Debatte

Gibt es ein Zuviel an Globalisierung?

Debattieren Sie mit Autor Mark Dittli.

12.04.2018

Unabhängiger Journalismus kostet. Die Republik ist werbefrei und wird finanziert von ihren Leserinnen. Trotzdem können Sie diesen Beitrag lesen.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

Freier Handel zwischen den Staaten fördert den Wohlstand. So lautet eine der grundlegenden Annahmen in der Ökonomie. Tatsächlich: Die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft wäre nicht das, was sie heute ist, wenn andere Staaten ihre Märkte für Produkte aus der Schweiz geschlossen hätten. Auch andere Staaten wie Thailand, Vietnam oder – vor allem – China haben in den letzten Jahren von der Globalisierung profitiert. Genau so wie vor ihnen Korea, Taiwan, Singapur oder noch früher Japan. Millionen Menschen sind aus der Armut in die Mittelklasse aufgestiegen.

Aber hat die Globalisierung auch eine dunkle Seite? Haben westliche Politiker und Ökonomen zu lange ignoriert, dass freier Handel auch Verlierer produziert – und dass diese Verlierer in den unteren und mittleren Arbeiterschichten Westeuropas und Nordamerikas zu finden sind? Hat der an der Harvard University lehrende Ökonom Dani Rodrik recht mit seiner Warnung, dass wir es seit Jahren mit der Globalisierung übertrieben haben? Und dass die Befürworter des Freihandels die Grenzen für Arbeitskräfte öffnen müssten, wenn sie es wirklich ehrlich meinten, wie Rodrik sagt?

Lesen Sie das Interview mit Dani Rodrik, und diskutieren Sie heute zwischen 10 und 14 Uhr mit Autor Mark Dittli.

Wir freuen auf Ihre Beiträge zur Debatte!

Ihr Interesse an dieser Republik-Debatte freut uns sehr. Wollen Sie daran teilnehmen? Werden Sie jetzt Verleger und Abonnentin.

neu laden
Anonymous
· editiert
(unsichtbar)
0
/
0

Das ist eine hervorragende Debatte, die auch Ökonomielaien wie mir weiterhilft. Dafür braucht es die Republik. Danke für alle Beiträge!

4
/
1

Zuviel Globalisierung? Ich erlebe immer wieder, dass mir der Schweizer Zoll Bücher und CDs mit unverschämten Zollabgaben («CHF 20.- für die Inspektion eines Briefleins mit einer CD drin», zusätzlich zum Preis von vielleicht €15). Oder Schutzzölle gegen die Einfuhr ausländischen Fleisches oder Gemüse. Ich wünsche mir endlich mehr Globalisierung, und weniger Bauernschlauheit und Ängste.
Nein, es gibt keine Verlierer bei der Globalisierung. Im Gegenteil: Wo es an Globalisierung fehlt, gibt es Verlierer, zum Beispiel die Schweizer Landwirte, deren Innovationen zu Schanden werden und die für Futtermittel viel mehr bezahlen müssen als ihre ausländischen Konkurrenten.
Meines Erachtens werden zwei Dinge verwechselt: die Globalisierung schafft zwar Wohlstand für viele, aber der Wohlstand wird nicht in Form von Lohnerhöhungen weitergegeben. Das bremst die Binnennachfrage und nützt Billiganbietern. Die zu kurz gekommenen sollten nicht gegen Globalisierung (die ihnen nützt) wettern, sondern gegen die Sparwut von Staat und Wirtschaft, die ihnen tatsächlich sehr unmittelbar schadet. Höhere Sozialhilfen und Lohnerhöhungen würden auch den Anbietern lokaler Produkte helfen, ihre Vorteile auszuspielen. Oder wer kauft schon Schweizer Fleisch, wenn das Geld nicht für die Familie reicht?
Das ist zugegeben keynesianisch gedacht, weder im Sinne Dani Rodriks noch der geltenden Mehrheitsmeinung in der Ökonomie, aber zumindest zeigt es einen gangbaren Weg aus der Krise der Demokratie und der individuellen Freiheit, die wir zur Zeit erleben.

