Vorhänge wehen aus beschädigten Fenstern des Mandalay Bay Hotels in Las Vegas
Spuren der Verwüstung: Aus diesen Fenstern feuerte ein Mann auf Besucher eines Musikfestivals in Las Vegas (2. Oktober 2017). John Locher/AP

Namenlose Helden

In der Antike wurden verkommene Individuen aus dem Gedächtnis gestrichen. Heute passiert das Gegenteil. Wir feiern Untaten durch permanente Wiederholung. Und machen so Täter, Trolle, Terroristen.

Von Remo Grolimund, 11.04.2018

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Paul Hilbert mag die Menschen nicht. Er betrachtet sie am liebsten aus der überlegenen Perspektive seines Fensters im sechsten Stock. Mit einer Frau hat der 33-Jährige noch nie geschlafen, aus Angst, dass sie mehr auf ihre Kosten komme als er selber. Wohl besucht er regelmässig Prostituierte. Doch berührt er sie dabei nie, sondern heischt sie lediglich an, sich zu entkleiden und nackt durchs Zimmer zu gehen. Ihn erregt, wie sich die unter seinen Blicken zu Objekten erniedrigten Frauen unwohl fühlen, während er sich in bekleideter Überlegenheit keinerlei Blösse geben muss. Wenn er sich unter Menschen begeben muss, etwa auf dem Weg ins Büro, befällt ihn das Gefühl zu ersticken. «Wenn man auf gleicher Höhe mit den Menschen ist», so Paul Hilbert, «ist es viel schwieriger, sie wie Ameisen zu betrachten: Sie berühren einen.»

Hilbert erklärt sich seine Unfähigkeit, die Menschen zu lieben, als angeborenen Charakterzug. Dabei geht es ihm in Wahrheit um Selbstschutz. Er vermeidet jede Form von Nähe aus Angst vor der Willkür der Mitwelt. Sein Misstrauen in andere Menschen speist sich allerdings weniger aus Verletzungen, die er in der Vergangenheit erlitten hat, als aus jenen, die er in Zukunft zu erleiden befürchtet.

Paul Hilbert, der Ich-Erzähler aus Sartres 1939 erschienener Kurzgeschichte «Der Misanthrop» («Erostrate» im französischen Original), liest sich verblüffend aktuell. Seine Geschichte beleuchtet die dunkle Seite der Ökonomie der Aufmerksamkeit, die unsere digitale Gesellschaft stärker prägt als je zuvor. Eine Gesellschaft, die wir zwar als «postheroisch» bezeichnen, in der Helden aber allgegenwärtig sind: auf den Leinwänden und Bildschirmen, in Sportstadien und auf Showbühnen, in Kinderzimmern und Köpfen.

Dann sprachen sie über Lindbergh. Sie mochten Lindbergh. Ich sagte zu ihnen: «Ich mag die schwarzen Helden.»

«Die Neger?», fragte Masse.

«Nein, schwarz, so wie man schwarze Magie sagt. Lindbergh ist ein weisser Held. Er interessiert mich nicht.»

«Versuchen Sie mal, ob es leicht ist, den Atlantik zu überqueren», sagte Bouxin spitz.

Jean-Paul Sartre, «Der Misanthrop»

Der Mensch kommt mit einem Schrei nach Liebe zur Welt. Entsprechend ist Aufmerksamkeit in der sozialen Sphäre von jeher eine Leitwährung. Seit sich unsere Welt digital erweitert hat, ist das noch augenfälliger.

Berühmtheit hat sich demokratisiert. Viele – alle – unter uns haben die Chance, zu einem der neuen Helden und Heldinnen der digitalen Gesellschaft aufzusteigen. «In der Zukunft wird jeder weltberühmt sein – für 15 Minuten», sagte Andy Warhol, der Prophet der Postmoderne, bereits 1968. Sei es als in Serie produzierter Superstar mit der Halbwertszeit einer Viertelstunde Ruhm, sei es als gewöhnlicher Likes und Retweets sammelnder Social-Media-User oder gar als Influencer, der sein Aufmerksamkeitskapital zu Geld machen kann: Nie war unser Buhlen um Aufmerksamkeit so sichtbar. Und nie war die Konkurrenz um das begrenzte und damit kostbare Gut grösser.

«Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen», schrieb Georg Franck, der Ende der Neunziger den Begriff der Ökonomie der Aufmerksamkeit prägte. Der moderne Mensch steigert die eigene Wertschätzung vornehmlich über den Konsum von Aufmerksamkeit. Und dieser Konsum macht süchtig. Wie bei allen Kapitalformen besteht in Bezug auf Aufmerksamkeit keine Chancengleichheit. Die Karriere als Sternchen ist vornehmlich den Schönen, Attraktiven und Talentierten vorbehalten. Weniger privilegierten Aufmerksamkeitsjunkies bleiben zur Dosissteigerung meist nur die «dunkleren» Formen des Heldentums. Im harmlosesten Fall enden sie als Internet-Troll. Im schlimmsten als Terrorist.

Terroristisch ist an Hilbert zunächst nur der Blick. Mit seinem objektivierenden Blick auf «die anderen», auf die «Ameisen» auf der Strasse oder im Bordell verschafft er sich ein Gefühl der Überlegenheit. Sein Überlegenheitsgefühl kann er noch steigern, als er einen Revolver kauft. Er trägt ihn herum, nimmt ihn ab und an in die Hand, befühlt ihn. Und schüchtert damit eine Prostituierte ein, als diese sich nicht weiter demütigen lassen will. Hilbert hat sie nicht mehr bloss angestarrt, sondern ausgelacht. Zum Höhepunkt bringt Hilbert in diesem Moment weniger das Machtgefühl, das ihm der Gegenstand bringt, der «explodieren» und Leben auslöschen kann. Sondern die sadistische Freude des Trolls: Es ist ihm gelungen, die Gefühle des Gegenübers durch sein unberechenbares Verhalten zu manipulieren. «Ich hatte sie verdutzt, und Nutten wundern sich nicht so leicht. Als ich die Treppe hinunterging, habe ich gedacht: ‹Genau das möchte ich gern, sie alle in Erstaunen setzen.›»

Ich legte ihnen meine Auffassung des schwarzen Helden dar: «Ein Anarchist», fasste Lemercier zusammen.

Aber Masse, der gebildet war, griff in diesem Moment ein: «Ich kenne ihn, Ihren Typ», sagte er zu mir. «Er heisst Herostrat. Er wollte berühmt werden, und ihm ist nichts Besseres eingefallen, als den Tempel von Ephesus niederzubrennen, eines der sieben Weltwunder.»

Jean-Paul Sartre, «Der Misanthrop»

Bald träumt Hilbert davon, den Revolver nicht bloss zur Einschüchterung zu gebrauchen. In ihm spriesst die fixe Idee der Tat, wie sie André Breton im Surrealistischen Manifest von 1930 beschrieben hat: «Der einfachste surrealistische Akt besteht darin, mit dem Revolver in der Hand auf die Strasse zu laufen, und so viel man kann, blind in die Menge zu schiessen.»

Fortan verlebt Hilbert seine Tage nur noch mit Gedanken auf die bevorstehende Tat, die ihm zu Berühmtheit verhelfen und seinen Namen verbreiten soll. Er zieht sich zurück, geht nicht mehr zur Arbeit, verliert den Job. In seinem Bekennerschreiben, einem Manifest, das er an die zweihundert Mal kopiert und an zweihundert berühmte Schriftsteller schickt, betont Hilbert die «eigentlich unpolitische» Natur seines Vorhabens, ein halbes Dutzend Menschen grundlos, ruhig, ohne jede Raserei umzubringen. Ein halbes Dutzend, weil sein Revolver bloss sechs Patronen fasse.

Postheroische Gesellschaften benötigten Heldenerzählungen, sie seien süchtig danach, sagt Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Er hat den Begriff des Postheroismus in den 1990er-Jahren geprägt, nachdem der Kalte Krieg zu Ende gegangen war – und damit vermeintlich das letztes Kampffeld für klassisches Heldentum. Inzwischen ist offensichtlich, dass das Gespenst des Heldischen nach wie vor in den Köpfen spukt. Die postheroischen Gesellschaften können nicht alle in ihr lebenden Männer – und es handelt sich grossmehrheitlich um Männer, die dem Phantasma des Heldentums verfallen – in Gewaltlosigkeit binden.

