»

Er zieht die Augenbrauen hoch.

Bedingfield: «Die Malteser sind zuversichtlich, dass es mit dem Land bergauf geht. Was ihnen wirklich wichtig ist, ist die Verbesserung ihres Lebensstandards.»

Republik: «Wenn sich eine Gesellschaft nicht für den Mord an einer Journalistin interessiert, dann …»

Bedingfield: «Das ist es nicht, was ich gesagt habe. Es interessiert die Gesellschaft durchaus. Aber die Leute wollen mit ihrem Leben weitermachen.»

Wir fragen, ob es eine Möglichkeit gebe, den Premierminister Joseph Muscat doch noch zu treffen. Bedingfield erhebt sich von seinem Stuhl, verlässt den Raum und kehrt mit einem Mann zurück, der neben Bedingfield so klein und zerbrechlich wirkt wie ein Strohstern neben einem Betonklotz.

«Kurt Farrugia», sagt er und reicht uns seine Visitenkarte: «Regierungssprecher Malta».

Ein Gespräch mit dem Premier? Ja, das sollte möglich sein. Danach sagt Farrugia, sein Team habe ein Dossier vorbereitet, in dem die Regierung auf alle wichtigen Kritikpunkte eingehe. Bedingfield bietet an, es zu holen. Wenig später kommt er mit einem Stapel Dokumente zurück und drückt ihn uns in die Hand. Die Audienz ist beendet.

Ein paar Stunden später, im Flugzeug, holen wir den Stapel hervor. «Rechtsstaatlichkeit in Malta» steht auf dem Deckblatt. Wir blättern es durch. Und sind verblüfft: Soll das das Dossier sein, in dem die Vorwürfe gegen Maltas Regierung entkräftet werden?

Es ist das genaue Gegenteil: eine detaillierte, höchst kenntnisreiche Auflistung von allem, was in Malta schiefläuft. In der Justiz, bei der Polizei, in der Politik. Von Verbindungen nach Aserbaidschan ist die Rede, von mysteriösen Bankgeschäften.

Seit wann übergibt ein Regierungssprecher ein derartiges Papier an Journalisten? Will er seine Kündigung? Oder hat sich Bedingfield vergriffen – und uns das falsche Dokument gegeben?

Nach der Landung schicken wir einem EU-Parlamentarier ein Foto des Deckblatts: «Wissen Sie, was das ist?»

«Allerdings», antwortet er. Den Bericht haben Anwälte erstellt – für die Familie Caruana Galizia. Und dann für die Delegation des EU-Parlaments, die Ende November nach Malta flog. Es ist eine einzige Anklage gegen den Mangel an Rechtsstaatlichkeit auf Malta. Er schickt uns das Original.

Wir verstehen weiterhin nichts. Warum hat Bedingfield uns Munition gegen die eigene Regierung gegeben? Am nächsten Tag, in der Redaktion, gehen wir das Papier Absatz für Absatz durch. Der Grund ist eine Abweichung: Warum tragen alle Blätter die Seitennummer 28? Im Original sind die Seiten korrekt nummeriert, von 1 bis 45.

Wir gleichen die Seiten ab. Alles ist identisch. Nun, fast alles. Nur etwas fehlt – ausgerechnet an der Stelle, wo es um die Pilatus-Bank geht. Deren Direktor Ali Sadr kürzlich in den USA verhaftet wurde. Über die mehrere Zahlungen von maltesischen Ministern abgewickelt wurden. Und über die First Lady Michelle Muscat eine Million Dollar aus Aserbaidschan erhalten haben soll.

Einzig hier weichen die beiden Dokumente voneinander ab – bei dem Punkt: «Die Pilatus-Bank und die maltesische Polizei».

Diese drei Absätze aus dem Originaldokument fehlen im Dokument, das dem Rechercheteam der Republik ausgehändigt wurde.

Im Original geht es an dieser Stelle um drei Personen. Erstens um den Polizeichef von Malta. Zweitens um die Chefjuristin der Pilatus-Bank. Sie hat die Ermittlungen gegen die Whistleblowerin in Gang gesetzt, die angeblich die Beweise für schwarze Konten der First Lady kopiert hatte. Der Polizeichef habe diese Ermittlungen mit untypischem Eifer vorangetrieben, mit «unusual alacrity» – während er gegen die Pilatus-Bank nie aktiv wurde. Die dritte Person ist die Brücke zwischen den beiden ersten: der Vater der Chefjuristin – der zugleich ein naher Kumpel des Polizeipräsidenten sei. Beide gehören dem gleichen Fussball-Fanclub an.