3
/
2

Gut, dass jemand mit Prestige und Reichweite diese Wahrheit ausspricht, aber es ist eigentlich eine Binsenwahrheit, welche in Studien der Weltsystem-Soziologie, in Zürich u.a. von Volker Bornschier betrieben, schon in den 90er-Jahren vertreten wurde. Da ich einen Freund habe, der in Argentinien lebt, haben wir immer wieder über dieses Land gesprochen: nach dem Ende der Militärdiktatur 1983 erlebte Argentinien ein wirtschaftspolitisches hüst und hott, auch eine neoliberale Phase unter dem Wirtschaftsminister Martinez de Hoz. Der Abbau der Zölle liess die einheimische Industrie in schwere Probleme kommen, löste aber einen Importboom aus. Es endete böse. Anschauungsmaterial hätten die Ökonomen also genug gehabt, aber sie waren und sind so auf ihre Modelle fixiert, dass sie der Wirtschaftsgeschichte wenig Bedeutung beimessen.

5
/
0

Ich möchte mich für das hohe Niveau und den angenehmen Umgang in dieser Debatte bedanken. Ich hatte mich von online-Kommentaren verabschiedet und freue mich, dass in der Republik ein Meinungsaustausch unter LeserInnen mit Anstand und gegenseitiger Achtung über die Bühne gehen kann. Eine echte Bereicherung in Form und Inhalt.

14
/
0

Das Interview lässt die Hoffnung aufkeimen, dass ein verträglicher Kapitalismus denkbar sei. Dem ist aber nicht so. Wie der Name schon sagt, 'kümmert' sich der Kapitalismus ausschliesslich um das Kapital. Die Globalisierung ist in erster Linie ein Raubzug der Vermögenden auf die Besitztümer der Armen. Ein wesentliches Mittel zu diesem Zweck ist der Freihandel bei gleichzeitiger Beschränkung der Reisefreiheit für Personen. Billiglohnländer sind nichts anderes als riesige Arbeitslager wo die Menschen maximal ausgebeutet werden. Wenn sich die Menschen eine Besserstellung erkämpft haben, ziehen die Heuschrecken einfach weiter und hinterlassen eine wirtschaftliche Wüste, eine zerrüttete, entsolidarisierte Gesellschaft, bereit für das nächste autoritäre Regime.
Seien wir ehrlich. Kann auf dieser Grundlage eine bessere Gesellschaft für Milliarden von Menschen entstehen? Ich sage nein, das Ziel dieser Wirtschaftsform ist es, ein paar Millionen extrem wohlhabend, den Rest extrem abhängig am Rande des Existenzminimums zu halten.
Wenn die demokratischen Staaten es nicht in nächster Zeit schaffen die Macht des Kapitals zu brechen, dann sage ich apokalyptische Verhältnisse voraus. Die Massen der Verarmten werden sich mit Gewalt das holen was ihnen vermeintlich zusteht. Aber was mit Gewalt beschafft wurde kann nur mit Gewalt erhalten werden und so wird eine Gewaltspirale in Gang gesetzt welche nur schwer und mit extrem vielen Opfern anzuhalten ist.
Vielleicht steht am Ende des egoistischen Individualismus und der Grossmächte wieder ein Modell der weitgehend unabhängigen Kleinstaaten in denen sich die Menschen gegenseitig helfen anstatt nur aggressiv ihren eigenen Vorteil zu suchen. Die Technologien werden ja nicht einfach verschwinden, aber man könnte sie auch zum echten Mehrwert verwenden und nicht nur zur weiteren Steigerung der Vermögenskonzentration

11
/
2
M. L.
· editiert

Hei Simon. Das Bild welches du bescheibst finde ich sehr passend und kraftvoll dargestellt. Danke für für diese Ergänzung zum Artikel.

4
/
2

Da bin ich dezidiert nicht Ihrer Meinung, Herr Reber. Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie sagen, die Globalisierung sei in erster Linie ein "Raubzug der Vermögenden auf die Besitztümer der Armen". Die Fakten sprechen dagegen. In der Zeit seit 1990 sind vor allem in Ost- und Südostasien mehrere hundert Millionen Menschen aus der Armut in die Mittelklasse aufgestiegen. Sie haben signifikante Einkommensfortschritte erzielt. Dem durchschnittlichen Chinesen, der durchschnittlichen Vietnamesin geht es heute viel besser als 1990. Dasselbe lässt sich für die meisten Staaten in Osteuropa sagen. In diesem Sinne war die Globalisierung die bessere und effektivere Entwicklungshilfe als jedes staatliche Hilfsprogramm. Mein Argument wäre, dass der Freihandel den Volkswirtschaften in China, Korea, Vietnam etc. mehr genützt hat als den Arbeiterschichten in Westeuropa und in den USA. Auch vertrete ich dezidiert die Meinung, dass der Kapitalismus von allen Wirtschaftssystemen das beste ist. Bloss darf der Staat nicht der Illusion verfallen, dass der freie Markt in einem kapitalistischen System alles von selbst regelt. Der Staat muss auch in einem kapitalistischen System eine starke Rolle spielen.