Unsere Gesellschaft bietet ihnen keine Heldenperspektive mehr. Und damit keine Möglichkeit, ihre durchschnittliche bis armselige Existenz mit einer grossen Tat sprengen zu können. Jedenfalls keine Möglichkeit, der sie je in ihrem Leben entsprechen könnten. Und so werden sie in ihrem Drang nach Anerkennung statt zu Helden zu Schurken. Das mag einen Teil der willkürlichen, völlig unpolitischen Gewalttaten erklären, die die Öffentlichkeit in zuverlässiger Regelmässigkeit erschüttern. Etwa wenn ein 48-jähriger Industriedesigner mit seinem Leben nicht klarkommt, in Münster mit dem Auto in eine Menschenmenge rast und drei Menschen tötet. Wenn ein zuvor unauffälliger Millionär aus einem Hotelfenster in Las Vegas ohne Grund in die Menge schiesst. Wenn zwei Jungs in schwarzen Trenchcoats sich von den Überwachungskameras ihrer Highschool filmen lassen, wie sie lässig Rohrbomben zwischen die Kantinentische werfen, wo sich ihre Mitschüler verschanzen. Wenn ein Pilot den Autopilot ausschaltet und sämtliche Insassen seines Flugs durch einen gezielten Absturz in den Tod reisst.

Was, wenn die pervertierte Ökonomie der Aufmerksamkeit auch Gewalttäter motiviert, die ihre Tat nicht als unpolitisch verstehen, sondern im Namen einer grösseren Idee verüben? Wenn sie die Teilnehmer eines sozialistischen Jugendlagers abschlachten und sich in der folgenden Gerichtsverhandlung als Retter des Abendlandes inszenieren? Wenn sie sich von anonymen Youtube-Usern feiern lassen, wie sie in professionell produzierten Videos abgeschnittene Köpfe in die Kamera halten?

Der Islamismus-Experte Olivier Roy betont, dass viele islamistische Terroristen die ebenso nihilistische wie narzisstische Ästhetik der Gewalt mit den Highschool-Attentätern und anderen Amokläufern teilen. Dabei ist der radikale Islamismus eher ein willkürliches Vehikel ihrer Radikalisierung als deren treibender Motor. «Sie hassen nicht nur westliche Gesellschaften, sondern die Gesellschaft an sich. (…) Diese Menschen greifen die Gesellschaft an, in der sie leben, und sie sterben dabei. Das ist letztlich konsequent, denn ausserhalb einer Gesellschaft kann man nicht leben.»

«Und wie hiess der Architekt dieses Tempels?»

«Wirklich? Und Sie erinnern sich an Herostrats Namen? Sehen Sie, dass er gar keine so schlechte Überlegung angestellt hat?»

Die Unterhaltung endete mit diesen Worten, aber ich war ganz unbesorgt; sie würden sich im richtigen Moment daran erinnern. Mich, der ich bis dahin noch nie etwas von Herostrat gehört hatte, mich ermutigte seine Geschichte. Er war seit zweitausend Jahren tot, und seine Tat strahlte noch immer, wie ein schwarzer Diamant.

Jean-Paul Sartre, «Der Misanthrop»

Nachdem ihm das Geld ausgegangen ist, sieht sich Paul Hilbert endlich gezwungen, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Ausgehungert steigt er in die Stadt hinab. Er drückt sich lange vor der Tat, die er sich so lange in Gedanken ausgemalt hat. Schliesslich feuert er drei Kugeln in den Bauch eines dicken Mannes, gibt nochmals zwei ziellose Schüsse ab, als ihn Passanten überwältigen wollen. Er flüchtet mit nur noch einer Kugel im Lauf auf die Toilette eines Cafés, um sich dort zu erschiessen. Doch dafür bringt er den Mut nicht auf. Paul Hilbert ist und bleibt ein Versager.

Aber wäre er das nicht auch, wenn er seinen Plan umgesetzt hätte?

In der Antike wusste man, wie mit Menschen umzugehen ist, die sich unsterblich zu machen versuchen, indem sie zu «schwarzen Helden» werden. Griechen und Römer verhängten über solche verkommenen Individuen die Damnatio memoriae: die Tilgung der Namen aus der Erinnerung.

In Herostratos’ Fall hat diese Strategie offensichtlich versagt. Das ist aber kein Grund, dieses Versagen jedes einzelne Mal zu wiederholen, wenn sich wieder ein Täter, Troll oder Terrorist unsere Aufmerksamkeit zu erkaufen versucht.

Streicht ihre Namen.

Zum Autor

Remo Grolimund, Jahrgang 1982, ist Historiker und forscht zurzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich zur historischen Seismologie, Umwelt- und Wissensgeschichte. Daneben arbeitet er als freier Autor zu Geschichts- und Gesellschaftsthemen. Neben der Textarbeit visualisiert und illustriert er leidenschaftlich gern und zeichnet Landkarten.

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