Es gibt im Regierungssitz jemanden, der sich die Mühe gemacht hat, die Verbindung zwischen Polizei und Pilatus-Bank aus dem Dossier zu löschen. Drei Absätze aus 45 Seiten.

Warum?

Wie bei vielem in Malta bleibt unklar, ob es Pfusch oder Absicht ist.

Nachtrag 15. April, 10 Uhr: Gleich, nachdem uns die Unstimmigkeit aufgefallen war, haben wir Glenn Bedingfield damit konfrontiert. Er antwortete knapp per SMS: «It is a govt document.» Weiter äusserte er sich nicht dazu.

Inzwischen hat sich herausgestellt,
dass im Originaldokument ein Fehler war. Es gibt mindestens zwei John Zammit auf Malta. Der John Zammit, der im gleichen Fussball-Fanclub ist wie der Polizeichef, ist nicht der Vater der Pilatus-Chefjuristin (siehe erster Absatz im Dokument oben). Die aus dem Originaldokument gelöschten Passagen waren also fehlerhaft.

Der Vorgang bleibt weiter rätselhaft. Warum weist man in der Regierung nicht auf den Fehler hin – sondern übergibt Journalisten ein manipuliertes Dokument?

18. Joseph Muscat

Wer also hat Daphne Caruana Galizia ermordet?

Vor über drei Monaten haben wir uns an die Recherche gemacht. Unsere erste Spur führte in Richtung der letzten Recherche der Toten – zur Pilatus-Bank, deren Chef Ali Sadr in den USA festgenommen wurde.

Die Bank wurde ein halbes Jahr nach dem Regierungswechsel eröffnet – mithilfe eines gekauften Passes von Ali Sadr, vermittelt durch eine Schweizer Kanzlei.

Pilatus ist eine Bank mit sehr wenigen Kunden. Aber brisanten. Die meisten kommen aus einem Land, das dem Premierminister ungesund nah ist: Aserbaidschan. Andere Kunden sind dem Regierungschef noch näher: Wichtige Minister transferierten über Pilatus ungeklärte Gelder.

Die zweite Spur führte direkt in die Regierung. Daphne Caruana Galizia und die Sozialdemokraten waren gnadenlose Feinde: Kein Wunder, sagen die meisten politischen Freunde Caruana Galizias dasselbe wie ihr Sohn Matthew: «Die Leute sagen jetzt: ‹Ich hoffe, sie finden den Bastard.› Aber wir wissen, wo die Bastarde sitzen. Sie sind in der Regierung.»

Solche Aussagen sind keine Überraschung – Malta wird nicht von zwei Parteien regiert, sondern von zwei Clans. Das politische Lager wählt fast niemand mit dem Kopf, sondern per Geburt. Beide Lager sind kompromisslos in der Wahl ihrer Mittel.

Malta ist ein Land wie in einem traurigen Buch. Es fühlt sich an wie «Romeo und Julia» ohne Liebesgeschichte, wie «Don Camillo und Peppone» ohne Charme. Es ist eine Insel, auf der nur das Wetter warm und nur die Touristen fröhlich sind. Die Atmosphäre unter den Einwohnern beherrschen falsche Loyalität und echtes Misstrauen. Kein Wunder, kursieren Scharen von Gerüchten, die keine Wahrheit brauchen, um Wirkung zu erzielen.

Malta war über Jahrhunderte ein Raubritternest, bewohnt von harten Katholiken. Die Sozialdemokraten, lange die Verlierer, haben nach dem Machtwechsel die Tradition nicht gebrochen, sondern Raubrittertum wie Härte mit der Energie von Ausgehungerten perfektioniert.

Die Regierung von Joseph Muscat hat die Hürden für den Betrieb einer Steueroase noch einmal dramatisch gesenkt. Sie hat den Passhandel eingeführt. Sie hat das Geschäft Richtung Russland verlagert. Und sie hat die Korruption in neue Höhen geschraubt: Mehrere Minister blieben trotz Offshore-Firmen problemlos im Amt.

Dazu ist es ein offenes Geheimnis, dass auf Malta Mafia-Geld im Online-Glücksspiel gewaschen wird. Und dass die italienische Mafia aktiv ist auf Malta.

Nur zwei Beispiele:

2015 verhaften italienische Ermittler 41 Männer, beschlagnahmen über zwei Milliarden Euro und schliessen Online-Wettshops. Sie gehören der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia – und wurden betrieben auf Malta.