3
/
1

Ich glaube kaum, dass ich mir das zu einfach mache. Sie blenden einfach aus, dass die Globalisierung nicht erst seit 30 Jahren am Werk ist. In den letzten 200 Jahren wurden Milliarden von Menschen in bitterste Armut gezwungen um den dekadenten Luxus einer winzigen Minderheit von wenigen Millionen zu ermöglichen. Aber auch wenn wir nur die letzten 30 Jahre betrachten, ist die Zahl der Verlierer um vieles grösser als die Zahl der effektiven Gewinner. Gerade die neue Mittelschicht in China und Korea steht unter einem gewaltigen Leistungsdruck und befindet sich dauernd am Abgrund des Abstiegs in die Armut.
Die Landwirtschaft ist in den letzten 30 Jahren zur eigentlichen Armutsfalle verkommen. Abgesehen von ein paar wenigen Grossgrundbesitzern und den hochsubventionierten Landwirten in der westlichen Welt, verdient kaum mehr ein Bauer mehr als er zum nackten überleben braucht. Die enormen Produktivitatszuwächse sind allesammt in den Taschen der reichen Aktionäre von Agrotech Konzernen verschwunden.
Vielleicht führen sie sich mal die Zahlen von Thomas Piketty und seinem Team zu Gemüte. Diese sprechen eine recht deutliche Sprache. Ohne das Korrektiv zweier Weltkriege, sähe die Ungleichheit der Vermögen heute noch viel drastischer aus. Und wer würde ernsthaft die Weltkriege als etwas Positives betrachten?
Aber ich bin mit ihnen einig, dass die Globalisierung nicht nur negatives beinhaltet, verschwinden wird sie auf jeden Fall nicht mehr. Aber wenn wir versuchen die Zukunft mit kapitalistischer Marktwirtschaft zu gestalten ist es hoffnungslos. Zu glauben, dass es eine marktwirtschaftliche Lösung für die sich anbahnende Klimakatastrophe oder die Migrationskrise existiert, und diese auch wirklich umgesetzt wird ist naiv. Alle Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass die Reichen dieser Welt lieber ein Chaos und den Tod von Millonen in Kauf nehmen, als dass sie sich von einem kleinen Teil ihres Reichtums trennen

4
/
2

Guter Artikel. Hochaktuelles Thema. Aber Dani Rodrik, den ich sehr schätze, geht leider viel zu wenig weit. Kein Wunder. Er ist ein Markt-Ökonom der uralten Schule. So glaubt er etwa immer noch, dass Globalisierung effizient sei, und dass alle besser gestellt wären, wenn ein Teil dieser Effizienzgewinne an die Verlierer verteilt würde. Wie auch? Effizienzgewinne kommen vom technologischen Fortschritt. Doch dieser wird gebremst, wenn (um Ihren einleitenden Satz zu umzuschreiben), „ sich Staaten auf die Produktion jener Güter konzentrieren, bei denen sie - zum Zeitpunkt der Marktöffnung - komparative Kostenvorteile besessen haben “ - und dort sitzen bleiben. Etwa auf Bananenplantagen oder Textilfabriken. Tatsache ist, dass sich der technologische Fortschritt nur sehr langsam ausbreitet und leider so, dass die Ungleichheit dramatisch zunimmt. Daran ist die Globalisierung zumindest mitschuldig. Und Rodrik vergisst auch, dass der Mensch nicht nur auf dem Feld des Marktes (re-)produktiv tätig ist, sondern auch als Familienvater, Nachbar, Vereinsmitglied etc. Ist Rodrik noch nicht aufgefallen, dass diese andern Felder verdorren, wenn – wie ihm vorschwebt – ein paar tausende Pakistani schnell mal für drei Jahre eine Fachkräfte-Lücke in Deutschland füllen oder wenn hunderttausende rumänische Mütter statt ihrer Kinder Senioren in Italien oder Österreich füttern?