Ende 2017 fliegt in Palermo ein Mafia-Clan auf, der sein Geld mit Glücksspiel, Drogen und Prostitution verdient hat. Dabei entdecken die Fahnder: Der Clan war eben dabei, sein Geschäft neu zu strukturieren. Es sollte komplett in Online-Casinos verlegt werden – lizenziert auf Malta.

Die Folge der oben skizzierten Politik ist, dass zwei Dinge ins Land kamen: ein Schwall von anrüchigem Geld. Und damit die Kultur, mit dem dieses erwirtschaftet wurde. In der maltesischen Regierung, die in Rekordtempo Gesetze zur Bereicherung verabschiedete, gilt letztlich vor allem das Gesetz der Gesetzlosen: das des Stärkeren. In der restlichen Gesellschaft sind Moral und Steuermoral auf den Tiefpunkt gesunken – kein Wunder, wenn ihre Umgehung die Ursache des Wirtschaftsbooms ist. Und die offizielle Strategie des Landes.

Die maltesische Polizei ist seit langem derart berüchtigt unfähig und korrupt, dass auch die Kriminellen brutale Dilettanten sind – es kommt nicht auf Raffinesse an. Und bei der beinahe schon offiziellen Einladung an Organisationen wie der italienischen und der russischen Mafia ist es kein Wunder, dass hier Autobomben explodieren wie früher in Italien.

Daphne Caruana Galizia war eine Kämpferin gegen diese Entwicklung, aber kein Engel. Sie war wie fast alle auf Malta verstrickt in der Feindschaft der beiden Clans, mit allen Widersprüchen: Sie war liebevoll im Privaten und gnadenlos in der Öffentlichkeit, sie war als Journalistin ebenso verantwortungslos und voreingenommen wie aufrecht und mutig.

Unsere Recherchen haben ihren Tod nicht klären können. Viele sagten zwar, sie hätten Beweise, aber niemand hatte einen.

Was hingegen klar ist: Wer immer den Mord in Auftrag gab, der Mittäter ist bekannt. Er heisst: Malta. Die Feindschaft der Clans. Das Geschäftsmodell der Trickserei. Der Passhandel. Die Korruption durch leicht verdientes Geld. Die Verfügbarkeit von verwöhnten Kriminellen.

Malta ist zwar krass. Aber mit Abstufungen durchaus prototypisch für die Gesellschaft aller reinen Steueroasen: Jede Gesellschaft zerfällt, wenn ihre lukrativsten Geschäfte die eines Parasiten sind. Die Schweiz, als über Jahrzehnte unbestritten führende Steueroase der Welt, hatte daneben auch eine Industrie, einen Universitäts- und Dienstleistungssektor.

Klar ist ebenfalls: Der Mann, der für die Lage auf Malta im Moment am stärksten verantwortlich ist, ist derselbe, der sie am energischsten verschärft hat: Premierminister Joseph Muscat.

Muscat ist nicht nur ein Problem für Malta. Sondern für die gesamte EU.

Seit langem drängt man in Brüssel darauf, schärfer gegen Geldwäsche vorzugehen. Eines der Länder, die sich beharrlich weigern, die neuen Richtlinien umzusetzen? Malta.

Seit langem will die EU eine europäische Staatsanwaltschaft aufbauen, die gegen Korruption und Geldwäsche ermitteln soll. Eines der Länder, die sich zunächst beharrlich davon ferngehalten haben? Malta.

So gesehen reicht der Skandal bis nach Brüssel.

Das Zentrum einer Steueroase: Valletta, von der Stadt Sliema aus gesehen.

Wir von der Republik werden auf jeden Fall dranbleiben, auch wenn unsere Trilogie fürs Erste beendet ist.

Bis die Hintermänner des Mordes an der Journalistin Daphne Caruana Galizia gefunden sind, werden wir uns weiter für die Vergangenheit, die Taten und das Schicksal unserer Hauptpersonen interessieren: Joseph Muscat und Glenn Bedingfield, Keith Schembri und Ali Sadr, Maria Efimowa und Jonathan Ferris.

Dies ist nicht das Ende unserer Serie; es ist nur das Ende der ersten Staffel.

Die Serie «Mord auf Malta» wurde aus dem Etat für grosse Recherchen, grosse Geschichten und grosse Ideen der Project R Genossenschaft realisiert.

Die Recherchekooperation

Ein Team von Reportern der Nachrichtenplattform «The Shift News» und der Republik hat gemeinsam zu «Mord auf Malta» recherchiert – vor Ort, in London und Zug, in Catania und Strassburg. Die maltesischen Journalisten Caroline Muscat und Jurgen Balzan gründeten «The Shift News» im November 2017.

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