14
/
1

Danke Herr V. Im Punkt der Mobilität der Arbeitskräfte muss ich Rodrik in Schutz nehmen: Sein Argument ist, dass dort noch echte volkswirtschaftliche Gewinne für die Weltwirtschaft zu holen wären, weil dort die Mobilitätshürden noch am höchsten sind. Das ist sein ökonomisch und nicht soziologisch argumentiert. Aus Gründen der Zeit und der Länge des Interviews habe ich verzichtet, darauf eingehender mit ihm zu diskutieren. Allerdings würde ich folgende Frage in den Raum stellen: Ist es für die Gesellschaft in Pakistan (etc.) wirklich besser, wenn junge, arbeitslose Männer nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen? In einem zweiten Punkt bin ich nicht Ihrer Meinung: Sie schreiben, der technologische Fortschritt breite sich nur sehr langsam aus. Die Erfahrung in Asien, insbesondere in Korea, Taiwan, China, Vietnam, Malaysia etc. zeigt doch genau, dass sich der technologische Fortschritt schnell ausbreitet.

2
/
1

Einverstanden, bei einem Interview kann man nicht alles im Detail ausdiskutieren, nicht einmal die Frage, ob man bei einen Thema wie Auswanderung noch rein ökonomisch argumentieren darf.
Unter Ausbreitung des technologischen Fortschritt verstehe ich dessen Umwandlung in Wohlstand für möglichst viele. 1979 hatten die USA einen Stand der Technologie erreicht, der ein Einkommen (BIP) 29'500 Dollar (Indexstand 2016) ermöglichte. 38 Jahre später haben zwar Korea und Taiwan diese Marke überschritten, Malaysia ist immerhin nahe dran, aber China und Vietnam sind noch meilenweit davon entfernt, genau so wie ganz Afrika, Süd- und Zentralamerika, die Türkei, Portugal etc. Und selbst in den USA verdient heute fast die Hälfte der Bevölkerung weniger als mit einen BIP pro Kopf von 29'400 Dollar möglich wäre. Gilt übrigens auch für den Exportweltmeister Deutschland. Man kann also kaum behaupten, dass sich das System der globalisierten Marktwirtschaft bei der Umwandlung von Technologie in Wohlstand sehr geschickt anstellt. Da sollten wir die Latte schon ein wenig höher legen.

0
/
0

Was ich nicht verstehe am ganzen Freihandelsgedöns der Ökonomen: wie Herr Rodrik spricht es bereits an. Wie soll freier Kapitalverkehr funktionieren, wenn keine Freiheit im Verkehr von Arbeitskräften herrscht? Man müsste eigentlich auch gemeinsame Steuern einführen, damit der Steuerwettbewerb kein "race to the bottom" wird. Freihandel andererseits funktioniert nur in Reinform, wenn Kapital vollkommen unbeweglich ist. D.h. Freihandel und freier Kapitalverkehr widersprechen sich. Es muss ein Optimum zwischen beidem das Ziel sein. Oder habe ich das in meinen Ökonomievorlesungen falsch verstanden? Volkswirtschaftlich machen doch die neusten Freihandelsverträge keinen Sinn. Sie höhlen aber gekonnt den Umweltschutz aus.

5
/
1

abwandernde Unternehmen - ein Bluff?

ich finde den Artikel sehr interessant. Zeigt er doch auf was viele immer bemängelt haben. Globalisierung führt nicht nur zu einem Fortschritt sondern auch zu einem Rückschritt.

Nun noch zu meinem Titel. Zur Zeit der grossen Asienkrise 1997 war ich für eine schweizer Firma in Asien tätig. Damals begannen sich in Thailand die Gewerkschaften zu formieren und aktiv zu werden. Auch diese Organisationen gehören zu einer gesunden Gesellschaft oder Demokratie, wie dies auch im Artikel geschrieben steht. Tatsache war damals, dass innert Monaten Grosskonzerne aus dem Sportartikelbereich ihre gesamte Produktion von Thailand nach China verlagerten. Wenn sich also die Rahmenbedingungen für partikuläre Interessengruppen innerhalb eines Staates auf Grund von äusseren Einflüssen zu ihrem Nachteil ändern geht es sehr schnell und die Firmen sind weg.
In diesem Punkt bin ich mit dem Artikel nicht einverstanden. Aber ansonsten sehr tolles Interview

6
/
1

Was wäre damals in Thailand wohl passiert, wenn das. neue Kapital nicht hätte nach China fliessen können?

0
/
0

Vielen Dank - auch, dass Sie Ihre Erfahrungen aus Asien von 1997 mit uns teilen.

1
/
0

Einmal mehr ein sehr interessantes Interview, danke dafür!

Rodrik unterscheidet mehrmals im Gespräch zwischen dem Warenverkehr und dem Kapitalverkehr. Jedoch ist es essentiell, auch zwischen Waren- und Personenverkehr zu unterscheiden. Deshalb bin ich auch mit seinem "Pakistani arbeitet in Deutschland"-Beispiel nicht einverstanden. Die Lohnkosten mögen gewiss tiefer sein und auf den ersten Blick scheint auch ein Gewinn für beide Volkswirtschaften zu entstehen. Erst in der Praxis werden aber die tatsächlichen Kosten sichtbar (es wurde unter Volkswirten ja schon mehrfach diskutiert auf diese "Integrationskosten" mit einer Migrationssteuer zu reagieren). Laut Prof. Rodrik ist das oben genannte Beispiel zurzeit nur nicht anwendbar wegen der Fremdenfeindlichkeit. Ich denke aber, hier verkennt der Professor das Problem. Denn während man Waren und zum Teil auch Dienstleistungen fast überall auf der Welt im gleichen Stil nutzen und in Anspruch nehmen kann, ist bei Arbeitskräften immer noch der Faktor Mensch dabei.

Der grösste Vertreter des Freihandels, Nobelpreisträger Milton Friedman, sagte deshalb zu Recht: "Zwei Bereiche kann man nicht freigeben, Kapital und Personen."
Ich glaube, dass wenn eine Volkswirtschaft Arbeitskräfte "importieren" will, muss die Gesellschaft immer auch bereit sein, ihren Teil zu leisten.
Also gewillt sein, alle Migranten einzugliedern, gewillt sein, Vorurteile abzubauen und vor allem gewillt sein, die Chancengleichheit konsequent umzusetzen.

11
/
3

Lieber Herr Gross, darf ich fragen: woher stammt das Friedman-Zitat? (Der grösste Vertreter des Freihandels, Nobelpreisträger Milton Friedman, sagte deshalb zu Recht: "Zwei Bereiche kann man nicht freigeben, Kapital und Personen.") Danke für eine Auskunft!

1
/
0

Spannendes Interview; danke dafür!

Mich stört allerdings der Begriff "Paria"; es wird impliziert, dass Rodik aufgrund seiner Meinung Nachteile erfahren musste. Schaut man aber z.b. seinen Werdegang an (Harvard -> Princeton), kann davon kaum die Rede sein. Rodik, so behaupte ich, konnte dies durchaus aushalten (und die Geschichte hat ihn dann auch "belohnt").

Das Problem ist, dass durch die Verwendung des Begriffs aus Minderheitspositionen plötzlich Fakten werden, die mutwillig durch gewisse Kreise unterdrückt werden. Dabei waren die "Gegner" Rodik's wohl eher auf einem Auge blind und sind bestimmt nicht gegen Rodik als Person gewesen.

4
/
0

Danke Herr Frei. Es war nicht meine Absicht, mit dieser Bezeichnung zu suggerieren, Rodrik hätte Nachteile erfahren müssen oder sei persönlich angegriffen worden. Aber weil er kein traditionell "linker" Ökonom ist, wurde er von seinen liberalen KollegInnen doch sehr hart kritisiert, weil er es seit mehr als zwanzig Jahren immer wieder wagte, sich gegen den ideologischen "Konsens" zu stemmen.

3
/
0

Danke für die Antwort, Herr Dittli; die Unterstellung war auch nicht gewollt.

Aber ich finde es durchaus spannend, dass man von Wagnis spricht (ganz generell, nicht nur auf diesen Artikel bezogen), wenn man keine Nachteile erfährt. Die damit verbundenen Debatten musste Rodik ja bestimmt nie scheuen.

Aber das wäre Thema für einen separaten Artikel.

0
/
0

Prof. Rodrik hat völlig recht. Vernünftige Leute und zahlreiche NGOs sagen das schon längst. Nur haben sie keine Stimme. Nicht einmal Prof. Rodrik hat eine.

2
/
1

Das würde ich so absolut nicht sagen. In der ökonomischen Lehre hat in den letzten Monaten/Jahren ein sichtbares Umdenken stattgefunden. Sogar der IMF ist nicht mehr so doktrinär, wenn es z.B. um die Offenheit von Kapitalbilanzen geht. Mit dem Brexit-Entscheid in Grossbritannien, der Wahl von Donald Trump, dem Aufstieg des Front National in Frankreich oder auch mit dem Wahlresultat in Italien ist verstärkt ins Bewusstsein gerückt, dass in den westlichen Industrienationen "Verliererschichten" leben, die zu lange vergessen wurden.

3
/
0

Ich hoffe, Sie haben recht! Die Etikettierung der orientierungsschwachen Verliererschichten mit dem elenden Begriff des "Populismus" spricht eine andere Sprache.

4
/
0
W. F. S.
· editiert

Globalisierung in meinem Verständnis heisst: Die Einsicht fördern, dass wir, die globale Menschheit, ein einziges Volk mit lokalen Unterschieden auf unserem kleinen Planeten sind, für den wir gemeinsam die Verantwortung tragen. Globalisierung betrifft also bei weitem nicht nur den Handel, auch wenn dieser natürlich für die zwischen-menschlichen Beziehungen zentral ist. Wenn von „Gewinnern und Verlierern“ die Rede ist, muss auch hier eine globale Perspektive eingenommen werden: Der Hauptverlierer ist, grob gesagt, der globale Süden. Hier gilt es, undogmatisch faire Bedingungen zu schaffen. Beim Thema Freihandel muss zudem die Frage berücksichtigt werden, was dessen Auswirkungen auf das Oekosystem sind und wie wir Schäden vermeiden können. Wenn also „Globalisierung“ so aufgefasst wird, dass wir versuchen, unsere Verantwortung gegenüber unseren Nachbarn und unserem Planeten wahrzunehmen, dann kann es davon gar nicht zuviel geben.

21
/
0

walter,
ich stimme dir zu, sehr gerne. für den notwendigen diskurs wird es wohl nicht ausreichen, "globalisierung" mit anführungszeichen zu schreiben und zu sprechen – es muß wohl ein neuer begriff her, denn die oekonomen haben die globalisierung mit neoliberalem schönsprech vergiftet. die "internationale" ist ja leider auch vergiftet, und auf die nationen wird es gar nicht mehr so ankommen müssen.

1
/
0

Man könnte die Interviews mit Rodrik und Flassbeck zusammen denken und unabhängig von Trumps Irrläufen Folgerungen aus der Wirkungsweise des neoliberal angetriebenen sogenannten globalen Freihandels ziehen.
Auf der horizontalen West-Ostachse erzeugt er die im Zusammenhang mit TTIP schon beinahe vergessenen demokratiepolitischen Probleme (ökologische und soziale Standards, Schiedsgerichte usw.). Auf der Nord-Südachse bewirkt er aufgrund bestehender massiver wirtschaftlicher Ungleichgewichte (inkl. Subventionen, Steuern usw.) ungeliebte Migrationsbewegungen, mit den bekannten Folgen - an beiden Enden. Dort Verarmung und Abwanderung (sozial), Monokulturen (ökologisch), hier Fremdenfeindlichkeit, Rechtspopulismus o.ä.
Eine Lösung müsste also in der Einrichtung von regionalen Binnenmärkten liegen, wobei man aus den Fehlern des nahe liegenden europäischen Binnenmarktes (s. Flassbeck) lernen und ein Beispiel für andere liefern könnte. Will zum Beispiel heissen, dass in einem Binnenmarkt Export- und Importweltmeistertitel nicht mehr vergeben werden.

9
/
2

Adam Smith argumentiert für den Freihandel als Grundlage für den Wohlstand der Nationen. Friedrich List engagiert sich wenig später für Freihandel innerhalb Deutschlands, das 1820 in 40 Staaten mit fast ebenso vielen Zollgrenzen zerstückelt ist. List spricht sich jedoch für Schutzzölle gegenüber dem industrialisierten England aus: Freihandel sei nur zwischen Ländern mit ähnlicher Leistungskraft allseitig wohlstandsmehrend. Ob und unter welchen Konditionen Freihandel angebracht ist, ist bis heute umstritten. Der Frage möchte ich mit einer zweiten Frage auf den Grund gehen: Wenn ein Handel ohne Handelshemmnisse negative Auswirkung hätte - wieso haben die Handelspartner dann dem Austausch zugestimmt? Zur Antwort ist eine Differenzierung zwischen den Motiven der Handelnden und den Interessen anderer Bevölkerungsgruppen. Die Nation bzw. ein Währungsraum erscheint als „Schicksalsgemeinschaft“. Einkommensschwache Landwirte mögen mit dem Handel nicht einverstanden sein, doch einkommensstarke Händler profitieren. Und im Handel gibt es kein Stimmrecht pro Person, sondern die Kaufkraft gibt das Gewicht. Je höher die Einkommensunterschiede in einem Land, umso weiter driften die Interessen pro und kontra Freihandel auseinander - so meine These.

9
/
3

Lieber Herr Lüthi - danke für Ihren Beitrag. Sehr schön, dass Sie Friedrich List erwähnen. Im Westen ist er weitgehend in Vergessenheit geraten, doch für zahlreiche Ostasiatische Länder lieferte List die Blaupause für die eigene Entwicklung: In Japan, Korea, Taiwan oder China wurde List genau studiert. Diese Länder schützten die heimische Industrie, bis sie stark genug war, um auf dem Weltmarkt zu bestehen. Erst dann öffneten sie sich dem Welthandel. Auch mit Ihrem zweiten Punkt stimme ich überein: Die Handelnden - Grosskonzerne, Banken, etc. - haben freilich ein grosses Interesse an offenen Grenzen. Und wie gesagt: Das ist an sich auch nicht schlecht - sofern erkannt wird, dass es auch Benachteiligte gibt. Rodrik stellt die These auf, dass die Freihandelsabkommen der letzten rund 20 Jahre vor allem zu "rent-seeking" von Grosskonzernen geführt haben.

2
/
1

Es ist angenehm, auch einmal eine Stimme der Vernunft zu diesem Thema zu vernehmen!
Dass "man" (d.h. vor allem Oekonomen und Politiker, aber auch weitgehend die Medien) sich nur um die Gewinner und nicht um die Verlierer der immer weiter getriebenen Globalisierung kümmert, ist ein ganz zentrales Problem. Dazu kommen noch mindestens drei weitere.
Erstens werden die Entscheidungsspielräume nationaler Regierungen durch das Freiräumen des internationalen Feldes für multinationale Unternehmungen vergleichsweise immer geringer, sie verlieren also an Macht und damit an Steuerungskapazität. Das merken nicht zuletzt ihre Bevölkerungen und verlieren die Motivation, sich im nationalen Rahmen für Politik zu interessieren ("es bringt eh nichts"), und dies natürlich gerade dort, wo sie es können, nämlich in Demokratien. Dann kann man den wachsenden "Politikverdruss" als Ausdruck der Individualisierung beklagen...
Zweitens ist es eine alte Weisheit, dass Vernetztheit und Komplexität grosser Systeme (technischer, wirtschaftlicher, sozialer) die Hauptfaktoren ihrer Krisenanfälligkeit sind. Zur Stabilisierung braucht es namentlich Pufferzonen, die Erschütterungen auf deren Regionen begrenzen, sie so abfedern und verhindern, dass sofort das ganze System durchgeschüttelt wird (wie zuletzt 2008 demonstriert). Die seit rund dreissig Jahren betriebene Superglobalisierung schafft jedoch alle Puffer ab, nicht nur im finanziellen Bereich, den Rodrik zu Recht erwähnt, der aber nicht der einzige problematische ist.
Drittens wirkt die verschärfte Globalisierung, gerechtfertigt mit den Mantras des Neoliberalismus, gegen wirtschaftliche und soziale Diversität, weil sie alle Lebensbereiche unter einen immer stärkeren Rationalisierungsdruck stellt und die Mainstreamökonomie mit ihren Blindheiten als einziges Bezugssystem gelten lässt. Damit werden zunehmend Alternativen abgeschafft, auf die im Krisenfall zurückgegriffen werden könnte und die dann schmerzhaft fehlen.
Es gilt nicht, die Globalisierung zu verteufeln, es ist aber genauso unakzeptabel, ihre negativen Folgen nicht sehen zu wollen.

9
/
0

rené,
"Es gilt nicht, die Globalisierung zu verteufeln". sicher nicht! aber den begriff nicht weiter den oekonomen zu überlassen. er ist ja ähnlich korrumpiert wie dazumal "die internationale".

1
/
0

Genau! Denn die scheinen für die negativen Konsequenzen blind zu sein, von denen ich einige erwähnte

3
/
0

Danke Herr L., ich bin mit Ihnen einverstanden. Ein Mangel an "Biodiversität" in den System erhöht die Anfälligkeit auf Krisen. Siehe auch unten, den Beitrag von Ernst Hafen.

2
/
0

Ich bin durchaus mit Rodrik einverstanden, es ist ja auch nicht rocket science. Es bräuchte jetzt aber auch noch jemanden, der nicht nur die sozialen, sondern auch noch die ökologischen Konsequenzen der Globalisierung thematisiert. Für den Verlierer Umwelt gibt's schon auch eine Lobby, aber die hier angesprochenen sozialen Konsequenzen verdrängen sie in den Hintergrund. Vielleicht könnt ihr ein ähnliches Interview mit jemandem wie Prof. Adil Najam machen?

18
/
4

Danke Herr Pfister, ich nehme Ihre Anregung gerne auf.

1
/
0

Guter Artikel. Ich stimme mit den Schlussfolgerungen von Dani Rodrik weitgehend überein. Für mich hat die Hyperglobalisierung Ähnlichkeiten mit der künstlichen Selektion in der Biologie. Wie bei Hunderassen nur auf ein Merkmal, zum Beispiel die Schnauzenlänge, selektioniert wird, war das alleinige Selektionskriterium in der Globalisierung bis jetzt der finanzielle Gewinn und der Shareholder Value. Diese Art der künstlichen Selektion führt zu Monstern. Pekinesen hier, Winner-takes-it-all Firmen und eine Verselbständigung der Kapitalwirtschaft dort. Die natürliche Selektion in der Evolution dagegen selektioniert gleichzeitig auf verschiedene, oft gegensätzliche Faktoren, womit eine möglichst gute Anpassung an die herrschenden Umweltbedingungen erreicht wird. Die Selektionskriterien müssen auch in einer global funktionierenden Markwirtschaft vielfältiger werden. Nebst dem Shareholder Value, sollten Faktoren wie Umweltverträglichkeit und soziale Gerechtigkeit mit einbezogen werden. Während in der ersten und zweiten industriellen Revolution kapitalintensive Investitionen in Kraftwerke und Infrastrukturprojekte nötig waren und das Kapital eine wichtige Rolle spielte, werden in einer zunehmend "Zero Marginal Cost Society (Rifkin)" durch die Dezentralisierung der Energieproduktion und der "Sharing Economy"kapitalintensive Investitionen immer weniger wichtig. Trotzdem hat sich die Kapitalwirtschaft verselbständigt. Sie unterstützt das Winner-takes-it-all Modell von Plattformen wie Facebook, Uber und AirBnB. Eigentlich sollten die Gründer und Investoren dieser Plattformen dem Beispiel von Gottlieb Duttweiler folgen und diese Plattformen in Genossenschaften umwandelt, die den Benutzern gehören. Wie jede demokratisch verwaltete Institution oder jede Demokratie haben auch Genossenschaften ihre Probleme, doch ihr Fokus ist nicht einzig auf den finanziellen Gewinn ausgerichtet. Selektionskriterien wie Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit und soziale Gerechtigkeit können den Statuten verankert werden. Gerade im Nachgang zum Facebook-Cambridge Analytica Skandal haben wir in der Schweiz und in Europe eine Chance mit der Demokratisierung der persönlichen Datenökonomie eine fairere, nach mehreren Selektionskriterien ausgerichtete globale Datenwirtschaft voranzutreiben. Die neue EU Datenschutzgrundverordnung und neue genossenschaftliche Governance Modelle, wie wir sie mit Midata verfolgen, bieten die Grundlage für eine Globalisierung nach evolutionsbiologischen Kriterien, die sich über 3.5 Milliarden Jahre bewährt haben.

38
/
7

Vielen Dank für Ihren Vergleich mit der Züchtung. Schon lange habe ich ein Bild gesucht für zu zielstrebiges Handeln und die weite Perspektive des Gemeinwohls. Auch ich halte genossenschaftliches Organisieren für eine angenehme, in gewissem Masse sich selbst korrigierende, Arbeits- und Lebensweise.

2
/
1

Danke Herr Hafen, sehr treffende Analogie mit der Biodiversität.

3
/
0

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!


seit 2018